Die unbekannte Oberklasse

Die unbekannte Oberklasse

— 28.10.2004

Auffallend anders

Mauerblmchen unter sich: Chrysler 300C, Renault Vel Satis, Peugeot 607 und Lancia Thesis. Ein Vergleich der Luxus-Exoten.

300C: Cooler Auftritt wie einst John Wayne

Der Anruf kam nachts, und er war dringend. Snoop Doggy Dog wollte von Chrysler-Chef Dieter Zetsche einen 300C. Sofort, bitte. Fr alle Leser ber 21: Der Mann mit dem Hundenamen ist ein absoluter Megastar in der US-Rapper-Szene. Inzwischen besitzt der Sangesknstler den Wagen, und mit ihm fahren Tausende Amerikaner wie verrckt auf den 300C ab. Die Produktion dieses Jahres 95.000 Autos ist komplett abgesetzt.

Von solchen Zahlen kann Chrysler Deutschland nur trumen seit April wurden knapp 400 Autos verkauft. Doch wo immer dieses US-Schiff auftaucht, sorgt es fr Aufsehen. Es hat einen coolen Auftritt wie einst John Wayne im Western-Saloon: Wo ich bin, ist kein Platz fr andere. Der 300C ist gro und fett und einschchternd. Viel Blech, wenig Glas, riesiger Khlergrill. Das alles erinnert sicher nicht zufllig an die Lowrider der 50er.

Der Basis-3,5-Liter-V6 lt es mit seinen 249 PS entspannt angehen, schnurrt zufrieden, wird jedoch von der Automatik eingebremst. Die arbeitet viel zu zh und nur mit vier Gngen. Der Chrysler schafft damit gerade mal eine Spitze von 204 km/h mit 249 PS! Der 300C ist halt mchtig, aber alles andere als leichtfig. Und trotz der berraschend straffen Abstimmung er federt manchmal regelrecht mrrisch bleibt er der sympathische Ami mit groem Selbstbewutsein und etwas wenig Liebe zum Detail (Verarbeitung, Kunststoffe ...).

Bella Lancia: auffllig, exklusiv, extravagant

Eine ganz andere Klinge schlgt der extravagante Thesis. Den Lancia mag man oder eben nicht. Als komme er direkt von der Mailnder Modemesse, verfhrt Bella Lancia mit Charakter-Nase und filigranem Heck wie sonst nur Schmuserocker Eros Ramazotti. Keine Diskussion gibt es auch ber den feinen Innenraum. Griffiges Leder, schmeichelndes Alcantara, edles Mahagoni und khles Magnesium da schaut man gern hin, und fat es noch lieber an.

Der Thesis baut allerdings vorn eine Nummer kleiner als die anderen, hinten ist nur noch der Peugeot hnlich eng. Hinzu kommt eine fr durchschnittliche Nordeuroper angespannte Sitzposition. Technisch wollen die Italiener viel, erreichen aber nicht alles. Das elektronische Dmpfersystem Skyhook etwa scheint immer noch nicht passend abgestimmt. Auf glattem Untergrund verwhnt der Thesis mit durchaus geschmeidigem Komfort, auf schlechtem teilt die poltrige Vorderachse trockene Schlge aus, die Karosserie schaukelt sich gern auf.

Ein Glanzstck ist dagegen der 3,2-Liter mit 230 PS. Der V6 luft kernig, heiser und hellwach. Allerdings liegen Licht und Schatten auch hier eng zusammen, nervt die aufgeregte, ruckelnde Fnfgangautomatik heftig. Der Lancia ist eben auffllig, exklusiv, extravagant wer Perfektion sucht, kauft eh woanders.

607: sachlich-nchternes Mauerblmchen

Auf den ersten Blick scheint der Peugeot 607 bei diesem Treffen fehl am Platze. Mit seinem zurckhaltenden Auftritt ist er nicht halb so exotisch wie die anderen. Wer den flieenden Linien und dem gemalten Profil aber ein wenig Aufmerksamkeit schenkt, entdeckt die schlichte Schnheit des groen Franzosen. Seine Verkaufszahlen (dieses Jahr bisher knapp 900 Stck) stempeln ihn bei uns jedoch zum Mauerblmchen. hnlich wie das Auen-Design wirkt auch die Inneneinrichtung eher sachlich-nchtern. Aber fr so etwas vergeben wir ja auch keine Punkte. Sondern fr mebare Dinge, zum Beispiel die Zuladung oder die Anhngelast. Bei beidem liegt der 607 weit vorn.

