Deutsche Strecken entdecken, Teil 2

Die Technikstraße Die Technikstraße

Deutsche Strecken entdecken, Teil 2

— 09.08.2006

Wo alte Technik neu erstrahlt

Neue AUTO BILD-Serie. Die Technikstraße zeigt Industrieruinen in neuem Licht: Rund um die erloschenen Schlote ranken sich Tempel der Technik.

Im Thyssen-Werk wird jetzt gefeiert

Tief im Westen scheint die Sonne anders unterzugehen. Glutrot senkt sie sich an diesem Abend vom Himmel herab. Und noch bevor sie vollständig hinter dem Horizont verschwunden ist, treten neue Lichtquellen an ihre Stelle. Sie sind blau, grün, rot und weiß, und sie tauchen alten, rostigen Stahl in sanfte Farben. Man könnte es für ein Naturschauspiel halten, was sich da jedes Wochenende im ehemaligen Hochofenwerk Duisburg-Meiderich abspielt.

In Wahrheit aber ist diese bezaubernde Inszenierung von Menschenhand gemacht. 400 Scheinwerfer strahlen das ehemalige Thyssen-Stammwerk an und locken Spaziergänger, Sportler und Pistengänger auf das Gelände. Heute heißt es Landschaftspark Duisburg-Nord. Die Inszenierung des britischen Künstlers Jonathan Park hat Symbolkraft, und zwar für das gesamte Ruhrgebiet. Da, wo noch bis in die 80er Jahre die Schlote rauchten und der Waschmittelverbrauch der höchste der Republik war, da, wo schon ein paar Jahre später der Ofen aus war und die Menschen keine Zukunft mehr sahen, da erstrahlt plötzlich alte Technik in neuem Glanz.

Es ist ja nicht nur das Thyssen-Werk in Duisburg, das mit seinen Freizeitmöglichkeiten für Kletterer und Taucher, mit seinem Beachclub und der Live-Musik, dem Sommerkino und der wöchentlichen Freitagabend-Disko ein neues Leben gefunden hat. Auch anderswo blüht der Pott auf. Sei es die alte Zeche Zollverein in Essen, die jetzt Designern und Kreativagenturen eine Heimat bietet, oder der alte Förderturm der Dortmunder Zeche Germania, der nun das Bergbaumuseum von Bochum schmückt.

Da hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen: unser Opel Manta auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen.

Die Vergangenheit mag hier schwarz und schmutzig gewesen sein – aber die Gegenwart, die glänzt. Folge zwei unserer Serie "Deutsche Strecken entdecken" hat uns in diese Ecke Deutschlands verschlagen, wir orientieren uns an der Technik und ihren Tempeln, den alten Industrieruinen und neuen Museen. "Westfälische Straße der Technikmuseen" heißt die Route offiziell, aber das tut nichts zur Sache. Sie ist weder ausgeschildert noch auf Karten zu finden, und wer Passanten fragt, erntet nur ein Schulterzucken. Man muss hier eben seinen eigenen Weg finden. Wir machen das im Opel Manta B, und wir erfahren auf der Reise schnell, was die Gegend in und um Westfalen ausmacht: die Menschen und ihre bodenständige Art, ihre Ehrlichkeit und Herzlichkeit.

Da ist zum Beispiel Oskar Vogel junior, Spediteur aus Paderborn. Er hat die Firma von seinem Vater übernommen und ihm zum Dank ein Denkmal gebaut – das Traktoren- und Modellautomuseum. Oskar senior hatte die Sammlung begründet, nach seinem Tod erfüllte ihm der Sohn mit dem 1998 eröffneten Museum (posthum) den größten Traum. 10.000 Modellautos und 118 Traktoren stehen hier, fast alle sind funktionsfähig. Vom seltenen Lanz-Bulldog Holzgasschlepper über den "Frauen-Bulldog" aus dem Zweiten Weltkrieg – mit dem die Damen einst aufs Feld fuhren, als ihre Männer im Feld waren. Bis zum weltweit einmaligen Hanomag-Großpflug von 1912, bei dem allein der Rahmen über zwölf Tonnen wiegt.

