Der Golf fürs Gelände

VW Marrakesh VW Marrakesh

Der Golf fürs Gelände

— 04.12.2002

Abenteuer für alle

Nach dem großen und teuren Touareg plant VW ein kompaktes Freizeitmobil fürs Volk. Einen hoch gelegten Golf mit Allradantrieb. Die sportlichere Variante soll Audi übernehmen.

Moderner Nachfahre des Golf Country

Es gab immer schon Autos, die ihrer Zeit voraus waren. Der BMW 02 touring zum Beispiel, der Audi Ur-quattro oder der Mercedes 300 SL mit der ersten Benzin-Direkteinspritzung. Auch der Golf Country war solch ein verkanntes Talent. Sie erinnern sich: hoch gesetzte Karosserie, außen liegendes Reserverad, maßgeschneiderte Anbauteile. Hörte sich viel versprechend an, sah jedoch hausbacken aus – und entpuppte sich als totaler Flop. Im Gegensatz zum Golf syncro wurde der Country 1991 nach knapp zwei Jahren Produktionsdauer sang- und klanglos wieder eingestellt.

Das Thema Geländewagen war seit jener Zeit für VW tabu. Allradantrieb ja, Offroader nein, hieß die Devise, an der selbst 4x4-erprobte Zulieferer wie Steyr-Daimler-Puch (heute Magna) nichts ändern konnten. Das große Umdenken begann erst mit dem Touareg, der ursprünglich auch für Audi vorgesehen war (als MAC, multiactivity cruiser), dann aber doch gemeinsam mit Porsche entwickelt wurde.

Die Ingolstädter gingen stattdessen mit dem allroad quattro ihren eigenen, ökologisch behutsameren Weg. Die Strategie des damaligen Firmenchefs Franz-Josef Paefgen war jedoch nur bedingt von Erfolg gekrönt: Die Produktion des im Jahr 2000 vorgestellten Crossover-Kombis soll Mitte 2005 eingestellt werden, nahezu zeitgleich mit dem A2.

Magellan – Luxus-SUV im XXL-Format

Stattdessen macht die Marke mit den vier Ringen künftig gemeinsame Sache mit VW. Fast drei Jahre nach dem Touareg plant Audi für das dritte Quartal 2005 den Serienanlauf des weitgehend baugleichen Magellan, der einen längeren Radstand und eine dritte Sitzreihe erhalten soll. Von diesem Luxus-SUV im XXL-Format erhoffen sich die Bayern vor allem auf dem wichtigen US-Markt gute Absatzchancen.

Doch auch in der Golf-Klasse arbeiten die beiden Konzernmarken Hand in Hand an einem bedingt geländetauglichen Fahrzeug mit Allradantrieb. Hinter dem Entwicklungskürzel AU 356 verbirgt sich ein Fünftürer, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Audi-Steppenwolf-Showcar aufweist. Die VW-Variante VW 356, die Insidern als Projekt Marrakesh bekannt ist, besitzt ebenfalls fünf Türen.

Ein Marketing-Mann nennt die Gründe: "Ursprünglich wollten wir stärker differenzieren und den Audi als Dreitürer vom Band laufen lassen. Doch dann kam aus Amerika die Rückmeldung, dass ein Fünftürer drüben fast auf die doppelte Stückzahl kommt. Deshalb vereinheitlichen wir auch das Karosseriekonzept." Zu den Rivalen von Steppenwolf und Marrakesh gehören künftg BMW X3, Volvo XC50, Mercedes CST (auf A-Basis) und ein vom nächsten Opel Astra abgeleitetes Crossover-Modell.

Während die VW-Variante auf Basis des für 2005 geplanten Golf Plus entstehen soll (hohes Dach, längerer Radstand), dient der für 2004 avisierte A3 Avant als Gen-Spender für den Audi. Beiden Autos gemein sind die leicht angehobene Dachpartie, die stärker betonten Radausschnitte und die relativ kurzen Karosserieüberhänge – eine wichtige Voraussetzung für große Böschungswinkel.

4Motion-Allradantrieb mit Haldex-Kupplung

Es ist noch offen, ob die Projektnummer 356 das Reduktionsgetriebe und die Luftfederung vom allroad quattro übernehmen wird. Für die vom Reifenprofi Conti zugelieferte Luftfederung sprechen die variable Bodenfreiheit, die Vierrad-Niveauregulierung sowie der Zugewinn an Komfort und Fahrsicherheit. Die wesentlichen Gegenargumente sind die höheren Kosten und die größere Komplexität. Wenn die Luftfeder kommt, dann ohnehin nur gegen Aufpreis. Dieser beträgt beim Touareg inklusive Dämpferverstellung 2605 Euro. Im A-Segment (Golf-Klasse) erscheinen aufgrund der deutlich höheren Stückzahlen rund 1500 Euro realistisch.

