Der große F1-Truck-Report

Sauber: Das Rennen zwischen den Rennen Sauber: Das Rennen zwischen den Rennen

Der große F1-Truck-Report

— 20.07.2005

Wie packen die das bloß?

AUTO BILD MOTORSPORT hat Saubers Chef-Trucker Silvan Rüegg bei der Hetzjagd von Magny-Cours nach Silverstone begleitet.

Start um fünf Uhr morgens

"Wo bleibt ihr denn?" Ungeduldig steckt Silvan Rüegg seinen Kopf aus dem Seitenfenster, trommelt nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad. Es ist fünf Uhr morgens am Montag nach dem Grand Prix in Magny-Cours. Silvan Rüegg ist nervös. Vier Formel-1-Rennen in einem Monat, jeweils zwei Grand Prix innerhalb von nur einer Woche lassen den Truck-Chef des Sauber-Teams an diesem noch dunklen Juli-Morgen seine gewohnte Schweizer Gelassenheit vergessen.

Denn diesmal kann er den Transporter mit den im Sattelzug verzurrten F1-Rennern nicht gemütlich zurück ins heimische Hinwil steuern. An diesem Morgen muß der Konvoi der vier 17 Meter langen Transport- und Werkstatt-Trucks mit 120 Tonnen Formel-1-Fracht aus dem französischen Osten direkt ins Herz Englands hetzen – mit 89 km/h Höchsttempo. Und wir sind dabei im Führerhaus des Lasters mit den drei Sauber-Rennern hinten drin.

Rückblende: Renn-Sonntag, 15.36 Uhr. Mit der Zielflagge des GP Frankreich fällt der Startschuß zu unserem Rennen zwischen den Rennen. Wo sonst die Autos gehegt werden, herrscht organisiertes Chaos. Wir schieben Kisten, verladen Pappkartons, sehen zu, wie die riesige Satellitenschüssel vom mittleren der drei Fahrerlager-Trucks gehievt wird. Und verfrachten die drei 900-PS-Geschosse in Rüeggs eigenes 480-PS-Monstrum. Dazu hämmert Rockmusik aus den Boxen. Vier Stunden, dann ist die Garage leer.

Dieselgeruch in klarer Morgenluft

Einpacken, fahren, auspacken. Malochen am Wochenende. Dann wieder einpacken. In diesem Juli fast drei Wochen nonstop. Ein monotoner, ein anstrengender Rhythmus. "Zwischen zwei aufeinanderfolgenden Rennwochenenden kann ich nicht einmal ausschlafen", stöhnt der 36jährige Alpenländer. Traumjob Formel 1.

Fünf Stunden hat Silvan Rüegg in dieser Nacht geschlafen. Jetzt läßt er seinen V6-Mercedes-Diesel mit kurzen Gasstößen warmbrummen. Bei jedem Hochschnellen des Drehzahlmessers erzittert der Boden des Cockpits direkt über der 12-Liter-Maschine. Der beißende Geruch von verbranntem Diesel mischt sich mit der klaren Morgenluft.

Rüeggs Gedanken wandern von Magny-Cours in die Nähe von Schaffhausen. Dort, wo seine Freundin noch friedlich schlummert. "Zum Glück hat sie Verständnis für meinen Beruf", lächelt er, legt den ersten Gang ein und gibt wieder Gas. Mit schaukelndem Führerhaus setzen wir uns in Bewegung. "Wir müssen pünktlich sein, damit die Mechaniker am Mittwoch anfangen können zu arbeiten", stöhnt er und reibt sich die verschlafenen Augen.

Minardi überholt auf der Autobahn

Seit acht Jahren arbeitet der Berufskraftfahrer für Sauber. Erst als Reifenmann im Testteam, später als Rennmechaniker am hinteren Wagenheber. Und seit 2002 auch als Tankwart. "Ich bin schon immer gern um die Welt gereist. Und wenn der Job Spaß macht, nimmt man den Streß gern in Kauf", erzählt der muskulöse Schweizer.

Kilometer schrubben heißt es nun aber. Und die ersten Sonnenstrahlen, die durchs Seitenfenster blinzeln, genießen wir natürlich auch. Seelenruhig zieht Rüegg seine (Auto-)Bahnen in Richtung Paris, als die Kollegen von Minardi zum Überholmanöver ansetzen. "Die wollen auch mal schnell sein", sagt der Cheftrucky cool und hupt zum Gruß.