Und da ist Felix Hoffmann (58). Der Hauptkommissar betreibt mit einem 600 Mitglieder starken Verein das Polizeimuseum in Salzkotten und kann stundenlang Geschichten erzählen. Zum Beispiel, woher die Beleidigung "Bulle" stammt: "Vom Landarbeiterstreik 1922 auf Fehmarn. Damals haben sich die Arbeiter gegen die Ausbeutung durch die Bauern gewehrt. Ein Landgendarm wurde dabei als Landjäger-Bulle beschimpft."

Da ist auch Erzieherin Britta Leder, die als eine von vielen Mitarbeiterinnen Kinder durch das historische Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop führt und das so liebevoll macht, dass man sofort wieder Kind sein möchte: Ihre kleinen Gäste tragen alle eine Matrosenmütze auf dem Kopf, Leder selbst hat Kapitän Henry auf dem Arm – eine Handpuppe, die die Geschichte der beeindruckenden Konstruktion von 1899 erklärt. 71 Jahre lang hoben die fünf Schwimmkörper Schiffe mit einer Ladekapazität von bis zu 600 Tonnen an, verbanden damit den Dortmund-Ems-Kanal mit dem 14 Meter höher gelegenen Dortmunder Stichkanal – bis eine modernere Variante den Betrieb aufnahm.

Im Deutschen Automuseum Dortmund sind alle Fahrzeuge zugelassen, einsatzbereit und können jederzeit gefahren werden.

Sie merken es schon: Man kann hier in kurzer Zeit viel erleben. Auch krasse Gegensätze. Nur 20 Minuten Fahrt trennt die exklusive Sammlung des Deutschen Automuseums in Dortmund vom verstaubten Charme des Opel-Museums in Herne. Hier (vor allem) noble und teure Jaguar und Mercedes. Und dort eine Hinterhof-Werkstatt im besten Sinne des Wortes, in der man manche Schätze erst unter einem dicken Stapel von Ersatzteilen entdeckt. Auch hier in Herne, zwischen Ölflecken auf dem Boden und Staubschichten auf den Autos, hat die alte Technik ihren Glanz – man muss nur danach suchen...

Mit dem Teufelsrochen entlang der Route

Ein wenig neidisch schauten sie damals schon nach Köln, die Opel-Manager Ende der 60er Jahre. Ford hatte mit dem Capri das Muscle-Car nach Deutschland gebracht und erzielte damit rauschende Erfolge. Die Antwort von Opel war der 1970 vorgestellte Manta: ein bezahlbares Auto mit vergleichsweise hoher Leistung und gutem Fahrverhalten, gedacht vor allem für junge Männer. Und tatsächlich gingen die Käufer des nach dem Teufelsrochen benannten Wagens reihenweise ins Netz: Bis zur Einstellung 1988 verkaufte Opel in Deutschland 470.074 Manta A und B.

Technische Daten Reihen-Vierzylinder • Hubraum 1281 cm3 • Leistung 55 kW (75 PS) bei 5800/min • maximales Drehmoment 98 Nm bei 3800 bis 4600/min • Hinterradantrieb • Vierganggetriebe • Doppelquerlenker vorn, Deichselstarrachse hinten • Bremsen vorn Scheiben, hinten Trommeln • Tank 50 l • Länge/ Breite/Höhe 4443/1686/1330 mm • Reifen 185/70 SR 13 • Leergewicht 1300 kg • Vmax 165 km/h • Verbrauch (Stadt/ 90/120) 9,3/5,8/7,8 Liter.

Die Techniktour durch Westfalen absolvierten wir im Manta CC 1.3 S des Jahrgangs 1983. Sein Vierzylinder leistet immerhin 75 PS und schafft 165 km/h. Aufmerksame Leser kennen den weißen Wagen vielleicht noch: Wir haben ihn im vergangenen Jahr bereits beim Oldie-Rennen im Hamburger Stadtpark eingesetzt.

Abgefahren: Auf dem Weg zum Bergwerk überquert der Manta einen Stausee im Sauerland.

