Dreck schleudern in Dipshorn

Wacker übern Acker Wacker übern Acker

Dreck schleudern in Dipshorn

— 23.03.2002

Wacker übern Acker

Landleben langweilt. Oder macht erfinderisch. Zu den Extrem-Kreativen gehört Jörg Seeger. Er rast über Stoppelfelder. Im schrulligen Eigenbau.

Matsch fun im Teufelsmoor

Vorsicht, Jörg kommt! In hohem Bogen spritzt der Dreck, landet klatschend auf dem Acker. Den tagelanges Mistwetter in einen unbegehbaren Sumpf verwandelt hat. Kehrtwende, auf 60 Sachen beschleunigt und – jawoll – wieder durch den knietiefen Morast. Ich sehe mir das Spektakel aus sicherer Entfernung an. Mittendrin statt nur dabei: Fotograf Stephan Lindloff. Seine teure Canon – ein triefender Erdklumpen. Er selbst sieht aus, als wäre er gerade aus der Kanalisation aufgetaucht. Und lacht auch noch. Während Jörg wieder hinter einer lehmigen Fontäne verschwindet.

Ich schaue mich um. Nichts als weite Felder. Teufelsmoor nennen sie diese Landschaft, die sich bis vor die Tore Bremens erstreckt. Alle paar Kilometer ein verschlafenes Kaff. Wie Dipshorn, das zwischen Mulmshorn und Quelkhorn liegt. 200 Einwohner, ein Bürgermeister. Dessen Sohn – Deckung! – kommt schon wieder mit Karacho angebraust.

Der Mann, der hier die Agrarfläche aufmischt, ist schon ein komischer Kauz: Jörg Seeger liebt es, wenn die Heide wackelt. Aber quietschendes Gummi auf Asphalt? Nicht sein Ding. Überhaupt ist er keiner, der das Auto als Kult zelebriert. Im Gegenteil: Er besitzt nicht mal eines, fährt lieber Bus und Bahn. Schwer, dem 32-Jährigen sein abgefahrenes Hobby abzunehmen. Dennoch gehört er zu denen, die unsere mobile Welt um besonders originelle Beiträge bereichern.

Halb Buggy, halb Gokart, halb Traktor

Jörgs Beitrag sieht aus wie ein Einsatzfahrzeug aus einem drittklassigen Endzeit-Thriller. Ohne Zulassung, ohne Lack, ohne Karosserie. Einfach ein motorisiertes Altmetall-Gebirge, bar jeglicher Finesse. Nur ein einzelner Sitz mit kahler, rostiger Technik drumherum. Und was soll das Ganze? "Bringt Bock", sagt Jörg knapp. Der einzige neudeutsche Ausdruck, den wir von ihm zu hören bekommen. Volle Dröhnung? Turbogeil? Fehlen im Sprachschatz. Nicht mal eine Gemütsregung, als er uns sein durchgeknalltes Gefährt erklärt. Wir hingegen amüsieren uns köstlich.

Der 90-PS-Motor, rennmäßig hinter dem Sitz montiert, treibt die Hinterachse an. Die zuvor eine Vorderachse war. Wie das? Ganz einfach: Die Technik der kompletten Heckpartie wohnte einst im Bug eines 84er Passat. Und die Vorderachse? Die schraubte er aus Onkel Dieters altem Opel Rekord. Ein paar Meter Vierkantrohr zum Rahmen zusammengeschweißt, die Hardware montiert und ab auf das nächste Maisstoppelfeld.

Jedes Detail an Jörgs Rennhobel dient einzig dem Zweck der Fortbewegung. Die in diesem Vehikel eine Mordsgaudi sein muss – glaubt man der Mimik des Piloten, die sich mit jeder Matschkuhle dunkler färbt und trotzdem aufhellt. Nur der Auspufftopf wäre verzichtbar. Aber Jörg steht nicht auf lärmende Maschinen.

Er wischt sich mit dem Friesennerz-Ärmel über das verschmierte Gesicht, grinst herausfordernd: "Auch mal?" Danke, lieber nicht. Dafür wollen wir den Namen des Mobils wissen. Killing Fields vielleicht? Taiga-Terminator? "Version 5" – noch sachlicher geht es wohl nicht. Und wirft die Frage auf, was mit den Versionen eins bis vier ist.

Fahrmaschine "made in Sparta"

Jörg lässt seine Jugendsünden Revue passieren: 1989 fand er in einer Scheune ein verstaubtes Gokart, baute einen Zündapp-Zweitakter ein. Version zwei hatte dasselbe Chassis, aber einen 7-PS-Honda-Motor. 1993 folgte Nummer drei mit 350er-Yamaha-Herz, kurz darauf die vierte mit VW-Derby-Antrieb. 1999 entstand Version fünf. In nur elf Tagen und passend zum mittlerweile gereiften Komfortbewusstsein erstmals mit Federung. Und – wann gibt es die nächste Fahrmaschine "made in Sparta"?

"Sicherlich gar nicht. Höchstens spendiere ich meinem Unikum einen Satz Trecker-Reifen, dann ist Schluss", lacht er und lässt die abgefahrenen Pirelli noch einmal herzhaft im aufgeweichten Mutterboden rotieren. Dann senkt sich der Abend über das umgepflügte Teufelsmoor. Ab nach Haus zum Futtern.

Jörg zieht die Wollmütze vom Kopf und klopft die angetrockneten Lehmbrocken heraus. Morgen, am Montag, beginnt wieder sein ziviles Dasein – beim Arbeitgeber John Deere in Mannheim. Wo er seit kurzem als Dr. Seeger bekannt ist. Das Fachgebiet des promovierten Ingenieurs: Traktoren-Technik. Was sonst?

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