Drei sportliche Luxuslimousinen im Test

Drei sportliche Luxuslimousinen im Vergleich

— 06.07.2009

Jede Menge Kies

Traumhaft, wenn man sich Luxusprobleme leisten kann. Und Typen wie M5, E 63 AMG und RS6 zu farblos finden kann. AUTO BILD hat die Alternativen Bentley Flying Spur Speed, Jaguar XFR und Maserati Quattroporte Sport GT S verglichen.

Das gewisse Etwas hat man oder eben nicht. Bei Autos passt dieses Etwas in kein Punkteschema, denn es geht hier ja nicht um Sieger und Verlierer, sondern vor allem um emotionale Werte wie Prsenz, Ambiente und die Kraft der Verfhrung. Das gewisse Etwas, es entsteht aus avantgardistischem Design, unkonventionellen Farben und Werkstoffen, extremen technischen Lsungen, Mut zu Luxus und offensiv verpackter Dynamik. Eigenschaften, die selbst in den Highend-Modellen der deutschen Hersteller nur schwach entwickelt sind. In England und Italien werden Individualisten, die keine finanziellen Sorgen kennen, auf Anhieb fndig. Bentley, Jaguar und Maserati wissen, was sie sich wnschen. Der nach Art des Hauses gestylte Bentley Flying Spur will gar nicht verschweigen, worauf es in dieser Klasse ankommt: auf jede Menge Kies. Als Speed berspringt er schon in der Grundausfhrung locker die 200.000-Euro-Schallmauer, hat einen auf 610 PS leistungsgesteigerten W12-Biturbo unter der Bgelfalten-Haube, bietet im nach Leder und Holz duftenden Fond die Wahl zwischen lssigem Chaiselongue-Stil und frmlicher Klubzimmer-Zweisitzigkeit.

In Sachen Geruschkulisse gibt sich der Maserati betont sportlich

Entlaubt ganze Fichtenschonungen: der sportliche Sound des Maserati.

Der Jaguar macht einen auf supercool. Die traditionelle Herrenzimmer-Aura lsst er hinter sich, setzt stattdessen auf grostdtischen Chic: glatte Flchen, technokratische Reduktion, blaues Licht, viel Alu. Ungefhr in der Mitte zwischen diesen zwei Extremen balanciert der Quattroporte und balzt mit Inferno-Soundtrack, Carbon-Kulisse, Schaltsichel-Volant und Alcantara-Schalensitzen um die Gunst des italophilen Capo und seiner Sippe. Den Quattroporte hrt man lange, bevor er als feuerroter Blitz durchs Bild pfeilt. Sein befreites Volllast-Orgeln entnadelt ganze Fichtenschonungen, die Leerlauf-Tonleiter klingt wie Pavarotti beim Warmsingen, das Ausdrehen der Gnge geht unter die Gnsehaut. Und mit gedrckter Sporttaste sowie offenen Auspuffklappen gefhrdet schon das Vorbeifahrgerusch die Betriebserlaubnis. Beim Hochschalten jagt der 4,7-Liter-V8 fette Klangwolken in die Atmosphre, beim Zurckschalten hinterlsst das Zwischengas-Stakkato feine Ausrufezeichen im phonetischen Fahrtenbuch. Die Steigerung von Sport heit MC: In diesem Programm dreht er noch hher und spurtet mit kontrolliertem Schlupf los. Aber dafr wird im manuellen Modus bei Erreichen des Begrenzers nicht mehr hochgeschaltet und bei Kick-down nicht mehr die nchstniedrige Fahrstufe eingelegt.

Dem Jaguar XFR sieht man sein dynamisches Talent nicht sofort an

Quertreiber: Bei abgeschaltetem ESP kommt der Jaguar XKR mit dem Heck.

