Diesel umrüsten auf Euro 6: So geht's

Diesel umrüsten (SCR): Euro-5-Diesel auf Euro 6 nachrüsten

So lassen sich Diesel nachrüsten

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer fordert von den Autoherstellern Anreize für den Umstieg von alten Dieseln auf saubere Pkw. Alle Infos zum Umrüsten mit SCR-Kats!
(dpa/Reuters/jr/brü/mas/lhp) Die Autobauer sollen Anreize für einen Umstieg von alten Dieselautos auf saubere Fahrzeuge schaffen. Das fordert Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) laut einem Zeitungsbericht. "Den Besitzern alter Diesel müssen höchst attraktive Angebote für den Wechsel in saubere Autos gemacht werden", sagte Scheuer der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Die Autohersteller sind hier zwingend in der Pflicht." Dies gelte nicht nur für Volkswagen. Er spreche mit den Herstellern, zu welchem Preis diese alte Fahrzeuge in Zahlung nehmen könnten. Zu den Kosten für eine Nachrüstung bei Besitzern von Euro-4-Fahrzeugen sagte Scheuer, es werde überlegt, was möglich sei. "Aber eins ist ganz klar: Der Staat ist kein Autohändler." Einem Medienbericht zufolge könnten von den bereits bestehenden oder drohenden Fahrverboten für ältere Diesel mindestens 1,3 Millionen Pkw betroffen sein.

FAQ: Alle Infos zu SCR-Systemen

Nachrüsten von Euro-4- und Euro-5-Dieseln

Eine technische Lösung zum Nachrüsten auf Euro 6 ist am wahrscheinlichsten für Euro-5-Autos. Davon sind in Deutschland knapp sechs Millionen unterwegs. Aber auch Euro-4-Diesel kommen infrage. Zurzeit planen Baden-Württembergs Verkehrsministerium und der ADAC einen Langzeittest mit nachgerüsteten Dieselfahrzeugen, um die Funktions- und Leistungsfähigkeit von Hardware-Nachrüstungen bei Euro-5-Dieseln zu testen. Kern der bis Januar 2019 konzipierten Untersuchung soll ein Langstreckentest mit zwei Pkw und zwei Transportern mit Euro 5 sein, die mindestens 50.000 Kilometer zurücklegen sollen. Getestet werden soll die Funktionsfähigkeit der Systeme unter verschiedenen klimatischen Bedingungen wie Hitze und Frost. Beteiligt sind die Nachrüstunternehmen Twintec-Baumot, Dr. Pley, HJS und Oberland Mangold.

Flächendeckende Nachrüstung nötig?

Der ADAC hält die Nachrüstung für machbar, bezweifelt aber die Notwendigkeit einer flächendeckenden Nachrüstung. Der Club empfiehlt in einem Gutachten für die Bundesregierung, nur die Autos nachzurüsten, die in belasteten Städten zugelassen sind, in denen andere Maßnahmen nicht reichen. Der Verband der Technischen Überwachungsvereine (VdTüv) hält Hardware-Nachrüstungen bei "entsprechendem technischen Aufwand" für "grundsätzlich möglich". Eine "großflächige" Aktion würde aber mindestens zwei Jahre dauern. Wer sichergehen möchte, dass er nicht von Fahrverboten und Wertverlust betroffen ist, sollte überlegen, sich ein sauberes Auto mit alternativem Antrieb oder Euro 6d-TEMP-Norm zuzulegen.

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Kostenfrage noch offen

Allerdings müssen die Kosten einer Nachrüstung immer im Zusammenhang mit dem Restwert des Fahrzeugs gesehen werden. Bei Autos mit schon hoher Laufleistung lohnt sich die Nachrüstung nicht mehr. Auch alte Lkw sollen nachrüstbar sein, sogar bis Euro 2. Der Kat-Hersteller Twintec-Baumot verspricht einen Nachrüst-Iat "für alle relevanten Fahrzeuge".

Welche Hardware-Lösungen gibt es?

Mehrere Anbieter arbeiten an Nachrüstlösungen, am bekanntesten sind Twintec-Baumot und die Faurecia-Tochter Amminex. Grundsätzlich wird bei beiden Lösungen Ammoniak direkt ins Abgasnachbehandlungssystem eingeführt – bei einer herkömmlichen SCR-Anlage bildet sich Ammoniak erst im Auspuffrohr. So funktionieren die Systeme:

Der Ammoniak-Generator sitzt neben dem Abgasstrang.

