Die Achtzylinder von Morgan

Morgan Aero 8 gegen Morgan Plus 8 Morgan Aero 8 gegen Morgan Plus 8

Die Achtzylinder von Morgan

— 23.09.2003

Fortschritt auf Englisch

Zwei Morgan, eine Philosophie: Der archaische Plus 8 tritt gegen den skurrilen Morgan Aero 8 an. Beide stehen für Originalität. Stellt sich die Frage: Welcher Roadster passt zu welchem Spleen?

Die Zutaten sind so simpel wie genial

Egal wo du stehst: Dieser Morgan lässt dich einfach nicht los. Gemeint ist natürlich der auffällige Aero 8. Er fixiert dich wie eines dieser Öl-Porträts aus dem 16. Jahrhundert. Jeden Schritt, den du gehst, scheinen seine Augen zu verfolgen. Mal augenzwinkernd. Mal böse schielend. Frontal als aggressiver Verfolger. Von der Seite als lauernder Zyklop. Zum Aero 8 gibt es genau zwei Standpunkte: Her damit. Oder weg damit.

Ganz anders der klassische Plus 8. Hier ist alles an seinem rechten Platz: die Funzeln ordentlich sortiert wie die Hühner auf der Stange. Geschwungene Kotflügel, lange Motorhaube, steile Scheibe, kurzes Heck. Der Plus 8 enthält alle Attribute, die einen sympathischen Klassiker ausmachen. Er sieht exakt so aus, wie sich Herr Meier gemeinhin einen Oldie vorstellt.

Seit September 1968 wird der urige, rund 940 Kilo leichte Roadster mehr oder weniger unverändert im englischen Malvern Link in Handarbeit zusammengedengelt. Die Zutaten sind so simpel wie genial: Ein Kastenrahmen verleiht halbwegs Stabilität, die Karosseriebleche wölben sich über gut abgelagertem Eschenholz. Eine Einzelradaufhängung vorn mit Schraubenfedern sowie eine Starrachse mit Blattfedern hinten ermöglichen ungefilterten Bodenkontakt. Ursprünglich saß der 3,5-Liter-Rover-V8 mit 143 Vergaser-PS unter der endlosen Haube. Seit 1991 grummelt der auf vier Liter Hubraum gewachsene Aluminiummotor mit 190 Einspritz-PS vor sich hin.

Ungeübte lassen das Auto lieber gleich offen

Wer allerdings das Chaos unter der Haube gesehen hat, mag nicht glauben, dass hier ein Motor arbeitet ... Im Motorraum jedenfalls macht der jüngere Bruder den deutlich besseren Eindruck: Trotz drangvoller Enge wirkt alles akribisch aufgeräumt.

Mittlerweile Kult ist der umständliche Verdeckmechanismus des Plus 8. Erster Schritt: Steckscheiben draufschrauben. 2. Verdeckgestänge – das übrigens so aussieht wie ein Rimini-Regenschirm nach dem letzten Winter-Orkan – aufstellen. 3. Verdeck aufknöpfen. Eingefleischte Morganisten schaffen das in zwei Minuten, Ungeübte lassen das Auto lieber gleich offen.

Regenmütze aufsetzen sieht im neuen Aero 8 zwar schicker aus, dauert aber fast ebenso lang: 1. Fensterheber runter. 2. An der Aluminium-Kurbel drehen, bis sich das Verdeck etwa 30 Zentimeter anhebt. 3. Am Stoffdach zerren und zupfen, bis die Verdeckzapfen bis an die Frontscheibe reichen. 4. Feste drücken und mit den beiden Schnappverschlüssen verriegeln. Klingt irgendwie auch nach lieber offen lassen.

Fauchend, brüllend, fast schon entrüstet

Der stromlinienförmige Morgan Aero 8 (cw 0,39) ist das erste Auto der Welt, das komplett in Blechschalenbauweise aus Alu hergestellt wird. Das spart bis zu 50 Prozent Gewicht. So wiegt ein voll ausgestatteter Aero 8 mit dem serienmäßigen BMW-540i-Motor gerade mal so viel wie ein VW Lupo, nämlich rund 1000 Kilo. Ein Lupo mit 286 PS!

Unfassbar, mit welcher Power der bollernde V8 die schrille Schnauze Richtung Horizont schießt. Ruck, zuck sind die sechs Stufen im knackigen Getrag-Getriebe durchgeschaltet. Jeder Gasstoß presst dich in den weichen Ledersitz. Und du fragst, bei welchem Tempo hört diese Druck-Orgie endlich auf: bei 150, bei 180, bei 200 km/h? Theoretisch sind 250 km/h drin. Unser angegrauter Morgan Plus 8 erklimmt hingegen nur mühsam die 200-km/h-Marke. Sein Luftwiderstandsbeiwert wird vorsichtshalber gar nicht erst angegeben. Während du beim Plus 8 jede Verbrennung einzeln hörst, gleichsam als Hammerschlag, klingt der von BMW entliehene Achtzylinder im Aero 8 fauchend, brüllend, fast schon entrüstet. Langsam dahingleiten im Aero 8? Unmöglich.

