Timo Scheiders Jubelsprung: In diesem Jahr wurde er zum zweiten Mal Meister

DTM 2009

— 26.10.2009

Porträt: Erst "ewiges Talent", jetzt zweifacher Champion

Die Zeiten, als Timo Scheider als "Podestverweigerer" galt, sind lange vorbei - Jetzt hat der Audi-Pilot mit der Titelverteidigung Geschichte geschrieben

Timo Scheider ist der Mann, der der DTM in den vergangenen beiden Jahren seinen Stempel aufgedrückt hat. Der 30-Jährige hat in Hockenheim dazu beigetragen, Geschichte zu schreiben: Mit ihm hat Audi als erster Hersteller in der DTM dreimal hintereinander den Fahrertitel geholt. Außerdem ist Scheider nach Mercedes-Legende Bernd Schneider erst der zweite DTM-Pilot überhaupt, der seinen Titel erfolgreich verteidigen konnte.

Sein Sportchef Wolfgang Ullrich bezweifelt nicht, dass Scheider irgendwann in die Fußstapfen von DTM-Legenden wie Bernd Schneider oder Klaus Ludwig treten kann. "Timo ist voll auf die DTM fokussiert, hat einen enormen Grundspeed, arbeitet sehr gut mit seinem Renningenieur zusammen und ist im Team sehr gut vernetzt und beliebt. Das alles zeichnet einen wahren Champion aus. Deshalb hat er sicherlich das Zeug, in die Fußstapfen eines Bernd Schneider oder Klaus Ludwig zu treten. Dahin ist es zwar noch ein langer Weg, aber schließlich ist er gerade mal 30 Jahre alt", so Ullrich in einem 'SID'-Interview.

Darauf, dass sein Name in einem Atemzug mit Begriffen wie "wahrer Champion" genannt wird, musste Scheider jedoch lange warten - sehr lange. Scheider ist der einzige Pilot im Starterfeld, der schon beim Start der neuen DTM im Jahr 2000 mit dabei war. Doch Erfolge stellten sich erst Jahre später ein. Für viele galt er als "ewiges Talent". Fünf Jahre lang fuhr Scheider bei Opel, das Können war da, aber das Arbeitsgerät hatte nicht das Potenzial, um erfolgreich vorne mitzufahren.

"Das sind Situationen in meinem Leben gewesen, die sehr hart waren, in denen ich einfach die Misserfolge in positive Energie umwandeln musste - und auch aus ihnen lernen", blickte Scheider in einem Interview mit 'Motorsport-Total.com' zurück. Und das hat er getan: "Das, was ich bei Opel gelernt habe, war sehr, sehr hilfreich." Es hat ihm Jahre später geholfen, in schwierigen Momenten die Nerven zu bewahren - und so zwei Titel zu holen.

2005 legte er eine DTM-Pause ein, in dieser Zeit stand seine Karriere auf der Kippe. Der junge Familienvater wusste nicht, ob er im Motorsport überhaupt noch eine Zukunft hat, doch das Schicksal wendete sich zu seinen Gunsten.

2006 bekam Scheider eine neue Chance: Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich holte ihn ins Team der Ingolstädter. "Das war für mich der Startschuss zum Erfolg", sagt Scheider heute. "Er hat mich mit seiner Mannschaft zu dem geformt, das ich heute bin. Und das macht mich stolz. Audi hat mir all das gegeben, was ich brauchte, um erfolgreich zu sein."

Zunächst fuhr er eine Saison im "Gebrauchtwagen" der Ingolstädter, 2007 stieg er auf in den Neuwagen. Doch er stand zunächst im Schatten seiner Kollegen Ekström, Tomczyk und Kristensen. Inzwischen wartete er schon sieben Jahre lang vergeblich auf seine erste Podestplatzierung - das hatte ihm den nicht ganz ernst gemeinten Spitznamen "Podiumsverweigerer" eingebracht.

