Deutsche Strecken entdecken, Teil 5

Deutsche Strecken entdecken: Die Glasstraße Deutsche Strecken entdecken: Die Glasstraße

Deutsche Strecken entdecken, Teil 5

— 29.08.2006

Auf die glasharte Tour

Letzte Folge der AUTO BILD-Serie: Im Glas über die Glasstraße. Das zerbrechliche Goggomobil schafft neue An- und Einsichten. Und die Glasstraße macht ihrem Namen alle Ehre.

Im Glas zum Glas ist glashart

40, 30, 20 km/h – die kurze Steigung von Spiegelau nach Klingenbrunn wird fürs Glas Goggomobil zum Mount Everest. Der jaulige 250er-Motor im Heck des kleinen Coupés mag nicht mehr. Seine Tonlage wird dumpfer. Wie ein sterbender Revolverheld, der seine letzten Worte stöhnt, röchelt es den Anstieg empor. Dreizehn Prozent steht auf dem Schild am Straßenrand. Jetzt muss sogar der erste Gang rein: klong!

Heiser kreischen 13,6 PS im Heck auf und schieben den Goggo tapfer bergan. Trotzdem zittert seine Tachonadel weiter nach links: 15, 10, 5 km/h – oh Mann, gleich ist Schluss. Gleich steht er. Oder fährt rückwärts. Die blaue Zweitaktfahne überholt jedenfalls schon mal. Im Glas zum Glas ist eine glasharte Tour: 250 Kilometer schlängelt sich die Glasstraße durch den Bayerischen und Oberpfälzer Wald. Von Passau im Süden bis Waldsassen im Norden. Immer dicht an der tschechischen Grenze entlang.

Nein, er ist nicht vom Karrusell gefallen. Das Glas Goggomobil TS 250 kam 1957 auf den Markt.

Museen, Fabriken, Galerien, Werksverkäufe, Installationen, Fachschulen – auf der Route dreht sich alles um drei Themen: Glas, Glas, Glas. Glas als Gebrauchsgegenstand, als Kunstobjekt und als Bauteil für Präzisionsgeräte. überall Glas. Das Gebiet zwischen Donau und Waldnaab ist nicht nur Wiege dieses Industriezweigs, sondern auch das größte zusammenhängende Waldgebirge Mitteleuropas. Klar, ein besseres Gefährt als das Glas Goggomobil TS 250 gibt es für eine Reise in diese Region nicht. Zumindest, wenn man sie im Flachland plant.

Hier, wo sich Waldwogen aus Fichten, Föhren und Farnen dem winzigen Wirtschaftswunderwagen entgegenstemmen, sieht die Sache anders aus. Zum Glück naht die Kuppe. Die Rampe wird flacher. Der Zwerg nimmt Fahrt auf und stürzt sich in die Senke. Noch zwölf Kilometer bis Freyung. Dort macht bei Weinfurtner ein Glasbläser dicke Backen. "Drehen, immer drehen", erklärt er seinen staunenden Zuschauern, während er die honigzähe, rot glühende Masse mit einer Zange zu Schwänen, Delfinen und bunten Kugeln formt.

Zum Geldausgeben verführen

Kitsch oder Kunst? Der Preis gibt die Antwort: ab 4,90 Euro. Wer Wertvolles will, wird in Zwiesel fündig. "Eine geschliffene Vase kostet 2000, Einzelstücke 8000 Euro", sagt Max von Schnurbein, Geschäftsführer der Kristallglasmanufaktur Theresienthal. Der 1421 gegründete Betrieb wird von der BMW-eigenen Eberhard-von-Kuenheim-Stiftung unterstützt und beherbergt auch ein sehenswertes Museum. In dem ergreifen gern Politiker das Wort. "Wir müssen die Leute verführen, bei uns Geld auszugeben", sagt die Zweite Bürgermeisterin Heidi Hackl. "Großparkplatz und ein attraktiver Garten müssen her." So reden Zwieseler, wenn sie im Rathaus sitzen.

Glas für Schumi: Joska fertigt teure Trophäen für Formel-1-Sieger.

