Der nördlichste Porsche der Welt

Pol-Position für Porsche Pol-Position für Porsche

Der nördlichste Porsche der Welt

— 04.07.2002

Pol-Position für Porsche

Auf Spitzbergen, kurz vorm Nordpol, gibt es 70 Kilometer Straße, jede Menge Autoverrückte – und einen 911.

Hier bist du allein in Gottes Hand

Mit 15 Jahren packte Harald Johnsen die Abenteuerlust. Er wurde Schiffsjunge, umrundete die Welt. Heute ist er 54, zweifacher Großvater und verteilt Visitenkarten mit dem Aufdruck: Managing Director. Vom Moses zum Millionär. Vom Fußgänger zum Porschefahrer. Eine Karriere auf der Polkappe der Welt. Eine Karriere auf Spitzbergen. Dort, wo sich Polarfuchs und Eisbär gute Nacht sagen, wo acht Monate keine Sonne scheint, wo Bäume nur fünf Zentimeter hoch werden – da fanden wir Harald und seinen Carrera 4: 3,6 Liter, 320 PS, Tachostand 6567 Kilometer.

Es ist ein traumhafter Flug vom nordnorwegischen Tromsø nach Longyearbyen. Die Braathens-Boeing fliegt in nur 2000 Meter Höhe über dem tiefblauen Nordmeer, auf dem die schneeweißen Flecken nicht etwa Schaumkronen, sondern Eisschollen sind. Kein Schiff zieht seine Spur durchs Wasser, hier scheint es kein Leben zu geben. Als nach knapp zwei Stunden rechts spitze Berge auftauchen, deren Täler mit sahnig-weißem Gletschereis gefüllt sind, bekommt der Flieger fast Schlagseite. Ein gigantisches Felsen-, Schnee- und Fjord-Panorama lässt uns Passagiere zaghaft erahnen, was frühere Seefahrer, Abenteurer, Walfänger, Trapper, Bergleute und Soldaten empfunden haben müssen: Hier bist du allein in Gottes Hand.

Hier wirst du nicht geboren, hier kannst du aber schnell sterben: beim Harpunieren ertrunken, vom Eisbären gefressen, am Skorbut dahingesiecht oder einfach nur in der Polarnacht erfroren. Im Februar und März sind minus 40 Grad die Regel, im Sommer geht das Quecksilber höchstens bis an plus neun, 1979 sollen es einmal sensationelle 21 Grad gewesen sein. Freundlich ist diese Gegend nahe dem 80. Breitengrad noch nie gewesen. Forscher wie Amundsen, Andrée, Barents, Hudson oder Nobile, die von hier aus den Nordpol erreichen wollten oder den Seeweg nach Ostasien suchten, haben das über die Jahrhunderte publik gemacht. Aber sind es nicht genau diese Extreme, die uns magisch anziehen? Die jede kleine Schlittenfahrt gleich zu einer "Expedition" aufwerten?

Trotz 280 Spitze – die Polizei kriegt jeden

Die 737 setzt zum Landen an. Eine Piste wie überall auf der Welt, eine Baracke, ein Gepäckband, ein Parkplatz. Auf dem Japanblech dominiert. Inmitten von 4WD-Toyota, -Subaru und -Honda glänzt er dann tiefschwarz: der nördlichste Porsche der Welt. Der Pol-Porsche. Am Steuer Country-Fan Harald, im Radio-Schlitz schmalzt gerade eine CD von Hank Snow. Nomen est omen, Schnee gibt es reichlich hier. Aber jetzt ist gerade Frühling, es taut kräftig.

Start zur Inselrundfahrt. Schön wär's. Nur etwa 70 Kilometer befahrbare Schotterstraßen gibt es hier, einige in der Stadt und die fünf Kilometer zum Flughafen sind auf den Permafrostboden asphaltiert. "Ja, hier bin ich schon mal viel schneller gefahren, als es unsere strenge Polizei erlaubt", schmunzelt der alte Seebär. Will aber nicht verraten, wie viel. Trotz 280 Spitze – hier in Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt, kriegt die Polizei jeden Sünder. Denn alle Wege enden im Nichts. Am Gletscher, im Morast oder am Fjord. Deshalb zieht auch kaum ein Autofahrer jemals den Zündschlüssel ab.

