Der neue Ford Fiesta 1.4

Fahrbericht Ford Fiesta III Fahrbericht Ford Fiesta III

Der neue Ford Fiesta 1.4

— 15.02.2002

Lohnt sich das Warten?

Nach zwölf Jahren kommt endlich wieder ein komplett neuer Fiesta. Aber Ford stellt uns weiter auf die Geduldsprobe; Verkaufsstart ist frühestens im April 2002.

Stilelemente von Focus und Mondeo

40 lange Jahre mussten die Menschen in der ehemaligen DDR warten, bis sie das Gespenst des Kommunismus verjagt hatten. 1989 war es endlich so weit. Während die SED den 40. Jahrestag feierte, flüchtete das Volk in den Westen. Und seither warten wir gemeinsam nicht nur auf echte Einheit und blühende Landschaften, sondern auch auf die nächste Generation des Fiesta. Seit zwölf Jahren rollt der Knirps aus Köln auf einer fast unveränderten technischen Basis vom Band.

Erst jetzt beschert Ford uns einen wirklich neuen Fiesta - beinah jedenfalls. Denn das gute Stück kommt ja erst im April 2002 zu den Händlern. Also heißt es wieder mal warten. Wir verraten Ihnen aber jetzt schon mal, ob es sich lohnt. Auf den ersten Blick auf jeden Fall. Anders als der neue Polo mit Lupo-Leihoptik jongliert der Fiesta geschickt mit Stilelementen von Focus und Mondeo. Und vereint "New Edge" und die "Linie der Vernunft" in einem ansehnlichen, modernen Blechkleid.

Wirklich beeindruckend macht ihn aber erst seine schiere Größe. Wer sich noch an den ersten Fiesta von 1976 erinnert, wird nicht glauben, dass es sich in beiden Fällen um Kleinwagen handeln soll. Mit 3,92 Metern überragt der Fiesta nicht nur seinen Urahnen um satte 35 Zentimeter, er schwingt sich damit zudem zum Klassen-König auf, setzt sich noch vor den 3,90 Meter langen Polo.

ESP erst im Laufe des Jahres

Mehr als diese nüchternen Zahlen verrät jedoch das erste Probesitzen. Unterm luftigen Dach behalten auch lange Kerls den Kopf frei, die Beinfreiheit macht Hoffnung auf stressfreien Urlaub zu viert, der auf breit getrimmte Fond lässt tatsächlich eine (kurze) Skatrunde zu. Wobei sich die Mittelhand freut, dass Ford auf allen Plätzen Kopfstützen und Dreipunktgurte spendiert - bei VW kostet diese Lebensversicherung 265 (ab Trendline 132) Euro extra.

Doch kaum versuchen wir, uns hinterm Lenkrad einzurichten, ereilt uns schon Ernüchterung: Und wenn ich noch so heftig am ledernen Kranz (Serie) zerre, das Ding kennt nur einen Weg - rauf/runter, nicht aber rein/raus. Außerdem hocke ich auf einem zu kleinen Polster, das trotz cleverer Höhenverstellung per Ratschenmechanik (in der Basis 115 Euro extra) eine Tieferlegung vertragen könnte.

Überhaupt scheint der Fiesta hier und da mit dem Rotstift konstruiert, die närrische Zeit bei Ford 365 Tage pro Jahr zu dauern. Ziemlich freudloses Hartplastik dominiert das funktional einwandfreie, routiniert verarbeitete und gegenüber dem Polo sogar richtig hübsche Cockpit. Haltegriffe wurden offenbar vergessen, die Fondbank klappt anders als die geteilte Lehne nur im Ganzen, die Tankklappe auf der Fahrerseite (auf der Autobahn also da, wo der Verkehr vorbeidonnert) öffnet sich nur per Zündschlüssel.

Jeder Punkt für sich mag vielleicht noch eine verzeihliche Nachlässigkeit sein, alles zusammen nervt aber schnell. Von einem modernen Auto für das Jahr 2002 erwarten wir einfach mehr - bitte nachbessern.