Natürlich ist Hackl in der CSU, die hier traumhafte Wahlergebnisse einfährt wie einst die Kommunistische Partei ein paar Kilometer weiter östlich. Wie ein unternehmerfreundliches Fremdenverkehrskonzept aussieht, ist in Bodenmais zu erfahren. Direkt an der Bundestraße 2132 geht's zu wie Samstags bei Ikea. Kinderland, Biergarten, gläserne Destille, Schnäppchenmarkt – mit marktschreierischem Getöse wird die Joska Glaswelt inszeniert. Spezialität des Großbetriebs sind Sporttrophäen, natürlich aus Glas. Auch Formel-1-Star Michael Schumacher durfte sie schon in die Höhe recken. "Ist der vom Karussell gefallen?", fragt ein Knirps beim Anblick des Goggomobils. Danke und tschüs.

Längst hat der Tourismus das Glasmachen als wichtigsten Wirtschafts und Beschäftigungsfaktor abgelöst. Von 3000 Arbeitsplätzen im gläsernen Winkel rund um Zwiesel sind heute noch etwa 900 im Traditionshandwerk übrig geblieben. Wegziehen will Ramona Wenzl trotzdem nicht. "Ich liebe meine Heimat", sagt sie mit fester Stimme. Solche Sätze gehören einfach zu ihrem Amt, und sie klingen sogar überzeugend. Vor einem Jahr wählten Lokalzeitungsleser die 21-jährige Studentin zur Glaskönigin. Als wenig später erotische Kalenderfotos von ihr auftauchten, hatte Zwiesel eine pikante Provinz-"Porno"- Posse.

Technische Daten und Routenplaner

Nur ein Sturm im handgeblasenen Wasserglas. In Riedlhütte, ein paar Kilometer südlich, ist von der Aufregung um Ramona nichts zu spüren. Im Gegenteil: Bei Nachtmann scheint die Zeit zu stehen. Werktor, Pförtnerloge und die Uhr davor sehen aus wie in den 70ern. Seit Jahren ist die Bleikristallfertigung defizitär. Gute Nacht, Nachtmann? Noch hat die österreichische Mutter Riedel das Licht nicht ausgeknipst. Doch Geld gibt's nicht. Irgendwie hat das auch was Gutes: So bleibt der nostalgische Charme der Fabrikhallen erhalten.

Kräftig investiert dagegen hat Otto Lankes in seine "Kaffeestub'n", nur wenige Schritte die Straße runter. Balkendecke von 1653, Uralt-Kachelofen sowie Dutzende historische Kaffemühlen und -kannen versetzen Besucher ins vergangene Jahrhundert. Als Lankes den Goggo erblickt, ist er nicht zu halten. "So einen habe ich auch. Ich hole ihn schnell", sprüht er vor Begeisterung. Nicht zu fassen: Nach fünf Minuten knattert tatsächlich ein rotes Coupé mit hellem Dach, Weißwandreifen, Sonnenschutz und verchromter Auspufftatze auf den Hof.

Goggo-Treffen: Otto Lankes (rechts) fährt das rote Coupé.

Und in Frauenau noch mal das Gleiche: "Der da hat auch einen Goggo", sagt die Tankstellen-Kassiererin und zeigt aufs Haus gegenüber. Die Säulen mit 1:50- und 1:25-Gemisch hat sie aber nicht für die Auto-Zweitakter aufgestellt, sondern sie versorgen hauptsächlich die Kettensägen der Waldarbeiter. Die Glasstraße macht ihrem Namen eben alle Ehre. Jede Menge Glas und viele Glas Goggomobile.

Glas Gogomobil TS 250

Das Goggo Coupé kam zwei Jahre nach der Limousine 1957 auf den Markt. Bis 1964 waren die Türen hinten angeschlagen. Der TS 250 leistet 13,6, TS 300 14,8 und TS 400 sogar 20 PS. Vater des Goggos ist Glas-Ingenieur Karl Dompert, der 1953 für die Enkel des Firmengründers einen Motorroller zum Mini-Zweisitzer umbaute. Bis 1969 verkaufte Glas 66.511 Stück. Neupreis des hier gezeigten Goggos (Bj. 67): 3995 Mark. 1966 wurde Glas von BMW übernommen.

Der Zweizylinder leistet 13,6 PS und verbraucht sechs Liter 1:25-Gemisch auf 100 Kilometer.

