DTM 2013

— 28.04.2013

Marquardt blickt voraus: Familiengerecht, aber mit Sixpack

Der BMW-Motorsportchef muss 2013 in große Fußstapfen treten, nämlich seine eigenen: Er sieht sechs Piloten der Münchener in der Lage, Rennen zu gewinnen



Es ist zwölf Monate her, da kam BMW als große Unbekannte in die DTM. Zehn Rennen später war Bruno Spengler Champion, Schnitzer Gewinner der Teamwertung und auch die Marke ganz oben. Für die zweite Saison haben die Münchener mit zwei zusätzlichen Autos aufgerüstet. Im Interview schildert Motorsportchef Jens Marquardt, warum es 2013 noch kniffliger werden könnte, wieso das DTM-Engagement kein betriebswirtschaftliches Zahlenspiel ist und was die Serie attraktiver macht als die Formel 1.

Frage: "Herr Marquardt, haben Sie die drei Titel in ihrer ersten Saison in der DTM schon realisiert? Ist man nun in der zweiten Saison nicht mehr so angespannt?"
Jens Marquardt: "Wir haben in keiner der Wertungen geführt, als wir zum Hockenheimring gekommen sind. Zum Schluss sind wir mit allen drei Titeln nach Hause gefahren. Das ist wirklich nach wie vor historisch! Ich kneife mich immer noch ab und zu, um wirklich zu realisieren, was da passiert ist und was die Mannschaft, BMW, die Teams und die Fahrer im vergangenen Jahr erreicht haben."

"Trotzdem ist es natürlich so, dass jede neue Saison dazu führt, dass man wahnsinnig aufgeregt ist und je näher die Saison kommt, um so aufgeregter wird man. Ich muss auch sagen, dass sich mit dem reduzierten Testbetreib ein enormer Spannungsbogen aufbaut. Man merkt, dass die Leute wieder angespannt werden. Auch wenn ich mich mit den Fahrern unterhalte - die sind wie Rennpferde, die in der Startbox scharren und mit dem Fuß gegen die Wand knallen. Da ist ganz viel Energie da und die muss nun auch auf der Rennstrecke wieder freiwerden."

Hat sich Mercedes freiwillig einen Nachteil eingekauft?

Frage: "Ein Glück, dass es dann acht Autos sind, auf die die Energie verteilt wird!"
Marquardt: "Ja, ein Glück, dass es dann acht Autos sind. Es ist unsere große Herausforderung. Nicht nur, dass wir als dreifacher Titelverteidiger in die Saison gehen und wir wissen, dass die sehr kompetente Konkurrenz bei Audi und Mercedes über den Winter auch sehr hart gearbeitet hat. Aber wir auch! Aber wir haben mit MTEK wieder ein Rookieteam und damit eine weitere Herausforderung."

Frage: "Wie ärgerlich ist es, dass nun Mercedes zwei Autos weniger an den Start bringt und damit das Starterfeld gleich bleibt?"
Marquardt: "Ich weiß nicht, ob das ärgerlich ist. Es wird sicherlich Gründe dafür geben. Ich habe gelesen, man will eine Konzentration damit erreichen, was von uns natürlich mit sehr großen Ohren aufgenommen wurde. Wenn Mercedes sagen, sie wollen sich konzentrieren und damit auch etwas an ihrer Arbeitsweise ändern, dann müssen wir natürlich schon sehr wachsam sein und schauen, was das unterm Strich heißt. Wir sind im vergangenen Jahr mit sechs Autos unterwegs gewesen und haben im ein oder anderen Fall auch gemerkt, dass das ein Nachteil ist. Dass es strategisch und operativ ein Nachteil ist. Den haben wir ausgeglichen und jetzt müssen wir sehen, wie Mercedes damit umgeht. "

Frage: "Welche Möglichkeiten gibt es denn mit acht Autos im Gegensatz zu sechs?"
Marquardt: "Mit den acht Autos bekommt man in der Kürze der Zeit mehr Daten, gerade jetzt mit dem komprimierten Wochenende. Mehr Optionen, Setups auszuprobieren, optimale Anpassungen an die Gegebenheiten hinzukriegen und ich glaube, dass ist eines der Themen, die uns im vergangenen Jahr ausgezeichnet haben, dass wir da eine steile Lernkurve hingelegt haben. Damit verbreitern wir natürlich das Spektrum in dem Bereich."

Erste Rennentscheidung am Samstagvormittag

"Da gehört natürlich auch eine Individualisierung für den Fahrer dazu, aber auch gewisse Grundsatzarbeiten. Dieses Jahr mit dem Option-Reifen kommt eine weitere Variable hinzu. Das heißt, der wirklich sehr komprimierte Vorbereitung kommt eine sehr große Bedeutung zu. Da, denke ich, ist die breitere Aufstellung eine bessere, um sich optimal vorzubereiten und einen optimalen Fokus auf die Performance hinzubekommen."