Mit uns Gästen hält Harald sich an das Tempolimit. Fährt über das Städtchen hinaus zur Kohlegrube 7. Dort wird wie seit Hunderten von Jahren Kohle aus dem Berg gekratzt, heute aber weniger mit Menschenkraft, sondern mit Maschinen. Die Kohle versorgt nur das Kraftwerk auf der Insel, das Wärme und Strom erzeugt. Gleich hinterm Ortsende, als staubiger Schotter überwiegt, bremst Harald: "Hier bin ich noch nie gefahren." Er hegt und pflegt eben sein heiliges schwäbisches Blechle, das dank Steuerfreiheit nur halb so teuer wie in Norwegen ist, ihn aber mit allen Extras immer noch stolze 780.000 Kronen (etwa 101.000 Euro) gekostet hat.

Autos werden immer jünger und größer

Ja, verdammt noch mal, warum fährt dieser Verrückte hier nicht so was Robustes wie 'nen Lada Niva, sondern einen hoch sensiblen Porsche? Dackelt mit 30 durchs Wohngebiet, mit 80 (wer's glaubt ...) zum Flughafen. Und per Schiff zur Inspektion nach Tromsø. Die Antwort ist so nahe liegend wie einfach: "I love cars" (Ich liebe Autos.) Und Harald fängt von seinen Autolieben an zu erzählen. "Als ich 20 war, begann ich mit 'nem 68er Käfer. Habe in meinem Leben dann rund 15 VW und 25 Audi besessen. Fast alle in Schwarz, denn das ist meine Lieblingsfarbe."

Auf dem Weg zu seinem inzwischen verkauften "Kafe Busen" (= Kumpel) leuchten Haralds Augen wie Polarlichter. "Hier habe ich vor über 20 Jahren angefangen. Mein Café war das ganze Jahr über sieben Tage die Woche rund um die Uhr für Bergarbeiter, deren Familien und Touristen geöffnet. Ich habe täglich bis zu 18 Stunden gearbeitet, Urlaub gab's höchstens mal zur Polarfuchs-Jagd." Der Fleiß zahlte sich aus – und man gönnt es ihm.

Harald Johnsen wurde eine Kantine der Kohlengesellschaft angetragen. Auf der im Winter nur durch die Luft erreichbaren Grube Svea mussten Harald und seine 50 Mitarbeiter 350 Leute durchfüttern. Eine logistische Meisterleistung, weil alle Lebensmittel eingeflogen werden. Kein Petersilienstängel keimt in Longyearbyen, kein Huhn gackert, kein Schwein grunzt, selten liefert ein Fischer ein paar Garnelen oder ein Trapper einen Seehund ab. Dabei fließen 80 Prozent des vom Kohlekraftwerk erzeugten Warmwassers ungenutzt in den Fjord. Blöde Marktwirtschaft: "Ein Gewächshaus rechnet sich nicht", werden wir aufgeklärt. Aber das Autohobby. Vor zwei Jahren wurde die Steuer-Erleichterung (gilt schon länger für Tabak und den rationierten Alkohol) eingeführt. Seitdem werden die rund 400 Autos auf der Insel immer jünger und immer größer.

Harald Johnsen juckt es auch schon wieder im Gasfuß. "Nächstes Jahr kaufe ich mir vielleicht einen SL 55 AMG." Der Supersport-Mercedes soll schon reif sein für die Insel? Herr Dr. Wiedeking, schicken Sie schnell einen Starverkäufer nach Spitzbergen. Dieser Sailor fährt hier doch besser den neuen Cayenne. Oder kommen Sie selbst. Dann zeigt Ihnen Harald Johnsen sicher gerne das hoch interessante Heimatmuseum (Walfänger-Skelett, deutsche Weltkrieg-Zwei-Funkgeräte, Trapper-Hütten), besichtigt mit Ihnen ein erst vor sechs Jahren stillgelegtes Bergwerk, führt Sie zur Weinprobe in den Keller seines Freundes und Sterne-Restaurantbesitzers Hroar Holm (30.000 Flaschen) oder lädt Sie zum Wal-Robbe-Menü ins SAS-Radisson-Hotel ein. Ich könnte dann den zweiten Teil der Geschichte schreiben: Vom nördlichsten Porsche-Chef der Welt und von seinem so liebevoll-verrückten, aber ungemein markentreuen Kunden Harald Johnsen.

