Deutschlands Top 200, Folge 3: Citroën DS

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Deutschlands Top 200, Folge 3: Citroën DS

— 26.07.2005

Der Himmel auf Erden

Hinter einer unscheinbaren Hofeinfahrt beginnt eine märchenhafte Welt: Ein Düsseldorfer restauriert alte Citroën DS – und hat für die Göttin eine Werkstatt mit herrlich altmodischem Charme geschaffen.

Eine Göttin, die vom Himmel fiel

Die Göttin lebt versteckt. Nur eine winzig kleine Hofeinfahrt führt zu ihr, und auch das schlichte Firmenschild mit der Aufschrift "Citroën DS-Handel Dirk Sassen" ist auf den ersten Blick kaum zu entdecken. Nichts hier draußen in der Düsseldorfer Benrodestraße 61 deutet darauf hin, daß sich hinter dem braun-beigen Eingangstor der Himmel auf Erden erschließt. Zumindest für jeden, der auch nur einen Funken automobiler Leidenschaft besitzt.

Gleich hinter dem Tor steht die erste Göttin. Direkt neben ihr die zweite. Dort die dritte, die vierte, ach was, über zehn Stück müssen es sein. Manche sind verwittert, verblichen, verbeult. Andere sehen so neu aus, als hätten sie eben erst das Licht der Welt erblickt.

1955 wurde die DS von Citroën (für Liebhaber "La Déesse", die Göttin) auf dem Pariser Autosalon vorgestellt. Als Nachfolgerin des altertümlichen Traction Avant war sie eine Revolution, eine Sensation, eine Kühnheit im Design, ein Wunder der Technik. "Die DS ist offenkundig vom Himmel gefallen", schwärmte der Philosoph Roland Barthes über die von Designer Flaminio Bertoni und Konstrukteur André Lefèbvre modellierte Französin. Man erzählt sich, daß schon in der ersten Stunde des Pariser Salons 750 Bestellungen bei Citroën eingingen. Nach einem Tag waren es 12.000. Am Ende der Autoausstellung 80.000.

Leidenschaft, nach der man suchen muß

Hier bei uns in der Bundesrepublik wurden zwischen 1957 und 1975 insgesamt 87.058 Einheiten der DS und ihrer einfacheren Schwester, der ID, zugelassen. Das bringt sie auf Platz 177 in "Deutschlands Top 200", der ewigen Bestenliste von AUTO BILD.

Daß die Göttin nicht trotzdem schon lange auf dem Rosthaufen der Geschichte steht, dafür sorgt (unter anderem) DS-Spezialist Sassen. Und wer seine Werkstatt besucht, der betritt eine andere Welt. An den Wänden hängen vergilbte französische Werbeplakate und alte Nummernschilder. Man hört das Hämmern auf Blech und die Musik aus dem Radio, überall liegen alte Teile. Es ist eng, verwinkelt und riecht nach Öl.

Keine dieser durchdesignten neumodischen Werkstätten, wo man zwar vom Boden essen kann, aber niemand mehr weiß, wie man ein Getriebe auseinanderbaut. Nein, das hier hat einen herrlich altmodischen Charme. "Ein edler Showroom würde gar nicht zu uns passen", sagt Dirk Sassen.

Der Zwei-Meter-Mann trägt Wollpulli und Stoppelhaare. Er verkörpert eine Leidenschaft, nach der man heutzutage lange suchen muß. Seine Biographie in Kurzform: Als Kind auf der Rückbank einer DS 21 großgeworden, Metzgermeister gelernt, Fahrzeugtechnik studiert. Mitte der 80er Jahre die erste DS gekauft, 1992 die erste Werkstatt aufgemacht. 1997 umgezogen und immer mehr Personal eingestellt. Heute hat Sassen acht Mitarbeiter, und auch sie machen hier viel mehr als nur ihren Job. "Die fahren selbst alle DS und verbringen ihren Urlaub am liebsten in Frankreich."

