Deutsche Strecken entdecken, Teil 1

Märchenhaftes Deutschland Märchenhaftes Deutschland

Deutsche Strecken entdecken, Teil 1

— 07.08.2006

Märchenhaftes Deutschland

Neue AUTO BILD-Serie: Wir entdecken unser Land neu. Erste Folge: Mit dem Schneewittchensarg 600 Kilometer über die fabelhafte Märchenstraße.

Reise durchs Märchenland

Es war einmal ein verwunschenes Land, auf dem ein Fluch, ein böser Zauberspruch lag: "Nix wie weg!", sagten sich die Menschen in Deutschland Jahr für Jahr. Im Sommer stiegen sie in silberne Blechröhren, die den blauen Himmel zerschnitten mit ihren weißen Schweifen. Sie flogen an ferne Strände, bloß weit weg von Arbeitsämtern und Alltagssorgen. Männer, Frauen und Kinder, die in ihren Schalenkoffern Sandalen und Sonnenöl hatten.

Die Flugmaschinen donnerten hinweg über Schlösser, Burgen, Seen und Wälder. So schnell, dass die Menschen nichts ahnten von der Schönheit des eigenen Landes, über das sie flogen. Es war einmal. Denn im Sommer 2006 ist alles anders. Ein kleiner lederner Ball hat das ganze Land verzaubert, die Deutschen lieben ihre Heimat wieder. "Wir haben jetzt schon so viele Prospektbestellungen wie im gesamten vergangenen Jahr", sagt die Geschäftsstellen-Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Märchenstraße, Brigitte Buchholz-Blödow.

Märchenstraße – als sich Tourismus-Experten diesen fabelhaften Namen 1975 ausdachten, hörten die Menschen noch Schlager und fuhren Autos mit dicken Ballonreifen und blitzenden Chromleisten. Eines der schönsten Gefährte im ganzen Land, der Volvo P 1800 ES, hatte schier endlose Heckfenster, in denen man sich spiegeln konnte. Wie im Märchen, wie bei Schneewittchen. Ein Zwitter aus Kombi und Coupé. Shooting Brake hätte damals kaum jemand gesagt, das passte nicht in diese Zeit. Der Volksmund sprach damals noch ein sehr liebevolles Deutsch, schnell war ein anderer Name geboren: Schneewittchensarg.

Eine Benzinkutsche, gut gebaut wie ein junges Mädchen, so wie Schneewittchen: Im Leerlauf säuselt der Motor mit leiser Stimme, das Leder duftet verführerisch gut, die Hüften stechen hervor. Genau die richtige Kutsche für eine Reise entlang der 600 Kilometer langen Märchenstraße.

Im Schneewittchensarg über die Märchenstraße. Hundertjährige Bäume säumen die Straße.

Leichenwagen wäre ein zu böses Wort gewesen für den Volvo P1800 ES. Schneewittchensarg passte viel besser zu dem zierlichen Sportwagen, der zwischen 1971 und 1973 nur 8078mal gebaut wurde. Der Wagen mit der ungewöhnlichen Form (Shooting Brake) war so teuer wie ein Porsche und damit für viele Volvo-Stammkunden unbezahlbar. Hervorgegangen ist das "Schneewittchen" aus dem seit 1960 gebauten Volvo P1800, einem Coupé. Entworfen hat es Volvo-Designer Jan Wilsgaard. Seine ungewöhnliche Vorgabe: Man sollte bequem eine Golfausrüstung unterbringen können. Hinter den Kulissen aber wurde gemunkelt, dass Volvo mit dem Sportkombi eine in den USA geplante Sportwagensteuer umgehen wollte. Der von AUTO BILD gefahrene Oldtimer wurde komplett restauriert, ist 34 Jahre alt und schöpft aus vier Zylindern und zwei Liter Hubraum124 PS. Topgepflegte Exemplare kosten heute bis zu 24.000 Euro.