Frage: "Bei dem komprimierten Wochenende ist BMW eigentlich schon wieder im Nachteil, da Audi und Mercedes diese Variante schon 2009 durchlebten."
Marquardt: "Auch wieder eine Herausforderung, der wir uns jetzt stellen und auf die wir uns wieder vorbereiten. Wir müssen unsere Prozesse und Systeme dahingehend optimieren. Es steht sehr komprimierte Zeit zur Verfügung. Wenn man sich ein Beispiel anschaut: Nürburgring im vergangenen Jahr. Freitag im Freien Training sind wir nicht gut unterwegs gewesen, muss man ganz klar sagen. Haben aber mehr oder weniger eine Nacht Zeit gehabt am Setup zu feilen. Im Qualifying hatte Bruno die Pole-Position und Augusto (Farfus, Anm. d. Red.) war auf Rang drei."

"Im Rennen hatten wir mit Bruno und Martin (Tomczyk, Anm. d. Red.) zwei Autos auf dem Podium. Im vergangene Jahr hatten wir zwischen einer suboptimalen Session und dem Qualifying, in dem alles gepasst hat, einen relativ großen Zeitraum. Der ist dieses Jahr deutlich verkürzt. Das heißt, wenn wir am Samstagvormittag im Training nicht optimal unterwegs sind, müssen wir sehen, wie wir es trotzdem hinkriegen, uns zum Qualifying zu verbessern. In den DTM-Autos sind wirklich eine sehr rudimentäre Anzahl von Sensoren verbaut und es sich fast nur sicherheitsrelevante Sensoren, die auch eine Aussage zum Fahrverhalten geben."

Der M3 DTM: Von der Zweikampfdiva zum Mini-Panzer

Frage: "Was wollen Sie im Rahmen der DTM mittelfristig noch bewirken? Titelverteidigung, Internationalisierung, Herstellererweiterung,..."
Marquardt: "Eines muss man vorausschicken: Die Plattform DTM hat sich im vergangenen Jahr sehr gut entwickelt. Die Zuschauerzahlen vor Ort sind sehr, sehr gut gewesen - deutliches Plus. Im Fernsehen stabilisiert, wobei man sagen muss, dass hier andere Motorsport-Formate einen relativen Rückgang verzeichnet haben. Die DTM hat sich nicht gleich weiterentwickelt wie die Zuschauer vor Ort, ist aber was das Fernsehen betrifft auch nicht zurückgegangen, sondern eher eine Stagnation. Da ist sicherlich der Anspruch, den wir alle haben, dass wir das gemeinsam mit unserem Partner 'ARD' nach oben biegen und den gleichen Trend wie bei den Zuschauerzahlen vor Ort erreichen."

"Internationalisierung haben sie angesprochen. Ich glaube, dass die ITR (DTM-Dachverband, Anm. d. Red.) zusammen mit den Herstellern den richtigen Weg eingeschlagen hat. Man hat wirklich ein tolles Technisches Tourenwagen-Reglement geschaffen. Das hat in der ersten Saison aus dem Stand dazu geführt, das wirklich vom ersten Rennen an ganz tolle und enge, interessante und spektakuläre Rennveranstaltungen stattgefunden haben. Die Autos sind supersicher (Er klopft auf Holz, Anm. d. Red.). Wir haben zum Glück im vergangenen Jahr keinen schlimmen Unfall gesehen - aber trotzdem ist es ein extrem sicheres Auto."

"Die Autos haben - auch wenn wir am Anfang etwas Lehrgeld zahlen mussten, was die Zweikampf-Qualität angeht - gezeigt, dass es Tourenwagen sind. Es ist nicht wie bei den Formelautos: Kaum hat man sich berührt, muss man das Ding schon parken. Da ist auch Packendes drin gewesen und da hat auch Lackaustausch stattgefunden. Das muss fair bleiben, das war es teilweise nicht ganz. Auch am Anfang der Saison, was unsere Autos betroffen hat. Aber das haben wir auch alles gut in den Griff bekommen."

Rushhour in der Startaufstellung - Kosten als Hindernis

"Auf der Basis eine Verbreitung anzugehen, das ist ein sehr guter und richtiger Weg. Das ist zum einen die Möglichkeit, das nicht zu jedem Preis zu machen, sondern überschaubar. Wenn Reglements verbreitet werden, kann ich immer noch entscheiden: hier mit einem Auto oder hier mit zwei- Wenn es für mich vom Markt und von allem her passt- Auf der andere Seite entwickelt Japan Autos - die werden irgendwann ein Rollout haben. Dann gibt es Hersteller, die Autos haben, die auch ins DTM Reglement passen."

Frage: "Ein Hersteller oder mehrere Hersteller? Irgendwann kommt man ja auch an Grenzen?"
Frage: "Man muss natürlich sehen, wie es mit den Strecken ist. Bis zu 30 Autos, können da, glaube ich, gut unterwegs sein. Man muss sich dann anschauen, ob man am Sportlichen Reglement Anpassungen vornehmen muss. Es kann natürlich sein, dass dann die eine oder andere Strecke nicht mehr funktioniert. Aber ein gut gefülltes, stabiles und gesundes DTM-Feld, dem steht nichts im Wege."

