Diesel-Kauf: Pro und Kontra

Diesel kaufen: Pro und Kontra

— 08.06.2017

Kann ich noch einen Diesel kaufen?

Viele Autofahrer fragen sich: Soll man heutzutage noch einen Diesel kaufen? Es gibt Argumente dafür wie dagegen. AUTO BILD gibt eine Entscheidungshilfe!

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'Welchen Antrieb hat Ihr nächstes Auto?'

Diesel sind in Deutschland verbreitet und beliebt, doch die Skepsis wächst, nicht erst seit dem Abgasskandal bei VW. Politiker, Umweltverbände und Experten wettern gegen den Selbstzünder, Fahrverbote drohen, der Absatz sinkt. Ist der Dieselmotor eine Dreckschleuder, die Menschen krank macht und von der selbst die Europäer sich langsam abwenden? Ergibt es noch Sinn, einen Diesel zu kaufen? Oder soll man die Gunst der Stunde nutzen und einen gerade günstig angebotenen Diesel kaufen? AUTO BILD gibt eine Entscheidungshilfe.

VW Dieselgate: Friedhof der Schummel-Diesel

Warum ist der Diesel in Verruf geraten? Hauptgrund ist der im September 2015 aufgedeckte VW-Skandal, bei dem millionenfach Abgasreinigungswerte zu Ungunsten der Umwelt und der Kunden manipuliert wurden. Die Rede ist von "Betrugssoftware", "Abschaltvorrichtungen" und "Schummel-Dieseln". VW kostete die Affäre Milliarden, das Image des Diesels wurde nachhaltig beschädigt. Hinzu kommt die Diskussion über Stickoxide (NOx), bei denen es ebenfalls teils erhebliche Überschreitungen aktueller oder künftiger Normen gibt.

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Welche Auswirkungen hat der Diesel auf die Umwelt? Für manchen Autoexperten ist der "klimafreundliche Diesel" ein Mythos, weil Dieselkraftstoff beim Verbrennen sogar etwas mehr Kohlendioxid je Liter ausstoße als Benzin. Die deutsche Autoindustrie sieht dagegen die umstrittene Technik als CO2-armen Retter. Laut Branchenverband VDA sei Diesel effizienter und energiereicher als Benzin, die Motoren hätten einen um etwa 15 Prozent höheren Wirkungsgrad. Entsprechend verbrauchten Dieselmodelle auch weniger Kraftstoff. Weil der CO2-Ausstoß am Verbrauch hängt, komme aus dem Auspuff der Diesel-Autos unterm Strich also weniger von dem Klimagas – auch wenn der CO2-Gehalt je Liter Diesel tatsächlich höher ist. Im Mittel lägen die CO2-Emissionen beim Diesel um 15 Prozent niedriger als beim Benziner, sagt Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie. Trotz des geringeren Verbrauchs entsstehen im Dieselmotor aber mehr Schadstoffe – vor allem gesundheitsschädliche Stickoxide (NOx). Sie können laut Umweltbundesamt Schleimhäute angreifen und zu Husten, Atembeschwerden und Augenreizungen führen sowie Herz, Kreislauf und die Lungenfunktion beeinträchtigen.

Video: Kommentar Schadstoff Plakette (2016)

Fahrverbot für Dieselfahrzeuge

Was hat es mit Fahrverboten und blauer Plakette auf sich? Viele Städte haben wegen der Dieselabgase mit zu hohen Stickoxid-Werten zu kämpfen. In Stuttgart und Hamburg drohen wegen möglicher Strafzahlungen an die EU Fahrverbote, weitere Großstädte könnten folgen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sowie viele Landespolitiker fordern deshalb eine blaue Plakette zur Kennzeichnung von vermeintlich sauberen Dieseln – die Plakette soll allein Motoren mit der Abgasnorm Euro 6 vorbehalten sein. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist wie viele weitere Unionspolitiker dagegen. Sie sehen das Image des Dieselmotors durch eine solche Maßnahme noch mehr gefährdet. Von Fahrverboten könnten bis zu 13 Millionen Diesel betroffen sein. Benziner könnten wegen des geringeren NOx-Ausstoßes ab Euro 3 die blaue Plakette bekommen. Doch mit der zukünftigen Partikelfilterpflicht für Benziner verschärfen sich auch hier die Bedingungen.

Wie können Euro-5-Diesel mögliche Fahrverbote umgehen? Durch Umrüstung. Die Industrie diskutiert derzeit intensiv mit der Politik eine breit angelegte Strategie zur Nachrüstung älterer Selbstzünder. Die Autobauer wollen als technische Lösung vermutlich die Abschaltvorrichtung der Abgasreinigung von derzeit 17 auf zehn Grad absenken, was eine Minderung des schädlichen NOx-Ausstoßes um 50 Prozent zur Folge hätte. Das Software-Update könne einen Anstieg des Verbrauchs von zwei bis drei Prozent zur Folge haben. Sollte die Software-Änderung nicht ausreichen, müsste auch die Hardware nachgebessert werden. Hierfür käme vor allem eine sogenannte SCR-Anlage mit Harnstofflösung infrage, deren nachträglicher Einbau gut 1500 Euro kosten würde. Wie das genau funktioniert, sehen Sie in der Bildergalerie.

