Kein Grund, sich einzubuddeln: Timo Scheider geht frohen Mutes in die Saison

DTM 2013

— 28.04.2013

Scheider: Dinosaurier ohne Schoko-Exzess

Der Audi-Star fühlt sich bei so viel DTM-Jugend manchmal alt, will 2013 aber wieder so auftreten, wie ihn seine Fans kennen: "Dachte über radikalen Einschnitt nach"

Pleiten, Pech und Pannen: Diese drei Worte beschreiben keine Saison so treffend wie das Jahr, das Timo Scheider 2012 erlebte. Ein rätselhaft langsamer A5 DTM und eigene Fehler brachten den Lahnsteiner beinahe zur Verzweiflung. Doch Scheider wäre nicht Scheider, hätte er sich nicht durchgebissen, aller Frustration getrotzt und sich für eine neue Herausforderung in Position gebracht. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' erklärt der 34-Jährige, warum er sich wie ein DTM-Urgestein vorkommt.

Frage: "Timo, du hast das vergangene Jahr eine 'Katastrophensaison' genannt. Wie bist du damit umgegangen? Zehn Tafeln Schokolade am Tag?"
Timo Scheider: "Das hätte ich mit Sicherheit am liebsten gemacht, aber ich war mir natürlich darüber bewusst, dass das keine Lösung für das Problem ist. Wir haben natürlich versucht - teamintern genau wie ich zu Hause - irgendwelche Lösungen zu finden und herauszubekommen, an was es tatsächlich liegt. Es war schwierig und eine Saison, in der ich an manchen Punkten gesagt habe: 'Ihr könnt mich jetzt mal gern haben, ich bleibe jetzt zu Hause auf dem Sofa sitzen.' Aber das hat es am Ende ausgemacht: Dass ich nicht aufgegeben habe und das Team nicht aufgegeben hat."

"Wir haben dann für Zandvoort etwas Technisches gefunden, woran es zum großen Teil gelegen hat. Und prompt stand ich wieder auf der Pole-Position und die Performance war da. Mein einziger Vergleichspunkt waren meine Teamkollegen. Da war ich immer fünf bis sieben Zehntelsekunden hinten dran und irgendwann verzweifelst du. Du kritisierst dich selbst, was natürlich klar ist. Aber du probierst auch zu hinterfragen, wieso das Gefühl nicht da ist. Da ist es immer schwierig im Motorsport, eine klare Aussage zu finden."

Tapetenwechsel war eine Option

"Ich bin einfach froh, dass wir das Erkennen des Problems noch in der vergangenen Saison geschafft haben. Wäre der ganze Winter so gewesen mit diesem Fragezeichen über uns, hätte ich mich wahrscheinlich irgendwo im Skigebiet eingebuddelt und gehofft, dass es nie wieder hell wird. Aber nichtsdestotrotz bin ich super optimistisch. Was ich momentan als Referenz habe, ist der Vergleich zu meinen Teamkollegen. Wir wollen wieder Rennen gewinnen. Als zweifacher Gesamtsieger muss das mein Ziel sein und es wäre schön, vielleicht der einzige Fahrer zu sein, der drei Titel sein Eigen nennt."

Frage: "Gab es im Winter einen weiteren so wichtigen Schritt wie den vor Zandvoort?"
Scheider: "Im Rahmen des Reglement können wir ja nur kleine Schritte machen. Es gab keine Monsterentwicklungen, wir konnten kein neues Auto bauen. Aber wir haben die Nuancen und die Kleinigkeiten versucht, besser zusammenzubringen und zu verstehen, welche Punkte nicht zu 100 Prozent zusammenpassen. Es wird sich am 5. Mai zeigen, ob wir das richtig gemacht haben. Klar gibt es in der Theorie Ergebnisse, aber die Praxis ist auf der Rennstrecke. Und das wird lustig."

Frage: "Es gab Wechselgerüchte, du wurdest mit Mercedes in Verbindung gebracht. Hast du nach den Misserfolgen wirklich über einen radikalen Einschnitt nachgedacht?"
Scheider: "Klar ist auch das ein Thema gewesen, womit man sich persönlich beschäftigt. Vielleicht braucht es einfach mal eine Veränderung. Vielleicht ist etwas eingefahren. Aber ganz im Ernst: Ich habe mich mit der Situation nicht so auseinandergesetzt wie die Medienwelt. Ich habe im Miami-Urlaub entschieden, das Thema von meiner Seite aus aktiv zu beenden (per Facebook-Nachricht und Bekennen zu Audi, Anm. d. Red.)."

Haifische dürfen an Land gezogen werden

"Ich habe gesagt: 'Leute, es ist Schluss und Feierabend. Ich habe einen bestehenden Vertrag mit Audi.' Audi war immer mein Wunschpartner, seitdem ich 2006 zur Marke gekommen bin. Ich bin unheimlich dankbar für die Situation, die ich habe. Klar ist es im Leben immer so: Wenn etwas nicht läuft, ist man schnell dabei, etwas anders zu machen. Wegrennen ist manchmal am einfachsten. Ich mag grundsätzlich Herausforderungen, ich mag eigentlich auch Druck. Ich hoffe, dass ich noch viele Jahre bei Audi bleiben kann. Wir haben eine spannende Zukunft vor uns."