Kleiner Wagen, großer Fahrspaß

Notwendige Schelte, die uns wahrlich nicht leicht fällt. Denn der Fiesta liefert auf der anderen Seite eine derart überzeugende Fahrvorstellung, dass ich am liebsten gar nicht wieder aussteigen möchte. Mit straffer, aber komfortabler Federung und geringer Tendenz zum Untersteuern nimmt er gelassen Kurven jeder Art. Dank präziser Servolenkung lässt sich der Fiesta dabei ganz sauber ums Eck zirkeln, erhält der Fahrer stets genaue Rückmeldung vom Geschehen zwischen Reifen und Piste. Auch wenn das so genannte Totband in der Mittellage (also der Bereich, wo trotz Lenkbewegung noch keine Richtungsänderung stattfindet) etwas größer ausfällt als bei Focus und Mondeo, macht der Kölner Knirps richtig Spaß. Wo Ford eine flotte Fiesta feiert, tanzt VW jedenfalls nur pomadige Polonaise.

Da das Thema Spaß im Zeitalter von Aids sofort die Sicherheitsfrage auslöst, bietet Ford vier Airbags und ABS ab Werk sowie Windowbags für 200 Euro Aufpreis - der Bremsassistent bleibt aber leider dem 1,6-Liter vorbehalten. Und ESP? Vorerst Fehlanzeige - und damit eine Fehlentscheidung. Nicht dass der Fiesta die elektronische Straßenwacht dringend braucht. Soweit auf öffentlichen Straßen erfahrbar, hilft auch der jüngste Ford-Spross bei Lastwechseln in Kurven dezent nach, indem er das Heck etwas ausstellt. Doch auch der Fiesta wäre mit ESP noch sicherer, eben wirklich narrensicher. Meint auch Ford und reicht das elektronische Stabilitäts-Programm im Laufe des Jahres nach.

Bei den Preisen orientieren sich die Kölner direkt an den Wolfsburger Kollegen. Einstieg in den fünftürigen Fiesta mit 58 PS ab 11.615 Euro - und damit nur 260 Euro unter dem Polo (55 PS). Angesichts der bescheidenen Leistung dieser Basismodelle empfehlen wir aber ohnehin die etwas stärkeren Versionen. Etwa den 1,4-Liter-Benziner mit 80 PS - ein laufruhiges, ausreichend temperamentvolles Motörchen, das geschickt zwischen Spaß (13,2 Sekunden auf 100 km/h) und Sparen (6,4 Liter/100 km) vermittelt.

1.4-Liter-Motor als goldene Mitte

Weil Drosselklappen und Gaspedal elektronisch geregelt werden, spricht der Aluminium-Vierventiler zudem angenehm spontan an. Einzig die zu lange Übersetzung des letzten der fünf knackig schaltbaren Gänge bremst die Fahrfreude ein.

Zusammen mit Peugeot wurde der 1,4-Liter-Diesel entwickelt. Ein Common-Rail-Direkteinspritzer, der auf unserer ersten Testfahrt allerdings wenig überzeugen konnte. Nicht gerade spritzige 68 PS hatten mit den 1035 Kilo des neuen Fiesta doch schon ihre Mühe, teilten ihre Anstrengung mitunter recht deutlich mit. Bleibt nur zu hoffen, dass unserem jungfräulichen TDCi einfach die Er-Fahrung fehlte.

Also abwarten - was sich für echte Ford-Fans ganz bestimmt lohnt. Denn der Fiesta hat immerhin zwölf Jahre Schwung geholt - um am Ende endlich den Polo zu überholen.

Extras und Ausstattungen

Die wichtigsten Extras Windowbags 200 Euro • Metallic-Lack 350 Euro • Schiebedach 500 Euro • Aluräder (nicht für Basis) 605 Euro • Klimaanlage (nicht für Basis, Serie bei Ghia) 1110 Euro • Anhängevorrichtung 350 Euro • Park-Pilot hinten 380 Euro • Sitzfläche vorn heizbar (nicht für Basis) 165 Euro • Cassetten-Radio ab 460 Euro • Navigationssystem 1825 Euro • Handy-Vorbereitung 290 Euro • Radiosatellit am Lenkrad (nicht für Basis) 80 Euro • Frontscheibe heizbar (nur Trend/Ghia) 185 Euro • Frontscheibe heizbar und E-Außenspiegel (nur Basis/Ambiente) 335 Euro

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