Diesel umrüsten auf Euro 6: So geht's

Diesel umrüsten (SCR): Euro-5-Diesel auf Euro 6 nachrüsten

So lassen sich Diesel nachrüsten

Bundeskanzlerin  Merkel äußert sich skeptisch zur Diesel-Nachrüstung mit Hardware. Alle Infos zu Funktionsweise, Kosten und Verfügbarkeit von SCR-Kats!

Skeptisch: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beurteilt Nachrüstlösungen als "relativ kostenintensiv".

(dpa/Reuters/isa/brü) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich in der Dieselkrise skeptisch zu umfangreichen technischen Nachrüstungen von Dieselfahrzeugen geäußert. Die Bundesregierung werte derzeit noch verschiedene Gutachten zu Hardware-Nachrüstungen aus, sagte Merkel am 11. April 2018 zum Abschluss der Kabinettsklausur in Meseberg. In den nächsten Wochen werde es ein Ergebnis geben, was daraus folge. "Aber was man, glaube ich, schon sagen kann, ist, dass auf jeden Fall Nutzen und Kosten in einem vernünftigen Verhältnis sein müssen, und diese Hardware-Nachrüstung ist ja relativ kostenintensiv." Ein weiterer "großer" Auto-Gipfel sei vorerst nicht geplant. Merkel machte aber zugleich deutlich, die Regierung habe "ganz klare Erwartungen" an die Autoindustrie, die "erkennbar gravierende Fehler" gemacht habe. Die Autobranche habe zugesagt, Software-Updates bis Ende 2018 abzuschließen. 
Die ablehnende Haltung der Kanzlerin überrascht. Erst wenige Tage zuvor hatte der "Spiegel" gemeldet, die Bundesregierung erwäge einen Milliardenfonds mit Beteiligung der Autoindustrie zur technischen Nachrüstung von Dieselfahrzeugen. Demnach gebe es Überlegungen, zumindest einen Teil der Dieselflotte in Deutschland mit SCR-Katalysatoren nachrüsten zu lassen. Dazu prüfe die Koalition, ob Autokonzerne fünf Milliarden Euro in einen Fonds einzahlen. Die Regierung würde Geld zuschießen, so der "Spiegel"-Bericht. 

Keine flächendeckende Nachrüstung

Laut "Spiegel" könnte eine Umrüstungsaktion zunächst die Diesel betreffen, für die es bereits Nachrüst-Sets gibt. Das seien vor allem jene Modelle, die auch in die USA exportiert werden und dort strengere Schadstoff-Grenzwerte einhalten müssen. Die Nachrüstung soll demnach nicht flächendeckend kommen, sondern zunächst nur in Regionen, die besonders von Fahrverboten bedroht sind: in Stuttgart, im Rhein-Main-Gebiet oder in München. Wer sicher gehen möchte, dass er nicht von Fahrverboten und Wertverlust betroffen ist, sollte aber überlegen, sich ein sauberes Auto mit alternativem Antrieb oder Euro 6d-TEMP-Norm zuzulegen.  

Sechs Mio. Euro-5-Diesel nicht sauber genug

Ob nun die blaue Plakette kommt oder Fahrverbote in einzelnen Städten: Für Diesel, die nicht der Euro-6-Norm entsprechen, wird es ansonsten eng. In Deutschland sind knapp sechs Millionen Euro-5-Diesel unterwegs, die nicht sauber genug, aber mit neuester Abgasreinigung nachrüstbar wären. Nur: Wer sollte dafür zahlen? Die deutsche Autobranche sperrt sich weiterhin, die Kosten für eine technische Nachrüstung zu übernehmen. Das bestätigte der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA) Bernhard Mattes am 24. März 2018 und verwies auf einen wohl höheren Kraftstoff-Bedarf und CO2-Ausstoß von Hardware-Nachrüstungen. "Und das könne ja kaum jemand wollen", so Mattes. Zudem würde es zwei bis drei Jahre dauern, bis die Motoren umgebaut werden könnten, da die Entwicklung und Erprobung Zeit bräuchten.