Frage: "Seit dem Einstieg BMWs gibt es mehr Dynamik auf dem Fahrermarkt. Wertet das die Piloten auf?"
Scheider: "Natürlich, da bin ich ganz froh. Die Hersteller finden es natürlich nicht so richtig prickelnd, dass man um die eigenen Fahrer ein bisschen kämpfen muss. Auf der anderen Seite muss ich sagen, ist es für uns Piloten toll. Plötzlich geht die Wertigkeit der Fahrer hoch, es gibt ein Karussell, dass sich ab der Mitte oder zwei Dritteln der Saison zu drehen beginnt. In der Formel 1 ist das Standard, dass man ab dem vierten, fünften oder sechsten Rennen darüber redet, was einer im nächsten Jahr macht. In der DTM war klar: Du fischst nicht in meinem Haifischbecken, ich nicht in deinem. Mittlerweile ist es doch anders geworden."

Frage: "Du bist mit 127 Rennen der Pilot der Saison 2013. Jetzt kommt mit Pascal Wehrlein ein 18-Jähriger in die DTM. Kommst du dir alt vor?"
Scheider: (lacht) "Ja, das komme ich mir wirklich! Ich beginne jetzt in meine 13. Saison, da bin ich fast schon ein Urgestein. Das Schöne ist, dass die Jahre im Motorsport so schnell vorbeigehen. Du sagst zu Beginn der Saison: 'Das und das machen wir besser, das und das anders.' Und zack ist das Jahr vorbei und du denkst: 'Das und das wollte ich doch anders gemacht haben.'"

Säbelrasseln gehört zum Geschäft

"So ist es nicht ganz so schwierig, das ganze Thema zu verarbeiten. Ich fühle mich noch wohl, habe noch Spaß. Solange das so ist, kann ich hoffentlich wieder so erfolgreich sein, wie ich mir das vorstelle. Es ist so, dass ich das noch gerne lange bleiben würde."

Frage: "Deine Karriere lief nicht immer wie am Schnürchen. Profitierst du heute davon, dass du dich durchbeißen musstest?"
Scheider: "Der Grund, dass ich heute noch in der DTM bin, ist, dass ich in Zeiten, in denen es mir nicht so gut ging, trotzdem gekämpft habe. Es war der Grund, warum mich Audi und Mercedes auf der Liste hatten, als ich 2005 bei Opel ausgeschieden bin. Dr. Wolfgang Ullrich und Norbert Haug waren die Jungs, die gesagt haben: 'Du gehörst in die DTM.' Nach meiner Opel-Zeit hatte ich noch immer eine offene Rechnung und wollte zeigen, dass ich in diesem Auto etwas kann. Ich glaube, ich habe es bewiesen."

Frage: "Alle Fahrer sagen vor der Saison, sie seien hungriger denn je."
Scheider: "Das gehört zur PR-Arbeit."

Green als Motivationshilfe, nicht als Konkurrent

Frage: "Machst du also auch PR-Arbeit? Oder bist du hungrig wie immer?"
Scheider: "Anders. Weil 2012 so ein Katastrophenjahr war, will ich den Beweis antreten, dass das eine Eintagsfliege war. Ziel ist es, zu gewinnen. Ich bin erfahren, vielleicht ein bisschen älter als viele andere, aber trotzdem weiß ich noch, wie das Autofahren funktioniert. Das will ich persönlich beweisen und meinen Fans zeigen, dass sie zu Recht noch meine Fans sind. Das ist eine andere Aufgabe, als ich sie in den Jahren zuvor hatte."

"Da hast du immer nur davon geredet, dass du noch motivierter und noch toller bist. Ich könnte eine Liste aufzählen, was bei mir noch schöner und noch besser ist. Aber darüber will ich gar nicht sprechen. Mein Ziel muss es sein, mich wieder so zu etablieren und darzustellen, wie Timo Scheider auch gesehen wird."

Frage: "Ist ein neuer, starker Markenkollege wie Jamie Green da eine zusätzliche Motivation? Willst du ihm zeigen, wo der Hammer hängt?"
Scheider: "Ich glaube, dass die Teamkollegen mit dem gleichen Material immer eine Referenz sind. Es ist egal, wer die Namen sind, wer wie heißt. Man muss alle schlagen. Unter dem Strich nehme ich starke Fahrer in den eigenen Reihen als Motivationshilfe, nicht als Konkurrenz. Daher freue ich mich auf die Aufgabe, Jamie passt in die Reihen und wir haben schon einige gute Testtage zusammen gehabt."

Fotoquelle: Audi

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