Die Albtraum-Rechnung

Albtraum-Rechnung Albtraum-Rechnung

Die Albtraum-Rechnung

— 08.03.2002

...und nun?

Eine Rechnung, die kein Mensch kriegen will: fast 11.000 Mark für einen normalen Golf-Tauschmotor. Die Quittung für Fehler.

54 Arbeitsstunden abgerechnet

Der Tag war gelaufen. Als Astrid Witte im Januar die Reparaturrechnung ihres 96er Golf TDI in den Händen hielt, glaubte sie zunächst an einen schlechten Witz: Fast 11.000 Mark verlangte die markenfreie Werkstatt. Nach dem ersten Schock kam die Einsicht. Schließlich hatte Kfz-Meister Gerhard B. für jeden Arbeitsschritt vorher die Erlaubnis ihres Mannes eingeholt, am Ende führte dann doch kein Weg um den Austauschmotor herum - die 48-Jährige zahlte.

Erst ein paar Monate später begann sie auf Anraten von Bekannten, die Rechnung zu hinterfragen. Doch ein zurate gezogener Anwalt hatte wohl kein Interesse, Astrid Witte zu vertreten: Die Einspruchsfrist sei bereits verstrichen und der Weg über die Kfz-Schiedsstelle nicht ratsam - Meister B. sei mit dem Vorsitzenden des Schieds-Ausschusses gut bekannt. In dieser Phase schrieb Frau Witte an uns. Und wir müssen gestehen, so eine Rechnung in den 14 Jahren seit Gründung von AUTO BILD noch nicht gesehen zu haben: 54 Stunden Arbeitslohn - in dieser Zeit lässt sich aus einer Coladose ein Neuwagen dengeln!

Doch Meister B. ist da anderer Ansicht: "Bei so einem Befund - schlechtes Startverhalten, zu wenig Leistung und Rauchentwicklung - an einem TDI muss man ganz systematisch vorgehen. Deshalb habe ich nacheinander alle Komponenten der Einspritzung geprüft, um jede mögliche Fehlerquelle auszuschließen. Im Übrigen habe ich längst nicht alle Arbeiten berechnet, sonst wäre die Rechnung noch höher ausgefallen."

Experten zu Rate ziehen

Doch gerade die systematische Vorgehensweise wagen wir zu bezweifeln, denn dann hätte der Fehler - ein verbogener Pleuel, daher zu wenig Kompression auf dem dritten Zylinder - schon in der ersten Stunde der Fehlersuche auffallen müssen.

AUTO BILD-Sachverständiger Wolf Gudlat: "Wenn ein Diesel nicht will, kommen zunächst zwei Ursachen in Betracht - kein Sprit oder zu wenig Kompression. Deshalb hätte der Test der Verdichtung und damit die Schadenfeststellung sofort nach der positiven Bewertung der Einspritzdüsen erfolgen können. Außerdem stört mich an der Rechnung, dass die Arbeitspositionen nicht einzeln ausgewiesen wurden, sondern lediglich die Summe der Stunden aufgeführt wird. Positiv ist lediglich zu werten, dass Meister B. auch die eigentliche Ursache herausfand - Wasserschlag des Motors durch einen Riss im Ladeluftkühler."

Astrid Witte wird sich nun an ihren Automobilclub wenden und die Rechnung dort prüfen lassen. Ein anderer Weg wäre, unverbindlich einen freien Kfz-Sachverständigen auf das teure Papier blicken zu lassen. Beide können abwägen, ob sich ein Einspruch lohnt. In diesem Fall wäre dann die Schiedsstelle an der Reihe. Die wird sich schwer hüten, interne Beziehungen in ihr Urteil einfließen zu lassen. Denn selbstverständlich kennt man sich dort, schließlich stammen die Mitglieder des Ausschusses aus der Region. Deshalb funktioniert diese freiwillige Selbstkontrolle der Handwerkskammer ja in der Regel auch so gut, weil sich alle gegenseitig auf die Finger sehen. Und wenn diese Instanz mit dem Kopf schüttelt, verspricht auch der Weg zum Gericht keinen Erfolg mehr.

Rat vom Rechtsexperten

AUTO-BILD-Rechtsexperte Rolf-Peter Rocke: "Im Rahmen des ihr erteilten Reparaturauftrages ist die Werkstatt nach den Grundsätzen von Treu und Glauben (Paragraph 242 Bürgerliches Gesetzbuch) verpflichtet, keine unnötigen Kosten zu verursachen. Es dürfen nur die zur Erfüllung des Auftrages notwendigen Arbeiten ausgeführt werden. Ist die Fehlerursache nicht auf den ersten Blick festzustellen, darf die Werkstatt die erforderlichen technischen Prüfungen vornehmen. Wie dabei vorzugehen ist, richtet sich nach den anerkannten Regeln des Handwerks.

Welche Fehlerquellen als besonders nahe liegend in Betracht kommen, das haben die Fachleute in der Werkstatt aufgrund ihrer besonderen Sachkunde zu entscheiden. Es darf also nicht blind drauflosrepariert werden, die Werkstatt muss planmäßig vorgehen. Tut sie das nicht, muss sie dem Kunden die unnötig produzierten Reparaturkosten erstatten (Oberlandesgericht Köln, Aktenzeichen 2 U 25/76)."

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.