Drei Muscle-Cars im Test

Drei Muscle-Cars im Test

— 09.06.2006

Die Legende bebt

Die USA feiern das Comeback der Muscle-Cars: Chevrolet Camaro, Dodge Challenger und Ford Shelby GT fahren auf den Spuren ihrer Vorbilder aus den 60ern.

Kurzer Hhenflug der Muscle-Cars

Motown im Jahr 1965. Der Konflikt zwischen Sdvietnam und dem Vietcong ruft die Gromacht USA auf den Plan, Bob Dylan strmt mit dem Ohrwurm "Like A Rolling Stone" die Charts, Cassius Clay verteidigt seinen WM-Titel gegen Sonny Liston und in Detroit entwickelt der Rennfahrer Carroll Shelby eine Hochleistungsvariante des Ford Mustang GT350. Neun Monate spter rollt mit dem Shelby GT das erste Super-Muscle-Car der Geschichte vom Band. Der Shelby Mustang wird auf Anhieb zum Kultauto. Die Konkurrenz zieht nach, doch Chevrolet und Dodge brauchen Zeit, um ihre Biedermnner zu Brandstiftern aufzursten.

1969 steht mit dem Camaro Z28 endlich die GM-Gegenoffensive in den Startlchern. Ein Jahr spter lancieren die Power-Broker aus dem benachbarten Highland Park den Hemi Challenger. Die drei Rezepte gleichen einander wie Blaupausen: viel Leistung und viel Drehmoment, wenig Gewicht und wenig Traktion, ein Preis-Leistungs-Verhltnis auf Double-Whopper-Niveau, die Coup-Silhouetten herausgeputzt mit einem unverwechselbaren Mix aus Mattschwarz, Bonbonfarben und Chromsilber.

Der Hhenflug der Muscle-Cars dauert nur wenige Sommer lang. Ende 1973 ist es in Detroit vorbei mit der Kraft und Herrlichkeit der brabbelnden Big-Block-Motoren. Durch den Vietnam-Krieg geschwcht und durch die Watergate-Affre in den Grundfesten erschttert, durchleben die Vereinigten Staaten in der lkrise die schmerzhafte Entfremdung von ihrem liebsten Spielzeug und von ihrem wichtigsten Transportmittel. Es dauert Jahre, ehe sich die "Groen Drei" vom Benzinpreisschock erholen. Mustang und Camaro degenerieren derweil zu prolligen Pseudo-Sportwagen in Avis-Wei und Hertz-Rot, und Dodge manvriert auf der Suche nach sich selbst zwischen Abgrund und Sackgasse hin und her.

Neue Art des American Way of Driving

Die Wende kommt mit der Viper, doch es sind ausgerechnet die Deutschen, die mit Mut und Leidenschaft den Begriff Muscle-Car mit neuem Leben erfllen. Unter der gide von Mercedes kehren Chrysler und Dodge zum Heckantrieb zurck, entstauben den charismatischen HEMI V8 und bestellen mit 300C und Charger jenes Feld, auf dem ab 2008 der Challenger gedeihen soll. Nahezu zeitgleich zndet in Downtown Motown bei GM und in Dearborn bei Ford der Funke der PS-Revolution.

Chevrolet nhrt im Windschatten der Corvette jenes Selbstbewutsein, das im Camaro ab 2009 die profitable Wiedergeburt des Muscle-Car zelebrieren will. Ford hat aus dem Gift des Mustang Cobra und aus einer doppelten Dosis bewhrter Technik den Shelby GT 500 angemixt, der dieser Tage zu berpreisen an eine Mischung aus jungen Wilden und Ewiggestrigen handverteilt wird.

Sie, lieber Leser, haben jetzt die Chance, mitzufahren bei einer Zeitreise, die Gnsehaut, Adrenalin und feuchte Augen produziert. Camaro, Challenger und Shelby GT das ist ein Grundkurs in Sachen Heckantrieb, die Neuinterpretation des American Way of Driving und eine Liebeserklrung an den ewig jungen Achtzylinder.

