Deutsche Strecken endecken, Teil 4

Der reine Genuss: Die Deutsche Bierstraße Der reine Genuss: Die Deutsche Bierstraße

Deutsche Strecken endecken, Teil 4

— 16.08.2006

Der reine Genuss

AUTO BILD-Serie, diesmal: Im Mercedes 323 Pritsche auf der Bierstraße. In Oberfranken gibt es über 200 Brauereien – mehr als in Irland, Belgien und Tschechien zusammen.

1000 Biersorten in 200 Brauereien

Im Forchheimer Kellerwald steigen die Menschen zum Biertrinken auf den Kühlschrank. Das ist Tradition. Weil es kalt am besten reift, schlugen die Braumeister schon vor Jahrhunderten große Keller in den Fels. Insgesamt 23 Stück. Raumtemperatur: acht Grad über null, das ganze Jahr. Und weil es kalt auch am besten schmeckt, stellte man Holzbänke und -tische direkt auf den kühlenden Keller.

Einmal im Jahr feiern die Forchheimer ihre Biere. Seit 166 Jahren gehen sie dafür in den Kellerwald. Zehn Tage lang fließt dann auf dem Annafest kalter Gerstensaft in die Maßkrüge und erfrischt durstige Kehlen. In Oberfranken geht man also auf den Keller, wenn es ein Frischgezapftes sein soll. Und davon gibt es reichlich: 1000 Biersorten gären in den Kesseln von über 200 Brauereien. So viele wie in Belgien, Tschechien und Irland zusammen. Nirgendwo auf der Welt ist das Bierversorgungsnetz dichter. "Wer hier seinen Geschmack nicht findet, der hat keinen", so eine regionale Volksweisheit.

Auch wir wollen unseren Geschmack finden. Mit einem Mercedes L323 Pritsche von 1963 machen wir uns auf den Weg. Der himmelblaue Kurzhauber ist dafür eine gute Besetzung: belastbar, zuverlässig – und mit Höchsttempo 89 so schnell, dass wir nichts verpassen können. Bis zu seiner Restaurierung 2003 kutschte er noch Kisten und Fässer durch die waldreiche Hofer Landschaft. Seitdem tourt der Oldie zu Umzügen und Volksfesten – oder eben mit uns durch Oberfranken. Als am Ende der 50er-Jahre die ersten Kurzhauber auf den Markt kamen, läuteten sie das Ende der langnasigen Lkw ein. Der L323 lief zwischen 1961 und 1970 insgesamt 31.000-mal vom Mannheimer Montageband. Zu einer Namensänderung kam es im Herbst 1963: Die bedeutungslose 323 wurde gegen 710 getauscht, eine Mischung aus zulässigem Gewicht und der Motorleistung. Neben dem Aufbau als Pritsche mit drei verschiedenen Radständen waren auch Kipper und Sattelzugmaschinen im Angebot.

L323/L710: 1963 wurde die 323 gegen 710 getauscht, eine Mischung aus zulässigem Gewicht und Motorleistung.

Wer über Bier reden will, sollte auch seine Geschichte kennen. Darum machen wir Station im Brauereimuseum Kulmbach. Uli Wagner führt die Besucher durch die vier Etagen der Bierfabrik, die früher einmal von Mönchen betrieben wurde. Einmal in der der Woche strömt und brodelt hier in durchsichtigen Kesseln und Rohren das hauseigene Bier. Nebenbei lernen die Besucher, dass der Erfinder des Kühlschranks aus Oberfranken kommt. Carl von Linde hat die moderne Kühltechnik ursprünglich für die bayerischen Brauer erfunden. Ohne Bier kein Kühlschrank – wer hätte das gedacht!

Nach den Führungen bekommt jeder Gast ein Glas vom Museumsbräu. Natürlich frisch gezapft. Langsam fließt das naturtrübe Bier vom Zapfhahn ins Glas. Über der Flüssigkeit türmt sich eine Schaumkrone. Am Glas fließen Rinnsale aus Kondenswasser runter, um schließlich als Träne im Bierdeckel zu versickern. Dann der erste Schluck. Ein Genuss. Einer mit Geschichte. Denn seit 1516 dürfen nur Malz, Hopfen, Hefe und Wasser ins Bier. "Das Reinheitsgebot ist eines der ältesten Lebensmittelgesetze", sagt Uli Wagner.

