Kehrtwende in der Formel 1

Jung, frech und – erfolgslos

Die Formel-1-Rennställe denken um

— 05.08.2002

Jung, frech und – erfolgslos

Verzweifelt sucht die Formel 1 nach einem Schumi-Herausforderer — das Projekt zur Nachwuchs-Förderung ist vorerst gescheitert.

Hat "Rennbaby" Massa ausgespielt?

Für Felipe Massa, 21, scheint die Formel 1 leicht wie ein Kinderspiel. "Ich gebe Gas und habe dabei ein tolles Gefühl", sagt der Brasilianer und grinst. Mit der Referenz von 24 Autorennen in drei Nachwuchsklassen schaffte das Milchgesicht diese Saison den Einstieg in die Eliteliga. Der ehemalige Weltmeister Jackie Stewart verglich ihn bereits mit Rennfahrer-Legende Ayrton Senna. Nach einem halben Jahr und zwölf Rennen in der höchsten Motorsportklasse ist der Spaßfaktor auf den Nullpunkt gesunken. Massa droht beim Schweizer Sauber-Rennstall der Rauswurf. Der Gipfel der Demütigung: Während des letzten Rennens in Hockenheim wurde das Leichtgewicht (59 Kilo) auf Geheiß des Teams gezwungen, seinen Teamkollegen Nick Heidfeld passieren zu lassen.

Teamchef Peter Sauber hat nach enttäuschenden Vorstellungen des Youngsters (magere vier WM-Punkte) die Geduld verloren. Der als Talent-Scout bekannte Formel-1-Privatier, der unter anderen Heinz-Harald Frentzen und Michael Schumacher ausbildete, plant, Massa durch den 35-jährigen Franzosen Olivier Panis oder den gleichaltrigen Deutschen Heinz-Harald Frentzen zu ersetzen. Eine rasante Schleuderwende. Noch im vergangenen Jahr waren die Rennstallbesitzer dem Jugendwahn verfallen. Hungrige Fahrer sollten Michael Schumacher nacheifern und herausfordern und der Formel 1 einen frischen, sauberen Anstrich verpassen. "Jung und sexy ist gut fürs Marketing. Junge Fahrer geben einem Team ein eigenes Profil und helfen, neue Sponsoren zu finden", sagt Kommunikationsmanager Graham Jones vom Team Minardi über die "Renn-Babys".

Zum Beispiel Kimi Räikkönen, 22. Für zehn Millionen Mark und vier Trucks Ablöse wurde der Finne von McLaren-Mercedes aus einem laufenden Vertrag mit dem Sauber-Team herausgekauft. Die Hypothek, seinen beliebten Landsmann Mika Hakkinen zu beerben, lastet schwer auf den schmalen Schultern des blassen Blonden. Er blieb mit bisher 17 WM-Punkten hinter den Erwartungen von Teamchef Ron Dennis zurück. In Magny-Cours schlidderte er vier Runden vor Schluss in Führung liegend ins Gras, angeblich auf einer Ölspur. Der nach ihm fahrende Michael Schumacher nutzte das Malheur zum Überholmanöver und wurde Rekordweltmeister. Räikkönen freute sich über Platz zwei. "Du kannst nicht einen zweiten Platz feiern, wenn der Fahrer das Rennen hätte gewinnen müssen. Da lasse ich keine Ausreden gelten", sagt BAR-Pilot Jacques Villeneuve, Weltmeister von 1997.

Villeneuve lästert über Formel-1-Niveau

Es fehle dem Finnen am nötigen Ehrgeiz, murren einige Mechaniker bei McLaren-Mercedes. Räikkönen fällt es offensichtlich schwer, dem Anforderungsprofil eines der bestbezahlten Mitarbeiters im Unternehmen zu entsprechen. Das Samstagstraining beendet er an rennfreien Wochenenden pünktlich um 15.30 Uhr, während sein Teamkollege David Coulthard, 31, bis in die Abendstunden testet. Räikkönen spricht über Modifikationen an seinem Boliden wie ein Teenager über das erste getunte Moped. "Für ihn ist es geil, ein aggressives Auto zu haben", sagt ein McLaren-Angestellter. Der erfahrene Coulthard analysiert nüchterner: Der Silberpfeil sei ein aggressives Auto, das aber Schwächen im aerodynamischen Bereich habe. Die verschiedenen Arbeitsweisen spiegeln sich in den Rennergebnissen. Räikkönen schlägt Coulthard im Qualifying, die bessere Grand-Prix-Ergebnisse erzielt der Schotte.

Der alte Haudegen Niki Lauda attestierte dem Jungspund Nervenschwäche. "Er ist ein sehr talentierter Bursche. Aber er muss noch lernen, mit dem Druck umzugehen." Räikkönens Vorjahresbilanz belegt den Österreicher. Neun WM-Punkte holte er bis Juli 2001, nachdem erste Gerüchte um seinen Wechsel zu McLaren-Mercedes aufgekommen waren bis zum Saisonende keinen einzigen mehr. Wesentlich kaltschnäuziger verhielt sich Räikkönen bei den Vertragsverhandlungen: Kurz vor dem Wechsel zu McLaren kommunizierte er nur noch über seinen Anwalt mit den Managern seines Arbeitgebers Sauber. Der neue Kontrakt ist lukrativ. In dieser Saison kassiert er 2,5 Millionen Dollar, in den darauf folgenden vier Jahren jeweils fünf, siebeneinhalb, zehn und fünfzehn Millionen Dollar. Hinzu kommt ein WM-Bonus. Die Aussicht auf eine spätere Rendite ist gering. Fernando Alonso, 21, Enrique Bernoldi, 23, Takuma Sato, 25 – die Neulinge, die in den vergangenen drei Jahren wie Leuchtraketen am Firmament auftauchten, scheiterten bisher grandios. Ausnahme: der Kolumbianer Juan-Pablo Montoya. Dem 26-Jährigen kam Rennerfahrung in der US-Cart-Serie zugute, bevor er vergangene Saison in der Formel 1 debütierte.

Teamchef Sauber hat eingesehen, dass in der schnelllebigen Branche keine Zeit bleibt, Talente zu veredeln. "Ich brauche im nächsten Jahr neben Nick Heidfeld noch einen starken Piloten, um im Kampf mit Renault um den vierten Platz in der Teamwertung zu bestehen", sagt er. Der vierte Platz hinter den großen drei, Ferrari, McLaren-Mercedes und BMW-Williams, bedeutet einen größeren Anteil an den Fernsehgeldern und einen höheren Zuschuss an Reisekosten. Bis 15 Millionen Dollar Unterschied liegen zwischen dem vierten und fünften Platz. Für ein Team wie Sauber, das keine Werksunterstützung erhält, sondern sich für 30 Millionen Dollar im Jahr Ferrari-Motoren kaufen muss, eine Existenzfrage. Felipe Massa setzt Saubers Lebensgrundlage mit seinem ungestümen Fahrstil aufs Spiel. "Massa macht im Rennen ziemlich dumme Sachen", sagt Ex-Champion Villeneuve. Das Niveau in der Formel 1 sei dieses Jahr so schlecht wie nie. "Es kann nicht sein", wettert Villeneuve, "dass die Formel 1 immer mehr zu einer Ausbildungsstätte für junge Fahrer verkommt."

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