Dank riesiger, 330 Millimeter großer Compound-Scheiben bremst der Morgan Aero 8 noch brachialer, als er beschleunigt. Morgan-Technik-Boss und Ex-Marcos-Entwickler Chris Lawrence hat für die Rennbremse eine eigene Philosophie: "Der menschliche Fuß ist unser ABS. Das Bremspedal wird mit zunehmendem Druck härter. So kann man bis zur Blockiergrenze den Bremsdruck extrem genau kontrollieren." Ein elektronisches Antiblockiersystem gibt es in beiden nicht. Genauso wenig wie Airbags. Nicht für Geld und gute Worte.

Glühende Füße garantiert

Technisch ist der Alu-Aero dem Plus 8 haushoch überlegen. Nehmen wir das Fahrwerk: Die modernen Doppelquerlenkerachsen machen aus dem Aero 8 den sportlichsten Morgan aller Zeiten. Er geht um die Ecke, dass ein Ferrari 360 Modena kaum folgen kann. Atemberaubende Drifts und bis zu 1,0 g Querbeschleunigung sind möglich. Dank erstaunlicher Torsionssteifigkeit klappert, rappelt und ächzt im Neuen nichts.

Ganz im Gegenteil zum Knarren, Knacken und Stöhnen des betagten Metall-und-Holzrahmen-Konzepts im Morgan Plus 8. Es ist ein bisschen wie das Knarren der Dielenböden in alten Villen. Wer es mag, will nie wieder darauf verzichten. Womit wir auch beim besonderen Charme des Plus 8 angekommen wären: Es ist dieses besondere Fahrgefühl, eine antiquierte Konstruktion zu bewegen. Ein historisches Fahrzeug mit in Details halbwegs aktueller Technik.

Im Aero 8 sind eher Innovation und Komfort angesagt. Der Innenraum wurde vergrößert und bietet jetzt sogar Zweimetermenschen ausreichend Platz. Auf den wohlgeformten Schalensitzen lässt es sich deutlich länger aushalten als auf den Ledersesseln des Plus 8. Eine Morgan-typische Eigenart verbindet beide Generationen: Bei zunehmender Motortemperatur wabert eine unglaubliche Hitzewelle – von den Pedalen und dem Getriebetunnel her kommend – Richtung Insassen. Glühende Füße garantiert.

Technische Daten im Überblick

Kein Wunder, dass Charles Morgan Plus 8 und Aero 8 parallel bauen lässt. Sind es doch zwei ganz unterschiedliche Konzepte: auf der einen Seite der Plus 8, der Cruiser für Genießer; auf der anderen Seite der Aero 8, die kompromisslose Fahrmaschine. Echte Morgan-Fans brauchen beide.

Technische Daten Morgan Aero 8 • V8, vorn längs • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 4398 cm³ • Leistung 210 kW (286 PS) bei 5500/min • maximales Drehmoment 440 Nm bei 3700/min • Hinterradantrieb • 6-Gang-Schaltgetriebe • Leichtmetall-Monocoque • rundum Einzelradaufhängung, vorn Dreieckquerlenker, hinten doppelte Dreieckquerlenker • Scheibenbremsen • Reifen 225/40 R 18 • Länge/Breite/Höhe 4120/1770/1200 mm • Radstand 2525 mm • Kofferraum 150 l • Tankinhalt 70 l • Leergewicht 1000 kg • Zuladung 300 kg • 0–100 km/h in 4,9 s • Preis 90.100 Euro

Technische Daten Morgan Plus 8 • V8, vorn längs • zentrale Nockenwelle • zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 3948 cm³ • Leistung 140 kW (190 PS) bei 4800/min • maximales Drehmoment 305 Nm bei 3500/min • Hinterradantrieb • 5-Gang-Schaltgetriebe • Kastenrahmen aus Eschenholz • Blattfedern • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Reifen 205/60 R 15 • Länge/Breite/Höhe 3950/1600/1240 mm • Radstand 2490 mm • Kofferraum 140 l • Tankinhalt 56 l • Leergewicht 990 kg • Zuladung 210 kg • 0–100 km/h in 5,7 s • Höchstgeschwindigkeit 200 km/h • Preis 57.765 Euro

Autor: Oliver Lauter

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