Bernie Ecclestone Ron Dennis

Doppelinterview Ecclestone/Dennis

— 09.07.2010

Hamilton kein Glückstreffer

Teil acht unserer exklusiven Serie "Bernie trifft...": Diesmal Ex-McLaren-Teamchef Ron Dennis über Stallduelle, Nachwuchsförderung, seine Formel-1-Rente und die guten alten Motorsport-Zeiten.

autobildmotorsport.de: Herr Dennis, Herr Ecclestone, Sie sind beide Formel-1-Legenden und kennen sich schon gefühlt seit Jahrhunderten. Können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem sie sich das erste Mal begegnet sind?
Ron Dennis: Ich war noch Mitarbeiter bei Cooper irgendwann Ende der 60er, in der Formel 2. Ich sah Bernie ein Brettspiel spielen mit unserem Fahrer Jochen Rindt. Mitten an einem Rennwochenende.

Bernie Ecclestone: Oh Gott. Es hat sich nichts geändert. Ich spiele auch heute noch……

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Bernie Ecclestone hat früher sein Geld von den Veranstaltern bar bekommen und nach Hause getragen.

abms.de: Herr Dennis, war Mr. Ecclestone ein Vorbild für Sie. Ein Held Ihrer Jugend womöglich?
Dennis: Nein. Wie konnte er? Er hatte doch nur ein Ziel vor Augen: GELD VERDIENEN! Meine Helden waren Fahrer. Sie waren wie Gladiatoren für mich. Unglücklicherweise haben ja auch viele damals ihr Leben verloren. Nur um einen Namen zu nennen: Jim Clark. Er war ein Held für mich. Ich sah ihn bei einem Event in Goodwood. Er fuhr mit drei verschiedenen Rennwagen. Und immer am Limit. Er war speziell: Von seiner Aura, von seinem Talent, von seiner Art zu fahren.

Ecclestone: Das ist wahr!

Ron, wollten Sie nie selbst Rennfahrer werden?
Dennis: Nein. Ich habe sehr schnell festgestellt, dass es zu gefährlich war für mich.

Kommen wir auf Jochen Rindt zurück: Im September in Monza jährt sich sein 40. Todestag. Wie ist die Erinnerung an ihn?
Dennis: Was ich nie vergessen werde: Es war kurz vor dem Großen Preis von Deutschland, ich glaube 1967 am Nürburgring. Wir hatten das Auto auf dem Startplatz fertig gemacht. Die Zeit verrann, es waren nur noch wenige Minuten bis zum Start. Wer fehlte, war Jochen, unser Fahrer. Wir wurden unruhig und ich sollte ihn holen. Jochen, mit österreichischem Pass zwar, aber gebürtiger Deutscher, stand hinten in der Garage, Zigarette im Mundwinkel und machte keinerlei Anstalten, zur Startaufstellung zu kommen. Er sagte nur ganz cool: "Die werden alles tun, aber eins bestimmt nicht: Den Großen Preis von Deutschland ohne mich starten!" Das fand ich schwer beeindruckend!

Ecclestone: Ja, das waren noch Zeiten. Heute haben wir Abläufe, die sekundengetreu eingehalten werden. Ein ganz genaues Prozedere. Damals haben wir gestartet, wenn alle fertig warten. In Mexiko sind wir mal zwei Stunden später gestartet als geplant…

Dennis: Ja, ich erinnere mich. Die Fahrer wollten nicht, weil die Leute überall neben der Strecke saßen und standen. Ich meine direkt neben den Kurven. Vor den Leitplanken. Erst als sie dann anfingen mit Flaschen zu schmeißen, hielten es alle für besser, doch zu fahren….Heute ist die Organisation bei Rennen wirklich ganz anders. Dank Bernie!

Ecclestone: Ach was. Meine Organisation beginnt erst nach dem Rennen. Wenn ich den Geldkoffer für das Rennen bekomme.

Ecclestone fuhr mit dem Geldkoffer in Mexiko durch die Stadt

Ron Dennis war immer von Lewis Hamilton überzeugt, sieht ihn nicht als einen Glückstreffer.

Im Ernst: Gab es Kunden, die, sagen wir mal, nicht so zahlungsfreudig waren?
Ecclestone: In Spanien hatten wir lange Zeit kleine Probleme. Da ist sogar einer mal mit dem Geldkoffer verschwunden. Na ja, wir haben das Geld dann doch bekommen.

Sie haben früher wirklich das Geld, wir reden hier von mehreren Millionen, in einfachen Koffern bekommen?
Dennis: Na klar! Bernie ging zum Beispiel nach dem Rennen in Watkins Glen (USA) zur dortigen Bank und ließ sich die Kohle montags nach dem Rennen bar auszahlen. In Mexiko ist er mit dem Geldkoffer mitten durch die Stadt gefahren und hat sie erst mal im Hotelsafe deponiert. Unvorstellbar! Heute ist das natürlich ganz anders. Es war einfach eine andere Zeit. Nicht besser oder schlechter, einfach anders!

Ecclestone: Ja, Beispiel Monaco. Da hatten die Teams früher ihre Garage oben in einem miefigen Parkhaus.

Dennis: Oh ja. Und Mechaniker mussten die Formel-1-Autos den Berg runter in die Boxen fahren…

Ecclestone: Das können sich die Teams, die damals nicht dabei waren, überhaupt nicht vorstellen. Die haben keinen blassen Schimmer, wie gut es ihnen heute geht.

