Gute Aussichten in der DTM: Timo Glock kehrt zu BMW zurück

DTM 2013

— 07.04.2013

Kriegsschrei des letzten Mohikaners

Timo Glock ist gekommen, um in der DTM zu bleiben - und zwar als Spitzenfahrer: Begründet der Hesse eine neue Ära der Ex-Formel-1-Piloten in der Serie?

Es ist ein Naturgesetz, dass die Formel 1 das natürliche Highlight einer jeden Motorsport-Karriere ist. Schließlich sagt schon der Name: Besser geht's nicht. Doch was kommt danach? Den Helm an den Nagel hängen und sich konsequent dem heimischen Rosengarten widmen, das haben nur die wenigsten Piloten geschafft. Insbesondere dann, wenn sie noch im besten Rennfahreralter waren, als sich die Pforten zur Königsklasse schlossen. Doch nicht mit jedem Drive tut sich ein Pilot auch unbedingt einen Gefallen.

In semiprofessionellen nationalen Championaten herumzudümplen, sich mit einem Haufen Herren- und Bezahlfahrern um die größte Blechschaden-Rechnung zu streiten, das ist keine Sache für Vollblut-Motorsportler. Manche - wie Jacques Villeneuve und Kimi Räikkönen - haben stattdessen mehr oder weniger erfolgreiche Formel-1-Comebackversuche gestartet. Andere greifen nochmal richtig an. So wie Alexander Wurz in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC). Oder wie Timo Glock in der DTM.

Der "Kampfdackel" ist der letzte Mohikaner, nachdem sich seine unmittelbaren Vorgänger mit eher überschaubarem Erfolg durchgeschlagen hatten. Ralf Schumacher bescherte der Serie fraglos eine Menge Prominenz und Medienaufmerksamkeit, mit zwei Podiumsplatzierungen blieb er aber hinter den Leistungen seiner Markenkollegen und auch den eigenen Ansprüchen zurück. Anders, nämlich noch schlechter, erging es da David Coulthard. Abseits der Strecke gewohnt ein Gentleman, im Auto ein Schatten seiner selbst.

Marquardt fordert Geduld

Das sehen auch die Leser von 'Motorsport-Total.com' in einer Umfrage mit abgegebenen 8.044 Stimmen so: Dass das DTM-Engagement des Schotten die Erwartungen erfüllt hätte, verneinen 46,63 Prozent. 33,48 Prozent sind der Meinung, das sei "nur als Werbefigur" der Fall gewesen. Somit sind mehr als acht von zehn Teilnehmern der Ansicht, dass die Resultate enttäuschend waren. Dass es sportlich genau wie in Sachen PR gestimmt hätte, finden nur 4,65 Prozent, gar keine Erwartungen hatten 15,24 Prozent.

Was spricht dafür, dass es Glock 2013 anders ergeht? "Er ist noch ein sehr junger Fahrer und er hat einen ganz bewussten Karriereschritt gemacht, indem er wirklich in der Blüte seiner Performance gesagt hat: 'Ich habe jetzt die Chance bei BMW in einem Topauto, Topteam mit Topleuten in einem anderen Umfeld, meine fahrerischen Qualitäten zu beweisen", erklärt Motorsport-Chef Jens Marquardt, der die Fähigkeiten des Odenwälders hoch einschätzt, ihn für einen Piloten am Zenit seiner Karriere hält.

Klar, dass der BMW-Verantwortliche den Optimismus schürt, schließlich ist der Erfolg oder Misserfolg Glocks auch ein Zeugnis seiner Fähigkeiten. Dennoch spricht einiges dafür, dass mehr dahinter steckt als eine große Werbekampagne. Etwa die Tatsache, dass Glock mit 31 Jahren noch taufrisch und im besten Rennfahreralter ist. Marquardt fordert dennoch eine Schonfrist: "Er braucht ein Hochlaufkurve - wir wissen alle, dass die DTM keine Serie ist, in der man vom ersten Rennen an sofort top unterwegs ist."

Glock will Punkte und Podestplätze

Hinzu kommt für Glock, dass er anders als die Neulinge aus der Saison 2012 nicht den Vorteil hat, dass alle Piloten mit neuen Fahrzeugen an den Start gehen. Die Teilhemer aus dem vergangenen Jahr - und das sind nicht weniger als 18 Konkurrenten - kennen ihren Boliden schon in- und auswendig. Auch das Team des Odenwälders muss lernen, die MTEK-Mannschaft wurde für den Einsatz der M3 DTM Nummer sieben und acht neu formiert. Teamkollege Marco Wittmann ist ein ebenfalls ein Serienfrischling.

Der komprimierte Zeitplan und die strengen Testbeschränkungen machen die Sache nicht einfacher. Aber ist es vielleicht der große Vorteil des zweikampfstarken Glock, dass er in der Formel 1 nie der große Star geworden ist, der er vielleicht hätte werden können? Dass er noch den unbedingten Biss hat, sich in der DTM als Rennfahrer und nicht nur Dekoartikel zu beweisen? "Ich habe ihn auch auf dem Podium stehen sehen", erinnert Marquardt daran, dass Glock zu Toyota-Zeiten zwei Mal Champagner spritzte und viele starke Punktresultate einfuhr.