Technische Daten Zweitakt-Zweizylinder • Hubraum 247 cm3 • 13,6 PS bei 5400 Nm • max. Drehmoment 20 Nm bei 4400/min • Hinterradantrieb • Vorderradaufhängung an Querlenkern und Schraubenfedern, hinten Pendel-Schwingachse • unsynchronisiertes Vierganggetriebe • hydraulische Trommelbremsen rundum • Länge/Breite/ Höhe 3035/1370/1235 mm • Reifen 4.80-10 • Leergew. 480 kg • Spitze 84 km/h • Verbrauch 6 l/100 km.

Die Glasstraße

49 ostbayrische Orte haben sich zur Glasstraße zusammengetan. Südlichste und größte Stadt ist Passau. Viele Sehenswürdigkeiten konzentrieren sich um Zwiesel und in der Region nördlich von Weiden. Besucher können die Herstellung edler Trinkgläser, traditionellen Jugendstilglases, funkelnder Kronleuchter, fantasievollen Lampenglases und Unikate wichtiger Künstler verfolgen.

Die Quarzsandvorkommen der Region lieferten den wichtigsten Grundstoff. Heute wird er chemisch hergestellt. Bei 1500 Grad mit Kalk und Soda oder Pottasche verschmolzen, entsteht eine zähe Masse, die gegossen, gezogen, gewalzt, gebogen und vor allem geblasen wird. Am Ende steht die kontrollierte Abkühlung. Sie dauert mehere Stunden oder gar Tage.

Hersteller von Auto- und Brillenglas wie Schott und Rodenstock betrieben Fabriken entlang der Glasstraße. Zudem bietet das Mittelgebirge Wanderern, Mountainbikern und Anglern ideale Möglichkeiten. Im Winter locken Langlaufloipen. Stellenweise gibt es Alpine Abfahrten. Mehr dazu unter dieglasstrasse.de.

Entlang der Route


• Technikinteressierte finden in Jandelsbrunn die Oldie-Motorrad-Sammlung von Gertraud und Erich Rosenberger. Anmeldung unter Telefon 08581/ 694. Bäuerliche Geschichte inklusive nostalgischer Traktoren und Ackergeräte zeigt das Niederbayrische Landwirtschaftsmuseum in Regen. Eintritt: Erwachsene 2,50 Euro, Schüler ein Euro. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17 Uhr. nlm-regen.de.

Lebenswerk: In Jandelsbrunn hat das Ehepaar Rosenberger mehr als 100 Motorräder und Roller restauriert.

• Glas Museum Frauenau, Am Museumspark 1, 94258 Frauenau, Tel. 09926/ 94 10 20, Mo.–Fr. 9–17 Uhr, Sa./So.10–16 Uhr, Eintritt: Erwachse fünf, Kinder 2,50 Euro. glasmuseum-frauenau.de. • Glasmanufaktur Theresienthal, Theresienthal 25, 94227 Zwiesel, Tel. 09922/ 10 30, Hüttenbesichtigung: Mo.–Do. 10–14 Uhr, Fr. 10–13 Uhr, Lagerverkauf: Do./Fr. 12–16.30 Uhr, Sa. 10–16 Uhr. theresienthal.de. • F.X. Nachtmann Bleikristallwerke GmbH Werksverkauf, Glashüttenstraße 1, 94566 Riedlhütte, Tel. 08553/ 25 24 30, Mo.– Fr. 10–17 Uhr, Sa. 10–13 Uhr; Führungen nach Vereinbarung.

• Gläserner Wald, Burgruine Weißenstein, Dichterturm liegen oberhalb (775 Meter N.N.) der Stadt Regen: Schnupftabakdosen-Sammlung, Burglehrpfad zum Thema Quarz und Ausgrabungsobjekte. Auf 2000 Quadratmetern wird der Bayerwald aus grünem, blauen und weißem Glas nachgestellt. Gewinner des Glasstraßenpreises 2002, Öffnungszeiten: täglich 10–16.30 Uhr, Eintritt: Erwachsene zwei Euro, Kinder 0,50 Euro. glaeserner-wald.de.

• Kaffeestub'n Riedlhütte, Hammerberg 2, 94566 Riedlhütte, Tel. 08553/ 67 35, beliebter Treffpunkt, hausgemachte Kuchenspezialitäten und Liköre, liebevoll eingerichtet mit historischem Baumaterial, angekohlte Holzbalkendecke, nostalgische Kaffeemühlen und -kannen, Musik kommt aus Röhrenradio, kaffeestubn-riedlhuette.de.

Autor: Jörg Maltzan

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