Häkkinen blieb in der DTM nicht nur dem Helm, sondern auch dem Erfolg treu

DTM 2013

— 07.04.2013

Häkkinen: "Die DTM ist nichts für Couch Potatoes"

Der Finne bricht eine Lanze für die Qualität der Serie, betont die mentale Komponente und glaubt, dass weitere Ex-Formel-1-Stars den Wechsel wagen

Mika Häkkinen war zu seinen aktiven Zeiten in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmekönner. Ein Ausnahmekönner auch in der Hinsicht, dass er einen Formel-1-Boliden genauso meisterlich beherrschte wie ein DTM-Auto. Im exklusiven Interview mit 'Motorsport-Total.com' spricht die Motorsport-Legende über die Unterschiede zwischen den Serien und erklärt die Probleme der Abwanderer aus der Königsklasse im Allgemeinen sowie seines langjährigen Teamkollege David Coulthard im Speziellen.

Frage: "Mika, wie ist dein Leben so völlig ohne aktiven Motorsport?"
Mika Häkkinen: "Vollkommen anders als früher, ganz anders strukturiert und vor allem eines: selbstbestimmt. Wenn du in der Formel 1 bist, dann bleibt für nichts anderes Zeit. Du hast jede Menge Termine. Abgesehen vom Sportlichen, der Teilnahme an den Grands Prix und der Arbeit mit dem Team gibt es auch viele PR-Termine. Lass es mich so sagen: Ich habe jetzt wieder ein normales Leben, kümmere mich um den ganz normalen Alltag. Es legt mir halt niemand mehr einen vollgepackten Stundenplan vor. Ich genieße mehr Freiheiten."

Frage: "Lass uns mal ausnahmsweise nicht über deine Formel-1-Karriere, sondern mal über deine Zeit in der DTM sprechen. Erinnerst du dich noch an deine erste Fahrt in einem DTM-Auto?"
Häkkinen: "Ja, das war allerdings kein echter Test, sondern eine PR-Fahrt 1998 in Brünn. Damals war ich bei McLaren und habe dort etwas Promotion gemacht. Aber schon bei dieser Showfahrt ist mir sofort klar geworden, dass solch ein DTM-Auto nicht ganz einfach zu handhaben ist."

Wo sind denn hier die Vorderräder?

"Mein größtes Problem zu Beginn war, dass ich die Vorderräder nicht sehen konnte. Auf den ersten Metern wurde mir äußerst deutlich, dass sich solch ein Auto nicht ganz so wie ein Formel-1-Fahrzeug bewegen lässt (lacht). Das war lustig. 1998 hatte ich also diese erste Fahrt im DTM-Auto. Dabei war es nicht so, dass ich keine Tourenwagen kannte. 1992 bin ich sogar mal in der skandinavischen Tourenwagen-Meisterschaft gefahren. Das war aber nur so zum Spaß."

Frage: "Also warst du quasi schon ein 'etwas alter Hase', als du in die DTM gewechselt bist?"
Häkkinen: "Nein, das kann man so nicht sagen. Tatsache ist, dass jedes neue Auto, das du fährst, eine ganz neue Erfahrung ist - egal welche technische Spezifikation dahintersteckt. Ich habe die DTM als sehr professionelle und technisch hochwertige Serie kennengelernt. Diese Autos haben mir Spaß gemacht. Die Leute bei HWA haben es mir auch leicht gemacht. Bei Rennen und Tests lief alles perfekt ab."

Frage: "Wie lange hast du damals gebraucht, um dich in einem DTM-Auto wirklich wohl zu fühlen?"
Häkkinen: "Das hat nicht allzu lange gedauert. Als professioneller Rennfahrer braucht man ein paar Runden, um sich an eine neue Maschine oder eine neue Strecke zu gewöhnen. Das geht wirklich schnell. Schwieriger wird es, wenn man die letzten Zehntel finden muss, um ganz vorne dabei zu sein. Das dauert lang, man braucht viele, viele Tests."