Das ist Spitzbergen/Svalbard

Der Name Svalbard stammt aus der Sprache der Wikinger und bedeutet "kalte Küste." In den isländischen Chroniken findet sich die erste Eintragung fürs Jahr 1194. 1596 wurde die Inselgruppe von der Größe Bayerns vom Holländer Willem Barents (wieder) entdeckt, der eigentlich den Seeweg nach China suchte. Walfänger aller Nationen begannen ab 1612 ein ungeheures Gemetzel, weil der Engländer Hudson fünf Jahre zuvor vom Wal- und Walross-Reichtum berichtet hatte.

Schon 100 Jahre später waren die Bestände dezimiert, heute gilt absolutes Fangverbot. Seit 1973 sind auch Eisbären geschützt, der Bestand wird auf bis zu 5000 geschätzt. Wanderer oder Schneemobilfahrer müssen deshalb zur Sicherheit immer ein Gewehr mitnehmen.

Botanisch gesehen, ist Spitzbergen stark bewaldet, Weiden und Birken sind hier jedoch flach kriechende Gewächse, die maximal fünf Zentimeter hoch werden. Schon 1610 wurden die Steinkohlen-Flöze entdeckt, 1906 erbaute der Amerikaner Longyear das erste erfolgreiche Bergwerk, deshalb heißt die "Hauptstadt" Longyearbyen. Heute leben hier rund 1600 Menschen, im russischen Barentsburg 1000. Privaten Grundbesitz gibt es nicht. Erst 1981 erlaubte die Minengesellschaft, dass Arbeiter ihre Frauen mitbringen. Vor 1984 waren Privatautos verboten. Spitzbergen war Niemandsland, 1920 erhielt Norwegen die Souveränität.

Tipps für Trips

Reisen Rund 30.000 Touristen besuchen jährlich Spitzbergen, meist als Kreuzfahrer. Braathens fliegt von Tromsø und Oslo nach Longyearbyen. Norden Tours (Kleine Johannisstr. 10, 20457 Hamburg; www.nordentours.de) ist auf Pauschalreisen spezialisiert. Auf der Internet-Homepage www.svalbard.net(in Englisch) finden sich viele gute Tipps.

Speisen Weinprobe im "Huset", rund 30.000 Flaschen lagern im (wg. Permafrost) beheizten Keller. Chef Hroar Holm (Foto: Der Herr in der Mitte mit Bart) erkochte sich schon mal einen Michelin-Stern und kann spannende Geschichten erzählen. Auch das SAS Radisson und Funken-Hotel bieten sehr gute Küche. Mit vier Personen wird man aber leicht 250 Euro los.

Schlafen Rund 400 Betten gibt es in Longyearbyen, von luxuriös (Funken, SAS) bis schlicht im Nybyen Gjestehus. Preise p. P. ab 42 Euro (Dreibettzimmer). Es gibt auch einen Campingplatz.

Lohnende Lektüre Leben im Eis von H. Trinks (ISBN 3-89405-444-1) – Der Harburger Professor überwinterte2000/2001 alleine im Eis auf der Suche nach den Anfängen unseres Lebens. Ungeheuer spannend und uneitel geschriebenes Abenteurerbuch • Begegnungen auf Spitzbergen von B. Petri-Sutermeister (ISBN 3-905551-00-4) – Sehr unterhaltsame und landeskundige Episoden • Spitzbergen von Andreas Umbreit (ISBN 3-89392-266-0) – Dieser Reiseführer macht auf über 500 Seiten aus jedem Neuling einen Spitzbergen-Kenner. Der Preis von 22,90 Euro ist deshalb bestens angelegt.

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