Die Geländeuntersetzung ist ein weit weniger preissensibles Bauteil, aber sie macht – besonders für die USA – nicht viel Sinn, wenn sie wie im allroad quattro nur in Verbindung mit dem serienmäßigen Sechsgang-Handschalter angeboten wird. Deshalb muss es auch bei Steppenwolf/Marrakesh-Modellen mit Sechsstufenautomatik möglich sein, bei Bedarf den Kriechgang einzulegen. Ob das mit zwei Kupplungen arbeitende dynamische Schaltgetriebe (DSG) ebenfalls im AU/VW 356 zu haben sein wird, ist noch offen.

Keine Diskussion gibt es dagegen darüber, wie das höher gesetzte 16-Zoll-Fahrwerk auszulegen und abzustimmen ist. Die Hardware stammt vom Golf V, der wie der A3 eine modifizierte Vorderachse und eine neu konstruierte hintere Vierlenker- Einzelradaufhängung besitzt. Der 4Motion-Allradantrieb mit der zentralen Haldex-Kupplung darf ebenso als gesetzt gelten wie EDS, das künftig alle vier Räder im Zaum halten soll. Unverzichtbar sind darüber hinaus ESP sowie ABS mit Bremsassistent und dynamischer Bremskraftverteilung. Für prompte Verzögerung sorgen vier Scheibenbremsen. Die Servolenkung mit variabler Kennung wird wie im neuen Golf/A3 elektromechanisch angetrieben.

VW Marrakesh ab rund 25.000 Euro

Der Formfindungsprozess ist bei beiden Autos noch in vollem Gang, doch es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass der frühere Audi-Chefdesigner Peter Schreyer jetzt für VW zuständig ist, während der ursprünglich für Seat verpflichtete Italiener Walter de Silva zumindest indirekt bei Audi das Sagen hat. In Ingolstadt entstand bekanntlich ein neues markentypisches Gesicht mit Plakettengrill, das beim neuen A6 und beim A8 W12 erstmals zum Einsatz kommen soll. Für den Steppenwolf ist diese markante Front ebenfalls vorgesehen, allerdings in modifizierter Form und unter Umständen mit stehend angeordneten Scheinwerfern und Blinkern.

Auch bei VW ist es an der Zeit, das brave Einheitsgesicht durch eine mutigere und eigenständigere Frontpartie zu ersetzen. Gleiches gilt für den Innenraum, wo die Einstiegsmodelle beider Marken – Beispiel Touran und neuer A3 – in perfekt gemachter Belanglosigkeit erstarren. Hochwertige Oberflächen sind toll, doch speziell Crossover-Autos rufen nach einem Schuss Emotion, nach dem Zusammenspiel verschiedener Werkstoffe, nach liebevollen Details und praxisorientierten Innovationen. Vor allem im Dachbereich, beim Sitzkonzept und in Bezug auf eine mögliche Multifunktions-Heckklappe ist das Entwicklungspotenzial noch lange nicht ausgereizt.

Gleiches gilt für den Antrieb. Hier ist mit folgender Konstellation zu rechnen: • 1,6-Liter-FS-16V, 115 PS/155 Nm, nur für VW-Version • 2,0-Liter-FSI-16V, 150 PS/200 Nm, für VW und Audi • 3,2-Liter-VR6-FSI-24V, 240 PS/320 Nm, nur für VW • 3,2-Liter-VR6-FSI-24V, 280 PS/320 Nm, nur für Audi ¤ 1,9-Liter-Pumpe-Düse-TDI-8V, 100 PS/240 Nm, für VW und Audi • 2,0-Liter-Pumpe-Düse-TDI-16V, 136 PS/320 Nm, für VW und Audi • 2,0-Liter-Pumpe-Düse-TDI-16V, 180 PS/400 Nm, für VW und Audi. Auf Abruf bereit steht der neue 2,5-Liter-Reihenfünfzylinder-TDI, dem 185 PS und 450 Nm nachgesagt werden. Auch der viel zu früh aufs Abstellgleis geschobene W8 passt übrigens zwischen die Federbeine der nächsten A-Plattform, aber das ist eine andere Geschichte ...

Steppenwolf und Marrakesh haben das Zeug zu perfekten Allroundern: Sie bieten erweiterte Mobilität und optimale Variabilität, ohne dabei den Kostenrahmen der unteren Mittelklasse zu sprengen. Was das heißt in Euro und Cent? Der Einstandspreis des VW soll bei rund 25.000 Euro liegen, der Audi darf etwa 2500 Euro mehr kosten. Auf dieser Kalkulationsbasis müssten sich weltweit pro Jahr zwischen 200.000 und 250.000 Softroader absetzen lassen, was dieses Modell zur meistverkauften Karosserievariante nach dem Schrägheck machen würde. Nicht schlecht für einen Fahrzeugtyp, der vor zehn Jahren noch als Ladenhüter vor sich hin dümpelte.

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