Ende 2007: Der Knoten platzt

Dieser Bann wurde erst Ende 2007 gebrochen - nachdem er schon zuvor zugunsten seiner Teamkollegen auf mögliche Podiumsplätze verzichtet hatte, gelang Scheider beim Saisonfinale 2007 in Hockenheim erstmals der Sprung aufs Treppchen. "Voll geil - ich wusste gar nicht, auf welche Seite des Podiums ich steigen musste. Rechts oder links? Ich kenne mich da oben ja nicht so aus, weiß jetzt aber, dass ich in Zukunft öfter dort oben stehen möchte", sagte Scheider damals.

Dieser Ankündigung ließ er eindrucksvoll Taten folgen. Nur ein Jahr später konnte er an gleicher Stelle einen viel größeren Triumph feiern - er hatte den Titel geholt. Mit dem ersten Podiumsplatz war der Knoten geplatz: 2008 startete der 29-Jährige durch und war von Saisonbeginn an die Messlatte: Viermal Pole-Position, der erste Sieg im zweiten Rennen in Oschersleben, ein weiterer in Brands Hatch, in acht von elf Rennen stand der ehemalige "Podiumsverweigerer" auf dem Treppchen.

2009: Mission Titelverteidigung

Es dauerte eine Weile, bis der frischgebackene Champion realisiert hatte, was ihm da gelungen war. Doch er steckte sich schnell ein neues Ziel und startete 2009 die "Mission Titelverteidigung". Kurz vor der Saison sagte er: "Die Fahrermeisterschaft der DTM zu gewinnen, ist immer mein großes Ziel gewesen. Klar hat das zu lange gedauert. Aber ich habe bewiesen, dass ich konstant Leistung zeigen kann. Auch die Kritiker, die an der Person Timo Scheider gezweifelt haben, geben nun Ruhe. Das gibt mir Gelassenheit. Ein viel angenehmeres Gefühl als jemals zuvor. Die große Last im Hinterkopf ist nicht mehr da. Jetzt mache ich mir selbst Druck: Ich will den Titel verteidigen. Dieses Ziel hat ein ganz anderes, viel höheres Niveau als die bisherigen."

Er gab zu bedenken, was gewesen wäre, wenn er vor der Saison 2008 vom Titel gesprochen hätte: "Da hätten doch viele gesagt: 'Der Scheider hat einen Vollschaden. Der soll erst mal aufs Podest kommen.' Und natürlich ist jetzt auch die Stimmung im Team richtig gut. Jetzt will jeder, dass wir vorne bleiben."

Zunächst einmal aber trumpfte ein anderer Audi-Pilot auf: Mattias Ekström. Der Schwede war zu Saisonbeginn so schnell unterwegs, dass er für die meisten ein größerer Titelkandidat war als Scheider. Doch zwei Reifenschäden, einer beim Auftakt in Hockenheim und einer beim vorletzten Rennen in Dijon kosteten Ekström die Punkte, mit denen er Scheider hätte vom Thron stoßen können.

Scheider selbst startete mit einem zweiten Platz in Hockenheim in die Saison 2009, sah das Podest dann aber erst einmal längere Zeit nicht mehr. Der Tiefpunkt war Zandvoort, wo er als Achter ins Ziel kam und diesen Punkt auch noch verlor. Man hatte ihn disqualifiziert, weil er zu spät zum Wiegen gekommen war.

Doch Scheider setzte wieder einmal das um, was er in seinen Opel-Jahren gelernt hatte: Aus schwierigen Zeiten mit positiver Energie hervorgehen. Seine Antwort auf die Zandvoort-Pleite fiel mehr als deutlich aus: Schon beim nächsten Rennen in Oschersleben holte er seinen ersten Saisonsieg. Zwei Wochen später wurde er am Nürburgring Zweiter und verdrängte Mercedes-Pilot Gary Paffett von der Spitze der Gesamtwertung. Mit Platz zwei in Brands Hatch und dem "Raketenstart"-Sieg in Barcelona baute er seine Führung weiter aus.

In Dijon schien sein großer Traum plötzlich wieder gefährdet zu sein, nachdem sich Scheider im Qualifying völlig verpokert hatte und nur auf Startplatz 16 stand. Doch er kam mit zwei blauen Augen davon, holte als Sechster noch drei Punkte und kam so mit einem Vorsprung von sieben Punkten auf Paffett zum Finale in Hockenheim. Dort ließ er nichts mehr anbrennen und krönte sich zum zweiten Mal in Folge zum Champion.