Glock selbst ist zurückhaltend. Der gelernte Gerüstbauer will nicht hohe Erwartungen aufbauen, um dann tief zu fallen. "Auch wenn ich zunächst einmal extrem viel lernen muss, möchte ich natürlich Punkte sammeln und nach Möglichkeit um Podestplätze kämpfen", erklärt er und denkt an einen Markenkollegen, der als Einsteiger zwei Pole-Positions und einen Rennsieg holte: "Augusto Farfus hat 2012 gezeigt, welchen Weg man als Neuling gehen kann. Das spornt mich an." Allerdings war ein Auto mit Dach für den Brasilianer auch kein Neuland.

Wieder Blut geleckt

Die Leser von 'Motorsport-Total.com' sind zurückhaltend, wenn es darum geht, welche Erfolge Glock 2013 feiern kann. In einer Umfrage mit 2.235 abgegebenen Stimmen zeigt sich folgendes Bild: Dass Punkte, aber nicht mehr, drin sein, glauben 44,92 Prozent. Podestplätze halten 35,97 Prozent für möglich, Rennsiege hingegen nur 9,98 Prozent. Mit dem ganz großen Coup, nämlich dem Meistertitel gleich im DTM-Jahr Nummer eins, rechnen 3,71 Prozent. Das klingt nach vorsichtiger Zurückhaltung, allerdings befürchten wenige Leser eine totale Enttäuschung. Dass es Glock nicht gelingt, einen Punkt zu ergattern, vermuten nur 5,41 Prozent.

Dass er mit unbekannten Autos schnell zurechtkommt, hat Glock in seiner Karriere oft genug bewiesen. Im Jordan fuhr er bei seinem spontanen Formel-1-Debüt 2004, damals in Kanada, sofort auf Rang sieben. In der ChampCar-Serie wurde er 2005 Rookie des Jahres und in der zu diesem Zeitpunkt neu gegründeten GP2 fing er 2006 nach einem Teamwechsel auch sofort mit dem Siegen an. Allerdings hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass DTM-Autos doch mit so mancher Tücke aufwarten. Coulthard weiß von der Kupplung ein Lied zu singen.

Trotzdem kommt Glock nicht in die DTM, um Runden für sein Gnadenbrot zu drehen. "Du willst endlich mal wieder vorne mitmischen und bist hungrig auf gute Ergebnisse", kündigt er an. Jahrelang in einem unterlegenen Formel-1-Auto hinterhergefahren und nur am Mikrofon der TV-Journalisten der Erste gewesen zu sein, hat seinen Willen offenbar nicht gebrochen, sondern Glock nur noch heißer darauf gemacht, wieder sportliche Erfolge zu feiern. Vielleicht ist das die richtige mentale Herangehensweise, die so manchem Altstar im DTM-Auto in der Vergangenheit abging.

Neue Personalphilosophie?

Der ITR-Test in Barcelona brachte dezente Ernüchterung. In Katalonien lief es trotz der drittschnellsten Zeit der gesamten Testtage nicht perfekt für Glock: Der weichere Option-Reifen funktionierte auf Anhieb, aber das Standardmaterial bereitete ihm Kopfzerbrechen. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz seit Jahren, teilweise sogar über einem Jahrzehnt im DTM-Geschäft ist. Mattias Ekström, Gary Paffett oder auch Martin Tomczyk kennen auf den Strecken jeden Zentimeter Asphalt persönlich, die Autos haben sie mitentwickelt und so entscheidend geprägt.

Was 2013 auch geschehen mag: Glock markiert vielleicht einen Wendepunkt, wenn es um die Tradition von Formel-1-Fahrern in der neuen Ära der DTM geht. Waren es mit Schumacher, Coulthard oder eben auch Jean Alesi, Mika Häkkinen und Heinz-Harald Frentzen immer Piloten im Spätherbst ihrer Karriere, die übersiedelten, könnten jetzt diejenigen kommen, die in der Formel 1 aus wirtschaftlichen Gründen keinen Platz mehr finden. Ein Heikki Kovalainen, ein Witali Petrow, ein Jaime Alguersuari.

Sind in der Königsklasse mit ihren chronisch klammen Privatteams mittlerweile vorrangig Paydriver gefragt, bleiben talentierte Burschen zwangsläufig auf der Strecke. Für die Hersteller in der DTM wäre das eine dankbare Situation: Sie bekämen bekannte Namen mit entsprechendem Können auf dem Silbertablett serviert. Damit das Modell funktioniert, braucht es aber den fahrenden Beweis, dass Monoposto-Spezialisten im Tourenwagen brillieren können. Glock ist gefragt. Ab die Post!

Fotoquelle: BMW

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