Frage: "Wo sehen Sie die Grenzen für die Basis-DTM?"
Marquardt: "Ganz wichtig ist, dass es nicht zu jeglichen Kosten stattfinden kann. Wir haben neue Leute an Bord geholt aus den unterschiedlichsten Bereichen, sogar ein paar Leute aus der Formel 1. Was macht die DTM für jemanden, der aktuell in der Formel 1 arbeitet, attraktiv? Die DTM macht attraktiv, dass sie eine Serie auf einem wirklich superhohen technischen Niveau ist, die aber einen überschaubaren Rennkalender hat und die mit Moskau jetzt ein etwas weiter entferntes Rennen hat. Aber sie ermöglicht mir als Menschen auch ein Privatleben."

Den Fans ihren Schlafrhythmus gönnen

"Wenn ich in der Formel 1 unterwegs bin und ich habe 20 Rennen, davon sind die meisten außerhalb Europas über den gesamten Globus verteilt. Jeder weiß wie viel Zeit die Leute an Flughäfen und in Flugzeugen verbringen, da ist nicht mehr viel Zeit für ein Leben abseits. Dann wird noch getestet und entwickelt. Da sieht man eben auch dran, dass die DTM einiges richtig macht. Da muss man die Balance finden zwischen 'wie erweitern wir das Spektrum moderat?' - kann der Rennkalender auch zwölf Rennen vertragen und wo platziere ich die dann, sodass ich aber nicht in eine Situation komme, dass diese Attraktivität für Leute verloren geht."

"Auch der Zuschauer muss dem Ganzen folgen können. Wer steht nachts um drei Uhr auf, um ein Rennen, das am anderen Ende der Welt stattfindet, zu sehen? Oder auf der anderen Seite, wer schaut nachts um zwölf Uhr noch? Das muss man alles in Einklang bringen und ich glaube, da ist die DTM auf einem guten Weg. Das muss auch alles in einem Kostenrahmen stattfinden: Es macht einfach einen Unterschied, ob ich mit fünf Lkw an eine Rennstrecke hier in Europa fahre oder ob ich alles einpacke und dann mit dem Zeug nach Südamerika fliege"

Frage: "Hat sich die DTM für BMW schon refinanziert?"
Marquardt: "Ich würde nicht den Ansatz so wählen, sondern sagen: Was holt BMW für sich und die Marke raus? Wir produzieren und entwickeln Premium-Fahrzeuge. 'Drive like Bruno' hat ganz toll gezeigt, wie man eben, das was die Marke macht in einem Bereich über die Bank, über die Finanzierung in einen Bezug zu unserem Engagement im Motorsport ziehen kann und eben auch die Plattform DTM für Markenbotschaften, Markenwerbung oder auch Markenprogramme zu positionieren. Ich erreiche damit die Leute und den Kunden, um den es geht."

Mindestens sechs Fahrer auf Rennsiege programmiert

Frage: "Gibt es Fahrer, für die die Saison 2013 das Jahr der Wahrheit wird?"
Marquardt: "Alle acht! Das muss man ganz klar so sehen. Alle acht sollen gewinnen, wollen gewinnen, ich erwarte es auch von ihnen. Klar kann am Schluss nur einer gewinnen. Ich würde nicht sagen, das ist irgendwo das 'make or break'-Jahr, sondern ich glaube wirklich, dass alle den Anspruch haben, Topleistungen zu bringen. Sowohl die Fahrer, als auch das Auto und die Team haben im vergangenen Jahr bewiesen, dass es absolut im Bereich des Möglichen ist. Wir haben tolle Entwicklungen gesehen."

"Dirk Werner hat, nachdem das erste Qualifying auf dem Hockenheimring für ihn sehr, sehr gut lief, danach so einen kleinen Einbruch gehabt. Aber hat sich zusammen mit einem Team super entwickelt und ich denke Dirk, auch wenn er zum zweiten Mal Vater geworden ist und im Winter die Gedanken auch da hatte, jetzt wieder den Fokus auf der Rennsaison haben. Er ist hungrig, will auf dem Podium stehen und will Meister werden. Bruno und Martin haben diesen Anspruch natürlich auch. Augusto weiß wie der Champagner nach einer DTM-Sieg schmeckt."

"Joey (Hand, Anm. d. Red.) kennt das aus der American Le-Mans-Series und Andy (Priaulx, Anm. d. Red.) aus der Tourenwagen-Weltmeisterschaft. Die wollen und müssen auch alle den Anspruch haben. Marco Wittmann hat sich wirklich über eine tolle Test- und Entwicklungsarbeit einen Platz verdient. Der will natürlich zeigen, was er im Rennen kann. Über Timo haben wir schon gesprochen. Ich finde unseren Fahrerkader extrem gut, toll ausgeglichen, toll verteilt. Die kommen auch alle gut miteinander aus. Wir haben ein gutes Paket beisammen, um diese große Herausforderung, 2013 drei Titel gegen Audi und Mercedes zu verteidigen, anzugehen."

Fotoquelle: BMW



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