Die Unfallfahnder von Berlin

Die Unfallfahnder von Berlin Die Unfallfahnder von Berlin

Die Unfallfahnder von Berlin

— 07.02.2007

Wir kriegen sie alle!

Winzige Lack- und Glassplitter überführen Unfallflüchtige. AUTO BILD-Reporter Claudius Maintz zeigt, wie die Polizei kleine und große Fälle löst.

Plötzlich vibriert das Handy des Sterbenden. Der Sanitäter hebt es von der nassgeregneten Straße auf. Eine Frau meldet sich, sie will Karl-Heinz G. sprechen. Ihren Freund, der da liegt. Sie war vorgegangen, zum Auto. Jetzt wartet sie dort. Doch der Schwerverletzte wird nicht nachkommen, er stirbt. Ein Wagen hat den 61-Jährigen erfasst. Der Fahrer? Weggerast. Einfach so. Unfallflucht. Seit einem Jahr sucht die Berliner Polizei den Täter nun schon. Auch die Angehörigen des Toten suchen – eine Antwort auf die quälenden Fragen: Wer hat das getan? Warum hat er nicht angehalten und geholfen?

Auch Lucyna S. starb nachts auf der Straße. Ein Busfahrer entdeckte die leblose Polin. Vom Unfallgegner fehlte jede Spur, zwei Monate lang.

In Röhrchen werden Glasmuster aufbewahrt, um sie mit Splittern vom Unfall vergleichen zu können.

Fast wäre der Täter ungestraft davongekommen. Doch in der Jacke der Toten und auf der Fahrbahn fand die Polizei sandkorngroße Glas- und Lacksplitter: wichtige Spuren für die Wissenschaftler des Berliner Landeskriminalamtes (LKA). Mit Spezialgeräten können sie herausfinden, von welchem Autotyp der Lack stammt. Ein Spektrometer beschießt die Lackpartikel mit Infrarotstrahlen. Je nach chemischer Zusammensetzung wird das Licht anders reflektiert. Das Ergebnis ist eine Art Fieberkurve, die ein Computer mit gespeicherten Mustern vergleicht. Unter dem Mikroskop zählen die Ermittler die Lackschichten. Normal sind vier Lagen, bei reparierten Autos ist das Lack-Sandwich dicker. "Je mehr Schichten es gibt, desto individueller ist die Visitenkarte", sagt Michael Erdmann (LKA).

Sein Kollege, der promovierte Physiker Frank Springer, lenkt starke Lichtstrahlen auf Glaskrümel. Bei jeder Sorte bricht das Licht anders. Springer erkennt daran, von welchem Zulieferer das gefundene Glas stammt. Im Fall der getöteten Polin war irgendwann klar: Der Gesuchte fährt Mercedes. Eine heiße Spur, endlich. Auf einmal geht alles ganz fix. Am Unfallort hängt die Polizei Handzettel an die Bäume. Wer hat was gesehen, wer weiß was? Ein Mann meldet sich, verrät den Standort eines verdächtigen Mercedes SLK. Die Laboranalyse ergibt: Die Frontscheibe ist aus dem gleichen Glas, das an der Jacke der Toten klebte. Der Wagen des Flüchtigen war gefunden, der Fall gelöst. Der Sportwagen parkte in einer stillen Villengegend im noblen Berlin-Grunewald. Ganz in der Nähe einer Tennisanlage, weit weg von der Wohnung des Halters. Es sah aus, als ob der Besitzer mit seinem SLK nichts mehr zu tun haben, als ob er den Unfall von sich abschütteln wollte. "Als wir ihn verhörten, schien eine Last von ihm abzufallen", sagt einer seiner Vernehmer, Polizeihauptkommissar Reinhard Borth. Die Akte Lucyna S. wurde geschlossen. Mit Kugelschreiber hat jemand ein Kreuz auf die erste Seite gemalt. Dem Fahrer droht jetzt Gefängnis. Für das "unerlaubte Entfernen vom Unfallort" sieht das Strafgesetzbuch bis zu drei Jahre Haft vor (§142).

Manche Glaskrümel sind so winzig, dass sie erst unter dem Mikroskop deulich sichtbar werden.

Kleinere Sünder kommen dagegen oft mit einer Geldstrafte davon. Es sind die "Kunden" von Oberkommissar Andreas Riedel und Hauptkommissar Stephan Schäfer. Sie kennen ihren Paragrafen 142 genau, seit vielen Jahren schon werden sie zu Bagatellschäden gerufen. Das Ziel an diesem Tag: ein schwarzer Audi A4, der Kotflügel ist eingedrückt. Besitzerin Ivette Nowak hatte die Polizei alarmiert: "Das war ein Linienbus. Meinem Hund Balthasar war übel, deshalb habe ich am Straßenrand angehalten. Plötzlich gab es einen Schlag. Das Nummernschild habe ich mir aber aufgeschrieben."

Kommissar Riedel sticht mit einem Skalpell in die Beule, schabt einen Krümel vom schwarzen Autolack ab. "Ich muss alle Lackschichten erwischen", sagt der Polizist und legt sein etwa ein Quadratmillimeter großes Beweisstück auf einen Streifen Klebefilm. Dann zieht der Beamte mit Spezialklebeband eine Schleifspur vom Blech ab: Plastikabrieb, so was wie ein Fingerabdruck. Etwa vom Linienbus?

Spürnase bei der Arbeit: Kommissar Riedel sichtet verdächtige Lackspuren.

Der verdächtige Omnibus parkt im Depot. Seine rechte Seite ist übersät mit Kratzern und Schrammen. Am Heck ist die Stoßstange aufgeplatzt, darüber rote Farbe von einer anderen Kollision. "Viele Rempler, da wird es schwer, den richtigen Kratzer zu finden", sagt Riedel und schabt ein paar rote und gelbe Krümel ab. Unter dem Mikroskop wird der Kommissar später feststellen: Die rote Farbe vom Bus klebte auch am Audi. Ein starkes Indiz dafür, dass beide Fahrzeuge zusammengestoßen sind. Dennoch hat der Busfahrer nicht viel zu befürchten. "Bevor man absichtlich wegfährt, muss man den Unfall auch bemerken", sagt Riedel. Glück gehabt. Bei Unfällen mit Todesfolgen indes wird das Schicksal immer aufgepuzzelt. Die Fahnder werden den Unbekannten, der Karl-Heinz G. auf dem Gewissen hat, jagen. So lange, bis sie ihn haben. LKA-Gutachter Michael Erdmann: "In 20 Jahren habe ich nie einen Fehler gemacht."

Autor: Claudius Maintz

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