Die China-Limousine im Crashtest

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Die China-Limousine BS 6 im Crashtest

— 09.03.2007

Brilliance süß-sauer

Wie bekömmlich ist das chinesische Billigmenü Brilliance, wenn’s mal danebengeht? Antwort: siehe Überschrift.

Die Zutaten klingen verlockend. Großes Auto (4,88 Meter), kleiner Preis. Alles drin, alles dran für rund 23.000 Euro. Die ersten Fahreindrücke waren durchaus in Ordnung (AUTO BILD Heft 49/2006), doch die Skepsis sitzt tief: Können die Chinesen für kleines Geld tatsächlich ein Wunderauto bauen? Haben sie womöglich an der Sicherheit gespart? Um diese Fragen zu beantworten, reicht normales Testen nicht aus. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen. Konkret: einen Total-Crash riskieren. Nicht im realen Verkehr, sondern unter Laborbedingungen auf der Crashbahn. Mit Dummys statt echten Menschen. Tatort: Crashanlage des DEKRA in Neumünster bei Hamburg. Mit 56 km/h donnert der Brilliance BS 6 an die verformbare Barriere – das laute "Rrrummms" erschüttert die Halle wie ein Erdbeben. In dieser knappen halben Sekunde ist das zerknautscht, was fleißige Chinesen einst verschweißten.

Beim ersten Crash nur zwei Sterne

Blick von oben nach dem Crashtest. Den Motor hat es an die Seite, aber nicht in den Innenraum gedrückt.

IBrilliance Jinbei Automobile Co. Ltd. Das Unternehmen in Shenyang (Nordchina) baut seit 1992 Automobile. Mittlerweile beschäftigt es über 30.000 Menschen und ist sogar an der New Yorker Börse notiert. Als im letzten Jahr bekannt wurde, dass Brilliance den Sprung nach Europa wagen will, soll der Aktienkurs dort um 40 Prozent in die Höhe geschossen sein. Importeur Hans-Ulrich Sachs: "Europa und ganz besonders Deutschland gelten weltweit immer noch als der Maßstab." Der Honorar-Professor der Hochschule Esslingen kümmert sich professionell um den Marktstart hier bei uns. Da ist natürlich ein gutes Ergebnis beim Crashtest Pflicht. Den ersten nach EuroNCAP soll der Brilliance beim TÜV mit nur zwei Sternen absolviert haben. Das ist heute nicht mal Durchschnitt, wo schon ein moderner Kleinwagen die maximal fünf erreichbaren Sterne schafft. So gibt sich auch Importeur Sachs damit nicht zufrieden, will mindestens vier erreichen. Doch das ist Zukunftsmusik. Um den Brilliance bei uns auf die Straße bringen zu können, muss er die Zulassungsvorschriften erfüllen. Und die sehen einen weniger anspruchsvollen Crash vor. Im Rahmen der EU-Norm ECE-R 94 geht es mit 56 statt 64 km/h bei EuroNCAP-Crashtest gegen die Wand, und hinten sitzen keine Kinder-Dummys, auch der Fußgängerschutz wird nicht geprüft. Alles zusammen nicht vergleichbar mit EuroNCAP und heute nicht mehr Stand der Technik.

Und wie schneidet der Brilliance in der Pflichtprüfung ab? Ganz ordentlich, alles bleibt im gesetzlichen Bereich. Nach dem Aufprall kann mindestens eine Tür pro Sitzreihe geöffnet werden, die Sicherheitsgurte lassen sich lösen, kein Kraftstoff ist ausgetreten. Die Sensoren in den beiden Dummys melden Belastungen der Köpfe und mögliche Verletzungen am Oberkörper sowie an den Gliedmaßen im zulässigen Limit. Hier drohen also keine lebensgefährlichen Verletzungen. Was fehlt, sind Prüfzeichen an den Gurten und ein Airbag-Warnaufkleber vorn rechts, falls dort ein Kindersitz entgegen der Fahrtrichtung montiert werden sollte. Was wir vor allem monieren: Es gibt noch keine Seitenairbags und kein ESP. Hinten fehlt der vorgeschriebene dritte Dreipunktgurt, weshalb der Brilliance vorerst nur als Viersitzer angeboten werden kann. Hier soll schleunigst nachgebessert werden. Was auch für den bislang dürftigen Schutz beim Seitenaufprall gilt. Denn an der Stelle ist die Limousine viel zu weich, es drohen empfindliche Rippenverletzungen der Passagiere.

