Die Lage bei Lada

Die Lage bei Lada Die Lage bei Lada

Die Lage bei Lada

— 10.06.2002

Ladas große Pläne

Wirtschaftskrise, Währungsabwertung, Steuerschulden: Bei Lada hat man viele Sorgen. Neue Ideen, ein Jointventure mit General Motors und Optimismus sollen frischen Wind in die Autoschmiede Russlands bringen.

Mercedes hat stets Vorfahrt

Der Niva ist bereits ein Vierteljahrhundert alt, die anderen Modelle kaum jünger – und eine Servolenkung gibt es im Modelljahr 2002 nicht für Geld und gute Worte. Was ist bloß mit Lada los, dem zehntgrößten Autobauer der Welt? Wer es, wie AUTO BILD, wissen will, muss nach Togliatti. Togliatti? Klingt nach Italien, liegt aber in Russland an der Wolga und ist die Heimat von "Avtovaz", wie der russische Konzern tatsächlich heißt, dem Brötchengeber für 120.000 Arbeiter und ungezählte Kleinproduzenten.

Wer hier lebt, hat Benzin im Blut, ein Herz aus Blech und ist Kummer gewohnt. 1967 wurde das Werk gegründet, in vielen Familien schafft mittlerweile die dritte Generation am Fließband. Und steht loyal zu Avtovaz, selbst wenn der Lohn mal wieder nicht kommt. Wer Lada besucht, reist in die Vergangenheit des Automobilbaus. Doch hier in Togliatti empfindet sich keiner wirklich als gestrig. Im Gegenteil, die Faszination Lada lebt. Die für andere Autos auch. Hauptsache westlich, am besten mit Stern.

Die Dame am Hotel-Empfang schmökert in einem Automagazin routiniert wie im Kochbuch, Deutsche werden stets nach ihrem Privatfahrzeug befragt. Den Straßenverkehr regelt ein altes Gesetz: Der Mercedes hat immer Vorfahrt, egal aus welcher Richtung er kommt. M-Klasse, X5 und LandCruiser heißen die angesagtesten Statussymbole. Während ein Arbeiter 150 Euro pro Monat verdient, brachten es im Umkreis von Avtovaz einige Geschäftsleute zu Reichtum. Geld zieht Verbrechen an, und bei Lada geht es um sehr viel Geld. Doch über reiche Autoexporteure, korrupte Manager oder den Mord an Sergey Ivanov, dem Chefredakteur von Lada TV, spricht keiner gerne. Dann doch lieber über große Pläne, etwa die Zusammenarbeit mit GM, dem Giganten aus dem Land des einstigen Erzfeindes.

Know-how und Dollar aus den USA

Der neue Niva ist das erste Kind der jungen Auto-Ehe, die hier allgemein bejubelt wird. Ausländische Besucher dürfen ihre Werksbesichtigung erst fortsetzen, wenn sie die neue Halle bewundert haben: blaue GM-Einheitsarchitektur, funktional, mehr nicht. Ein Stück Rüsselsheim am Wolga-Ufer, Globalisierung zum Anfassen. Von der kapitalistischen Ehe profitieren beide Partner: GM freut sich über Steuervorteile, Avtovaz über neuzeitliches Know-how und US-Dollar.

Für den Vertrieb stellt GM die Spielregeln auf, der sichere Tod kommunistischer Handelsbräuche. Der Name des Kindes steht bereits fest: Chevrolet Niva. Ein Russe mit US-Markenzeichen – die Welt wächst zusammen. Die konkreten Abläufe dieser Geburt wurden noch nicht entschieden, vielleicht vertreibt GM den Niva auch über Daewoo. Vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon? Morgen ist morgen, wir leben heute.

Den deutschen Importeur plagen mehr als Mentalitätsprobleme. Die Serienausstattung der aktuellen Modelle zum Beispiel ist die derzeit größte Hürde für den Abverkauf: Eine Servolenkung gehört nicht dazu. Avtovaz selbst vermittelt wenig Bereitschaft einzulenken; denn so was kostet Geld. Und Geld ist knapp. Zudem: In Russland sind spartanische Wagen mindestens so gefragt wie gut gekühlter Wodka. Von 760.000 gebauten Autos pro Jahr werden nur 250.000 exportiert. Zu wenig für eine teurere Exportversion.

Ein Golf des Ostens für China

Zahlen traut hier traditionell keiner, selbst die Steuerbehörde hat Bedenken. Sie wirft Avtovaz vor, mehrere Autos mit identischer Fahrgestellnummer gebaut zu haben. Bis zu sechs Autos sollen in den Büchern mit gleicher Nummer verzeichnet sein, Avtovaz somit Millionen an Steuer hinterzogen haben. Die ganze Wahrheit kennt keiner. Fakt ist: Avtovaz ist einer der größten Steuerschuldner im Lande. Mitte der 90er investierte das Management lieber Geld in die Entwicklung des neuen Mittelklassemodells 2110 als in die Staatskasse.

Heute bemüht sich Avtovaz um einen Erlass der Schuld – und treibt neue Modelle voran. Etwa den Kalina, einen Kleinwagen mit drei oder fünf Türen. Bislang gibt es nur einen Prototyp, und der erinnert stark an den alten Ford Fiesta. Immerhin: Die Produktionshalle ist im Rohbau bereits fertig. Der Kalina soll der Golf des Ostens werden, selbst vom Verkauf in China träumen die Konzernstrategen. Auf den ersten Blick interessant ist der 2120, ein typischer Van mit Schiebetür. Zu einem guten Preis und mit zeitgemäßer Ausstattung wäre auch in Deutschland ein Erfolg denkbar. Wenn nur das leidige Thema Emissionen nicht wäre ... Wieder so eine westliche Erfindung.

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