Christian Abt ist überzeugt, dass die Kerbs die Reifenschäden verursacht haben

DTM 2010

— 02.05.2010

Christian Abt: "Randsteine waren der Knackpunkt"

DTM-Experte Christian Abt analysiert die Audi-Probleme, das "clevere Rennen" von Gary Paffett und wittert "verdeckte Stallregie" bei Mercedes

Drei Jahre lang musste sich Mercedes beim Auftakt auf der Heimstrecke in Hockenheim der Konkurrenz von Audi geschlagen geben. Doch mit dem Start der Saison 2010 hat sich das Blatt wieder gewendet. Mercedes durfte einen Vierfachsieg bejubeln, während bei Audi Wundenlecken angesagt ist.

Denn rein von der Performance her wäre auch ein Sieg der Ingolstädter durchaus möglich gewesen. Wenn da nicht die Reifenschäden von Martin Tomczyk und der zu frühe Boxenstopp von Mattias Ekström gewesen wären. "Audi hat eigentlich wirklich eine gute Performance gezeigt. Martin Tomczyk war sensationell schnell unterwegs, aber auch Mattias Ekström", bestätigt Christian Abt, der DTM-Experte von 'Motorsport-Total.com'.

Audi war nicht allein von den Reifenschäden betroffen. Auch Mercedes hatte entsprechende Probleme, allerdings im Freien Training und im Warmup. Im wichtigen Rennen selbst blieben die Stuttgarter davon verschont. Auch bei Audi hatte sich im Warmup angedeutet, dass es zu Reifenschäden kommen kann. "Man hat darauf sofort reagiert, damit man das bestmögliche Setup dafür findet, dass es nicht passieren kann. Das hat man auch getan, aber es ist trotzdem zu den Reifenschäden gekommen", so Experte Abt. Tomczyk erwischte es zweimal, Alexandre Prémat wurde durch einen kaputten Reifen um Podiumschancen gebracht.

Der langjährige DTM-Pilot Abt macht dafür aber nicht das Setup oder den Reifenhersteller verantwortlich, sondern hält das Problem für streckenbedingt. "Die Strecke lässt eines zu: Nämlich dass man sehr stark über die Kerbs rausfahren und wieder reinfahren kann, vor allem am Ausgang der Startzielgerade. Da fährt man sehr weit raus und vor der roten Sperrfläche wieder rein. Und genau das ist der Knackpunkt", analysiert Abt. Auch Reifenlieferant Dunlop kam zu dem Schluss, dass die Randsteine die Schäden verursacht haben.

"Wenn man das zu extrem und zu hart macht, können solche Reifenschäden entstehen. Ich kenne das aus der Vergangenheit: Wenn man sich da zu weit aus dem Fenster lehnt, kann das passieren", sagt er über das zu aggressive Räubern über die Randsteine. "Und das haben die Jungs einfach gemacht. Manche haben es sein lassen. Zum Beispiel sind die Mercedes-Piloten weniger hart darüber gefahren. Bei anderen hat man gesehen, dass sie härter drüber gefahren sind. Und der eine oder andere hat eben das Pech gehabt, dass er sich einen Reifenschaden zugezogen hat."

Eine weitere kritische Stelle ist laut Abt neben dem Ende der Startzielgeraden die Ausfahrt aus der Mercedes-Arena, wo es auf der Geraden in Richtung Motodrom geht. Und warum wählen manche Fahrer dennoch die aggressivere Linie? Ganz einfach: Damit ist man schneller als wenn man sanfter fährt. "Wenn man da so weit raus- und so hart wieder reinfährt, gewinnt man Zeit und das haben manche Fahrer einfach ausgenutzt. Und dann ist es geschehen", so Abt.

Damit zum nächsten Rückschlag im Audi-Lager, den zu frühen Boxenstopp von Ekström. "Eigentlich darf es nicht passieren, es ist ein Fehler vom Team und vom Ingenieur. Aber sicherlich auch vom Fahrer, denn der Fahrer sollte das Reglement normalerweise auch ein bisschen mit kennen", betont Experte Abt.

Aber er relativiert ein bisschen: "Man durfte jahrelang eine Runde früher reinfahren und jetzt ist die Reglementsänderung gekommen. Wir wissen aus der Vergangenheit, sei es aus der DTM oder der Formel 1, dass bei neuen Regeln auch Fehler passieren können. Der ist jetzt passiert, aber davon geht die Welt auch nicht unter, da muss man mit Leben."

Audi und Ekström hätten mit Platz sechs noch das Beste aus der Situation gemacht - und ausgenutzt, dass der Schwede einen dritten relativ frischen Reifensatz hatte: "Er ist ja wirklich sensationell gefahren. Ich glaube, da er einen dritten Boxenstopp machen konnte, ist er auch härter gefahren. Man auch gesehen, dass er wesentlich schneller unterwegs war, was wahrscheinlich sonst auch nicht gegangen wäre. Er hätte auch ein bisschen das Gas rausgenommen."

