Drei gegen die Herbstdepression

Drei gegen die Herbstdepression Drei gegen die Herbstdepression

Drei gegen die Herbstdepression

— 24.11.2003

Auf zum freien Blasen

Hier fliegen drei Mittel gegen graue November-Laune heran: 147 GTA, Clio V6 und Mini Works – automobile Antidepressiva in Bestform. Wer das ESP im Kopf ausschaltet, folgt der letzten Spur eines großartigen Sommers.

Fabrikneue Schlaghose aus Blech

Sagen wir, es liegt am schönen Herbst. Am Sonnenschein. Oder, ehrlich gesagt, an der verstrahlten Idee, ich müsse den Mittelmotor im Clio V6 so hautnah wie möglich spüren. Egal, die Abdeckung muss raus. Nun klafft hinter den Sitzen ein großes Loch. Daraus tobt ungehemmt der Sechszylinder, wütet direkt hinter den Ohren und mit einer Höllenhitze, die nicht nur den Nacken, sondern auch die Nerven rot glühend kocht. Nach fünf Kilometern wird die Glut unerträglich, bloß Fenster öffnen. Zufällig vorbeikommende Spaziergänger sehen also einen blauen Brüllofen mit einem Verrückten, der am Steuer lächelt. Ich bitte um Entschuldigung. Sagen wir, es lag am Herbst.

Es gibt wirksame Mittelchen, um eine November-Depression zu bekämpfen: Urlaubskataloge. Ein Glas Rotwein. Häusliche Naturen stechen jetzt Tierfiguren aus Mürbeteig. Wir probierten stattdessen ein paar herrliche Antidepressiva auf vier Rädern: Alfa 147 GTA, Mini Cooper S Works und eben den Clio V6. Risiken und Nebenwirkungen schieben wir weit weg bis in den Winter ...

Beim blauen Renault beginnt die Wirkung schon in 100 Meter Entfernung. Darf ein Auto heute so hemmungslos aufgeblasen sein wie in den Siebzigern? Oder schon wieder? Der gedopte V6 verhält sich zum braven Clio etwa so wie aufgequollenes Popcorn zu Mais. Mit kantig-breiten Kotflügeln wie von gestern steht er da und verleugnet keines seiner 254 PS. Ausgerechnet der größte Macho in der Redaktion behauptet: "Jede Frau schämt sich, damit abgeholt zu werden." Falsch. Frauen lieben Kraft und Kompromisslosigkeit, der Renault hat beides. Hier fährt das Comeback der Siebziger, eine fabrikneue Schlaghose in Blech.

Kleinwagen-Rennfurz für 39.900 Euro

Zugegeben, nach dem Einstieg erstirbt jegliche Konversation mit der Dame. Der 3,0-Liter röhrt direkt hinter den Sitzlehnen – ein Hörspielkrimi für Benzinblütige: Das Tickern der Einspritzventile, das tiefe Klong der Kupplung beim Einrücken, das Klacken im Schaltgestänge, das Sirren der Steuerkette, das kurze Verschlucken, wenn die Drosselklappe den Ansaugschlund aufsperrt – ach, der Renault ist schon beim Herumflanieren ein Klang-Abenteuer. Kaum zu glauben, aber ein wunderbares Auto für die Entdeckung der Langsamkeit.

Man fährt trotzdem schneller, denn wer mag schon Krimis ohne Auflösung? Etwa bei Halbgas verschmelzen die Klangfäden zu einem metallisch-biestigen Teppich, ab 4000 öffnet im Auspufftrakt ein akustischer Nachbrenner. Wo die Italiener ihren Endrohren Opernarien beibringen, produziert der Renault einen technisch-kalten F1-Klang, erschreckend wie ein Eishändchen auf der Schulter. Ist jetzt klar, warum ich unbedingt ohne Hörkondom fahren musste?