Herr Dennis, wie schwer fiel es ihnen vor zwei Jahren, die Formel 1 zu verlassen?
Dennis: Überhaupt nicht schwer. Ich fuhr morgens zur F1-Präsentation in die Fabrik und überlegte mir auf der Fahrt dorthin, dass jetzt die Zeit gekommen ist. Es war sehr spontan. Ich überraschte mein ganzes Team damit. Ich wollte mich darauf konzentrieren, Sportwagen zu bauen. Das ist eine überwältigende Aufgabe. Ich wollte auch einfach mehr Zeit für mein Privatleben haben. Außerdem wusste ich, dass ich mit Martin Whitmarsh, mit dem ich schon 21 Jahre zusammengearbeitet hatte, einen perfekten Nachfolger als Chef des Formel-1-Teams gefunden hatte. Spätestens als ich kürzlich hörte, dass er Bernie genauso viel Stress bereiten konnte wie ich das tat.

Was ist der größte Erfolg, den Sie beide in ihrer langen Karriere verbuchen konnten?
Dennis: Lassen Sie uns die Frage für den anderen beantworten: Bernie Ecclestone hatte zwei Geschäftsleben. Als Teamchef hatte er nur ein Ziel: Gewinnen! Da war er ein Racer. Als er sich dann zurückzog, um die Geschäfte in der Formel 1 zu übernehmen, wollte er immer noch gewinnen: Indem er das meiste Geld verdienen wollte. Mehr als jeder andere. Das war sein Rennersatz. Ich finde es überwältigend, wie er Teile seiner Firma verkaufte, ohne je die Kontrolle über alles zu verlieren. Es ist nämlich total schwierig, sein Auto zu verkaufen, aber weiter die Zündschlüssel in der Hand zu halten. Das war brillant.

Dennis hart aber fair

Aber Herr Dennis, haben Sie nicht das gleiche getan, als Sie Teile ihrer Firma an Mercedes verkauften? Sie hatten doch ebenfalls nie die Kontrolle verloren und immer noch weiter das Sagen.
Dennis: Nicht ganz. Mercedes investierte in eine Firma, die nur eines wollte: gewinnen. Das heißt, wenn McLaren gewonnen hat, hat Mercedes mit gewonnen.  

Ecclestone: Was mich am meisten an Ron beeindruckte: Er war hart, aber immer fair. Man konnte sich immer auf sein Wort verlassen. Man brauchte keine Verträge.

Und er hat auch noch Lewis Hamilton entdeckt. Das muss Sie doch glücklich machen, Herr Ecclestone, immerhin haben Sie ihn mal "als Geschenk für die Formel 1" bezeichnet.
Ecclestone: Entdeckt? Ich glaube, er hatte einfach Glück gehabt.

Dennis: Das war doch kein Glück, sondern Teil unseres Systems! Wir fördern schon lange junge Piloten bei McLaren. Lewis war einer davon. Wir haben jetzt wieder einen jungen Kartpiloten in unseren Reihen. Ein unglaubliches Talent. Ihn kennt noch niemand. Aber er wird ebenso seinen Weg gehen wie Lewis Hamilton. Aber Bernie und ich haben eins sicher gemein: Wir wollten immer das Beste für unsere Firma und opferten dafür sogar einen Teil unseres Privatlebens.

Dennis: "Ich ließ Kampf auf der Strecke einfach zu"

Gesprächsrunde im McLaren Motorhome (v.l.): Bernie Ecclestone, Ron Dennis, Bianca Garloff, Matt Bishop, Ralf Bach, Hannah Gude.

Herr Dennis, ein großer Teil der besten Rennfahrer sind für Sie gefahren. Ayrton Senna, Alain Prost, Niki Lauda, Mika Häkkinen, Lewis Hamilton , Fernando Alonso um nur einige zu nennen. Wie gingen Sie mit ihnen um, denn  sie waren meist auch noch Teamkollegen.

Dennis: Das kommt auf die Umstände an. Sie hatte alle andere Charaktere. Als ich anfing Teambesitzer zu sein, war ich jünger als mein Pilot Graham Hill. Der sagte mir absolut, wo es lang ging. Mit Lauda, Prost oder Senna gab es eher ein freundschaftliches Verhältnis, altersbedingt. Bei Hamilton und Alonso war ich ja eher so was wie ein Vater. Prost und Senna waren völlig verschieden, schon von der Herkunft her. Prost war Franzose, Ayrton Brasilianer. Sie wuchsen in völlig verschiedenen Kulturen auf. Sie beäugten sich ständig und keiner traute dem anderen über den Weg. Ich ließ ihren Kampf auf der Strecke einfach zu.

Was war das Problem zwischen Hamilton und Alonso?
Dennis: Ganz einfach: Alonso rechnete nicht damit, dass Hamilton schon in seinem ersten Jahr so stark sein würde. Er sagte mir Anfang: OK, es ist deine Sache, wenn Du einen Neuling wie Hamilton für dich fahren lässt. Aber das kann Dich die Konstrukteurswertung kosten. Fernando rechnete mit allem, nur nicht damit, dass Lewis im Konkurrenz machen könnte. Das setzte ihm erheblich zu.

Was sagen Sie zum Stallduell bei Red Bull. Inklusive Crash in Istanbul ?
Dennis: Nur soviel: Jeder Promoter inklusive Red Bull müsste doch glücklich mit der Konstellation sein. Jeder berichtete doch wochenlang darüber. Das ist Showbusiness. Nichts ist doch besser als "schlechte" Nachrichten! Habe ich Recht, Bernie?

Ecclestone: Absolut!

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

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