Deutschlands Top 200, Folge 7: Lada 1200

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Deutschlands Top 200, Folge 7: Lada 1200

— 12.08.2005

Rotes Eisen

Rot wie der Osten und hart wie Eisen: der Lada 1200. Seine Fans halten ihm auch im 36. Produktionsjahr die Treue – zum Beispiel beim "größten Lada-Treffen der Geschichte".

Burlo in Westfalen statt Comer See

Von Hermann J. Müller Oldtimer-Treffen können ganz schön elitär sein. Zum Concorso d'Eleganza im italienischen Cernobbio beispielsweise trifft sich der europäische Geld- und Autoadel an den Gestaden des Comer Sees. Berauscht sich an perlenden Getränken und prunkvollen Karossen. Labt sich an getrüffelten Teigwaren und gehätschelten Triebwerken. Und nächtigt in der Villa d'Este, einem der mondänsten Hotels Europas.

Es geht aber auch ganz anders: "Ladas aller (Bundes-)Länder, vereinigt Euch!" rief Christian Gooßen im Frühjahr ins Internet und lud zum "größten und längsten Lada-Treffen der Geschichte". Nicht an den Comer See, sondern in die Pater-Arnold-Straße nach Burlo in Westfalen. Bat um Anmeldung ("wegen Grillkohle und so") und hoffte auf "das längste und größte Lada-Treffen der Geschichte".

Am Pfingstwochenende war es soweit. Sie kamen aus Leipzig und Lübeck, aus den Niederlanden und Österreich. Bezogen Quartier in einer schnuckeligen Zeltstadt bei Christian im Garten – und manche mochten sogar nächtens nicht von ihren Liebchen (auf russisch: Lada) lassen, sondern betteten sich in ihnen. Wie Ferry aus dem rheinischen Leichlingen.

"Ein Lada war für mich wie ein West-Auto"

Der Ingenieur im Vorruhestand liebt seinen Samara trotz anfänglicher Probleme. Als er ihn kaufte, "war ein Putzlappen im Tank, und nach 3000 Kilometern fiel die Fensterkurbel ab". Dann war Ruhe. Heute hat das gute Stück 120.000 Kilometer auf der Uhr, "und nie eine Werkstatt von innen gesehen".

Auch Martin aus Potsdam schwört auf russische Wertarbeit. Der 29jährige, beruflich mit einem 40-Tonner im Fernverkehr tätig, war schon zu DDR-Zeiten ein Fan der Marke: "Ein Lada war für mich wie ein West-Auto." Ein Airbag reicht ihm, Servolenkung und Klimaanlage braucht er nicht, aus gutem Grund: "Wo nischt dranne ist, kann nischt kaputtgehn." Und das, was dran ist, hält beinahe ewig.

Martins Forma, die seltene Stufenheckversion des Samara, hat schon 200.000 Kilometer hinter sich, sieht aber immer noch flott aus – und technisch ist auch noch alles in Schuß. Selbst Verschleißteile wie Stoßdämpfer, Kupplung oder Lichtmaschine mußten noch nie gewechselt werden. Martin hat dafür eine Erklärung: "Wo die anderen Hersteller Plastik oder Alu nehmen, ist beim Lada Eisen. Das hält."

"Die Russen kommen", warnte der ADAC

So sieht es auch Organisator Christian Gooßen. Nach ersten automobilen Erfahrungen mit einem Triumph GT6, einem Simca 1100 und einem Fiat 131 ("der war ja schon nahe dran") stellte ihm das Schicksal einen Lada vor die Tür: Eines Tages blieb einer vor seinem Haus liegen. Gooßen lieh dem Besitzer einen Hammer und lernte: "Bei dem Auto konnte man damit noch was bewirken."

Bei "dem Auto" handelte es sich um das Original. Nicht um einen der zeitgeistig-gestylten Nachfahren aus der Samara-Sippe, sondern um den Ur-Lada, der in der Sowjetunion auf das schlichte Kürzel 2101 hörte und im restlichen Ostblock Shiguli hieß. Im Westen kannte man ihn schon seit 1966 als Fiat 124, der seinerzeit als Musterbeispiel modernen Automobilbaus galt: schnörkellos geformt, mit simpler Technik und schlichten 60 PS, aber von hohem Nutzwert.

