Die Cockpits der Zukunft

Visteon 3M X-Wave Delphi Konzeptfahrzeug

Die Cockpits der Zukunft

— 27.05.2008

Pixel statt PS

Das Auto von morgen startet per Handy-Fernsteuerung, glotzt per Kamera in jeden toten Winkel und zeigt den Abstand zum Vordermann auf einem 3D-Bildschirm an. autobild.de hat in den Cockpits der Zukunft auf die Knöpfchen gedrückt.

Meine ersten Erinnerungen an ein Auto-Cockpit sind schlicht. Und schwarz. Und schön. Der mütterliche Käfer, aus heutiger Sicht leider nur ein schnödes Mexiko-Schnauferl, hatte eigentlich alles, was man unterwegs so brauchte. Ein riesiges Lenkrad mit Zahnstocher-dürrem Kranz, zwei Zugregler für Heizung und Gebläse sowie ein analoges Radio, aus dem eigentlich nie der Sender quäkte, den man in mühevoller Fummelarbeit eingestellt hatte. Drumherum ein paar Quadratzentimeter schwarzes Parkbank-Plastik und jede Menge lackiertes Metall. Herrlich! Aber ewig lange her. Ein viertel Jahrhundert, um genau zu sein. Der Sprung ins Cockpit der Zukunft zählt theoretisch nur 25 Jahre, fühlt sich aber so brutal an, als würde man einen Neandertaler von seinen Höhlenmalereien wegholen und vor einen modernen Laptop setzen. "X-Wave" heißt der Technologieträger, mit dem Klebeband-Pionier 3M und Automobil-Zulieferer Visteon Autobauer auf der ganzen Welt von ihren neusten Entwicklungen überzeugen wollen.

Für Science-Fiction ist in den Budgets der Hersteller kein Platz

Im X-Wave von Visteon und 3M werden Handyakkus im Handschufach drahtlos aufgeladen.

Mehr als 50 Innovationen sind im X-Wave verbaut, der sich optisch dennoch kaum vom BMW X5 unterscheidet, als der er das Licht der automobilen Welt erblickte. Ein Großteil der Ideen steckt unterm schwarzen Blech. Eine umweltfreundliche Klimaanlage, die mit einem umweltfreundlichen Kühlmittel arbeitet und sich besonders gut in Hybridfahrzeuge integrieren lässt, zum Beispiel. Oder ein Klimamodul für die hinteren Sitze, das im Unterboden Platz findet. Spektakulär ist anders, keine Frage. Aber gerade deshalb so interessant für viele Autohersteller. Gefragt sind Lösungen, die sich ohne viel Aufwand integrieren lassen. Für Science-Fiction ist in den Kalkulationen der Autohersteller kein Platz. Obwohl der X-Wave davon auch jede Menge zu bieten hat. Der abgefahrene Teil der Auto-Zukunft beginnt, nachdem sich die Türen des X-Wave geschlossen haben. Wo der X5-Pilot von heute seine Gänge wählt, Radiosender einstellt und Kleinkram verstaut, glitzert im X-Wave ein silberfarbenes Kunststoff-Panel, aus dem ein dicker Dreh-Drück-Knopf heraussteht. Seit der Einführung des iDrive-Knubbels haben BMW-Fahrer vor so etwas eigentlich keine Angst mehr. Das Problem ist auch weniger der Alu-Knauf, sondern das ansonsten komplett leere Armaturenbrett. Knöpfe und Schalter gibt es nicht. Und auch ein Display ist zunächst nicht zu erkennen.

Unsichtbare Schalter und drahtloser Strom fürs Handy

Entfernungsangaben dreidimensional darstellen kann das Zentraldisplay im X-Wave. Klassische Instrumente gibt es nicht mehr.