Luxuriös ausgestattet ist sein Zuhause für unterwegs. Mit Klimaanlage, Standheizung, Abstandsregelung, Mini-Kühlschrank, zwei Betten und gefederten Sitzen, die den Steuermann in Schlaglöchern auf und ab schweben lassen. Eine trügerische Idylle. Denn in Spurrillen driftet der Sattelschlepper nicht selten gefährlich zur Seite. Angst um die wertvolle Fracht in seinem Rücken hat der Fahrer dennoch nicht. Rüegg lässig: "Natürlich ist das eine riesige Verantwortung, aber man sollte sich nicht zu viele Gedanken machen, wie viele Millionen man da umherkutschiert."

"Herzschlagkontrolle" im Hafen

Erst 8.15 Uhr und wir haben schon Verspätung. "Wo sind wir denn eigentlich?", funkt ein Kollege. Rüegg gibt cool zurück: "Im Stau." Irgendwo in der Nähe von Paris geht fast nichts mehr. Und die Sauber-Männer kommen so nach 409,8 Kilometern um 10.05 Uhr zu ihrer ersten Kaffeepause.

Und zum Tanken. Während des Rennens preßt Rüegg zwölf Liter Benzin pro Sekunde in Jacques Villeneuves und Felipe Massas Autos. In derselben Zeit fließen jetzt gerade mal 1,5 Liter Diesel in den Laster. "Das dauert", flucht er genervt. 450 Liter faßt der Mega-Tank. Das reicht für etwa 1500 Kilometer. Schnell die Rechnung über 306 Euro bezahlt und weiter, weiter Richtung Calais. Es ist schon 11.15 Uhr.

Silvan Rüegg hat wie üblich die ganze Tour selbst organisiert. Er recherchiert die günstigste Route am Computer, bucht Tickets für die Fähre, denkt an Souvenirs für Polizisten oder Zöllner. "Die halten uns oft unter einem Vorwand an, um die Trucks anzuschauen", schmunzelt er, "dann schenke ich ihnen meist eine Kappe."

Um 14.45 Uhr erreichen wir die sogenannte "Heart Beat Control" im Hafen von Calais. In dieser Wellblechhalle suchen Zöllner nach blinden Passagieren, können mit speziellen Sensoren jeden Herzschlag in einem Lkw aufspüren. Danach zirkelt unser Steuermann den 30-Tonner gekonnt in den engen Bauch der Fähre für die Fahrt über den Ärmelkanal. "Wenn es bei der Einfahrt zu eng geworden wäre, hätte ich schon Farbe und Pinsel rausholen müssen", witzelt der Mann aus der Nähe von Schaffhausen.

Im Linksverkehr vorbei an London

Um 17.15 Uhr erscheinen die Kreidefelsen von Dover. Dazu typisch englisches Wetter – Regen und kälter als auf dem Kontinent. Raus aus dem Schiff und weiter geht's wieder mit eigener Maschinenkraft. Im Linksverkehr vorbei an London nach Norden. Nach zehn Stunden übernimmt Kollege Adrian Raschle das Steuer für die letzten 150 Kilometer, denn die Fahrerlaubnis des Chef-Trukkies ist abgelaufen. Höchstens zweimal viereinhalb Stunden darf er pro Tag fahren. Mit 45 Minuten Pause dazwischen.

Das Schild "Welcome to Silverstone" verpaßt der Schweizer dem Streß davondüsend auf dem Beifahrersitz. Es ist 21.30 Uhr, als der Sauber-Lkw ins Fahrerlager rollt. 841 Kilometer in 16,5 Stunden. Einparken. Fertig.

Fast alle anderen Teams sind schon da. Aber für die Hatz zur Strecke gibt es ja keine Punkte. Und ausgeräumt wird eh erst am Dienstag. "Geschafft", flüstert Rüegg und schleicht erschöpft Richtung Hotel. Bloß nicht dran denken, daß der nächste Streßtrip schon wartet: Mit der Tour Hockenheim – Budapest steht ein weiteres hektisches Doppel-Rennwochenende vor der Fahrertür. Aber dafür locken nach dem Ungarn-Grand-Prix ganze drei Wochen Pause.

Autor: Bianca Garloff

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