BNOx von Twintec-Baumot: Herzstück des Umbausatzes ist eine AdBlue-Anlage, die technisch weiterentwickelt wurde. Twintec spritzt das Additiv nicht ins Auspuffrohr ein, sondern erzeugt daraus vorher in einem kleinen elektrischen Generator Ammoniak. Die Umrüstung kann von jeder AU-berechtigten Werkstatt durchgeführt werden und dauert etwa einen halben Tag. Twintec kündigt an, Nachrüstlösungen "für alle relevanten Fahrzeugtypen" anzubieten, sobald die gesetzlichen Rahmenbedingungen vom Gesetzgeber festgelegt wurden. Preis: 1500 Euro für BNOx plus 500 Euro Werkstattkosten.

Beim Amminex BlueFit werden in der Reserveradmulde Patronen mit festem Ammoniak verstaut.

BlueFit von Faurecia/Amminex: Die BlueFit-Lösung besteht aus zwei Hauptelementen: Zum einen zwei Patronen mit festem Ammoniak, die in der Reserveradmulde untergebracht sind, zum anderen ein SCR-Katalysator, der an der Abgasleitung unter dem Auto angebracht ist. BlueFit erfordert laut Hersteller keine Änderungen im Motorraum, an der Kalibrierung des Motors, am Diesel-Partikelfilter oder am Stromnetz. Die Standard-BlueFit-Konfiguration hat zwei Ammoniak-Patronen, was 16 Liter AdBlue entspricht. Die Reichweite soll rund 15.000 Kilometer betragen, bevor ein zweiminütiger Patronenaustausch in einer Werkstatt nötig ist. Die Installation des Systems bzw. die Nachrüstung soll von den Autohäusern der Hersteller durchgeführt werden und vier bis sechs Arbeitsstunden dauern. Der Beginn einer Kleinserienproduktion wird für Mitte 2018 angepeilt. Preis: "in einem wettbewerbsfähigen Rahmen".

Wie sauber wird das Abgas mit einem Nachrüst-SCR-Kat?

Der ADAC Württemberg wies zuletzt mit Unterstützung des baden-württembergischen Verkehrsministeriums die Wirksamkeit der Hardware-Nachrüstung an Euro-5-Dieselfahrzeugen nach. Bei vier Testfahrzeugen, die mit vier verschiedenen Prototypen von SCR-Systemen ausgestattet wurden, lag der NOx-Ausstoß bei guten Fahr- und Temperaturbedingungen innerorts um bis zu 70, außerorts sogar um bis zu 90 Prozent niedriger als ohne Kat. Die Hersteller selber geben bis zu 95 Prozent weniger schädliche Stickoxide an und wollen die Euro-6-Norm sogar unterbieten. Der Hersteller BlueFit teilte mit: "Nach der Nachrüstung des Autos (ein herkömmliches mittelgroßes, drei Jahre altes Dieselfahrzeug mit einem 1,5-Liter-Motor (Euro 5), Anm. d. Red) mit BlueFit zeigte sich, dass die durchschnittlichen Emissionen unter realen Fahrbedingungen auf 40mg NOx pro Kilometer reduziert wurden. Dieses Ergebnis liegt deutlich unter dem aktuellen Emissionsstandard von Euro 6, der 80mg NOx pro Kilometer erlaubt." Sehr ähnliche Werte legte TwinTec/Baumot vor. Selbst bei ungünstigen Bedingungen maßen die Tester rund 50 Prozent weniger NOx in den Abgasen.

Gebrauchte Euro-6-Diesel im Test

Was die Hardware-Nachrüstungen kosten

Die Kosten für die Nachrüstung von Euro-4- wie Euro-5-Dieseln liegen zwischen 1400 und 3300 Euro pro Fahrzeug, schätzt der ADAC. Dazu kämen die Einbaukosten, wohl mindestens ein Arbeitstag pro Fahrzeug. Es gibt Experten, die von 5000 bis 7000 Euro Gesamtkosten pro Auto ausgehen.

Wer zahlt für eine Hardware-Nachrüstung?

Das ist völlig offen. Die Autobauer wollen eine von ihnen finanzierte Nachrüstlösung um jeden Preis vermeiden. Doch in der Politik mehren sich die Stimmen, die die Hersteller in der Pflicht sehen. Die meisten Diesel-Besitzer in Deutschland wollen nicht für die Nachrüstung der Abgas-Hardware zahlen. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sagten 76 Prozent der Dieselfahrer, sie wären nicht bereit, die Kosten für Umbauten an Motorsteuerung oder Katalysator aus eigener Tasche zu finanzieren. Nur zwölf Prozent der Befragten wären damit einverstanden, eigenes Geld in eine Erneuerung der Abgasanlage zu investieren, falls dies technisch machbar ist und sich so ein Fahrverbot für den eigenen Diesel abwenden lässt. Wie das Tauziehen um die Kosten ausgeht, ist offen.