Jede Kante durch und durch Camaro

Silber steht dem flachen Zweisitzer mit den markanten Proportionen. Auch ohne Schriftzug wte in Amerika jedes Kind, was es da vor sich hat: die Neuauflage der ersten Camaro-Generation von 1967 bis 1969. Designer Brian Smith verfremdete Flchen, nderte Kanten und straffte Linien, doch er rhrte weder an der Wespentaille noch am Winkel der grazilen C-Sulen. Das Resultat kann sich sehen lassen: ein modischer 2+2-Sitzer, der satt auf der Strae steht und der Lust macht auf bewegte Bilder sowie auf seinen O-Ton in voller Lautstrke.

Das Interieur stammt von Christos Roustemis. Er hat sich durchgesetzt gegen die Kostenmahner und ein Cockpit geschaffen, das bis in die Serie garantiert eigenstndig bleiben wird mit konisch ausgehhlten Rundinstrumenten, mageschneidertem Bedienpaneel fr Temperatur und Musik und effektvoll ausgeleuchtetem Gold als warmem Kontrast zum rabenschwarzen Leder. "Tut mir leid wegen der knappen Kopffreiheit", entschuldigt sich Christos mit grinsendem Dackelblick, "aber an der Sitzhhe wird noch gearbeitet ..."

Der Sound ist dagegen absolut produktionsreif. Schon im Leerlauf klingt der V8 nach Camel ohne Filter, bei Halbgas unterlegt der Straenmusiker seinen Auftritt mit ein paar Oktaven Heavy Metal, und ab 4000 Touren verzerrt der wabernde Phonteppich das Sichtfeld zu einer nur beim Hochschalten kurz aufklarenden Fata Morgana. Obwohl die Lenkung ber fette 21-Zller den Asphalt fest im Griff hat, nimmt ihr der 400 PS starke 6,0-Liter-V8 mit jedem Gassto die Zgel aus der Hand.

Ab 2009 knnte GM mindestens 100.000 Camaro pro Jahr produzieren, mit Einzelradaufhngung hinten, einem preiswerten V6 und einem bulligen V8. Neben dem Coup gilt ein Cabrio als gesetzt, ein Shooting Break und ein Lightweight Special mit 427er-Motor sind mglich. Nach Europa wird das Power-Coup (Preis: deutlich unter 50.000 Euro) nicht exportiert es scheitert an den Normen zum Fugngerschutz.

Mit allen fnf Sinnen hautnah am Original

Die Challenger-Studie ist keine Primadonna, sondern hart im Nehmen. Unterm roten Blech stecken Bremsen, Lenkung, Getriebe und Radaufhngung vom Dodge Charger SRT8. Ende 2008 knnte das Serienauto bei den Hndlern stehen. Mit folgenden Daten: null bis 100 km/h in 4,7 Sekunden, Bremsweg aus 100 km/h unter 35 Meter, Spitze 279 km/h. Preis? Rund 47.000 Dollar. Noch unverhohlener als der Camaro orientiert sich der Challenger am Original. Das wahre Alter des bulligen 2+2-Sitzers verrt die Bereifung 21-Zller und breite Spurweite waren zur Bltezeit von Hasch und Hippies nur ein khner Traum.

Challenger fahren heit, mit allen Sinnen genieen. Die Augen scannen das hohe Armaturenbrett, viel zu kleine Instrumente und das Glitzerwerk der Mittelkonsole. Die Trommelfelle ermuntern das Kleinhirn, den 425 PS starken 6,1-Liter-V8 bis 6000 Touren hochzujagen. Der Krperkontakt reicht von bequemen Schalensitzen bis in die Fingerkuppen, die ber Lenkrad und Schalthebel Richtung und Takt vorgeben. Wie der Camaro ist auch der Challenger ein echtes Hardtop-Coup keine B-Sulen, voll versenkbare Scheiben, das flache Dach dicht berm Scheitel des Fahrers.

