Drei Klassiker im Vergleich

Fiat Grande Punto und Renault Clio gegen VW Polo Fiat Grande Punto und Renault Clio gegen VW Polo

Drei Klassiker im Vergleich

— 23.10.2005

Großer Zirkus bei den Kleinwagen

Deutlich gewachsen, versuchen Fiat Grande Punto und Renault Clio Altmeister Polo die Show zu stehlen. Größenwahnsinnig oder großartig?

Größe ist nicht alles – aber einiges

Auf die Größe kommt es natürlich nicht an. Ohne ein gewisses Mindestmaß wird Ankommen aber echt schwer. Denken wir nur an die mächtigen Muskelberge eines Arnold Schwarzenegger, die opulente Oberweite von Pamela Anderson oder den kolossalen Kühler des Rolls-Royce Phantom. Wären die genannten Merkmale klein, wäre auch das Interesse minimal – und Sie wüßten nicht mal, wovon ich schreibe.

Diesen Aufmerksamkeitseffekt versuchen jetzt auch Fiat und Renault zu nutzen, indem sie ihre Kleinwagen auf rund vier Meter aufblasen. Der Clio III bringt es auf 3,99 Meter, der ganz frische Grande Punto streckt sich sogar auf 4,03 Meter. Der Golf III (1991–97) mußte mit einem Zentimeter weniger auskommen. Große Klappe – aber auch was dahinter? Der erste Vergleich mit dem Klassenprimus VW Polo (3,92 m) wird zeigen, wer hier einen großen Auftritt feiert.

Der große kleine Italiener, dessen Vorgänger (wie beim Clio) weiterhin angeboten wird, macht auch optisch den Dicken. Die Schnauze im Maserati-Stil sticht aus der Masse heraus, steht in auffälligem Kontrast zum klaren Heck mit den hochgesetzten Leuchten – kein Fall für mich, aber einer für anerkennende Blicke auf der Straße.

Grande Punto macht seinem Namen Ehre

Unterm Blechkleid aus dem Hause Giugiaro dann ein wenig Ernüchterung. Schon das Einsteigen weckt Zweifel in mir. Warum mickrige Griffschalen statt solider Bügelgriffe wie bei Clio und Polo? Das sieht nett aus und verbessert die Aerodynamik, erschwert nach einem Crash aber das Öffnen der (womöglich klemmenden) Türen. Außerdem vermisse ich einen Öffner an der Heckklappe. An den Kofferraum gelange ich nur über Tasten am Schlüssel und im Armaturenbrett – und stehe genervt vorm verschlossenen Ladeabteil. Doch daran gewöhnt man sich. Und an der Ampel kann kein Unbefugter mein Gepäck ausladen.

Durchgehend geöffnet hat dagegen der Punto-Tank. Bei unserem Testwagen ließ sich weder der Deckel abschließen, noch verriegelte die Klappe über die ZV – ein abschließbarer Tankdeckel soll bei den Kundenautos aber wohl ab Dynamic Serie sein. Damit läßt sich leben, schlimmer wird es innen. Warum keine Gurthöhenverstellung vorn? Fiat sagt, das paßt über die Sitzhöhenverstellung auch so. Vor allem kleine Menschen brauchen den Gurtlift mitunter aber für einen korrekten Gurtverlauf. Andere wollen vielleicht einfach nicht auf die zusätzliche Einstellmöglichkeit verzichten. Mir fehlt hier jedenfalls was.

Ansonsten wirkt das Interieur des Punto durchaus modern – auf den ersten Blick. Die Passungen erreichen jedoch nicht die Präzision eines Polo. Was mich wirklich stört: die dünne, schlecht passende Filzmatte im Kofferraum – das wirkt ziemlich billig. Trotzdem sitze ich gern im Punto, denn er bietet die größte Bewegungsfreiheit. Manierliche Sitze, an denen allerdings die hohe Sitzposition stört, sowie das Van-artige Panorama laden zum Lümmeln ein. Die italienischen Ingenieure haben die Länge genutzt und sowohl vorn als auch hinten das beste Platzangebot geschaffen. Bene! Hier bekommen sogar Models mit langen Beinen noch eine Chance, macht der Grande Punto seinem Namen durchaus Ehre.