Formel-1-Piloten und ein Motivationsproblem

"Man muss die Grenzen des Autos erst einmal ausloten, dann sein persönliches Limit darauf kalibrieren. Wenn du wirklich um Siege mitfahren möchtest, dann reicht es nicht, wenn du diesen Prozess abschließt. Du musst das Auto komplett verstehen und es auf deine Bedürfnisse und auf deinen Fahrstil anpassen. Bis du das kannst, gehen Monate ins Land. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen..."(lacht)

Frage: "Es war in den vergangenen Jahren oft so, dass sich Ex-Formel-1-Piloten über lange Zeit schwer getan haben, während Formel-3-Youngster meist schnell in der DTM zurechtkamen. Haben die Piloten aus der Königsklasse irgendein Handicap bei der Umstellung auf die DTM?"
Häkkinen: "Da habe ich eine ganz eigene Sicht. Ich teile nicht die Ansicht, dass das viel mit der Technik oder den Eigenheiten der Autos zu tun hat. Aus meiner Sicht hat es etwas mit den Voraussetzungen in anderer Hinsicht zu tun."

"Man muss sich immer vor Augen halten, dass bei Formel-1-Fahrern, die in die DTM kommen, folgende Situation akut ist: Die erleben gerade ihr Karriereende in der Königsklasse, in der größten Serie der Welt. Daher sind die in Sachen Motivation etwas anders aufgestellt. Die legen dann eine andere Herangehensweise und Grundhaltung an den Tag als diese jungen Kerle aus der Formel 3, die gerade auf dem Weg nach oben sind. Diese Nachwuchsfahrer tragen den Traum vom Aufstieg in die Formel 1 noch in sich."

Geduld gefragt

"Die Formel-1-Fahrer, die in die DTM wechseln, haben den Rennsport in seiner extremsten Form erlebt - oft sogar über viele Jahre hinweg. Es ist dann schwierig, die maximale Motivation in der DTM aufzubauen. Es gab natürlich einige Ex-Formel-1-Piloten, die in der DTM mal einige Rennen gewonnen haben, aber niemals hat einer die Meisterschaft gewonnen. Und das ist eigentlich das Ziel in diesem Geschäft, es geht um Titel. Wenn einer in der DTM Erfolg haben will, dann muss er genauso professionell herangehen wie in der Formel 1, er braucht die gleiche Motivation und er braucht Geduld."

Frage: "Rennfahrer und Geduld? Wo doch alles immer rasend schnell sein muss?"
Häkkinen: "Oh ja. Man wird zur Geduld gezwungen. Denk nur an meine Zeit in der Formel 1. Ich habe sieben Jahre auf meinen ersten Sieg warten müssen. In der DTM hat es nicht so lange gedauert. Ich habe mein drittes Rennen gewinnen können. Das war damals eine sehr positive Überraschung. Nie hätte ich damit gerechnet, das solch ein Erfolg nach solch kurzer Zeit möglich sein würde. Immerhin musste ich da gegen Jungs mit höchstem Engagement und größter Motivation antreten. Das war alles andere als easy."

Frage: "Ich erinnere mich noch gut an den 15. Mai 2005 in Spa-Francorchamps - dein erster Sieg in der DTM. Das sah damals von außen betrachtet nach Leichtigkeit aus..."
Häkkinen: "Das war damals ein unfassbares Wochenende, ein unglaubliches Rennen. Es gab damals ziemlich heftigen Regen. Ich war zuvor schon sehr oft in Spa gefahren - mit der Formel 1 und auch mit anderen Serien. Ich kam also mit viel Erfahrung dorthin. Als die Strecke nass war, hatte ich mit dem DTM-Auto eine tolle Technik raus, um beste Rundenzeiten fahren zu können."

Faszination Technik

"Ich glaube, die anderen Piloten haben damals nicht so wirklich den richtigen Weg gefunden. Dass es damals zur Pole-Position reichte, war schon ein Hammer - aber dann kam ja noch mehr. Der Sieg im Rennen war aber nicht ganz so leicht, wie das vielleicht von außen damals aussah. Ich erinnere mich noch gut, dass Mattias Ekström damals bis zur allerletzten Runde heftig Druck gemacht hat. Letztlich war wirklich meine Spa-Erfahrung der Schlüssel zum Erfolg."

Frage: "Nehmen wir mal die berühmte Eau Rouge von Spa-Francorchamps: Macht diese Kurve in einem Formel-1-Auto oder mit einem DTM-Wagen mehr Spaß"
Häkkinen: "In der Formel 1 ist das Tempo immer erheblich höher. Der Speed ist teilweise beängstigend und faszinierend zugleich. Man erreicht mit einem Formel-1-Auto einfach gewisse Grenzen bezüglich der Fliehkräfte. Wenn du mit einem solchen Fahrzeug durch eine Passage wie Eau Rouge heizt, dann fragst du dich manchmal, wie so etwas überhaupt möglich ist. Dass es die Techniker schaffen, ein Auto zu bauen, das so etwas kann, fasziniert mich immer wieder."