Drei Oktaven leiser und rundum verbindlicher prsentiert sich der Bentley. Der flstert und lauscht, wobei der dezent blubbernde Sechsliter jederzeit gegenber dem Naim-Soundsystem zurcksteckt, das uns mit seinem Lautsprecherbatallion, den Subwoofern und 1100 Watt Musikleistung ein ums andere Mal den Kopf verdreht. Die Handwerkskunst der Verarbeitung, die Materialqualitt und die fast unbegrenzte Kombinierbarkeit von Farben und Oberflchen schaffen ein Hchstma an Gediegenheit. Wer mag, kann die Luftfederung von High-Street-Weichheit auf Silverstone-Hrte verstellen. Doch eigentlich verabscheut der Speed jede ordinre Hektik. Er ist ein Gleiter, in dessen Schaffell-Lufern sich der Gasfu verlieren kann wie in einem Paralleluniversum. Die einzigen dunklen Wlkchen ber diesem siebten Auto-Himmel sind das gestrige Navigationssystem, die klotzige Breitling-Uhr und die inkontinente Tankanzeige. Ach, und der Jaguar irritiert uns immer noch: Von auen wirkt er wie eine Mischung aus Ford Mondeo und Lexus GS 350, die Benimmunterricht bei Mr. Mulliner und Mrs. Park Ward genommen hat. Innen verstrmt der XFR dagegen den khlen Charme einer In-Lounge. So wirkt der tonnenfrmige Automatik-Whlhebel, der sich beim Anlassen des 510 PS starken Fnfliter-V8-Kompressormotors lautlos aus der Mittelkonsole hochschraubt, noch spleeniger als die J-frmige Schaltgasse des Vorgngermodells.

Die Limousine aus den Midlands ist so knapp geschnitten wie ein Nadelstreifen-Dreiteiler aus der Savile Row, aber der Fahrer sitzt sehr bequem, und der Platz im XXL-Kofferraum reicht locker fr eine zweite Kiste Chteau dYquem. Die wird allerdings gut durchgeschttelt, denn kaum ein Auto in dieser Liga treibt bei abgeschaltetem ESP so nachhaltig quer wie der Jaguar trotz Aktiv-Fahrwerks und fetter 20-Zoll-Bereifung. Die zuverlssig geerdete Lenkung und die Zeitraffer-Bremse sorgen dafr, dass sich die Katze nicht in den Schwanz beit. Der Quattroporte Sport GT S ist ein Straenkind im Maanzug. Statt zu entspannen, schnappt er nach Schlaglchern, schuhplattlert durch Pftzen, straft Querfugen durch Nachtreten und sagt jedem Scheitelpunkt den Kampf an. Die eher unterbereifte Vorderachse (235/35 zu 295/30 hinten) verstrkt den Kontrast zwischen frhem Untersteuern und sptem bersteuern. Der krftigen Bremse wnschen wir eine bessere Dosierbarkeit, die zackige Lenkung knnte noch souverner in sich ruhen, Geradeauslauf und Federungskomfort erfllen nur durchschnittliche Anforderungen. Wer den 440 PS starken Viertrer fliegen lassen will, der braucht viel Platz, viel Mut und viel Vertrauen in den Dialog von Mensch und Maschine. Der Maserati ist ein Charismatiker, der alle sieben Sinne nachschrft und bis zur Sttigung entlohnt.

Beim Bentley Flying Spur Speed ist der Name auf jeden Fall Programm

Nomen est omen: Das Speed im Namen beschriebt den Charakter des Bentley.

Der Speed macht seinem Namen alle Ehre. Der allradgetriebene Bentley ist Sprintmeister (null auf 100 km/h in 4,8 Sekunden ein Zehntel schneller als die Katze, drei Zehntel schneller als der Dreizack), Autobahnknig (322 km/h gegenber 250 km/h und 285 km/h) sowie OPEC-Sponsor (24,2 Liter Testverbrauch statt 20,2 und 22,0 Liter). Das 10,5 Quadratmeter groe Luxus-Separee mag lange Geraden und reservierte Stellpltze. Was der kopflastige Zweieinhalbtonner weniger schtzt, sind enge Kurven, rhythmische Querfugen und hektische Richtungswechsel. Die 15.000 Euro teuren Keramikbremsen kann man sich sparen, aber das Geld fr jede Individualisierung ist gut angelegt. Denn kein anderer Hersteller bietet 50 verschiedene Serienfarben, 17 Leder-Alternativen und acht Tnungen fr den Dachhimmel aus Alcantara. Ein gutes Beispiel dafr, wie das gewisse Etwas Gestalt annimmt, bis am Tag X der Verstand endlich bereit ist zur Flucht im groen Englnder.
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Der Bentley steht fr Luxus der alten Schule: viel Leder und Holz, viel Drehmoment, viel Zwlfzylinder-Prestige. Der laute, straffe und rasante Maserati sieht nicht nur aus wie ein echter Straenfeger, er fhrt sich auch so. Der ebenso dynamische wie komfortable XFR ist der beste Jaguar aller Zeiten, denn er kann viel, macht was her und kostet nicht die Welt.

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