Das ändert sich erst, als einer der Techniker die Zündung aktiviert. Ein Teil des eben nur schwarzen Armaturenbretts wird durchsichtig und gibt den Blick auf ein großes Display frei. "Transmissive Film" nennt 3M die Technologie, die allerdings noch weit von einer Serienproduktion entfernt ist. Die gleichzeitig überall aufflammenden gelb-roten Leuchtbänder und Logos ("3D Virtual Imaging") sind ebenfalls vom Erfinder des Schleifpapiers und sollen bis 2010 für schicke Lichteffekte in diversen Premium-Fahrzeugen sorgen. Bleibt das Geheimnis des "Center Panels", wie die Visteon-Ingenieure das silberne Gebilde nennen, das sich leicht dem Fahrer zuneigt. "Touch it", fordert mich einer der Ingenieure auf und freut sich diebisch, als ich kurz vor Erreichen der Kunststoffoberfläche zurückzucke. Wo grade noch schnödes Plastik schimmerte, zeichnen sich jetzt hell erleuchtete Bedienfelder ab. Tasten und Schalter erscheinen nur dann, wenn man sie wirklich braucht. Man muss kein Entwickler von teuren Oberklasse-Fahrzeugen sein, um so etwas schick zu finden. Der Clou am Visteon-System: die Schalter "reagieren" auf Berührung. Ein kurzes "Klock" hinterm Finger signalisiert, dass der gewünschte Schalter auch wirklich betätigt wurde. 2009 sollen die Zaubertasten in den ersten Fahrzeugen auftauchen. Deutlich früher wünsche ich mir persönlich eine Technologie, die sich im Handschuhfach des X-Wave versteckt. Eine kleines Fach, auf dessen Bodenplatte sich Handyakkus drahtlos aufladen lassen. In der Theorie ist das so genannte Wireless Charging längst kein Problem mehr. In der Praxis scheiterten alle Versuche, es in Europa bekannt zu machen, allerdings am Widerstand der Handyhersteller. Die verdienen mit Lade- und Adapterkabeln nämlich jede Menge Geld.

Alle wichtigen Infos ins Blickfeld des Fahrers platzieren

Auch Zulieferer Delphi will sich ein Stück vom Zukunftskuchen sichern und geht parallel zu Visteon und 3M mit einem eigenen Konzept-Auto auf Tour. Basis ist ein GMC Arcadia, den außer den fehlenden Außenspiegeln äußerlich kaum etwas von seinen Serien-Brüdern trennt. Richtig spannend wird es, ähnlich wie beim X-Wave, erst im Innenraum. Die Delphi-Entwickler haben sich darauf konzentriert, alle für das Fahren wichtigen Funktionen innerhalb des etwas 20 Grad breiten Kern-Sichtfelds des Fahrers zu platzieren. Klassische Spiegel gibt es deshalb im Delphi-Fahrzeug nicht. Kameras, die anstelle von Außen- und Rückspiegeln montiert wurden, übertragen die Bilder auf diverse Displays im Cockpit. Dreh- und Angelpunkt im Arcadia-Cockpit ist ein großer Farbbildschirm, der die klassischen Instrumente verdrängt hat. Mit Hilfe eines großen Multifunktions-Joysticks am Lenkrad lassen sich dort von der aktuellen Geschwindigkeit bis hin zum aktuell eingestellten digitalen Radiosender alle wichtigen Fahrzeuginformationen anzeigen.

Handy statt Zündschlüssel: Gestartet wird per iPhone

Delphi koppelt sein Konzeptfahrzeug mit einem iPhone. Selbst der Motor kann übers Handy gestartet werden.

Ergänzt wird das Cockpit der schnellen Blicke noch durch ein iPhone, das viele Fahrzeugdaten anzeigen kann, bevor man überhaupt im Auto sitzt. So könnte ein Autofahrer in der Delphi-Zukunft schon am Frühstückstisch den Ölstand seines Wagens checken, den Luftdruck seiner Reifen kontrollieren, das Navigationssystem mit einer neuen Route füttern oder gar den Motor vom Handy aus starten. Ein Alptraum. Für Elektronik-Skeptiker. Und für Autodiebe. Letztere könnten Dank der im Fahrzeug verbauten Kameras nach dem Diebstahl nämlich nicht nur fotografiert, sondern auch im Auto eingesperrt werden. Ein kurzer Fingerzeig auf dem iPhone-Display deaktiviert die Zündung und verriegelt die Fahrzeugtüren. Dagegen sieht Mamas Käfer richtig alt aus.

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