Auf dem Podium hatte Martin Tomczyk den Erfolg noch gar nicht realisiert

DTM 2011

— 03.10.2011

Tomczyk am Ziel: "Es war ein Geheule!"

Wie ein Phönix aus der Asche: Martin Tomczyk lässt nach dem Titelgewinn seinen Emotionen freien Lauf und freut sich nun auf die nächsten Wochen

Martin Tomczyk hat es geschafft: In seinem elften Jahr in der DTM hat sich das von vielen schon als ewiger Pechvogel abgestempelte Ex-Nachwuchstalent endlich den Titel gesichert. Platz drei im gestrigen Rennen in Valencia war genug, um Bruno Spengler schon vor dem Saisonfinale in Hockenheim keine Chance mehr zu lassen, in der Gesamtwertung noch in Führung zu gehen.

Während der Pressekonferenz tat sich der 29-Jährige schwer, "die richtigen Worte zu finden. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, das man sicherlich erst einmal realisieren muss." Zuvor hatte er noch im Cockpit "Jetzt hamma's" in den Funk geplärrt - unverkennbar als erster Bayer seit Hans-Joachim Stuck 1990, der die DTM gewonnen hat. Der gehörte damals schon zu den etablierten Stars, wohingegen Tomczyk nach der Herabstufung in ein 2008er-Modell kaum jemand auf der Rechnung hatte.

Wie ein Phönix aus der Asche

"Am Saisonbeginn hat niemand auf mich gezählt, aber das Team Phoenix und ich haben zusammengehalten", weiß der Rosenheimer. "Wir haben hart gearbeitet und schnell gemerkt, dass wir nicht nur bester Jahreswagen, sondern auch Meister werden können. Das ist uns gelungen. Aber auch das Team Abt und das Team Rosberg und meine Markenkollegen haben gut zusammengearbeitet. Ich weiß, wie es ist, wenn alle zusammenhelfen, um einen zum Meister zu machen."

Ermüdend waren vor allem die letzten Runden, als in Sachen Meisterschaft schon alles klar war, Tomczyk aber bei fast 30 Grad kühlen Kopf bewahren musste, obwohl der Lüftungsschlauch in seinem Cockpit locker war. "Ich habe nur gedacht: Wann ist dieses verdammte Rennen endlich aus? Die letzten 15 Runden haben ewig gedauert, waren eine unendliche Geschichte", sagt er. "Raufschalten, runterschalten, die Hitze - es war langweilig und du denkst, das nimmt einfach kein Ende."

"Aber die Zieldurchfahrt war dann ein fantastisches Gefühl", strahlt Tomczyk, der in den ersten drei Stunden nach Rennende von einem Termin zum nächsten gereicht wurde und erst später im Interview mit 'Motorsport-Total.com' Zeit hatte, einmal durchzuatmen und den bisher größten Erfolg seiner Karriere in Ruhe Revue passieren zu lassen. "Die Anspannung verfliegt ein bisschen - jetzt kommt schon die Partylaune auf", so der Phoenix-Pilot vor der großen Partynacht in der Audi-Hospitality.

Die schönste Siegerehrung

"Ich bin schon öfter da oben gestanden, aber es ist natürlich etwas Besonderes, wenn man durch so ein Rennen den Titel gewinnt. Da genießt man die Champagnerdusche mit ein bisschen anderen Gefühlen und will den Moment nicht hergeben", erinnert er sich an die Siegerehrung und sagt: "Auf meinem Handy sind Unmengen an SMS drauf." Der vielleicht schönste Moment war aber, "als ich mit meinen Eltern telefoniert habe. Das war nicht wirklich eine Konversation, sondern eher ein Geheule!"

Ein Saufgelage hatte Tomczyk nicht vor: "So richtig nach Trinken ist mir noch nicht, denn ich möchte recht viel von dem Abend mitbekommen. Von dem her werde ich das ganz gelassen angehen und die Situation genießen", meinte er vor Beginn der vielleicht längsten Nacht seines Lebens. "Aber ich freue mich auch schon auf die nächsten zwei Tage, wo ich nach Rosenheim fahre und meine Eltern treffe. Das sind die schönen Momente, die man sich auch wünscht, wenn man so einen großen Erfolg feiert."