Inmitten goldener Weizenfelder, in Horn Bad Meinberg, lebt ein Bauer namens Johannes Glitz. Ein stattlicher Mann von 61 Jahren, dem 30 Rinder sowie 70 Traktoren und Lastwagen gehören. Schwere Ungetüme, die stählerne Haut dick und ölig, der Lack aufgeplatzt von Sonne und Regen. Ihre Namen strotzen nur so vor Kraft: Ursus, Lanz Bulldog, Magirus. Wirft Glitz seine Maschinen an, fauchen und brüllen sie wie Drachen. Doch Johannes Glitz ist kein Drachentöter, er ist ein Drachenflüsterer. Er holt die Kolosse aus aller Welt in sein kleines Reich, das nach Öl und Heu riecht. In Ställen und Scheunen haucht er den stählernen Schätzen wieder Leben ein. Jeder kann ihm dabei zusehen in seinem Traktor-Museum, das täglich ab 14 Uhr aufmacht, außer Montags.

Die Fahrt entlang der Märchenstrasse ist eine Zeitreise. An den Endlosfenstern des Volvo fliegen Landschaften vorbei, so schön wie in Grimms Märchen. Sattgrüne Eichenwälder, leuchtende Burgruinen, verspieltes Fachwerk, silberne Badeseen. Das alles weckt Erinnerungen. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, als Polizisten noch Schutzmänner hießen und in dunkelgrünen Streifenwagen mit plärrenden Sirenen auf Verbrecherjagd gingen. Die Wagen hießen Opel Kapitän, VW 412, BMW 2000 oder Käfer – Schmuckstücke, die fast alle verschlissen sind. In harten Kämpfen an der Startbahn West, in Berlin-Kreuzberg oder einfach nur auf Streife in Limburg an der Lahn.

In den 6oern fuhr der Opel Kapitän noch Streife und Polizisten hießen noch Schutzmänner.

Ein paar dieser kriminalen Kostbarkeiten haben es geschafft in zwei weißgetünchte Lagerhallen bei Marburg-Ockershausen. Es sind die Schatzkammern von Hans-Heinrich Menche und Hans-Peter Kalebach. Die beiden hessischen Polizisten sind Retter. Sie haben 60 Polizei-Oldtimer vor dem Verfall bewahrt. Unter staubigen, bunten Bettlaken schlummern Dutzende BMW-Motorräder, in den Hallen haben ein gepanzerter Mercedes 420 SE von 1991 und ein Wasserwerfer ihre letzte Ruhe gefunden: rollende Burgen der Neuzeit, der Mercedes W126 hat fingerdicke Löcher in den Türen – Schießscharten. Der Wagen gab bei Konvois Geleitschutz, jetzt begeistert er Kinder sowie Erwachsene.

Manchmal erwachen die Raritäten aus ihrem Dornröschenschlaf. An ein paar Wochenenden gibt es dann Bratwurst, Bier und Blaulicht. Die Pforten zu Axel Surups Reich dagegen öffnen sich täglich. Der Chef des Erlebnisparks Ziegenhagen (bei Hannoversch Münden) sieht mit seinem grauen Scheitel ein wenig aus wie Manfred Kanther, der frühere Bundesinnenminister. Und er ist ähnlich akkurat. Wenn König Surup durch sein kleines Reich spaziert, bückt er sich pausenlos. Selbst kleinste Papierschnipsel pflückt der 56-Jährige vom Boden. "Ich mache das selbst dann, wenn ich in anderen Parks zu Besuch bin", sagt er. Es gibt unter anderem einen Streichelzoo, zwei Seilbahnen, bald ein Lebkuchenhaus und ein Automuseum.