Nach der Zieldurchfahrt konnte er die Freudentränen nicht mehr zurückhalten, über Boxenfunk richtete er einen emotionalen Dank an Audi und sein Team, er drehte Donuts, hüpfte auf seinem Autodach herum und kletterte schließlich im Freudentaumel zu seinen Fans auf den Zaun.

"Die Emotionen sind direkt hochgekommen", schildert er die Momente nach dem Triumph. "Da ist mir klar geworden, was wir in dieser Saison geschafft haben - und was wir wieder geschafft haben. Das ist etwas Besonderes, vor allem nach dem vergangenen Jahr. Wieder zurück an der Spitze zu sein, so viele Punkte zu sammeln und es dann in Hockenheim vor vollem Haus zu schaffen, das ist unglaublich. Mein Team ist die ganze Zeit hinter mir gestanden und sie haben mich gepusht. Auch schon zu Beginn der Saison, als ich ein paar Probleme hatte. Aber jetzt kann ich nur sagen, dass es ein wunderbares Gefühl ist, zweifacher DTM-Meister zu sein."

Entscheidende Weichenstellung Ende der 1990er

Nun ist Scheider dabei, seinen Namen ins Gedächtnis der DTM zu schreiben. Er witzelte einmal - bezugnehmend auf DTM-Rekordchampion Bernd Schneider, dass er noch so lange weiterfahren möchte, "bis der Schneider mit N vergessen ist und alle nur noch den Scheider ohne N kennen". Zwei Titel hat er schon, auf Schneider fehlen im noch drei Doch beinahe hätte ihn sein Weg gar nicht in die DTM geführt, sondern in die Formel 1.

Scheider begann seine Karriere 1989 im Kartsport, stieg 1995 in die Formel Renault und 1997 in die Deutsche Formel 3-Meisterschaft ein. Und damals hatte er schon einen Fuß in der Königsklasse. Sein damaliger Manager Willi Weber hatte erreicht, dass Benetton den jungen Nachwuchspiloten in die Formel 1 holen wollte. Das Problem: Scheider hatte noch einen Vertrag mit dem Junioren-Team von Jochen Nerpaasch, aus dem er nicht entlassen wurde.

Lange hat er sich die Frage gestellt, was wäre gewesen, wenn... "Ich habe mir die Situation immer wieder vor Augen geführt. Mit den Jahren ist die Niedergeschlagenheit darüber verflogen", sagte Scheider darüber im Interview mit der 'Welt'. Und spätestens seine Erfolge in der DTM dürften die damalige Enttäuschung wettgemacht haben.

Ein ganz großes Herz für Kinder

Abseits der Rennstrecke liebt Scheider die Ruhe in seiner Wahlheimat Vorarlberg. Dort - mit Blick auf den Bodensee - lebt er mit seiner Familie. Seine langjährige Lebensgefährtin Jasmin Rubatto ist die Tochter des früheren Superbike-Piloten Peter Rubatto, die auch selbst gelegentlich Autorennen fährt. Ihre Freizeit verbringen sie gern mit Gas geben, vor allem beim Supermotofahren. Selbst der gemeinsame Sohn Loris ist mit seinen sechs Jahren schon vom Motorsport-Virus infiziert: Er fährt Quad und Kart, und dabei kann es ihm gar nicht schnell genug gehen.

Und im privaten Bereich könnte Scheider demnächst einen anderen Spitznamen loswerden: den des "Eheverweigerers". Denn jetzt soll geheiratet werden. Vor Saisonbeginn hat er versprochen, seine Jasmin zu heiraten, falls die Titelverteidigung klappt. "Und ich halte meine Versprechen", grinst er.

Ganz wichtig ist den Scheiders ihr soziales Engagement. Sie unterstützen den Verein "Stunde des Herzens" und setzen sich dabei für Kinder ein, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das von Jasmin Rubatto und ihren Helfern organisierte "Race-4-Kids" in Friedrichshafen, das in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfand, ist bereits jetzt schon ein Pflichttermin für Stars aus Motorsport und Showbusiness.

Fotoquelle: Audi

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