Platzangebot und Ladequalitäten

Nicht viel kleiner, bringt auch der Polo seine Gäste ausgeruht ans Ziel. Innen geht es nicht wirklich hochwertig, aber doch sehr solide zu. Alles paßt, nichts wackelt, die Gäste haben genug Luft zum Reisen. Und freuen sich über die sehr gut ausgeformten Sitze und die entspannte Sitzposition.

Von der kann im Clio noch nicht wirklich die Rede sein. Gegenüber dem Vorgänger stelle ich zwar eine klare Verbesserung fest, wegen des nur in der Höhe verstellbaren Lenkrads und der mäßigen Qualität bleibt aber ein Rest Unbehagen. Den Wohlfühl-Ausgleich schaffen die bequemen, nur beim Seitenhalt etwas flauen Sitze sowie das vernünftige Platzangebot. Das hätte ich dem Franzosen, dessen Design seltsam fade wirkt und ziemlich deutlich an Allianzpartner Nissan erinnert, gar nicht zugetraut. Allein das wellenförmig nach hinten abfallende Dach weckte meine Zweifel. Jedoch völlig grundlos. Zwar fehlen dem Clio auf seine Mitstreiter überall ein paar Millimeter, trotzdem spüre ich kaum einen Unterschied.

Eng geht es jedenfalls auch im Clio nicht zu, den Einstieg nach hinten erleichtert wie bei VW und Fiat das schlaue Easy-Entry-System. Und am Ende bietet der Créateur mit 288 Litern sogar einen Hauch mehr Kofferraum. Was stört: Noch stärker als bei den Mitstreitern schränkt die ausufernde C-Säule die Sicht nach hinten ein (Foto) – da kann sich fast ein Elefant verstecken. Und verlangen VW sowie Fiat für die geteilte Fondbank schon frech Aufpreis, bietet Renault sie für die Basis Authentique gar nicht an (Serie ab Expression). Außerdem nerven alle drei Minis mit hohen Ladekanten innen und einem Absatz bei umgelegter Rückbank.

Fahrverhalten und -gefühl

Erwachsener geben sich die drei kleinen Strolche bei der Federung. Der Clio hat jeden Ansatz eines französischen Schaukelpferds verloren und macht auf diplomatisch: Nicht zu weich für schnelle Kurven, aber auch nicht zu hart für schlechte Straßen. Insgesamt ein angenehmer Zeitgenosse mit ausgewogenem Gemüt. Allerdings schafft sein Fahrwerk immer eine gewisse Unruhe im Auto, absorbieren Federn und Dämpfer die Unebenheiten nie komplett. Diese Fähigkeit bleibt dem Polo vorbehalten. Auf guten Autobahnetappen herrscht im Volkswagen wirklich Ruhe, auch fiese Frostaufbrüche und marode Marterstrecken meistert er noch mit Anstand – unterm Strich eine echtes Vergnügen.

Auch der Punto müht sich redlich, kann aber ein leichtes Poltern nicht ganz verbergen. Wo Clio und besonders Polo noch weitgehend ungerührt drüberbügeln, stupst der Italiener uns immer wieder vorlaut an. Dennoch muß hier niemand Bandscheibenschäden oder Magenkrämpfe fürchten, die meisten Fahrbahnfehler gleicht der Fiat sehr anständig aus. Gleiches gilt im Prinzip auch für Fahrfehler – zumindest solange der Punto nicht mit Übermut oder voller Zuladung bewegt wird.

Ist der Lenker allein und ohne besondere Rennsport-Allüren unterwegs, meistert der Italiener auch winklige Paßstraßen ohne Probleme. Die elektrische Servolenkung erschwert mit zu leichter Gangart und wenig Rückmeldung zwar das Auffinden der Ideallinie, die Strecke verläßt der Fiat aber nur, wenn er provoziert wird. Deswegen, und weil die Manieren des Italieners bei Beladung deutlich schlechter werden, sollte ESP eigentlich nicht fehlen – unglücklicherweise gibt es den elektronischen Schutzengel aber nur für die drei Dieselmotoren (90 PS: 500 Euro, 120/130 PS: Serie). Bei VW (405 Euro) und Renault (500 Euro) läßt sich immerhin auch die Basis derart "versichern".

