Rahel Frey: Sprung von der kleinen Schweiz auf die große Bühne geschafft

DTM 2011

— 26.02.2011

Rahel Frey im Interview: "Immer wieder aufstehen!"

Exklusiv-Interview mit Audi-Neuzugang Rahel Frey: Der harte Kampf bis zum DTM-Vertrag und die kleine, große Sause an diesem Wochenende

Nachdem sich Katherine Legge zu einer Rückkehr in die USA entschieden hat, wird Audi dennoch in der kommenden Saison eine weibliche Werkspilotin aufbieten. Die Schweizerin Rahel Frey überzeugte beim Sichtungstest im Dezember in Spanien, erhielt als Konsequenz einen Audi-Vertrag für 2011. Die 25-Jährige wird im Phoenix-Team neben dem erfahrenen Martin Tomczyk agieren. Welchen Weg Rahel Frey in die DTM ging, beschreibt sie im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Frage: "Rahel, gleich zweifache Gratulation: nachträglich zum Geburtstag und natürlich auch zum Audi-Vertrag in der DTM. Gab es eine große Party bei dir?"
Rahel Frey: "Nein, die kommt erst noch - und zwar am Samstagabend. Meine Schwester hat am 22. Februar Geburtstag und ich am 23., also feiern wir immer zusammen. Während der Woche ist natürlich Arbeit angesagt. Das Vergnügen kommt dann erst am Wochenende. Wir feiern auch in diesem Jahr in kleinem Rahmen. Das bedeutet aber nicht, dass auch die Freude klein sein wird. Im Gegenteil: Die Freude ist sogar umso größer."

Frage: "Hast du dir nach der erfolgreichen Audi-Sichtung und nach der Vertragsunterschrift selbst etwas gegönnt? Hast du dich belohnt?"
Frey: "Nein, nein. Ich bin da eher bodenständig. Der Vertrag an sich war schon Geschenk genug. Jetzt beginnt die Arbeit, nun bringe ich meine Leistung. Wenn die erbracht ist, dann werden wir mal sehen - erst einmal eines nach dem anderen."

Das kleine Dorf in der Schweiz

Frage: "Du hast Bodenständigkeit bereits angesprochen. Du kommst aus einer 4.000-Einwohner-Gemeinde und hast es nun bis in die DTM geschafft..."
Frey: "Das ist wunderschön! Ich muss dazu sagen, dass die Ortschaft, aus der ich komme, noch kleiner ist. Da leben nur 500 Menschen. Meine Karriere ist daher wirklich untypisch. Wir sind auf dem Land heimisch. Ohnehin ist in der kleinen Schweiz der Motorsport nicht das große Thema. So gesehen ist mein Weg natürlich schon speziell. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit bekomme."

Frage: "In der Schweiz ist der Rundstreckensport immer noch verboten. Ist es daher umso schwieriger, überhaupt in den Motorsport zu kommen?"
Frey: "Ja, absolut. Kartsport ist möglich, aber sobald man richtigen Automobilsport betreiben möchte, muss man sich im Ausland umschauen. Wir haben keine Rennstrecke, weil das Rundstreckenverbot immer noch gilt. Das hat zur Konsequenz, dass es enorm schwierig ist, die Unterstützung von schweizerischen Sponsoren oder Teams zu finden. Da muss man ein Kämpferherz haben und weiter arbeiten. Dann klappt's auch."

Frage: "Sportlich lief es bei dir oft gut - dein Formel-3-Sieg sei als Beispiel genannt. Trotzdem hatte es oft den Anschein, als habe irgendjemand etwas gegen dich - mangelndes Sponsorengeld und einige andere Dinge haben dich zurückgeworfen. Wie hast du dich durchgebissen?"
Frey: "Das weiß ich selbst gar nicht so genau (lacht)! Wichtig ist, dass man am Ball bleibt und immer sein Bestes gibt. Man darf nie abheben, muss sich stets treu bleiben. Diesen Weg muss man konsequent verfolgen. Klar, wenn man mal eine Niederlage erlebt, dann ist das schmerzhaft. Gleichzeitig wird man dadurch gestärkt. Immer wieder aufstehen - das habe ich bisher gemacht, und das werde ich weiterhin so machen."

Frage: "2007 hast du schon einmal an einer DTM-Sichtung teilgenommen. Damals hat es nicht geklappt, bei diesem Mal aber schon. Was war damals anders als heute?"
Frey: "Ich muss rückblickend ehrlich zugeben, dass es ganz okay ist, dass es damals nicht geklappt hat. Ich bin seither reifer geworden, bin erwachsener und sehe die Dinge differenzierter als damals. Von daher bin ich glücklich. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Dass Audi immer noch an mich glaubt, ist sehr schön."