Dabei ist der V6 des Peugeot mit drei Liter Hubraum und 207 PS der Kleinste und Schwchste hier. Zum Trost mit einem Verbrauch von 11,6 Litern aber auch der Sparsamste. Er luft kultiviert, dreht aber nicht gern und wirkt bei hohen Touren wie zugeschnrt. Zu dieser Zurckhaltung pat dann noch die mde Viergangautomatik.

Auch der Peugeot fhrt mit elektronisch verstellbaren Dmpfern, deren Abstimmung scheint aber glcklicher als beim Lancia. Keine Spur von franzsischer Snfte, sondern eine souverne, angenehm straffe Federung. Verglichen mit den anderen drei Darstellern bleibt der 607 eher unauffllig, sammelt mit seiner greren Alltagstauglichkeit fleiig Punkte.

Vel Satis: gedmpfte Club-Atmosphre

Mgen 99,99 Prozent aller Autos in der Oberklasse ein Stufenheck tragen, wir knnen wohl sicher sein, da Renault dem Flieheck treu bleibt. Der eigensinnige Vel Satis will keine Kopie der deutschen Oberklasse-Elite sein, sondern sein eigenes Aroma entfalten so wie ein Camembert eben kein Harzer Kse ist. Ob man die bemerkenswerte Form nun als schn oder eher schrecklich empfindet, sei mal dahingestellt. Die stolze Bauhhe von 1,58 Metern bringt aber viel Platz und ein luftiges Raumgefhl. Nirgendwo thront man in ultra-bequemen Sesseln so entspannt wie im Renault.

Aber trotz der gedmpften Club-Atmosphre und der komfortablen Abstimmung der Renault kann durchaus zur Sache gehen. Und das ist ein Verdienst des temperamentvollen 3,5-Liter-V6 mit 241 PS. Lebhaft, laufruhig und drehfreudig, dazu noch die gute Automatik diese Kombination ist in diesem Vergleich unbertroffen.

Eine regelrechte Blamage genau wie beim Lancia sind allerdings die peinlich schlechten Bremsen. Die dort verlorenen Punkte kosten den Renault letztlich sogar den Sieg. Den hatte er mit Platz, Komfort und Fahrleistungen eigentlich schon in der Tasche. Preislich liegt der Vel Satis mit dem Peugeot gleichauf, die Ausstattungen sind bei allen vier Kandidaten bemerkenswert komplett. Was die Italiener zu einer sehr selbstbewuten Preisgestaltung verfhrt, whrend Chrysler eher mit dem spitzen Bleistift kalkuliert. Doch hier zhlen ohnehin ganz andere Talente. Fragen sie mal Snoop Doggy Dog ...

Technische Daten und Testwerte

Lancia und Renault blamieren sich. Bremswege von ber 40 Meter sollte es bei modernen Autos nicht mehr geben. Chrysler und Peugeot bremsen sehr ordentlich.

Kosten und Ausstattungen

Lancia ruft fr den Thesis einen ziemlich stolzen Preis (45.200 Euro) auf, der Chrysler am anderen Ende der Skala kostet immerhin 6600 Euro weniger.

Fazit und Wertung

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Dirk Branke Normal gibt's schon, unsere vier Vergleichs-Kandidaten sind anders. Die Perfektion der deutschen Oberklasse etwa erreichen sie nicht mal ansatzweise. Ob sie trotzdem ein guter Kauf sind? Das kommt darauf an. Wer stilistische Extravaganz mag, sollte sich den Lancia Thesis mal anschauen. Wer auf die typischen Ami-Tugenden und richtig groe Autos steht, ist mit dem Chrysler 300C gut bedient. Wer gern komfortabel und in luxuriser Club-Atmosphre reist, fr den ist der Renault Vel Satis erste Wahl. Und wer Wert auf zurckhaltende Eleganz legt und nicht weiter auffallen will, sollte mal an den Peugeot 607 denken. Fr alle gilt: Sie stehen nicht an jeder Ecke und das allein ist fr viele Leute ein gutes Kaufargument.

Hier ist Ihre Meinung gefragt

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten fr Peugeot 607, Renault Vel Satis, Chrysler 300C und Lancia Thesis. Den Zwischenstand sehen Sie direkt nach Abgabe Ihrer Bewertung.

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