Diesel umrüsten auf Euro 6: So geht's

Sind neue Euro-6-Diesel sauber? Das Umweltbundesamt warnte Ende April 2017, Euro-6-Diesel, die offiziell der jüngsten Abgasnorm entsprächen, stießen viel mehr Stickoxide aus als sie sollten. Der Labor-Grenzwert liege bei 80 Milligramm pro Kilometer, im Alltag seien es aber 507 – mehr als sechsmal so viel. Am schmutzigsten seien bei Untersuchungen Euro-5-Diesel mit einem NOx-Ausstoß von 906 Milligramm gewesen, dem Fünffachen des Grenzwerts von 180 Milligramm. Euro-4-Diesel, für die ein Grenzwert von 250 Milligramm gilt, bliesen 674 Milligramm Stickoxid pro Kilometer in die Luft. Die Hersteller wiesen die Vorwürfe zurück und verwiesen auf bestehende Gesetze und Homologations-Regelungen sowie die problematische Vergleichbarkeit von Tests im Labor und auf der Straße.

Diesel-Kauf: Pro und Kontra

Das Problem ist erkannt, die wenig aussagekräftigen Labortests (NEFZ) werden in Europa bald durch realistischere Prüfverfahren ergänzt. Von September 2017 an werden Stickoxid-Straßentests (RDE-Tests = Real Driving Emission) verpflichtend für die Zulassung neuer Modelle, ein Jahr später dann für alle Neuwagen. Allerdings werden noch für viele Jahre großzügige Abweichungen erlaubt. Der CO2-Ausstoß wird bei neuen Automodellen von September an mit dem auf UN-Ebene vereinbarten WLTP-Verfahren gemessen. Ein Jahr später folgt die Einführung für alle Neuwagen. Sind Diesel verbrauchsärmer als Benziner? Diesel verbrauchen etwa 15 bis 20 Prozent weniger Kraftstoff als vergleichbare Benziner. Allerdings ist die Energiedichte von Diesel auch höher. Zudem kritisiert die Umwelthilfe, der technisch mögliche Verbrauchsvorteil beim Diesel werde überkompensiert durch das hohe Gewicht gefragter SUVs. Zudem sei die Herstellung von Dieselmotoren aufwendiger, auch hier entstünden CO2-Nachteile. Zumal moderne Benziner effizienter seien als früher, dank sogenannter Vollhybride, also Autos, die sowohl mit dem Verbrennungs- als auch dem Elektromotor fahren können. Diese hätten allerdings wiederum mit Partikel-Emissionen zu kämpfen, warnt der Karlsruher Motorexperte Koch.

Wie entwickeln sich die Absatzzahlen? Deutschland ist ein Diesel-Land – noch. Denn seit Monaten sinkt der Marktanteil der Selbstzünder bei Neuwagen.

Im Mai 2017 hatten nur noch gut 40 Prozent aller  verkauften Neuwagen in Deutschland einen Diesel unter der Haube.

Während beispielsweise der deutsche Automarkt im Mai 2017 einen deutlichen Aufschwung von 12,9 Prozent verzeichnete, ging es für den Dieselantrieb weiter bergab: Von den Neuzulassungen entfielen im Mai 2017 nur noch 40,4 Prozent auf den Selbstzünder, ein Jahr zuvor waren es noch 46,3 Prozent. Auch im April 2017 war der Absatz im Vergleich zum Vorjahresmonat laut KBA-Zahlen um ein Fünftel eingebrochen. Allerdings gab es wegen des Osterfestes drei Verkaufstage weniger als 2016, als Ostern Ende März lag.

Wie gut lassen sich gebrauchte Diesel verkaufen? Das Geschäft wird zunehmend schwieriger. In einer Händlerbefragung der Deutschen Automobil Treuhand (DAT)

Der Diesel-Absatz sinkt, die Rabatte steigen. Schnäppchenjäger könnten auf ihre Kosten kommen.

gaben 58 Prozent der Händler an, derzeit gebrauchte Diesel mit höheren Rabatten als sonst üblich zu verkaufen. Bei Neuwagen griffen 36 Prozent zu diesem Mittel. Heißt für diejenigen, die einen Diesel kaufen wollen: Möglicherweise sind derzeit Schnäppchen zu machen. Auch beim Ankauf von Selbstzündern zeigen sich die Autohäuser der Befragung zufolge vorsichtig: 65 Prozent nehmen sie nur noch zu niedrigeren Preisen in Zahlung. Und auch der Restwert wird zum Problem: Laut Auswertung haben Dieselfahrzeuge nach drei Jahren mit 55,4 Prozent vom Listenpreis einen geringeren Restwert als vergleichbare Benziner (56,4 Prozent). Laut DAT-Auswertung haben Diesel mit 94 Tagen inzwischen eine deutlich längere durchschnittliche Standzeit bei Händlern als Benziner (82 Tage).