Damit war er genau das richtige Auto für die Weiten Rußlands, die es zu befahren galt. Die Produktion in Togliatti startete 1970. Ein paar Jahre später rollten die ersten Exemplare nach Deutschland. "Die Russen kommen", warnte damals schaudernd das ADAC-Zentralorgan.

Außergewöhnliche Reparaturfreundlichkeit

In der Werbung las sich das ganz anders: "Wie schön, daß es den Lada gibt", frohlockten die rührenden Anzeigen des Importeurs – und das schönste war sein Preis. Der Einstandskurs des Russen im Turiner Rock lag bei 6950 Mark inklusive 19teiligem Bordwerkzeug und Andrehkurbel. Ein Fiat 124 war 500 Mark teurer und einen Zentner leichter. Das Mehrgewicht beim Lada diente vor allem der Stabilität. Für die rustikalen Straßenverhältnisse in der Sowjetunion erhielt er eine verstärkte Bodengruppe, ein robusteres Fahrwerk und vor allem ein sehr viel dickeres Blech.

"Korrosionsschutz durch Materialstärke" bezeichnet Christian Gooßen als eine der besonderen Qualitäten des Ur-Lada. Das riesige, spindeldürre Lenkrad stört ihn ebensowenig wie der bei hohen Drehzahlen penetrant rasselnde Motor. Denn dafür kennt er ein probates Rezept: "Man muß ihn fahren wie einen alten 200er Diesel: spätestens bei 2500 Umdrehungen schalten."

Richtig freuen dagegen kann sich der Lada-Lover über das klassische Ponton-Design und die großen, mit Kunstleder bezogenen und weich gepolsterten Sitze, die die ansonsten kaum vorhandene Federung ersetzen. Als fast schon legendär gilt die für sibirische Temperaturen dimensionierte Heizung – und die Reparaturfreundlichkeit des Russen: Mehr als Grundkenntnisse in Elektrik und Mechanik sowie einen durchschnittlichen Werkzeugkasten braucht es nicht, um einen Lada am Laufen zu halten. Die anfallenden Kosten sind ebenfalls überschaubar. Gooßen: "Bei Kaskoklasse 10 und 30 Prozent Schadenfreiheitsrabatt kannst du nur grinsen, wenn die Versicherungsrechnung kommt: 98 Euro pro Jahr."

21 Jahre alt und erst 27.000 km auf der Uhr

Grinsen kann auch Friedel aus Lübeck. Am Pfingstsonntag rollt er die Hauptattraktion des Treffens vom Hänger: einen knallroten Kombi, der die Fangemeinde in Staunen versetzt. Zu Recht: Das kantige Kleinod hat gerade mal 27.000 Kilometer auf dem Tacho, und das hohe Alter von 21 Jahren sieht man ihm auch beim näheren Hinsehen nicht an. "Der rostet noch nicht mal da, wo sie alle rosten", staunt Christian – und als Friedel verschämt zugibt, daß er das sozialistische Sahnestück am Vortag für nur 800 Euro erworben hat, machen sich Fassungslosigkeit und ein Hauch von Neid breit. "Ich glaub's nicht", stöhnt Ferry.

Trost findet er hinten im Garten, bei Bettina Gooßen. Die Ehefrau des Organisators, unter der Woche als Heilpraktikerin tätig, kümmert sich am Wochenende um das Catering. Während in und vor der benachbarten Garage Hohlräume versiegelt und Ventile justiert werden, brutzelt die Dame des Hauses Nackensteaks auf dem Grill, serviert dazu Kartoffelsalat und teilt ansonsten die Ladaphilie ihres Gatten. Gooßen: "Sie ist zwar nicht so verstrahlt wie ich, aber die Autos mag sie auch." Klar, daß sie auch Lada fährt, aber einen modernen. Ihr Nova des Jahrgangs 1997 repräsentiert die derzeit letzte Evolutionsstufe des Fiat 124. Auf die nächste sind wir schon jetzt gespannt ...

Technische Daten Lada 2101 (1973) • Vierzylindermotor, vorn längs eingebaut • eine obenliegende Nockenwelle • zwei Ventile pro Zylinder • Fallstrom-Registervergaser • 1198 cm3 • 44 kW (60 PS) bei 5600/min • maximales Drehmoment 89 Nm bei 3400/min • Vierganggetriebe • Heckantrieb • Dreieckquerlenker vorn, Starrachse hinten • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Länge/Breite/Höhe 4070/1610/1380 mm • Reifen 155 SR 13 • Leergewicht 945 kg • Spitze 142 km/h

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