"Die Westfälische Straße der Technikmuseen" verbindet die Industriebauten und Museen in Westfalen – vom Münsterland im Norden bis zum Siegerland im Süden, von Paderborn im Osten bis Bochum im Westen. Wir haben die Route noch um Essen und Duisburg erweitert, weil die Zeche Zollverein und das ehemaligen Thyssen-Stammwerk einfach sehenswert sind. Da die Route nicht ausgeschildert ist, empfiehlt sich sowieso eine individuelle Reiseplanung nach eigenem Geschmack. Hier die dazu nötigen Adressen der von uns besuchten Museen und Denkmäler:

Die Technikstraße: vom Münsterland im Norden bis zum Siegerland im Süden, von Paderborn im Osten bis Bochum im Westen.

Traktor- und Modellauto-Museum, Karl-Schoppe-Weg 8, 33100 Paderborn, Tel. 05251/ 49 07 11. Öffnungszeiten 10 bis 18 Uhr (außer Montags). Eintritt: 5,50 für Erwachsene, 2,50 Euro für Schüler, Kinder unter 6 frei. www.deutsches-traktorenmuseum.de.

Deutsches Polizeimuseum Salzkotten, Verner Straße 11, 33154 Salzkotten, Telefon 05258/ 93 04 55. Termine nach Absprache. Eintritt: Erwachsene 1,50, Jugendliche (14– 18) ein Euro, Kinder (6–14) 0,50 Euro, Kleinkinder (unter 6) frei. www. deutsches-polizeimuseum.de.

Automobil Museum Dortmund, Brandisstraße 50, 44265 Dortmund, Tel. 0231/ 475 69 79. Offen Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr, Montags und nach 18 Uhr nur nach Vereinbarung. Eintritt: Erwachsene 5, Schüler, Studenten, Rentner und Behinderte 4, Kinder bis 14 Jahre 2,50 Euro. www.oldiemuseum.de.

Westfälisches Industriemuseum, Altes Schiffshebewerk Henrichenburg, Am Hebewerk 2, 45731 Waltrop, Telefon 02363/ 970 70. Geöffnet Dienstags bis Sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Eintritt: Erwachsene 3,50, ermäßigt 2,10, Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren und Schüler 2 Euro. www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/S/henrichenburg/.

Opel-Museum Herne, Riemkerstraße 22, 44625 Herne-Mitte, Tel. 02323/ 438 43. Öffnungszeiten: Montag 10–16 Uhr, Di–Do 10–19 Uhr, Freitags, Samstags, Sonntags nach Vereinbarung. Eintritt frei.

Deutsches Bergbau-Museum, Am Bergbaumuseum 28, 44791 Bochum. Tel. 0234/ 587 70. Geöffnet Dienstag bis Freitag von 8.30 bis 17 Uhr. Eintritt: Erwachsene 6 Euro, ermäßigt 3 Euro. www.bergbaumuseum.de.

Erzbergwerk Ramsbeck, Glückauf Straße 3, 59909 Bestwig, Tel. 02905/ 250. Geöffnet zwischen dem 1. Mai und dem 31. Oktober täglich außer Montags von 9 bis 17 Uhr, vom 1. November bis 30. April täglich außer Montags von 10 bis 17 Uhr. Eintritt: Erwachsene (ab 16) 7,50 Euro, Kinder, Schüler, Schwerbehinderte 5 Euro, Kinder bis einschließlich drei Jahre frei. www.besucherbergwerk-ramsbeck.de.

Zollverein Schacht XII / Halle 2, Gelsenkirchener Str. 181, 45309 Essen, Tel. 0201/ 83 03 60. Geöffnet: April bis Oktober täglich von 10 bis 19 Uhr, November bis März täglich von 10 bis 17 Uhr. Eintritt aufs Gelände frei. www.zollverein.de.

Landschaftspark Duisburg-Nord, Emscherstraße 71, 47137 Duisburg, Tel. 0203/ 429 19 30. Öffnungszeiten rund um die Uhr. Eintritt frei. www.landschaftspark.de.

Weitere Informationen: Nordrhein-Westfalen Tourismus e.V., Worringer Str. 22, 50668 Köln, Telefon 0221/ 17 94 50, www.nrwtourismus.de.

Autor: Alex Cohrs

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