Probleme und Nachteile der Nachrüstung

Entwicklungsbedarf und Probleme: Noch sind die Systeme nicht ganz ausgereift und nicht marktreif. Vor allem sind noch keine Lösungen für verschiedene Fahrzeugtypen da. Auch eine offizielle Zulassungsrichtlinie für Nachrüstlösungen seitens der Behörden fehlt nach wie vor. Der große Nachteil: Für den chemischen Prozess, bei dem das Ammoniak aus der AdBlue-Harnstofflösung gewonnen wird, sind Temperaturen von 200 Grad erforderlich. Das macht die Abgasreinigung beim Kurzstreckenbetrieb problematisch. Bei den beiden Nachrüstlösungen BNOx (Twintec) und BlueFit (Amminex) genügen Temperaturen ab ca. 150 Grad, da das Ammoniak anders gewonnen bzw. bereitgestellt wird.
Höherer Spritverbrauch: Nachgerüstete Fahrzeuge dürften mehr verbrauchen. Denn für das AdBlue-System wird zusätzliche Energie benötigt. Bei den Testfahrzeugen stieg der Verbrauch um 0,1 bis 0,3 Liter pro 100 Kilometer, was einem Plus um ein bis sechs Prozent entspricht. 
AdBlue-Verbrauch und -Tank: Auch der Harnstoff AdBlue muss regelmäßig nachgetankt werden, es müssen im Schnitt zwei Liter Harnstoff auf 1000 Kilometer veranschlagt werden. Damit nicht ständig nachgefüllt werden muss, fordert der ADAC AdBlue-Tanks mit mindestens zehn Liter Fassungsvermögen (Reichweite 3000 bis 6000 Kilometer). Für solche Tanks muss Platz im Fahrzeug geschaffen werden.

Initiative nimmt Umrüstung selbst in die Hand

Eine Initiative will die Sache selbst in die Hand nehmen: "Gerechtigkeit im VW-Abgasskandal" heißt das Aktionsbündnis, bestehend aus Axel Friedrich, ehemaliger Abteilungsleiter des Umweltbundesamts, dem ehemaligen Richter und bayerischen Grünen-Landtagsabgeordneten Hartmut Bäumer und der Twintec Baumot Group, Spezialist für Abgastechnik und Hersteller von Nachrüst-Kats.
Ihr Plan: Diesel-Besitzer lassen gegen Vorkasse ihr Fahrzeug mit einem SCR-Katalysator samt Tank für die Harnstofflösung AdBlue auf Euro-6d-Niveau nachrüsten. Kosten: rund 2000 Euro (ca. 1500 Euro Material, 300 Euro Einbau zzgl. Mehrwertsteuer). Später wollen sie sich das Geld auf dem Klageweg von den Herstellern zurückholen. Bis zum 14. September 2018 hatten sich rund 2100 Interessenten unverbindlich registriert (Infos und Formular auf https://dieselnachruestung.eu). Sie alle wollen zum einen dem Wertverlust ihrer Fahrzeuge entgegenwirken, zum anderen drohende Fahrverbote in Großstädten umgehen. Die Initiatoren sind überzeugt von der Wirksamkeit des Rechtsweges bei der Kostenrückerstattung: "Im Grunde handelt es sich um eine typische Nachbesserung, wie sie auch im Schadensersatzrecht vorgesehen ist", sagte Ex-Richter Bäumer dem Nachrichtenportal "Spiegel Online". Auch die Teilegenehmigung vonseiten des KBA ist offenbar auf dem Weg, das Land Baden-Württemberg hat eine Einfahrgenehmigung für die Fahrverbotszone in Stuttgart signalisiert. Bis zum Start müssen sich nach Angaben von Baumot mindestens 1000 VW-Besitzer der Umrüstaktion angeschlossen haben, um den Preis von 2000 Euro zu garantieren. Man rechne aber damit, dass noch im Oktober 2018 die ersten Autos umgerüstet werden. So funktioniert das Umrüsten von Euro-5-Dieseln Schritt für Schritt:

Diesel umrüsten auf Euro 6: So geht's

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Autoren: Benjamin Gehrs, Frank Rosin, Maike Schade,

Stichworte:

Diesel Abgasskandal

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