Die verbotene Insel

Letzte Ausfahrt Helgoland Letzte Ausfahrt Helgoland

Die verbotene Insel

— 23.03.2002

Letzte Ausfahrt Helgoland

Auto fahren auf einer autofreien Insel - wie geht das denn? Im Prinzip gar nicht. Wer es doch muss, braucht eine Genehmigung, viel Augenmaß und noch viel mehr Geduld.

Tempolimit auf der Insel: zehn km/h

Gleich schwimmen wir. Arno, hallo, jetzt brems doch endlich! Sonst versinkt der Benz in der Nordsee - und wir mit ihm. Also bremsen, Arno, bräämmsen! Arno? Grinst nur. Erst eine Krabbenbreite vor dem Wasser bringt Gerätewart Arno Bebber (47) den Wagen der Helgoländer Feuerwehr zum Stehen. Einziger Kommentar beim Wenden auf der schmalen Hafenmole: "Manchmal wäre 'ne Servolenkung schon nett."

Scherzkeks. Ich steige aus und denke: Auto fahren auf Helgoland, nur 2,1 Quadratkilometer groß - das geht ja gar nicht. Steht auch so in der Straßenverkehrsordnung, Paragraph 50: Auf der Insel sind der Verkehr mit Kraftfahrzeugen und das Radfahren verboten. Im Prinzip jedenfalls. Wer dennoch fährt (87 Elektrokarren und 40 Dieselfahrzeuge im Dienst von Handwerkern, Händlern, Rettungsdienst und Feuerwehr), braucht eine Ausnahmegenehmigung, viel Augenmaß und noch mehr Geduld: Fußgänger haben auf den 89 Helgoländer Schmalspur-Straßen grundsätzlich Vorfahrt. Schneller als zehn km/h ist verboten. Hupen auch. Den Mitten-im-Weg-Rumstehern mal kurz zuzurufen muss reichen.

"Mehr als den ersten und zweiten Gang kannste hier nicht brauchen", klagt Bebber, "selbst wenn ich wollte, würde ich nicht mehr als 20 Sachen schaffen." Kollege Michael Widrinna vom Rettungsdienst ergänzt: "Wenn die Urlauberschiffe ankommen, könnten die Straßen 100 Meter breiter sein - man käme trotzdem nicht durch. Ist die Insel voll, ist Helgoland ist eine einzige Fußgängerzone."

Die Tanke verkauft 50 Liter - pro Woche

Wenigstens macht das Verfolgungsjagden für Inselpolizist Rolf Blädel (49) ein bisschen leichter. Denn der Polizeikommissar jagt Gesetzesbrecher meistens zu Fuß. Es sei denn, es muss mal so richtig schnell gehen. "Dann nehme ich unser Dienst-Fahrrad." Das gute Stück der Marke Wigro ist fast 50 Jahre alt und hat bei Bedarf auf dem Gepäckträger ein kleines Elektroblaulicht (Jux-Geschenk der Polizeigewerkschaft), allerdings keine Gangschaltung. "Die würde in der salzigen Luft nur kaputtgehen", meint Blädel.

Ein ruhiger Job? Irgendwie schon. Vor ein paar Jahren, erzählt der Inselsheriff, haben drei Kleinganoven mal Geldbörsen geklaut. Und ein paar Touristen aus dem Weserbergland brachten das Kunststück fertig, auf der (an sich) autofreien Insel den Führerschein zu verlieren: "Die haben betrunken ein Elektrotaxi geklaut." Und nichts von Blädels schnellen Schritten geahnt.

Ein paar Meter von seiner Polizeistation entfernt steht "Rickmers' Bunker-Service" - die letzte Tankstelle vor der englischen Küste. Inhaber Jörn Rickmers (49) lehnt gelangweilt an seiner einzigen Spritsäule für Kfz. "Na ja, so einmal die Woche kommt schon mal einer zum Tanken vorbei", sagt er. Das macht dann 50 Liter . Geld verdient der Mann trotzdem - sein Hauptgeschäft ist das Betanken von Schiffen.

Ersatzteile kommen per Katamaran

Beneidenswert aus Sicht abzockgenervter Autofahrer: Auf Helgoland bleiben die Spritpreise stabil, nur alle paar Monate klebt Rickmers einen neuen Computerausdruck an die Säule: "Wie haben ja keinen so großen Konkurrenzdruck wie auf dem Festland." Wohl wahr. Und wenn mal ein Auto kaputtgeht? Dann muss der Besitzer entweder den Monteur vom Festland kommen lassen - oder Peter Rohwedder (52) kennen.

Der Feuerwehrmann ist gelernter Kfz-Meister und hat vor allem einen guten Draht zum Mercedes-Händler in Cuxhaven. "Wenn ich da bis zehn Uhr morgens anrufe, kommen die Ersatzteile nachmittags per Katamaran oder mit dem Inselflieger. Das geht manchmal schneller als an Land." Wobei eh nicht viel kaputtgehen kann: Auf Helgoland bringt es selbst der Rettungsdienst nur auf 800 Kilometer Fahrleistung. Pro Jahr.

Helgoländer Historie Seien wir ehrlich: Der Mann war ein Spinner. Zumindest aus damaliger Sicht. Als Bootsbauer Jacob Andresen Siemens vor 175 Jahren die Idee hatte, aus Helgoland ein Seebad zu machen, hielten ihn die meisten seiner Zeitgenossen für verrückt. Schließlich stand die Insel unter britischer Herrschaft und war bitterarm. Inzwischen gilt Herr Siemens als Visionär: Helgoland (ab 1890 wieder deutsch) entwickelte sich zum Modebad der Schönen und der Reichen - bis es von 1914 bis 1918 evakuiert wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Ort zur Hälfte zerstört und erneut englisch besetzt. 1947 sollten 6700 Tonnen Sprengstoff die Insel im Meer versinken lassen - erfolglos. 1952 gab die britische Regierung Helgoland frei, der erneute Aufbau begann. Heute leben die 1600 Einwohner wieder vom Tourismus: 226.000 Übernachtungen pro Jahr.

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