Passive Sicherheit ist das eine, aktive Unfallverhütung das andere und ebenso wichtig. Denn schließlich wollen wir eine gefährliche Situation gar nicht erst aufkommen lassen. Dafür ist ein fahraktives Auto mit modernster Technik viel besser gerüstet als ein einfaches Modell mit der Technik der 90er-Jahre. Um die Fahrsicherheit in Extremsituationen auszuloten, haben wir den Brilliance auf unserer Teststrecke hart rangenommen. Kann das relativ einfach abgestimmte Fahrwerk mit elektronischer Bremskraftverteilung und ABS sowie Sperrdifferenzial in kritischen Situationen womöglich ein ESP ersetzen? Die Antwort: nein. Bei Ausweichmanövern, abrupten Spurwechseln und Hochgeschwindigkeits-Wedeln bringen wir den Brilliance an seine Grenzen.

Normalfahrer lägen im Graben

Seitencrash: Wie ein Rammbock knallt die Barriere mit exakt 50 km/h gegen die B-Säule und beide Türen.

Den Ausweichtest (Elchtest; leer/beladen) bei Normaltempo wie in der Stadt meistert der Chinese noch recht gut. Souverän absolviert er die Schlenker, lässt sich auch gut wieder einfangen. Jetzt wird es schwieriger: Ausweichen bei Tempo 100. Motto: "Vordermann hat seine Dachbox verloren." Auch hier macht das bei Porsche abgestimmte Fahrwerk keine Probleme. Erst als wir auf Tempo 120 steigern ist Schluss. Der Wagen schlingert zunächst, schnelles Lenken lässt ihn abrupt in die Gegenrichtung schleudern – Normalfahrer lägen jetzt im Graben. Keine Frage: Mit ESP wäre das nicht passiert. Es hätte den Wagen rechtzeitig eingebremst, den Abflug in den Gegenverkehr verhindert. Das sieht Importeur Hans-Ulrich Sachs genauso. Einen Tag später fliegt er mit diesen Ergebnissen nach China. Und bringt hoffentlich das ESP für den Brilliance mit.

Bis Ende 2008 rund 700 Verkaufs- und Servicestellen

 "Ende März sind die ersten Autos zu haben", verspricht Hans-Ulrich Sachs, Chef der Brilliance-Importfirma HSO. Die ersten 500 Fahrzeuge sind am Wochenende 17./18. März 2007 in Bremerhaven von den Decks der MS Manon gerollt, eines der größten Autofrachtschiffe der Welt. Die Fahrzeuge waren fast vier Wochen vom chinesischen Hafen Dalian über den Atlantik bis an die deutsche Küste unterwegs. Mit der Ladung startet der Luxemburger Generalimporteur HSO Motors Europe den Vertrieb. Los geht’s im Ruhrgebiet. Hier soll eine Tochterfirma des Duisburger VW-, Seat-, Skoda- und Audi-Händlerkette Röchling und Eicker den BS 6 verkaufen – ab circa 19.000 Euro. Schon bald sollen 50 Autohäuser die Fahrzeuge in Nordrhein-Westfalen anbieten, bis Ende 2008 sind in ganz Deutschland etwa 700 Verkaufs- und Servicestellen geplant.

Fazit von Diether Rodatz

Der Brilliance ist zwar keine Mogelpackung, er hat aber gravierende Mängel. Den vorgeschriebenen Crash erfüllt er zwar mit Ach und Krach, beim wichtigeren nach EuroNCAP würde er aber durchfallen. Und ohne ESP geht in dieser Klasse heute gar nichts mehr. Gut, dass es sich der Importeur nicht so einfach macht und uns nur billige Autos verkaufen will. Er beweist Mut zur Verantwortung und bessert nach.

Autor: Diether Rodatz

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