"Mit einem DTM-Auto fühlt es sich im Vergleich natürlich anders an. Das Tempo ist nicht so hoch und man spürt viel mehr, wie das Auto seine Grenzen erreicht. Du merkst das im Lenkrad, du spürst, wie das Chassis in einer solchen Kurve wirklich am Limit ist. Wenn ich ein DTM-Auto mit einem Formel-1-Boliden vergleiche, dann reicht eigentlich ein Wort: langsamer. Wenn man vorher nur langsamere Autos gefahren wäre, dann würde sich ein DTM-Auto unglaublich anfühlen. Aber wenn du Formel 1 kennst, dann ist es eben weniger aufregend."

Durch Eau Rouge "wie in Zeitlupe

"Die Fahrt durch Eau Rouge ist dann wie in Zeitlupe. Das darf man nicht als Kritik an der DTM-Technik verstehen. Auch diese Fahrzeuge sind extrem gut gebaut, von extrem guten Leuten. Aber man muss sich nur die Leistungsdaten anschauen, dann versteht man es wohl. Ich habe höchsten Respekt vor den Entwicklern in der DTM. Auch diese Fachleute holen alles heraus, was das Reglement hergibt. Aber ich möchte eben ehrlich sein, wenn das Erlebnis im Vergleich darstelle."

Frage: "Wir schauen kurz mal auf die weniger amüsante Seite deiner DTM-Karriere. Erinnerst du dich noch an das Barcelona-Rennen im September 2007? Der umstrittene Crash mit Martin Tomczyk und die anschließende Bestrafung. Du wirktest damals extrem frustriert. Wie lang hat der Frust angehalten?"
Häkkinen: "Naja, wenn man sich solche Situationen anschaut, dann kommt man immer wieder zum gleichen Schluss: Zu Zwischenfällen dieser Art gehören immer mindestens zwei Fahrer. Es ist nie einer allein - das ist meine Meinung."

"Ausnahmen gibt es natürlich, wenn sich einer dreht oder wirklich mit Wucht in einen anderen hinein rammt und ihn von der Strecke schuppst. Sobald es aber um Zwischenfälle bei einem Überholmanöver geht, dann ist von beiden Beteiligten jederzeit volle Konzentration gefragt. Solche Manöver sind wirkliche Extremsituationen. Ich blicke aber nicht im Groll auf diesen Tag und die Entscheidungen zurück. Das ist abgehakt und eben eine von vielen Situationen in meiner Rennfahrerkarriere."

Voller Terminkalder bremste Coulthard ein

Frage: "Wie steht es eigentlich um die Fitness? Muss man für die DTM ähnlich hart trainieren wie für die Formel 1?"
Häkkinen: "Die Formel 1 ist anstrengender als alles, was es sonst im Motorsport gibt. Dieser Sport ist insgesamt so dermaßen intensiv. Die DTM ist diesbezüglich nicht so fordernd. Natürlich musst du aber auch dort sehr fit sein, am besten auf höchstem Level. Wenn du im Motorsport wirklich erfolgreich sein willst, dann solltest du versuchen, mental und physisch jederzeit auf dem bestmöglichen Level zu sein - egal, ob im Kartsport, im Formelsport oder anderswo. Es gab sicherlich Unterschiede in meinem Trainingsprogramm zwischen Formel 1 und DTM, aber groß waren die Unterschiede nicht. Als 'Couch Potato' kannst du nicht DTM fahren."

Frage: "Dein langjähriger Formel-1-Teamkollege David Coulthard hatte deutlich weniger Erfolg in der DTM als du. Warum?"
Häkkinen: "Eigentlich müsstest du David zu allererst nach den Gründen dafür fragen. Aus meiner Sicht ist es so, dass es immer für alles einen Grund gibt. Ich kenne David seit vielen, vielen Jahren. Ich habe ihn immer als extrem konkurrenzfähigen, fitten und schnellen Fahrer erlebt. Er war immer schwierig zu schlagen. David habe ich als fantastischen, intelligenten Teamkollegen erlebt. Wenn man sich nur die DTM-Ergebnisse aus der DTM anschaut, dann fragt man sich natürlich, warum David nicht mehr erreicht hat."