150 Hektoliter in einer Nacht

Wir verlassen Kulmbach und dieseln in Richtung Südwesten nach Aufseß. Vor sechs Jahren gelangte die kleine Gemeinde zu Weltruhm: Auf 1500 Einwohner kamen hier vier Brauereien. Heute ist man sich hier nicht mehr sicher, ob der Rekord noch Bestand hat. Zumindest für alle Biker ist das jedoch egal. Denn für sie ist Aufseß erster Anlaufpunkt der Region: Vor der Gaststätte Kathi-Bräu müssen an Wochenenden sogar Zweiradfahrer nach einem Stellplatz suchen, so dicht stehen Chopper, Enduro und Ninja dann nebeneinander. Kein Platz für unseren blauen Riesen.

Schade, denn die Preise sind nicht auf dem, sondern im Keller: Der halbe Liter Bier kostet keine zwei Euro, die Brotzeit ein paar Euro extra – günstig wie anno dazumal. Eine Region mit unendliche Bierauswahl, mitten in Deutschland, scheinbar unentdeckt. Das hat Jürgen Hopf aus Wunsiedel im Fichtelgebirge schon vor zehn Jahren erkannt. Seitdem inszeniert der Braumeister in Lederhosen und mit Bierbauchansatz sich und seine Brauerei immer wieder neu, um auf die eigenen Produkte hinzuweisen. Vor drei Jahren ließ er dafür seinen 30-Tonner mit einem gigantischen Kran auf 150 Meter heben und wie ein Spielzeugauto über dem Tal baumeln. Das kommt gut an: "Bei solchen Veranstaltungen jage ich 150 Hektoliter in einer Nacht durch."

Jürgen Hopf weiß sich und sein Bier zu vermarkten. Im Verkaufsregal des Urfranken stehen auch Erotik-Biere.

Und auch dieses Fass will Hopf aufmachen: Sex. Der Familienvater hat ein Erotik-Bier erfunden. Eine Halbnackte auf dem Etikett, mehr Sex ist nicht. Auch nicht im sogenannten Erotik Bierkeller. Dort hampelt ein bekleideter Hopf-Pappkamerad mit Hilfe von Drähten und Elektromotoren zwischen Bierfässern. Das ist nicht gerade erotisch. Aber das Bier schmeckt. Und das ist doch die Hauptsache.

Streckeninfos Deutsche Bierstraße Hof ist mit fünf Brauereien ein guter Startpunkt, um die Biervielfalt Oberfrankens zu entdecken. Hier hat auch unser Mercedes sein Zuhause. Zur Pflicht gehören Kulmbach (Museum, Plassenburg) und Bayreuth. Landschaftlich sehr empfehlenswert: die Fahrt von Pottenstein durchs Wiesental bis nach Aufseß und weiter über Scheßlitz durch das Kleinziegenfelder Tal bis nach Burgkunstadt. Wer sich für die Route über Forchheim, Bamberg und Lichtenfels entscheidet, kommt vorbei an Buttenheim (Geburtshaus von Levi Strauss), Bamberg (Altes Rathaus, Kloster) und Bad Staffelstein, wo sich eine variantenreiche Bierprobe anbietet (zehn Brauereien).

• Vom Deutschen Dampflokomotiv-Museum in Neuenmarkt führt im Sommer ein nostalgischer Zug über die "Schiefe Ebene" und zum Brauereimuseum Kulmbach. Birkenstraße 5, 95339 Neuenmarkt, Tel. 09227/ 57 00. www.dampflokmuseum.de.

• Die Naturbühne Luisenburg wirbt mit dem Felsenlabyrinth und einem Programm von Mai bis August. Gespielt wird bei jeder Wetterlage. Luisenburg bei Wunsiedel im Fichtelgebirge. www.luisenburg-aktuell.de.

• Neben rund 140 Autos – vom Käfer bis zum DeLorean – stehen im Automobilmuseum Fichtelberg auch Traktoren, Motorräder und Flugzeuge. Nagler Weg 9–10, 95686 Fichtelberg, Tel. 09272/ 60 66. www.amf-museum.de.

• Alles über die Geschichte und Herstellung von Bier lernt man in den Brauereimuseen in Kulmbach (Hofer Straße 20, Tel. 09221/ 805 10, www.bayerisches-brauereimuseum.de.) und Bayreuth (Kulmbacher Straße 40, Tel. 0921/ 40 12 34, Besuch nur mit Führung, täglich 14 Uhr)

• Alle Brauereien in Oberfranken: www.bierland-oberfranken.de. • Kanu, Camping, Klettern in der Fränkischen Schweiz: www.fraenkischeschweiz.com.

Autor: Roland Niederlich

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