Die Wagen darin stehen leicht angestaubt auf knarrenden Dielen. Ein DKW 1000 S, ein Fiat Topolino und ein Ford T-Modell sind darunter. Parkkönig Surup hat die Schatzkammer von seinem Vater geerbt. Er liebt sein kleines Reich nicht nur, er lebt dafür. Jeden Tag. Es gibt viele kleine Könige wie Surup an der Märchenstraße, die sich ihr eigenes Reich geschaffen haben. Wie auch Hans-Werner Dörich. Im Garten des Technikmuseums Großauheim (Hanau) hat der Speditionskaufmann einen Kran aufgebaut und Schienen verlegt. Das Eisen hat er selbst gebogen. Die Maschinen haben Roststellen und Dellen. "Ich mag es nicht, wenn etwas überrestauriert ist", sagt Dörich, "das war vor 50 Jahren doch auch nicht so." Wieder so eine Zeitreise, für die man in kein Flugzeug steigen muss. Es gibt sie nur an der Märchenstraße.

Das ist die Märchenstraße

Die Deutsche Märchenstraße ist eine Erfindung von Städten und Gemeinden und eine der beliebtesten Ferienrouten Deutschlands. In verwunschenen Wäldern und Burgruinen lässt sich auf den Spuren der Erzählungen von Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859) wandeln.

Man sagt, dass die Landschaft und Architektur die gebürtigen Hanauer inspiriert hat. Ihre schönste und fruchtbarste Zeit verbrachten beide in Kassel, wo sie gemeinsam die Schule besuchten. In Marburg studierten sie. Entlang der Märchenstraße haben viele Märchenfiguren ihr Zuhause: Dornröschen auf der Sababurg, Rotkäppchen in der Schwalm, Frau Holle auf dem Hohen Meißner und der Lügenbaron Münchhausen in Bodenwerder. Für die 600 Kilometer lange Strecke zwischen Hanau und Bremen sollte man sich eine Woche Zeit nehmen.

Museen und Burgen entlang der Deutschen Märchenstraße: • Im Traktoren-Museum in Horn Bad Meinberg-Kempen (Kempener Straße 33) sind 70 Traktoren zu besichtigen. Öffnungszeiten: 14 bis 18 Uhr (außer Montags). Eintritt: Erwachsene drei, Kinder ein Euro.

• Im Erlebnispark Ziegenhagen (bei Witzenhausen/Hessen) wartet ein großes Automuseum mit 120 Fahrzeugen auf Besucher. Öffnungszeiten täglich 9.30 bis 18 Uhr. Eintritt zwischen 7,50 und 9 Euro.

• Das Deutsche Polizeioldtimer-Museum in 35037 Marburg (Hermannstraße 200) öffnet an einigen Wochenenden im Jahr. Näheres unter www.polizeioldtimer.de.

• Im Feuerwehrmuseum Kirchlengern im Ortsteil Quernheim (Häverstraße 188) gibt es an jedem ersten und letzten Sonntag im Monat von 11 bis 17 Uhr unter anderem eine Pferdedrehturmleiter von 1903 zu bestaunen. Erwachsene zahlen 1,50 Euro, Kinder von sechs bis 16 Jahren einen Euro Eintritt. • Nicht technisch, aber märchenhaft: die Sababurg (bei Hofgeismar) und die Trendelburg im gleichnamigen Nachbarort. •

Im Schloßhotel Münchhausen bei Hameln wohnte die französische WM-Mannschaft.



Übernachten • Im Schlosshotel Muenchhausen und der dazugehörenden Zehntscheune in Aerzen bei Hameln gibt es Zimmer ab 95 Euro. Besonders lecker: ein reichlich gefüllter Picknick-Korb (75 Euro). Der Inhalt schmeckt im weitläufigen Schloßpark am besten. Telefon: 05154/ 706 00.

• Direkt an der Weser liegt das Hotel Peter in Reinhardshagen-Veckerhagen. Etwas altmodische Zimmer, dafür aber ein toller Blick über die Weser. Und schön preiswert: Zimmer kosten von 48 bis 56 Euro. Telefon: 05544/ 10 38.

Autor: Claudius Maintz

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