Wie verhalten sich die Hersteller? Unterschiedlich. Als erster großer Autobauer wendet sich Volvo wegen der steigenden Kosten bei der Abgasreinigung vom Diesel ab. VW bekennt sich zum Diesel, investiert aber mit neun Milliarden Euro dreimal so viel Geld in alternative Antriebe. Daimler will ebenfalls am Diesel festhalten, rechnet aber mit knapp einem Viertel batterieelektrischer Autos am eigenen Absatz bis 2025. Die Audi-Strategie sieht bis zu diesem Zeitpunkt ein Drittel Elektro und zwei Drittel Verbrenner vor – also Benzin, Diesel und Gas. BMW-Chef Harald Krüger sagte Anfang Mai 2017: "Nichts deutet auf einen Tod des Diesel hin. Der saubere Diesel hat noch eine lange Zukunft vor sich." Toyota setzt schon seit Längerem auf alternative Antriebe, der Hybrid-Pionier ist einer der großen Profiteure auf dem deutschen Automarkt. Über allen Herstellern schwebt die EU-Vorgabe, wonach 2021 der Flottenausstoß nur noch 95 g CO2/km pro verkauftem Fahrzeug betragen darf. Andernfalls drohen hohe Strafzahlungen.

Welche Steuervor- und -nachteile habe ich als Dieselfahrer? Genau 18,41 Cent pro Liter Treibstoff (47,04 Cent gegenüber 65,45 Cent) zahlen Dieselfahrer beim Tanken weniger Energiesteuer. Insgesamt ist der Sprit etwa 20 Cent pro Liter günstiger. Dafür ist die Kfz-Steuer für Dieselfahrzeuge etwas höher, abhängig von der Schadstoffklasse und vom Jahr der Erstzulassung (wie hoch die Steuer bei Ihrem Fahrzeug ist, können Sie hier in drei Schritten errechnen).

Welche Variante lohnt sich mehr, Diesel oder Benziner?

Der Preisvorteil von Diesel beim Tanken beträgt pro Liter noch rund 20 Cent gegenüber Benzin E10.

Das kann man pauschal nicht sagen. Generell wirkt sich der Preisvorteil vom Diesel eher bei großvolumigen Fahrzeugen aus sowie für Vielfahrer, in der Regel ab 20.000 Kilometern pro Jahr. Der ADAC hat im Frühjahr 2017 einen groß angelegten Kostenvergleich mit mehr als 1600 Fahrzeugen vorgenommen. Auch AUTO BILD hat Anfang 2017 in einem zweiteiligen Test insgesamt 19 Benzin-Diesel-Paare getestet (Teil 1 und Teil 2 hier/kostenpflichtig) und ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen festgestellt. Ein Jahr zuvor – kurz nach Beginn des Dieselskandals – nahmen die Tester bereits 32 Autos unter die Lupe (kostenpflichtig).

Welche Dieselmodelle kann ich aus ökologischer Sicht bedenkenlos kaufen? Nicht viele. Der ADAC gibt die Antwort darauf in seinem groß angelegten "Eco Test" 2017, bei dem Messungen auf dem Abgasprüfstand durch reale Straßenmessungen (RDE, Real Driving Emissions) ergänzt wurden. ADAC-Geschäftsführer Alexander Möller rief allerdings in der "Automobilwoche" die Autofahrer generell dazu auf, "Ruhe zu bewahren und nicht ohne Not einen aktuellen Diesel zu verkaufen". Viele Entscheidungen der Kommunen stünden noch aus, über die Zulässigkeit einzelner Fahrverbote müsse noch die Justiz entscheiden. Für eine blaue Plakette gebe es zudem noch keine gesetzliche Grundlage. Diese müsste Verkehrsminister Dobrindt in die Wege leiten, doch der weigert sich bislang.

Diesel-Kauf: Pro und Kontra



(Mit Material von dpa)
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Fazit

Gehört dem Diesel die Zukunft? Vermutlich nicht. Dennoch lohnt es sich für Vielfahrer aus Kostengründen nach wie vor, einen sparsamen Selbstzünder zu kaufen – trotz sinkendem Wiederverkaufswert und weiterhin nicht erwiesener Euro-6-Reinheit. Wer allerdings in Sachen Fahrverbot auf Nummer sicher gehen und zudem sein grünes Gewissen beruhigen will, der sollte sich nach einer Alternative umschauen.

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