Größte Herausforderung: der Rost

Dort findet Sassen auch seine Autos. Nicht nur, weil es das Mutterland der Göttin ist, sondern auch, weil dort im Winter weniger Salz gestreut wird als hier und das Klima milder ist. Sassens Grundsatz: "Wir suchen ausschließlich unrestaurierte Autos, an denen noch nichts verbastelt wurde."

Verrostet und verbeult, wie sie sind, treten die Wagen dann den Kunden gegenüber. Erst wenn sich jemand für eines der 20 Modelle, die immer vorrätig sind, entschieden hat, beginnt die Restaurierung. Oder sagen wir: Der vollständige Neuaufbau, denn vom Original bleibt im Prinzip nur das Grundgerüst. "Da man mit der Hohlraumkonservierung erst in den 70er Jahren angefangen hat, ist die größte Herausforderung bei der DS der Rost", so Sassen. Die Wiederbelebung einer Göttin dauert etwa ein Jahr und kostet um die 25.000 Euro. Zwölf Monate Garantie sind inklusive, die zweistündige Einweisung auch.

Denn für DS-Neulinge kann das alles ganz schön verwirrend sein: Der kleine runde Pilz im Fußraum zum Beispiel, der bei vielen Modellen das Bremspedal ersetzt. Der hinter dem Lenkrad positionierte Schalthebel, über den man bei der Halbautomatikversion auch den Motor anläßt. Das kleine Loch im Nummernschild, über das man die DS im Notfall auch ankurbeln kann. Und natürlich die sagenhafte Niveauregulierung.

Auf Wunsch auch MP3-Player und Navi

Ein hydraulisches Hochdrucksystem sorgt zusammen mit Gasfederkugeln für die großartige Straßenlage, für die die Göttin so berühmt ist. Außerdem unterstützt es Lenkung, Bremsanlage sowie Schaltung. Und gilt, meint zumindest Sassen, zu Unrecht als schwer durchschaubar.

"Für Experten ist die Hydraulik gar nicht so komplex, wie man immer denkt." Vorausgesetzt, man beachtet folgende Farbenlehre à la Citroën: Die rote Hydraulikflüssigkeit der ersten Generation griff die Leitungen von innen an, die grüne Flüssigkeit der späteren Modelle war dagegen weitgehend problemlos. Die meisten Kunden wissen aber sowieso genau, was sie wollen – meistgekaufter Jahrgang ist die DS von 1968/69.

Da hatte sie schon die neue Front mit den hinter Glas gelegten Doppelscheinwerfern (und bei einigen Modellen sogar mitlenkendes Fernlicht), aber noch das schöne, geschwungene Armaturenbrett mit dem Bandtacho. Sassen selbst ist da flexibel: Auf Wunsch baut er in die DS auch einen Anschluß für den MP3-Player ein. Oder Sitzheizung und Navigationssystem. Nur bei der Außenansicht läßt der Düsseldorfer nicht mit sich reden: "Wir lackieren grundsätzlich nur in den Originaltönen." Alles andere wäre nun doch ein bißchen zu würdelos – für eine wahre Göttin.

Technische Daten: Reihen-Vierzylinder • Verdichtung 8,75:1 • Zwei Ventile je Zylinder • Wasserkühlung • Hubraum: 2332 cm3 • Registervergaser • 110 PS bei 5500/ min • Frontantrieb • vollsynchronisiertes Fünfgang-Getriebe • hydropneumatische Einzelradaufhängung vorn und hinten • Drehstab-Stabilisatoren vorn und hinten • Hochdruck-Bremsen, vorn Scheiben, hinten Trommeln • Tank 65 l • Maße: Länge 4870/ Breite 1800/ Höhe 1470 mm • Reifen 180 HR15 XAS • Leergewicht 1300 kg • Höchstgeschwindigkeit: 179 km/h

Autor: Alex Cohrs

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