Deutschlands Top 200, Folge 6: DAF 66

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Deutschlands Top 200, Folge 6: DAF 66

— 27.07.2005

Das Rückwärts-Rennen

In der Theorie fährt der DAF 66 rückwärts so schnell wie vorwärts. In der Praxis auch? AUTO BILD bittet den kleinen Holländer zum Duell.

Schwerstarbeit für den Rückwärts-Profi

Nie im Leben geht das gut. Dafür quietschen die schmalen 13-Zoll-Reifen schon viel zu laut. Dafür schwankt der Aufbau des 765 Kilo leichten Wagens viel zu stark. Und dafür ist der Platz bis zur Boxenmauer einfach viel zu knapp. Kurzum: Am Ende der Zielgeraden steht der DAF 66 böse auf der Kippe.

Hinterm Steuer verrichtet Rolf Merkel (54) Schwerstarbeit. Der Erste Vorsitzende des 150 Mitglieder starken DAF-Club Deutschland kurbelt am Lenkrad. Redet beruhigend auf seinen Kleinwagen ein. Und schafft, was jemand ohne Merkels jahrzehntelange DAF-Routine wohl nicht hinbekommen hätte: Er bringt das schleudernde Auto sicher zum Stehen. Mit zitternden Beinen, aber ohne Blessuren.

Man merkt: Der Mann ist Profi. Hat das alles schon mal gemacht. Weiß, wieviel Feingefühl man in solchen Situationen braucht. Und konnte deshalb auch einen lockeren Sieg herausfahren, bevor es zu dieser heiklen Situation hinter der Ziellinie kam. Und zwar in einer Disziplin, für die sein DAF geschaffen ist wie sonst keiner: Rückwärts-Rennen.

Einst ein Frauen- und Rentnerauto

Sie erinnern sich vielleicht: DAF 66, das war diese recht unscheinbare Kiste aus Holland, die 1972 auf den Markt kam und hier bei uns den Ruf hatte, vor allem ein Auto für Frauen und Rentner zu sein. Sie folgte auf den DAF 55 und wurde später als Volvo 66 verkauft, nachdem die Schweden die Pkw-Sparte von "Van Doornes Aanhangwagen Fabriek" (kurz DAF) übernommen hatten. 117.035 Einheiten inklusive DAF 33, 44 und 55 wurden in der Bundesrepublik verkauft. In unserer ewigen Bestenliste "Deutschlands Top 200" macht das Platz 146.

Zugegeben: Außen war der DAF 66 furchtbar bieder, innen aber seiner Zeit weit voraus. Wegen der stufenlosen Automatik, die bei DAF "Variomatic" hieß. Sie war gewissermaßen der Urahn des heutigen CVT-Getriebes (wie zum Beispiel im Honda Jazz), arbeitete mit Kegelrädern und Gummiriemen und wählte in jeder Situation stets die beste Übersetzung. Mit ihr konnte der DAF rückwärts so schnell wie vorwärts fahren, und das sind immerhin 145 Kilometer pro Stunde. Theoretisch jedenfalls.

Duell mit "Tiefflieger" Audi TT 3.2 quattro

Wie es in der Praxis aussieht, wollen wir selbst ausprobieren und haben Merkel und seinen DAF 66 in den Motopark Oschersleben gebeten – zum Duell gegen ein Audi TT Coupé 3.2 quattro. Fast schon kein Auto mehr, eher ein Tiefflieger ohne Tragflächen. Mit V6-Motor, 3189 cm3 Hubraum, 250 PS und 320 Nm maximalem Drehmoment. 39.900 Euro kostet dieser Traum auf Rädern in der Basisausführung. Für das gleiche Geld könnte man vermutlich 50 alte DAF kaufen.

Aber in Oschersleben zählt das heute alles nicht. Hier kann Rolf Merkel seinen kleinen Holländer ganz groß rausbringen. Schon beim Einzelzeitfahren, in dem wir mit Hilfe eines optischen Sensors die Spitzengeschwindigkeiten messen. Sanft schiebt der Telekom-Bedienstete den schmalen Hebel zu seiner Rechten nach hinten. Schraubt sich aus dem Fahrersitz und dreht den Kopf in Richtung Heckscheibe. Nimmt den Fuß von der Bremse und tritt das Gaspedal voll durch. Der DAF beschleunigt auf 72,8 km/h. "Vielleicht wäre noch mehr gegangen", sagt Merkel nach der Messung, "aber da wurde es mir einfach zu gefährlich."

Schließlich reicht beim (schnellen) Rückwärtsfahren schon ein kräftiger Windstoß, eine Unebenheit in der Fahrbahn, eine falsche Lenkbewegung aus, um den Wagen instabil zu machen – wie sich später ja auch zeigen wird. Aber jetzt ist erst mal der Audi TT dran. Schon in 3,4 Sekunden hat er 59 km/h erreicht, dabei macht er aber auch ein derart schlimmes, singendes Geräusch, daß man auf der Stelle Zahnschmerzen bekommem könnte. Schneller als diese 59 km/h wird er im Übrigen auch nicht mehr – der Drehzahlbegrenzer macht dann Schluß, um den Motor vor Überlastung zu schützen.

Über Tempo 70 mit dem Heck voran

Klarer Sieg für den DAF also. Rolf Merkel lächelt. Er ist seit seiner Jugend vom DAF-Virus befallen. Er hat der Marke in all den Jahrzehnten die Treue gehalten, und das liegt vor allem an der Variomatic: "Schalten habe ich schon in der Fahrschule gehaßt." Aber auch daran, daß diese Variomatic über- oder untertouriges Fahren verhindert und den Motor ewig leben läßt. "Als ich als junger Mann bei der Bundeswehr war, bin ich im DAF jedes Wochenende 1200 Kilometer gefahren. Das hat ihm nie etwas ausgemacht", berichtet Merkel.

Aber zurück nach Oschersleben. Beide Autos treten jetzt im direkten Vergleich gegeneinander an, und auch hierbei hat der DAF das Heck vorn, durchfährt die Ziellinie mit einer Wagenlänge Vorsprung. Zugegeben: Volles Tempo sind beide Fahrer diesmal nicht gegangen, das wäre auf der engen Strecke viel zu gefährlich gewesen – und war angesichts der auf die Zieldurchfahrt folgenden Schleuderpartie ja auch eine weise Entscheidung.

Wir wollen es deshalb vorsorglich noch mal mit aller Deutlichkeit sagen: Mit hohem Tempo rückwärts zu fahren ist wirklich kein Kinderspiel, da kann man mit einer falschen Lenkbewegung riesengroßes Unheil anrichten. Ungeübte sollten das also seinlassen, auf öffentlichen Straßen sowieso. Hat schließlich nicht jeder so eine Erfahrung wie Rückwärts-Könner Merkel ...

Technische Daten DAF 66 GL Marathon Reihen-Vierzylinder • 2 Ventile pro Zylinder • Hubraum 1100 cm3 • Verdichtung 10:1 • Leistung 42 kW (55 PS) bei 5600/min • max. Drehmoment 74,5 Nm bei 3000/min • Heckantrieb • Variomatik • Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten • Kofferraumvolumen 360 Liter • Tankinhalt 42 Liter • Länge/Breite/Höhe 3875/1520/1440 mm • Reifen 155 SR 13 • Leergewicht 765 kg • Vmax 145 km/h

Autor: Alex Cohrs

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