"Die moderne bersetzung eines Klassikers", so Designer Michael Castiglione, "ohne die Schwchen des Vorgngers wie zu kurzer Radstand, zu lange berhnge und zu schmale Spur. Gleichzeitig betont die Studie Strken wie den unnachahmlichen Hftschwung oder die formatfllende Breite." Keine Frage: Der Challenger hat Potential denkbar auch mit Soft-Top, als SRT mit 500 PS oder als Road-Runner im Plymouth-Stil.

Der GT 500 ist Retro bis in die Starrachse

Challenger und Camaro sind noch Studien, doch der Shelby GT 500 ist schon zu haben. Die Warteliste fr den schrfsten Werks-Mustang aller Zeiten reicht von Dearborn bis Ohio, Ungeduldige zahlen mindestens 15.000 Dollar Aufgeld. Kein Wunder: Obwohl Ford die Drei-Jahres-Produktion auf 24.000 Autos limitiert hat, ist der Preis mit rund 42.000 Dollar ausgesprochen freundlich. Dafr bekommt man eine grelle Optik, einen brenstarken 5,4-Liter-V8-Kompressormotor und Heckantrieb mit Starrachse nach Grovater-Art.

Die erste Ausfahrt auf dem California Speedway lst gemischte Gefhle aus. Klar, der Motor geht wie die Seuche. Aber die Lenkung hat in schnellen Kurven Wnschelruten-Charakter, die Hinterachse tanzt Soli ber die Bodenwellen, und beim Lastwechsel dreht sich das Heck ein wie die Cobra, deren Piktogramm im Khlergrill prangt. Wre es nicht vernnftiger, diesem Streifenwagen eine hintere Einzelradaufhngung zu spendieren? "Bldsinn!" protestiert Carroll Shelby, der 83 Jahre alte Hardliner, der sich von Ford den Lebensabend vergolden lt. "Das htte den Preis um 5500 Dollar nach oben getrieben nur ber meine Leiche..."

Auf den Straen in und um San Francisco wirkt der Shelby GT 500 weniger gestresst als auf der Rennstrecke. Hier lebt der V8 vom Drehmoment, das schon bei Leerlaufdrehzahl das Differential, die Antriebswellen und die knapp dimensionierten 18-Zller in Hab-Acht-Stellung bringt. Hau Thai-Tang, Projektleiter bei den PS-Zauberern des Special Vehicle Teams (SVT), entpuppt sich als Tiefstapler: "Wir geben die Nennleistung mit 475 PS an, obwohl die Streuung eher in Richtung 500 PS geht. Und wir garantieren eine Beschleunigung von null auf 100 km/h in 4,7 Sekunden, obwohl neun von zehn Autos 4,5 Sekunden schaffen. Das beschert uns viele zufriedene Kunden."

Vom Start weg als Coup und als Cabriolet

Die kopflastige Gewichtsverteilung (57 zu 43 Prozent) relativiert in den ersten drei Gngen die Traktion. Die sperrige Sechsgang-Schaltbox des Zulieferers Tremec ist so ausgelegt, da abgeregelte 250 km/h Spitze erst in der obersten Fahrstufe erreicht werden. Die Richtungsstabilitt ist allerdings schon ab 150 km/h ein Thema vor allem bei Spurrinnen, Seitenwind und auf welliger Fahrbahn. Gut, da Ford wenigstens vorn reaktionsschnelle Brembo-Bremsen installiert hat.

Den Shelby GT 500 gibt es vom Start weg als Coup und als Cabriolet. "Der Wagen ist ein Super-Sonderangebot", tnt Carroll Shelby, "er kostet nur einen Bruchteil jener Autos, denen er beim Ampelstart auf und davon fhrt." Das Muscle-Car lebt und wie!

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