Deutsche Strecken entdecken, Teil 3

Zeitreise ins Uhrenland Zeitreise ins Uhrenland

Deutsche Strecken entdecken, Teil 3

— 10.08.2006

Zeitreise ins Uhrenland

AUTO BILD-Serie, diesmal: Im Porsche 911 auf der deutschen Uhrenstraße. Zwischen Tradition und Tourismus – so tickt der Schwarzwald.

Im 911er zum "House of 1000 Clocks"

Was sind schon 33 Grad im Schatten. Josef Dold schlüpft in die Schwarzwaldtracht, schultert das schwere Tragegestell mit den Uhren und tut das, was er immer tut, wenn ein Bus mit Japanern oder Amerikanern vorfährt: Er lächelt. Der 70-Jährige weiß, was die Touristen wollen. Fröhlichkeit, Schwarzwaldromantik, Fachwerkhäuser. Und natürlich Kuckucksuhren, immer wieder Kuckucksuhren. Weil Josef Dold ein freundlicher Mann ist, gibt er den Menschen, was sie erwarten.

1981 gab er ihnen die Superkuckucksuhr, ein sechs Meter breites und sieben Meter hohes "Häuschen". In dem tickt ein handgefertigtes Superuhrwerk aus Buchenholz, das halbstündlich einen 80-Zentimeter-Superkuckuck ausspuckt. Touristen können das Meisterwerk bewundern (gratis) oder von hinten in die Uhr hineingehen und lauschen, wie Dolds Schwiegertochter Gabriele über den Bau der Riesenkuckucksuhr referiert – wahlweise in Deutsch oder Englisch. Erwachsene zahlen dafür einen Euro, Kinder die Hälfte.

Das Geschäft läuft, obwohl seit ein paar Jahren im nahen Triberg eine noch größere Uhr um die Gunst der Ausflügler buhlt. Mit ihrem Werk im Maßstab 60:1 und einem 150 Kilogramm schweren Monstervogel steht sie seit 1997 als "weltgrößte Kuckucksuhr" im Guinnessbuch der Rekorde. Die Dolds mussten reagieren – und werben seither mit ihrer "1. weltgrößten Kuckuksuhr".

Entlang der deutschen Uhrenstraße dreht sich alles ums Thema Zeitmessung. Souvenirgeschäfte säumen die Strecke, im "House of 1000 Clocks" ticken bunt bemalte "Original Black Forest Watches" um die Wette, stellen Schneekugeln mit hinreißenden Schwarzwaldmotiven die Geschmacksnerven auf eine harte Probe. Wem das auf den Zeiger geht, sei die Reise über die Uhrenstraße in einem schnörkellosen Klassiker empfohlen.

Der Porsche 911 Carrera: Mit 231 PS lief er schon Mitte der 80er-Jahre stolze 245 km/h.

Im alten Porsche 911 etwa kann man sich beim Blick auf die herrlich schlichten Rundinstrumente vom Kuckuckskitsch erholen. Auf den kurvigen Etappen hinauf zum Feldberg oder zum Kandel ist der Oldie auch ohne Servolenkung in seinem Element. Mit seinen 231 PS lief er schon Mitte der 80er-Jahre stolze 245 km/h Spitze. Für viele Fans der Marke war der Elfer nie so gut in Form wie in der Zeit vor 1989. Top-Exemplare erzielen heute viel höhere Preise als der aufgedunsene Nachfolger 964. Der Carrera der Modelljahre1984 bis1989 gilt unter Kennern als der 911 mit den besten Langzeitqualitäten. Laufleistungen von mehr als 300.000 Kilometern sind keine Seltenheit. Die Gebrauchtwagenpreise haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Topgepflegte Coupés der letzten Baujahre werden für mehr als 50.000 Euro gehandelt, Speedster im Turbolook auch für das Doppelte.