"Wenn man sich dann aber mal seinen Kalender anschaut, dann sieht man, was er eigentlich alles auf dem Plan hatte. Im beruflichen und im privaten Bereich hatte David in den vergangenen Jahren so unglaublich viel zu tun. Auf Grundlage dessen halte ich seine DTM-Ergebnisse für logisch. Du kannst nicht von Flugzeug zu Flugzeug eilen, von Hotel zu Hotel hetzen und dann zum Rennplatz kommen und gute Ergebnisse einfahren."

"Die Formel 1 ist Kopfsache

"Die Konkurrenten haben gleichzeitig ihr gesamtes Leben auf den Erfolg in der DTM getrimmt. Und wenn du in einer solchen Serie wirklich vorne mitmischen willst, dann musst du bedingungslos alles darauf fokussieren, alles andere unterordnen. David hat nicht Talent, Fähigkeit oder Willen verloren. Seit Zeitplan ließ es einfach nicht zu, dass er sich so auf die DTM konzentrieren konnte, um erfolgreich sein zu können. So kann es einfach nicht funktionieren."

Frage: "Wir haben über den Schritt von der Formel 1 in die DTM gesprochen. Wie sieht es umgekehrt aus: Würde beispielsweise ein Timo Glock nach einem Jahr DTM schnell wieder in der Formel 1 zurechtkommen?"
Häkkinen: "Na klar, kein Problem. Am wichtigsten ist, dass du immer im Saft stehst, dass du Rennen fährst oder oft im Simulator sitzt. Schwierig wird es dann, wenn sich jemand ganz zurückzieht und ein oder zwei Jahre lang nur zu Hause oder im Garten herumsitzt. Man muss immer irgendein Rennauto bewegen, dann geht es gut."

"Von der DTM direkt zurück in die Formel 1: null Problem, zumindest was das Fahrerische anbelangt. Die Formel 1 ist aber eine extreme Kopfsache. Man muss im tiefsten Inneren vollkommen von sich selbst überzeugt sein. Man muss dieses Selbstbewusstsein nicht der gesamten Welt zur Schau stellen, aber es muss vorhanden sein. Nur wenn du jederzeit zu hundert Prozent an dich glaubst, dann kannst du wirklich Erfolg haben."

Noch kein zweiter Häkkinen in Sichtweite

Frage: "Kann die Formel 1 etwas von der DTM lernen?"
Häkkinen: "Puh, das ist eine schwierige Frage. Ich habe noch nie darüber nachgedacht und finde das nicht einfach zu beantworten. Im Bereich Fannähe hat die DTM vielleicht etwas, was die Formel 1 in dieser Form nicht hat. Da stellt sich aber die Frage, ob man dies einfach so übertragen könnte - wahrscheinlich eher nicht. Die DTM hat viele gute Aspekte, die Formal 1 natürlich auch. Die Welten sind vielleicht einfach zu weit auseinander, sodass man da Dinge einfach so übernehmen könnte."

Frage: "Timo Glock ist ab sofort bei BMW. Auf dem Markt sind derzeit noch Leute wie Jaime Alguersuari, Heikki Kovalainen, Witali Petrow und einige andere mit Formel-1-Erfahrung. Denkst du, dass weitere in die DTM wechseln werden?"
Häkkinen: "Das ist möglich. Durch den Zustieg von BMW in die DTM ist die Serie noch attraktiver geworden, außerdem ist für professionelle, gute Piloten jetzt noch mehr Geld zu verdienen. Die DTM bietet wirklich guten Sport. Ich habe das selbst erleben dürfen und wäre sicherlich nicht so lange dabeigeblieben, wenn es nicht gut gewesen wäre. Die Formel 1 wird immer die Spitze des Motorsports bleiben, aber dahinter gibt es einige Serien, die ebenfalls professionelle Strukturen haben. Die DTM zählt sicher dazu und sie ist attraktiv."

Frage: "Dein Sohn Hugo ist auch ein Racer, er fährt mittlerweile viele Kartrennen. Wenn Hugo eines Tages zu dir kommt und fragt, ob er sich in Richtung Formel 1 oder Richtung DTM orientieren soll, was sagt Papa dann?"
Häkkinen: (lacht) "Ob er mich da überhaupt fragen wird? Dieser Tag liegt aber, selbst wenn er wirklich auf mich zukommen wollte, noch in ferner Zukunft. Man müsste sich erst einmal den Weg bis dorthin anschauen, es geht noch viel Zeit ins Land. Wer weiß schon, was in acht, neun oder zehn Jahren sein wird? Ich weiß es absolut nicht. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Ich würde mir dann Gedanken machen, wenn es soweit ist."

Fotoquelle: xpb.cc

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