Umfrage: Diesel-Besitzer wollen Kosten nicht übernehmen

Doch auch die Diesel-Besitzer in Deutschland sehen sich nicht in der Pflicht, für die Nachrüstung der Abgas-Hardware zu zahlen. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sagten 76 Prozent der Dieselfahrer, sie wären nicht bereit, die Kosten für Umbauten an Motorsteuerung oder Katalysator aus eigener Tasche zu finanzieren. Nur zwölf Prozent der Befragten wären damit einverstanden, eigenes Geld in eine Erneuerung der Abgasanlage zu investieren, falls dies technisch machbar ist und sich so ein Fahrverbot für den eigenen Diesel abwenden lässt. Die Autokonzerne beteiligen sich bisher an einem beim "Dieselgipfel" beschlossenen Fonds und bieten kostenlose Updates der Abgas-Software an. Fest steht allerdings, dass eine umfassende Nachrüstlösung für viele Autos die Luftqualität um bis zu 25 Prozent verbessern würde. Das wiederum könnte Fahrverbote, für die das Bundesverwaltungsgericht im Februar 2018 den Weg ebnete, entbehrlich machen.

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Welche Diesel können nachgerüstet werden?

Nachgerüstet werden könnten vor allem Euro-5-Autos. Davon sind in Deutschland knapp sechs Millionen unterwegs. Aber auch Euro-4-Diesel kommen infrage. Allerdings müssen die Kosten einer Nachrüstung immer im Zusammenhang mit dem Restwert des Fahrzeugs gesehen werden. Bei Autos mit schon hoher Laufleistung lohnt sich die Nachrüstung nicht mehr. Auch alte Lkw sollen nachrüstbar sein. Der Kat-Hersteller Twintec-Baumot verspricht einen Nachrüst-Iat "für alle relevanten Fahrzeuge".

Welche Hardware-Lösungen gibt es?

Mehrere Anbieter arbeiten an Nachrüstlösungen, am bekanntesten sind Twintec-Baumot und die Faurecia-Tochter Amminex. Noch sind beide Systeme nicht lieferbar, beide Hersteller arbeiten aber dran. Grundsätzlich wird bei beiden Lösungen Ammoniak direkt ins Abgasnachbehandlungssystem eingeführt – bei einer herkömmlichen SCR-Anlage bildet sich Ammoniak erst im Auspuffrohr. So funktionieren die Systeme:

Der Ammoniak-Generator sitzt neben dem Abgasstrang.

BNOx von Twintec-Baumot: Herzstück des Umbausatzes ist eine AdBlue-Anlage, die technisch weiterentwickelt wurde. Twintec spritzt das Additiv nicht ins Auspuffrohr ein, sondern erzeugt daraus vorher in einem kleinen elektrischen Generator Ammoniak. Die Umrüstung kann von jeder AU-berechtigten Werkstatt durchgeführt werden und dauert etwa einen halben Tag. Twintec kündigt an, Nachrüstlösungen "für alle relevanten Fahrzeugtypen" anzubieten, sobald die gesetzlichen Rahmenbedingungen vom Gesetzgeber festgelegt wurden. Preis: 1500 Euro für BNOx plus 500 Euro Werkstattkosten.

Beim Amminex BlueFit werden in der Reserveradmulde Patronen mit festem Ammoniak verstaut.

BlueFit von Faurecia/Amminex: Die BlueFit-Lösung besteht aus zwei Hauptelementen: Zum einen zwei Patronen mit festem Ammoniak, die in der Reserveradmulde untergebracht sind, zum anderen ein SCR-Katalysator, der an der Abgasleitung unter dem Auto angebracht ist. BlueFit erfordert laut Hersteller keine Änderungen im Motorraum, an der Kalibrierung des Motors, am Diesel-Partikelfilter oder am Stromnetz. Die Standard-BlueFit-Konfiguration hat zwei Ammoniak-Patronen, was 16 Liter AdBlue entspricht. Die Reichweite soll rund 15.000 Kilometer betragen, bevor ein zweiminütiger Patronenaustausch in einer Werkstatt nötig ist. Die Installation des Systems bzw. die Nachrüstung soll von den Autohäusern der Hersteller durchgeführt werden und vier bis sechs Arbeitsstunden dauern. Der Beginn einer Kleinserienproduktion wird für Mitte 2018 angepeilt. Preis: "in einem wettbewerbsfähigen Rahmen".

Wie sauber wird das Abgas mit einem Nachrüst-SCR-Kat?