Der große Test in Spanien

Frage: "Mit welchem Gefühl bist du im Dezember zu der Sichtung in Almeria gefahren?"
Frey: "Für mich war es wie eine letzte Hoffnung. Ich hatte keine Sponsoren, um den Formelsport weiter zu betreiben. Ich habe zwar zuletzt einige Langstreckenrennen mit Matech bestreiten dürfen, aber weitere Engagements gab es nicht. Ich war also offen genug, war ohne zu große Erwartungen. Ich wollte einfach mein Bestes geben, was dann auch ganz gut funktioniert hat. Man fährt dann nicht ganz so verkrampft, denke ich. Man ist offener und lockerer. Das hat mir sicherlich geholfen."

Frage: "Insgesamt waren zehn Fahrerinnen und Fahrer beim Sichtungstest in Spanien. Hast du alle als Konkurrenz betrachtet, oder waren aus deiner Sicht eher die anderen weiblichen Teilnehmer die Konkurrenz?"
Frey: "Ich mache da keinerlei Unterschied zwischen den Geschlechtern. So etwas kannst du im Rennen im Auto auch nicht machen. Die Konkurrenz ist immer da. Man muss aber auch immer menschlich sein. Ich als Fahrerin kann jederzeit von den anderen profitieren. Ich kann sehen, wie die arbeiten - vielleicht einiges aufschnappen. Andersherum können die vielleicht auch sehen, was ich im Vergleich zu anderen gut mache. So sehe ich das und so gehe ich vor."

Frage: "Wie lange musstest du nach dem Test eigentlich um einen Vertrag zittern? Wie lange hattest du Ungewissheit?"
Frey: "Ziemlich lange - und Geduld ist nicht gerade meine Stärke (lacht)! Daher kam es mir besonders lang vor. Ich musste einige Wochen bangen, aber umso größer war die Freude später. Während der Weihnachtsfeiertage hatte ich schon ein wenig so ein Gefühl. Es kommen zwar auch immer mal wieder Zweifel auf, aber man kann sich oft auf sein Gefühl verlassen. Somit hatte ich schöne Weihnachten."

Frage: "Was hilft dir sportlich im DTM-Auto mehr: Die Formelsport-Erfahrungen, oder Einsätze wie mit dem 600 PS starken Ford GT auf der Langstrecke?"
Frey: "Das sind die Erfahrungen aus dem Formelsport, besonders aus der Formel 3. Das Fahrverhalten eines DTM-Autos ähnelt sehr dem eines Formelautos. Die größten Unterschiede sind die Karbon-Bremsen im DTM-Auto und die Hitze im Cockpit. Ansonsten hilft mir hoffentlich die Erfahrung aus dem Formelsport."

Die kleinen Sticheleien der Männer

Frage: "Was hast du dir für das erste DTM-Jahr vorgenommen?"
Frey: "Zunächst ist es wichtig, dass ich mich gut im Team einlebe und etabliere. Es ist wichtig, dass wir uns verstehen, dass ich mich wohlfühle und dass das Team sich auch mit mir wohlfühlt. So funktioniert die Kommunikation, die wiederum Basis für alles andere ist. Ansonsten müssen wir mal den nächsten Test abwarten. Das wird eine Standortbestimmung. Erst dann kann ich wirklich konkrete Ziele formulieren."

Frage: "Im Gegensatz zu den beiden anderen Audi-Rookies (Filipe Albuquerque und Edoardo Mortara) fährst du an der Seite eines erfahrenen Mannes, nämlich Martin Tomczyk. Ist es ein Vorteil, einen solch erfahrenen Piloten als Teamkollegen zu haben?"
Frey: "Das ist sicherlich kein Nachteil. Martin wird mir sicherlich hilfreiche Tipps geben können. Aber er wird natürlich nicht alles preisgeben - dafür ist er zu sehr Rennfahrer. Das ist absolut verständlich und soll auch so bleiben. Ich freue mich auf jeden Fall, an der Seite von Martin zu arbeiten und ich freue mich auf das Phoenix-Team. Da ist insgesamt sehr viel Erfahrung im Spiel. Davon kann ich bestimmt nur profitieren."

Frage: "Eine Frau im Motorsport wird immer besonders beäugt. In den Niederlanden nennt man dich 'Racebabe', andernorts ist von 'Quotenfrau' die Rede. Wie gehst du mit solchen Begriffen um?"
Frey: "Danke für die netten Worte (lacht)! Sicherlich ist das Stichwort 'Quotenfrau' oft ein Thema, aber auf solche Diskussionen lasse ich mich nicht ein. Ich konzentriere mich auf meinen Sport, auf meine Leidenschaft. Dazu zählt letztlich immer die Leistung. Meine bisherigen Leistungen im Motorsport können sich ganz gut sehen lassen. Daran möchte ich weiter arbeiten."

Frage: "Was wäre für dich der größte Traum in der Saison 2011?"
Frey: "In der ersten Saison Punkte zu sammeln. Das wäre der größte Traum!"

Fotoquelle: Audi

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