Ohne diese Investition bekommen selbst Profis Probleme, den bis unters Dach beladenen Punto beim Ausweichhaken unter Kontrolle zu behalten. Empfehlen würde ich das ESP auch für Clio und Polo, beide brauchen es aber weniger dringend. Der Franzose tendiert bei schnellen Wechselkurven ebenfalls zu leichten Heckschwenks, unterläßt beim Gegenlenken aber den kritischen Gegenschlag. Auch bei ihm erweist sich die gefühllose elektrische Servolenkung nicht als ideal, wenn es um spontane Kurskorrekturen geht.

Werksangaben und Testwerte

Der Polo leistet sich die geringsten Ausschläge am Heck und fährt am souveränsten durch die Hütchengasse. Als einziger mit einer elektro-hydraulischen Servolenkung gesegnet, überzeugt er mit einem angenehm direkten Lenkverhalten. Außerdem sprintet keiner schneller, zieht besser durch oder bleibt laufruhiger. Die 75 PS des 1,4-Liters lassen die Frage nach einem größeren Motor mit mehr Leistung nur ganz selten hochkommen.

Anders beim Punto und vor allem beim Clio. Fiat setzt ebenfalls auf 1,4 Liter Hubraum, aus denen 77 PS resultieren. Der einzige Zweiventiler im Vergleich kommt dennoch spürbar träger in Fahrt, braucht bis Tempo 100 schon über eine Sekunde länger. Fast auf Polo-Niveau liegt er beim Zwischenspurt, obenraus geht dem Fiat dann aber doch die Luft aus, und er müht sich hart um Anschluß.

Renault läßt wie VW 75 PS auf die Vorderräder los, begnügt sich allerdings mit 1,2 Liter Hubraum. Traktionsprobleme bleiben dem Franzosen so immerhin fremd, nur sehr mühsam und noch langsamer als der Punto schiebt der Clio los. Von Temperament spüre ich im brummigen Renault wirklich wenig, Überholvorgänge sind nur mit doppeltem Zurückschalten möglich oder dauern ewig. Kein Wunder, mit 105 Nm Drehmoment steht der Franzose am schlechtesten im Futter, muß mit 1145 Kilo aber die größte Masse bewegen.

Kosten und Ausstattungen



Andererseits bedeutet das, daß es bei Renault am meisten Auto fürs Geld gibt. Mit 11.250 Euro steht der Clio 1.2 16V Authentique in diesem Trio am günstigsten da. Trotzdem würde ich zum 600 Euro teureren Expression raten. Da stecken elektrische Fensterheber vorn, geteilte Fondsitze, Höhenverstellung (Fahrerseite) und Windowbags schon mit drin – ein gutes Angebot.

Das stellt auch der Grande Punto 1.4 8V Active für 11.440 Euro. Die bessere Wahl wäre zwar auch hier die nächsthöhere Ausstattung (Dynamic), die kostet dann aber auch stolze 12.750 Euro (inkl. geteilter Fondbank, Fernbedienung für die ZV, Fahrersitz höhenverstellbar, Seitenairbags vorn und Klimaanlage).

VW verlangt schon für die Basis des Polo 1.4 satte 12.725 Euro – ohne dabei tatsächlich mehr Ausstattung zu bieten. Geradezu frech und fahrlässig. Schließlich zählt beim Preis wirklich nur die Größe.

Die AUTO BILD-Wertung

Testergebnis und Gesamtergebnis – lassen Sie sich dadurch nicht verwirren (zumal die Plazierungen in diesem Fall identisch sind). Das Testergebnis resultiert aus den meßbaren, faktisch vergleichbaren Werten. Beim Gesamtergebnis spielt die Wertung des Testers eine weitere Rolle.

Hier ist Ihre Meinung gefragt

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst – also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten für Fiat Grande Punto, Renault Clio und VW Polo. Den Zwischenstand sehen Sie nach Abgabe Ihrer Bewertung.

Autor: Gerald Czajka

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