Die Folgen der GVO

Der VOPEL-Händler Der VOPEL-Händler

Die Folgen der GVO

— 05.06.2003

Der VOPEL-Händler

Opel und VW unter einem Dach. Was bisher unmöglich schien, hat Maik Dincher möglich gemacht. Der junge Autohändler aus dem Saarland nutzte dabei einfach die neuen EU-Wettbewerbsregeln aus – zu seinem Vorteil.

Zwei Erzrivalen unter einem Dach

Aha, Kleinblittersdorf also. Man muss sich das Wort mal auf der Zunge zergehen lassen: Klein. Blitters. Dorf. Wir wollen ja nicht überheblich wirken, aber irgendwie klingt das doch ein bisschen anders als, na, sagen wir mal: Rom. Oder Paris. Oder Brüssel. Oder irgendein anderer Ort, mit dem man die Europäische Union in Verbindung bringt. Dabei ist die saarländische Gemeinde an der Grenze zu Frankreich ein Vorreiter in Europa. Jedenfalls, was den liberalisierten Autohandel angeht.

In Kleinblittersdorf nämlich steht das Autohaus Dincher, und dort hat man die europaweite Neuregelung des Autohandels auf eine bisher einmalige Art umgesetzt: Auto Dincher ist der erste Vertragshändler in Europa, der gleichzeitig Opel und Volkswagen vertritt. Ein VOpel-Händler sozusagen. Und eine kleine Revolution aus Kleinblittersdorf.

Ausgerechnet die beiden alten Rivalen unter einem Dach vereint – es war eine radikale Idee, die Geschäftsführer Maik Dincher (32) da hatte. Ein junger, dynamischer Typ, der mit seinen kurzen Haaren, dem blauen Business-Hemd und der modern gestreiften Krawatte ein bisschen so aussieht, als käme er direkt aus dem BWL-Hörsaal.

Auf der Suche nach einem zweiten Standbein

So ganz falsch ist das auch nicht: Auf Druck von Opel, dessen Farben die Auto Dincher GmbH seit 38 Jahren vertritt, musste der damalige Wirtschafts-Student vor fünf Jahren Geschäftsführer im Autohaus seines Vaters werden: "Sonst hätten wir keinen neuen Vertrag bekommen. Die wollten ihn mit seinen 58 Jahren nicht mehr."

Es war, gelinde gesagt, nicht die einzige Reiberei, die der neue Geschäftsführer mit der Adam Opel AG hatte. Und das Service-Geschäft war auch schon mal stabiler: "Weil die Autos technisch immer besser und die Wartungsintervalle immer größer werden". Dincher suchte ein zweites Standbein für sein Autohaus – und fand die neue Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) von EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti.

Um es jetzt nicht unnötig kompliziert zu machen: Für Dincher war vor allem interessant, dass die Autokonzerne nicht mehr nach Gutsherrenart bestimmen dürfen, wer ihr Händler sein darf oder nicht. Wer bestimmte (und im Übrigen recht strenge) Zertifizierungs-Kriterien erfüllt, der muss auch einen Vertrag bekommen. Sogar dann, wenn er schon einen anderen mit der Konkurrenz hat.

"Bundesverdienstkreuz für Monti!"

Beschlossen wurde das am 17. Juli 2002. Zwei Tage später lag der erste Antrag des Autohauses Dincher um einen Service-Vertrag bei Volkswagen auf dem Tisch. "Dem Mario Monti sollte man das Bundesverdienstkreuz verleihen", findet Maik Dincher, "die Neuordnung rettet viele mittelständische Händler, die sonst unterm Druck der Hersteller kaputtgegangen wären."

Es hat zwar viele lange Telefonate zwischen Kleinblittersdorf, Rüsselsheim, Wolfsburg und Brüssel gebraucht, um die EU-Richtlinien in die Praxis umzusetzen – aber jetzt feiert das Autohaus seine Neueröffnung als Volkswagen-Servicepartner und Opel-Händler.

Das muss man sich so vorstellen: Wo man auch hinschaut, an Dinchers Büro, auf dem Schild an der Reparaturannahme, auf den Geschäftspapieren, sogar auf der Arbeitskleidung – überall klebt neben dem gelbweißen Opel-Blitz jetzt auch das blau-weiße VW-Emblem. Ganz ohne Schwierigkeiten war auch das nicht: "Opel wollte sein Logo geschützt wissen, und Volkswagen bestand darauf, dass die Mechaniker VW-Kittel tragen", erzählt Dincher, "aber die können sich ja nicht für jeden Wagen umziehen." Deshalb tragen die Kittel nun eben beide Logos.

In Zukunft auch Neuwagen-Verkauf für VW?

Das Spezialwerkzeug für die Wolfsburger Modelle hat Dincher von einem insolventen und einem ausgeschiedenen VW-Händler übernommen. So musste er nur knapp 60.000 Euro investieren, um die Vorgaben zu erfüllen. "Ein Neueinsteiger müsste 100.000 bis 150.000 Euro kalkulieren." Außerdem stellte er einen zweiten Lagerleiter mit 33 Jahren VW-Erfahrung ein, dazu einen Meister als Diagnosetechniker und einen Mechaniker.

Berührungsängste mit den neuen Kollegen? "Ach wo", winkt Serviceleiter Rüdiger Schätzel (52) ab, "wir haben die erst mal zum Grillfest eingeladen." Und im Grunde, meint jedenfalls sein Chef, ist Auto sowieso Auto: "Ob Traktor oder Porsche, das Prinzip ist gleich."

Dincher überlegt jetzt sogar, ob er irgendwann neben dem Service auch den Neuwagen-Verkauf für VW übernimmt. Links im Showroom der neue Astra, rechts der neue Golf. Muss man sich wohl merken, dieses Kleinblittersdorf ...

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