Der Putz-Palast

Der Putz-Palast Der Putz-Palast

Der Putz-Palast

— 06.11.2002

Schwamm drüber

Europas größte Waschanlage ist ein Paradies für Saubermänner. Manche kommen jeden Tag, andere wienern sogar den Tankdeckel von innen.

Bis zu 3200 Autos kommen pro Tag

Es entscheidet sich alles da hinten, ein paar Kilometer weiter westlich. Wenn Manfred Giebl (45) die Außentreppe an seinem Büro erklimmt und den Blick auf die Frankfurter Skyline richtet, dann weiß er schon, ob er heute gute Geschäfte machen wird oder nicht. "Wenn die Hochhäuser vor lauter Wolken nicht mehr zu sehen sind, dann haben wir den Regen eine Viertelstunde später hier." Für den ehemaligen Kernkraftwerks-Techniker wäre das der GAU.

Giebl ist Geschäftsführer von Europas größter Waschanlage, "Mr. Wash" in Frankfurt, und damit notgedrungen Experte in Sachen Wetter. Die Sache ist nämlich die: Bei Sonnenschein kommen bis zu 3200 Autos pro Tag, mehr als irgendwo sonst. Bei schlechtem Wetter aber nur halb so viele – wenn überhaupt.

Einem wie Manfred Giebl schlägt so was auf die Laune, der Mann will immer gewinnen. Zweimal am Tag kommen die Zahlen der anderen 27 "Mr. Wash"-Stationen, und dann gibt es für Giebl nur eine angemessene Platzierung – ganz vorn.

Vier Waschstraßen gleichzeitig in Betrieb

Sein Putzpalast an der Hanauer Landstraße hat als einziger in Europa vier Waschstraßen gleichzeitig in Betrieb, kann damit 400 Autos pro Stunde abfertigen. Er hat 100 kostenlose Staubsaugerplätze, dazu gibt es Duftspray aus dem Automaten (wahlweise "Lavendel", "Zitrone" oder "Neues Auto", je ein Euro). Das zieht Saubermänner aus der ganzen Region an. Motto: Schwamm drüber!

Einer dieser Putzteufel ist Gernot Mann (63). Dreimal pro Woche kommt der ehemalige Mercedes-Vertriebsmitarbeiter: einmal mit der A-Klasse seiner Frau, einmal mit dem Golf seiner Tochter und einmal mit der eigenen E-Klasse. Nicht weil er es müsste, sondern weil es ihm Spaß macht.

"Für mich ist das ein Hobby, sozusagen mein zweites Ich", sagt der Ruheständler – und wischt dabei den Tankdeckel seines Mercedes von innen sauber. Von innen? Ja, von innen! "Da soll es ja auch trocken sein. Es zeigt halt eine gewisse Wertschätzung fürs Auto, wenn man sich bemüht, es zu erhalten." Und für Mann heißt das eben, nach dem Waschen noch eine halbe Stunde mit Zewa nachzuarbeiten.

90 Liter heißes Wasser pro Autowäsche

"Ein Auto muss gestreichelt werden", bestätigt Stammkunde Frank Schmitt, während er mit einem Handtuch die paar Tropfen wegwischt, die der 90 kW starke Trockner an seinem Peugeot 306 nicht geschafft hat: "So wie Frauen zum Friseur gehen, gehen wir Männer halt zum Autowaschen."

Davon abgesehen: Es gibt Leute, die sind noch penibler. "Manche kommen jeden Tag", erzählt Giebl, "andere putzen über vier Stunden. Und einer baut vor dem Saugen die Sitze aus, damit er an jeden Krümel kommt. Hier erlebst du was, das ist besser als Kino."

Dumm nur, dass heute der Film "Regen über Frankfurt" läuft. Das Geschäft stockt, und das macht nicht nur Giebl unglücklich, sondern auch seine Mitarbeiter, die mit Kittel, Hemd und Krawatte gekleidet sind und damit eher in ein Versicherungsbüro passen als in eine Waschhalle. Die Männer werden per Prämiensystem bezahlt: Je mehr Autos sie mit Insektenlöser, Waschbürste und Hochdruck-Strahl bearbeiten, bevor diese in der Textilwäsche mit jeweils 90 Liter heißem Wasser gewaschen werden, desto mehr verdienen sie. Im Schnitt etwa 2000 Euro pro Monat.

Bei Regen muss Giebls Geheimwaffe ran

Heute, bei schlechtem Wetter und wenig Umsatz, muss Giebls Geheimwaffe ran, Ehefrau Catalina. Wenn die hübsche 31-Jährige in der Einfahrt kassiert, hat das erstaunliche Folgen: "Einmal die Wäsche für drei Euro", verlangt ein A4-Fahrer. Ein Augenaufschlag von Catalina reicht, dann stammelt der Mann: "Ach nee, lieber doch gleich die für acht Euro."

Giebl grinst darüber und erzählt vergnügt: "Ich habe das im Sommer mal ausgewertet. Wenn meine Frau kassiert, machen wir zwischen zehn und 15 Prozent mehr Umsatz, als wenn da ein Kerl steht."

Doch Catalina hin, Catalina her, mit Platz eins unter den "Mr. Wash"-Stationen wird es heute nichts. Als der Computer um 14.30 Uhr die Zwischenbilanz vermeldet, steht das verregnete Frankfurt mit 612 Wagen auf Platz 5, Spitzenreiter Düsseldorf hat 265 Autos mehr. "Das holen wir nicht mehr auf", seufzt Giebl. Hatte er ja schon geahnt – als er heute Morgen auf der Treppe stand ...

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