Mercedes also konnte in Hockenheim einen Vierfachsieg feiern. Doch Abt stimmt zu, dass das Kräfteverhältnis durch die Probleme bei Audi verzerrt wurde. "Vom reinen Speed her ist es sehr ausgeglichen. Ich glaube, dass Mercedes und Audi auf Augenhöhe sind", lautet seine Einschätzung.

"Aber dieses Wochenende ist deshalb so verzerrt worden, weil einfach der eine oder andere keinen Reifenschaden riskieren wollte und bestimmte Linien gewählt hat, gerade bei Zielausgang und Mercedesarena", bilanziert er. "Martin ist am Anfang sehr aggressiv gefahren und war auch schnell unterwegs. Aber ich glaube, das hätten andere aus dem Mercedes-Lager auch gekonnt. Aber die haben sich nach den Schäden am Vortag ganz speziell zurückgehalten und haben es einfach cleverer gemacht als einige Audi-Fahrer."

Doch auch im Audi-Lager habe es Fahrer gegeben, die es vorsichtiger angegangen sind - zum Bespiel Champion Timo Scheider. "Timo konnte die Pace nicht gehen, aber er hat genau gewusst: Wenn ich so fahre komme ich vielleicht ins Ziel", so Abt. "Vielleicht war er einen Tick zu vorsichtig. Aber es ist halt ein schwieriger Grat, sich anzupassen und zu versuchen, nur so und so schnell zu fahren. Da gehört verdammt viel Erfahrung dazu. Und Mercedes oder ein Paffett haben das für mich am besten gemacht."

Sieger Paffett hat in Hockenheim die optimale Mischung gefunden aus Angriff und umsichtiger Linie. "Nur zum Schluss hat er dann den Speed rausgenommen, weil er auch wusste, dass er Vorsprung hat und den halten kann. Da ist er eine Sekunde langsamer gefahren als seine Teamkollegen. Aber das war nur, weil er auf totale Sicherheit gegangen ist. Es war sehr, sehr clever, was er gemacht hat", so Abt.

Reifenschonen in den letzten Runden

Paffett konnte am Schluss allerdings auch deshalb den Speed herausnehmen, weil er wusste, dass er von seinen Kollegen hinter sich nicht mehr angegriffen wird. Mercedes hatte in den Reifenschon-Modus umgeschaltet. "Safe tires", wurden die Führenden via Boxenfunk angewiesen. Und zwei Runden vor Schluss bekam Paffett auch die Funkmitteilung, dass der Zweitplatzierte Bruno Spengler ihn "definitiv nicht mehr angreifen" wird.

Es ist klar, dass Mercedes aufgrund der Ereignisse den Vierfachsieg in den letzten Runden nicht mehr durch Reifenschäden riskieren wollte und das Tempo so anpasste, dass die Gefahr minimiert wurde, gleichzeitig aber die folgenden Audis auf Distanz gehalten werden konnten.

Was Abt aber bedenklich stimmt, ist der Umstand, dass er die Anweisung "Safe tires" in Schlussphasen schon öfter über den Stuttgarter Boxenfunk gehört hat. "'Safe tires', dieser Spruch erinnert mich schon fast an verdeckte Stallregie. Da sollte man sich auch langsam mal Gedanken drüber machen. Denn normalerweise heißt es Racing - und wenn ich 'safe tires' mache, der vorne langsam fährt und der andere nicht mehr überholen darf, ist das für mich fast verdeckte Stallregie", sagt er, betont aber: "Es ist verzwickt, aber so lange da nix im Reglement gemacht wird ist, das von Mercedes legitim."

Jahreswagen weiter vorn dabei

Nächstes Thema der neuen Saison: Die neuen Chancen der Jahreswagen, die nun vom Mindestgewicht 25 Kilogramm leichter sind als die Neuwagen. Das scheint sich ausgezahlt zu haben: Jamie Green fuhr mit seinem 2008er-Mercedes auf das Podium, Mike Rockenfeller war als Fünfter bestplatzierter Audi-Fahrer und sein neuer Kollege Miguel Molina punktete als Achter ebenfalls noch.

Und laut Experte Abt wird es auch so bleiben, dass die Jahreswagen vorn mitmischen können. "Ich habe mich am Wochenende ein bisschen umgehört und habe festgestellt, dass rein rechnerisch der Jahreswagen - was die Performance angeht - ein paar Hundertstel vor dem Neuwagen liegen müsste", berichtet er. "Jetzt liegt es nur noch an Team und Fahrer, aber sie haben die Chance, das Auto ganz vorn hinzustellen. Man hat gesehen, dass man mit dem Vorjahreswagen ganz vorn mitfahren kann."

Einer der Jahreswagenpiloten, den Abt auch weiter im vorderen Feld sieht, ist Rookie Molina, der in seinem allerersten DTM-Rennen gleich punkten konnte. "Für mich ist das ein ganz großes Talent und ich glaube, dass wir von dem noch sehr viel sehen werden", sagt der Experte. "Hockenheim war nicht gerade seine Lieblingsstrecke, die hat er auch nicht besonders gut gekannt. Aber jetzt kommen dann Rennstrecken wie Valencia und da werden wir von ihm schon einmal ein Feuerwerk sehen. Ich glaube, der wird uns noch viel Freude bereiten."

Fotoquelle: Audi/Abt


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