Natürlich ist ein 39.900 Euro teurer Kleinwagen ein Spielzeug für wenige Verrückte, allerdings steckt im neuen Clio ein ernsterer Kern als in der ersten wackligen Serie mit 226 PS. Es gibt mehr Leistung, ein besseres Handling und mit lackierten Dekorleisten drinnen zumindest einen zarten Versuch, den atemraubenden Preis zu rechtfertigen. Trotzdem: Bei Regen fährt man am besten nur Halbgas, weil der kitzlige Mittelmotor (kein ESP) das Heck schneller in Fahrtrichtung bugsiert, als ein Hirn "Alarm!" schreit. Es geht das Gerücht, diese Tücke hätte schon die Hälfte aller gebauten Clio V6 hingerichtet. Die kurze Lebenserwartung glauben wir gerne – trägt deshalb jeder Clio drinnen eine nummerierte Erkennungsmarke?

Ewig lockender Kitzel im Gasfuß

Was dem Renault fehlt, bringt der 147 GTA im Überfluss mit: nutzbare Rücksitze, vernünftige Samstag-Einkaufs-Tauglichkeit und dieses erobernde Etwas im Blech. Im Alfa fährt die Gewissheit mit, nicht nur den schönsten Kompakten zu besitzen, sondern auch den Stärksten unter den Schönen: den GTA mit sechs Zylindern und 3,2 Litern. Ein Auto, dem man die Haube genauso gerne putzt wie die sechs verchromten Ansaugrohre darunter.

Erfreulicherweise klingt dieser Motor noch besser, als er aussieht. Schon im Leerlauf verschickt der V6 ein tiefes Rumoren, fast im unhörbaren Bereich, wie Sizilien kurz vorm Vulkanausbruch, wenn der Ätna schon raucht. Es ist ein dunkler Bass, der verborgene biologische Instinkte weckt, indem er die Männer bestärkt und beeindruckt und die Frauen besänftigt wie zu Urzeiten nachts am Lagerfeuer.

Tatsächlich verlangt der Alfa einen sehr modernen Mann. Einen, der den Modetest besteht, wenn die eng stehenden Pedale fragen: "Trägst du auch schöne schmale Slipper statt dicker Boots?" Einen, der lässig überhören kann, dass selbst ein fabrikneuer Alfa hörbar ächzt. Und einen Mann, der im rechten Moment ökonomisches Denken beweist, weil das Teuerste am GTA nicht der Kaufpreis von 30.800 Euro ist, sondern der ewig lockende Kitzel im Gasfuß. Leichtfertige Naturen treiben den Benzindurst schnell über 20 Liter. Super.

Mini-Klangtheater enttäuscht

Solche Risiken lauern auch im Mini Cooper S John Cooper Works. So nennen die bayerischen Engländer die höchste Tuningstufe ihrer rasenden Pausbacke: 200 Kompressor-PS stark, in 7,1 Sekunden auf 100 – damit kann der Motor endlich so viel, wie das Fahrwerk schon immer draufhatte.

Hey, der geht wirklich wie ein Sportler, was die kleine Kiste auf der Rennstrecke auch gerne beweist. Erst die Vorderräder, die bei Nässe scharren, zeigen, dass selbst das Traktionswunder Mini an Grenzen stößt. Leider bleibt die Faszination seltsam ausgesperrt. Das Klangtheater drumherum enttäuscht – der Kleine beschleunigt mit stummer Beharrlichkeit, ohne das Bollern eines 1300er Cooper S von einst. Schade, der Works hätte bessere Filmmusik verdient.

So lebt der kleine Teilchenbeschleuniger weniger vom Motor als vom Mythos. Ein Mini mit 200 PS, davon haben Generationen gebückter Fahrer geträumt – jetzt wird es wahr. In der trendbewussten Mini-Gemeinde steht der Works an der Spitze der Modeskala. Zudem reicht die Preisliste verlockende Extras, um den Kleinen weiter aufzuhübschen. Wie wär's mit einem Glasdach, verchromten Außenspiegeln oder weißen Streifen auf der Motorhaube? Die größte Verlockung im Mini liegt darin, ihn herauszuputzen. Man glaubt, ein besserer Mensch zu sein, nur weil der Mini endlich bekommt, was er verdient. Verrückt? Vielleicht wirken aber nur diese Mittel gegen Herbst-Depression – in Überdosis.

Autor: Joachim Staat

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