Der ADAC Württemberg wies zuletzt mit Unterstützung des baden-württembergischen Verkehrsministeriums die Wirksamkeit der Hardware-Nachrüstung an Euro-5-Dieselfahrzeugen nach. Bei vier Testfahrzeugen, die mit vier verschiedenen Prototypen von SCR-Systemen ausgestattet wurden, lag der NOx-Ausstoß bei guten Fahr- und Temperaturbedingungen innerorts um bis zu 70, außerorts sogar um bis zu 90 Prozent niedriger als ohne Kat. Die Hersteller selber geben bis zu 95 Prozent weniger schädliche Stickoxide an und wollen die Euro-6-Norm sogar unterbieten. Der Hersteller BlueFit teilte mit: "Nach der Nachrüstung des Autos (ein herkömmliches mittelgroßes, drei Jahre altes Dieselfahrzeug mit einem 1,5-Liter-Motor (Euro 5), Anm. d. Red) mit BlueFit zeigte sich, dass die durchschnittlichen Emissionen unter realen Fahrbedingungen auf 40mg NOx pro Kilometer reduziert wurden. Dieses Ergebnis liegt deutlich unter dem aktuellen Emissionsstandard von Euro 6, der 80mg NOx pro Kilometer erlaubt." Sehr ähnliche Werte legte TwinTec/Baumot vor. Selbst bei ungünstigen Bedingungen maßen die Tester rund 50 Prozent weniger NOx in den Abgasen.

Gebrauchte Euro-6-Diesel im Test

Was kostet die Hardware-Nachrüstung?

Der Preis für die Nachrüstung von Euro-4- wie Euro-5-Dieseln soll zwischen 1400 und 3300 Euro pro Fahrzeug liegen, schätzt der ADAC. Dazu kämen die Einbaukosten, wohl mindestens ein Arbeitstag pro Fahrzeug. Es gibt Experten, die von 5000 bis 7000 Euro Gesamtkosten pro Auto ausgehen.

Wer zahlt die Hardware-Nachrüstung?

Das ist die große Frage. Die Autobauer wollen eine von ihnen finanzierte Nachrüstlösung um jeden Preis vermeiden. In der Politik mehren sich dagegen die Stimmen, die die Hersteller in der Pflicht sehen. Wie das Tauziehen um die Kosten ausgeht, ist zurzeit völlig offen. 

Probleme und Nachteile der Nachrüstung

Entwicklungsbedarf und Probleme: Noch sind die Systeme nicht ganz ausgereift und nicht marktreif. Vor allem sind noch keine Lösungen für verschiedene Fahrzeugtypen da. Der große Nachteil: Für den chemischen Prozess, bei dem das Ammoniak aus der AdBlue-Harnstofflösung gewonnen wird, sind Temperaturen von 200 Grad erforderlich. Das macht die Abgasreinigung beim Kurzstreckenbetrieb problematisch. Bei den beiden Nachrüstlösungen BNOx (Twintec) und BlueFit (Amminex) genügen Temperaturen ab ca. 150 Grad, da das Ammoniak anders gewonnen bzw. bereitgestellt wird.
Höherer Spritverbrauch: Nachgerüstete Fahrzeuge dürften mehr verbrauchen. Denn für das AdBlue-System wird zusätzliche Energie benötigt. Bei den Testfahrzeugen stieg der Verbrauch um 0,1 bis 0,3 Liter pro 100 Kilometer, was einem Plus um ein bis sechs Prozent entspricht. 
AdBlue-Verbrauch und -Tank: Auch der Harnstoff AdBlue muss regelmäßig nachgetankt werden, es müssen im Schnitt zwei Liter Harnstoff auf 1000 Kilometer veranschlagt werden. Damit nicht ständig nachgefüllt werden muss, fordert der ADAC AdBlue-Tanks mit mindestens zehn Liter Fassungsvermögen (Reichweite 3000 bis 6000 Kilometer). Für solche Tanks muss Platz im Fahrzeug geschaffen werden. So funktioniert das Umrüsten von Euro-5-Dieseln Schritt für Schritt:

Diesel umrüsten auf Euro 6: So geht's

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Autoren: Benjamin Gehrs, Frank Rosin, Maike Schade,

Stichworte:

Diesel Abgasskandal

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