Am liebsten wäre ihm nun, einmal abzuschalten und den Erfolg in Ruhe zu genießen, aber "so ruhig werden die nächsten Tage nicht, sondern ich werde von einer Rundfunkanstalt zur nächsten kuschen. Aber das gehört dazu und das genießt man in dem Moment auch. Von daher freue ich mich auf die kommenden Wochen, dann auf das Rennen in Hockenheim und auf die Wochen nach Hockenheim und den Winter", sagt Tomczyk, für den die Saison noch nicht vorbei ist, weil ja noch ein DTM-Lauf (am 23. Oktober) zu fahren ist.

Den Glauben daran, dass er es eines Tages schaffen könnte, hatte er in all den Jahren nie aufgegeben - auch nicht nach dem unglücklichen Saisonfinale 2007, als er den Titel nur knapp an Mattias Ekström verlor. "Na klar" habe er immer an sich geglaubt, "das war ja das Ziel! Ein Rennfahrer will gewinnen, und da zählt natürlich die Meisterschaft dazu. Die zehn Jahre davor waren sehr hart, aber jetzt im elften hat es geklappt. Das ist umso schöner."

Nobody is perfect

"Die zwei Wochen vor diesem Rennen waren extrem anstrengend für mich. Du kannst einfach den Gedanken an die Meisterschaft nicht ganz wegschieben - der ist immer präsent und du musst dich wirklich zusammenreißen, dass er nicht Überhand bekommt", erinnert sich der Deutsche. "Das hat gut funktioniert. Einen kleinen Ausrutscher gab es dieses Wochenende im Zeittraining, aber Nerven gehören auch im Motorsport dazu - wir sind alle nur Menschen."

"Wenn du abends im Bett liegst, kannst du nicht einschlafen. Da kommt der Gedanke: Wie muss ich fahren, damit ich Meister werde? Das ist das Schlimmste, was es gibt, denn du grübelst viel zu viel und willst das einfach nicht, kannst es aber nicht verdrängen", so Tomczyk, der schon länger wusste, dass er Meister werden kann: "Nach den Siegen am Red-Bull- und am Lausitzring war uns klar, dass wir um die Meisterschaft kämpfen."

"Natürlich ist es etwas Besonderes, es im Jahreswagen geschafft zu haben, aber letztendlich ist es völlig egal, in welchem Auto du Meister wirst - Titel ist Titel", relativiert er die Lobeshymnen dafür, dass er sich seinen Lebenstraum verwirklich hat, ohne für das Einserteam von Audi zu fahren. Trotzdem will er sich selbst für den Erfolg nicht groß beschenken, wie das andere schon oft mit Luxus-Spielzeugen getan haben: "Für mich sind der Titel und Pokal Genugtuung genug. Da muss ich mir nicht noch etwas kaufen."

Alle DTM-Champions im Überblick:
1984: Volker Strycek (Bochum) BMW 635 CSI
1985: Per Stureson (Schweden) Volvo 240 Turbo
1986: Kurt Thiim (Dänemark) Rover Vitesse
1987: Eric van de Poele (Belgien) BMW M3
1988: Klaus Ludwig (Roisdorf) Ford Sierra Cosworth
1989: Robero Ravaglia (Italien) BMW M3
1990: Hans-Joachim Stuck (Westendorf) Audi V8
1991: Frank Biela (Neuss) Audi V8
1992: Klaus Ludwig (Roisdorf) Mercedes 190 E
1993: Nicola Larini (Italien) Alfa Romeo 155
1994: Klaus Ludwig (Roisdorf) Mercedes C-Klasse
1995: Bernd Schneider (St. Ingbert) Mercedes C-Klasse
2000: Bernd Schneider (St. Ingbert) Mercedes-Benz CLK
2001: Bernd Schneider (St. Ingbert) Mercedes-Benz CLK
2002: Laurent Aiello (Frankreich) Abt-Audi TT-R
2003: Bernd Schneider (St. Ingbert) Mercedes-Benz CLK
2004: Mattias Ekström (Schweden) Abt-Audi A4
2005: Gary Paffett (Großbritannien) AMG-Mercedes C-Klasse
2006: Bernd Schneider (St. Ingbert) AMG-Mercedes C-Klasse
2007: Mattias Ekström (Schweden) Abt-Audi A4
2008: Timo Scheider (Braubach) Abt-Audi A4
2009: Timo Scheider (Braubach) Abt-Audi A4
2010: Paul di Resta (Großbritannien) AMG-Mercedes C-Klasse
2011: Martin Tomczyk (Rosenheim) Audi A4 DTM

Fotoquelle: ITR

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