Mit Klassikern kennt sich auch Dr. Johannes Graf bestens aus. Als stellvertretender Direktor des Deutschen Uhrenmuseums in Furtwangen muss er entscheiden, ob es ein Modell in die Sammlung schafft oder nicht. Zu den Exponaten gehören banale Alltagsuhren ebenso wie die berühmte Hans-Lang-Uhr von 1986. Auf 38 Zifferblättern zeigt sie neben der Uhrzeit astronomische und kalendarische Angaben wie den Sternenhimmel oder den Lauf der Planeten um die Sonne. Die könnten tatsächlich aus der Bahn geraten, wenn sich bestätigt, was Graf herausgefunden haben will: "Die Kuckucksuhr wurde gar nicht im Schwarzwald erfunden. Auch wenn das keiner hören will." Wie bitte?

Der Kuckuck ist ein Sachse

"Die Leute erzählen das seit 200 Jahren. In Wahrheit befand sich bereits 1629 in Dresden eine Kuckucksuhr in kurfürstlichem Besitz, sie ist also viel älter als die ersten bekannten Schwarzwald- Kuckucksuhren." Das ließe sich anhand neu aufgetauchter Dokumente eindeutig belegen. Der Kuckuck – ein Sachse! In Kürze wollen die Forscher mit dieser Sensation an die Öffentlichkeit gehen.

Ein herber Schlag für eine stolze Branche, die ihre besten Zeiten lange hinter sich hat. 1958 machte die Uhrenindustrie in Südbaden und Württemberg 490 Millionen Mark Umsatz und gab 35.000 Menschen Arbeit. Namen wie Kienzle oder Junghans hatten weltweit einen guten Klang. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Die Produktion in Deutschland ist zu teuer, die Innovationen kommen aus Fernost. Eines werden die Asiaten allerdings nie kopieren können: die original Schwarzwälder Kuckucksuhr. Die hat ein Gehäuse aus handbearbeitetem Lindenholz, ein Werk aus Messing und einen mechanischen Blasebalg, aus dem Luft in zwei echte Orgelpfeifen strömt: Kuck-kuck! Bei 100 Euro geht es los, mit aufwendigen Schnitzereien kann das gute Stück schon mal 1500 Euro oder mehr kosten. Das sollte einem der Standort Deutschland schon wert sein.

Streckeninfos Die Deutsche Uhrenstraße führt über eine Länge von rund 320 Kilometern durch den mittleren und südlichen Schwarzwald, vorbei an Uhrenfabriken, Uhrmacherwerkstätten, Ateliers von Schildermalern und Museen. Die reizvolle Landschaft lockt mit schindelgedeckten Bauernhöfen, klaren Forellenbächen, saftigen Bergwiesen, dunkelgrünen Wäldern, pittoresken Dörfern und heimeligen, kleinen Städten. Typische kulinarische Köstlichkeiten sind Schwarzwälder Schinken, herzhaftes Bauernbrot aus dem Holzofen, Zwetschgen- oder Kirschwasser und natürlich die weltberühmte Schwarzwälder Kirschtorte.

Im "Café zum g'scheiten Blick" gibt es außer Schwarzwälder Kirschtorte auch eine kleine Motorradsammlung.



Café zum g'scheiten Beck, Bahnhofstraße 3, 79868 Bärental, Tel. 07655/ 341. Bäckerei-Café, Schnapsbrennerei mit Schnapsverkostung, kleines Museum mit Destillieranlagen und alten Motorrädern wie Horex, Heinkel, NSU. www.gscheiter-beck.de.

Action Forest, Neustädter Straße 41, 79822 Titisee, Tel. 07651/ 936 59 77. Klettergarten für die ganze Familie, verschiedene Schwierigkeitsgrade, "Skifox" simuliert den 200-Meter-Flug von einer Skisprungschanze. www.action-forest.de.

Eisenbahnmuseum Trossingen, Christian-Messner-Straße 2, 78647 Trossingen, Telefon 07425/ 94 02 57 oder 07425/ 250. Jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. www.trossinger-eisenbahn.de.

Gasthof Engel, Schützenstraße 1, 78147 Vöhrenbach. Tel. 07727/ 70 52. Herausragende regionale und internationale Küche (!), zivile Preise; Montag und Dienstag geschlossen.www.engel-voehrenbach.de.

Autor: Matthias Moetsch

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