Manuel Reuter hält es in der Kommentatoren-Kabine nicht auf dem Sitz

DTM 2013

— 28.04.2013

Reuters großer Ausblick: "Glaube, dass Timo Glock es schafft"

Der Ex-DTM-Champion und heutige TV-Experte blickt im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' auf die Saison 2013 voraus, wagt aber keinen Meistertipp

Würde Manuel Reuter mit seinem schwarzen Opel Calibra im Cliff-Design, mit dem er 1996 den DTM-Titel holte, heute in der Serie antreten - Hopfen und Malz wären verloren. Die Technikidee DRS brachten die Rüsselsheimer jedoch schon damals. Nicht nur deshalb begrüßt der 51-jährige Mainzer, der heute in Österreich zu Hause ist, die Innovationen, die 2013 das Überholen erleichtern sollen. Im exklusiven Interview mit 'Motorsport-Total.com' schätzt Reuter die Chancen von Audi, BMW und Mercedes ein.

Frage: "Manuel, wie gespannt bist du auf die neue DTM-Saison?"
Manuel Reuter: "Sehr gespannt. Es wird viele Neuerungen geben und es wird die zweite Saison mit den drei Herstellern sein. Es haben sich auch einige Veränderungen über den Winter ergeben und angesichts dessen, was wir im vergangenen Jahr gesehen haben, können wir uns auf eine noch spannendere und noch ausgeglichenere Saison freuen."

Frage: "Hat sich durch die Weiterentwicklung vielleicht eine klare Hackordnung eingestellt?"
Reuter: "Ich gehe davon aus, dass das grundsätzliche Kräfteverhältnis sich nicht geändert hat, da sich ja die Rahmenbedingungen sich nicht groß verändert haben. Die Basis der Technik ist eingefroren, es durfte nur in ganz kleinen, sehr definierten Bereichen weiterentwickelt werden. Das ist richtig, wenn ich an die Kostenreduzierung denke. BMW und Mercedes haben es vielleicht etwas einfacher als Audi."

Audi als Nachzügler

"Audi ist - wenn wir die vergangene Saison betrachten - schon ein bisschen hinterhergehinkt. Sie haben einen größeren Bedarf gehabt, weiterzuentwickeln, ihr Auto zu verstehen und es auf den Punkt zu bringen. Das ist unter diesen Voraussetzungen des Reglements nicht ganz so einfach. In der Formel 1 kannst du ein neues Auto bauen, das ist hier absolut nicht der Fall. Trotzdem gehe ich davon aus und hoffe, dass Audi diesen kleinen Rückstand, den es noch gab, aufgeholt hat."

Frage: "2011 und 2012 hatte Audi am Saisonanfang Probleme. Droht das wieder?"
Reuter: "Man kann diese beiden Jahre nicht miteinander vergleichen, das waren in der vergangenen Saison ganz andere Voraussetzungen. Das Reglement hat sich grundlegend geändert. Audi hat ein Auto, das wenn sie es auf den Punkt hinbekommen, für einen Fünffacherfolg gut ist. Aber genauso können sie eine Woche später im Nirgendwo sein, so wie wir das im vergangenen Jahr erlebt haben. Dann fahren sie vielleicht noch in einem Freien Training eine Bestzeit."

Green in Ingolstadt: eine Win-Win-Situation

"Und wenn es dann in der Qualifikation um den Startplatz geht, funktioniert das Auto wieder nicht so gut. Das hat damit zu tun, dass das Arbeitsfenster zu schmal ist und der Wagen empfindlich auf Veränderungen der äußeren Bedingungen reagiert - wie zum Beispiel Temperatur und Streckenverhältnisse. Hoffentlich haben sie im Winter versucht, das Arbeitsfenster zu vergrößern. Sie müssen bei unterschiedlichen Bedingungen breiter aufgestellt und dadurch konstanter sein. "

Frage: "Audi hat seinen Kader mit Jamie Green verstärkt. Wie wichtig ist für einen Fahrer ein Tapetenwechsel?"
Reuter: "Das kann auf jeden Fall weiterhelfen. Für Jamie, der in der Mercedes-Familie aufgewachsen und mit der Marke in die DTM gekommen ist, ist es ein ganz neuer Schritt. Er ist in höchstem Maße motiviert, freut sich auf seine Aufgabe und ist der festen Überzeugung, ein Wörtchen um den Meistertitel mitsprechen zu können, sofern der Audi dazu in der Lage ist."

"Jamie hat viel trainiert und ein ganz anderes Umfeld um sich. Audi und Mercedes, das ist eine ganz andere Struktur. Es war auch ein cleverer Schachzug von Audi, jemanden zu holen, der ein Auto hatte, dass die ganze Saison über gut ging. So können sie hören, was der Fahrer über die Unterschiede sagt."

Mücke-Team nicht mehr Mercedes' Stiefkind

Frage: "Timo Scheider tritt seit zwei Jahren auf der Stelle."
Reuter: "Mit ihm ist auf jeden Fall wieder zu rechnen. Sowieso ist der gesamte Audi-Kader in der Gesamtbreite extrem stark aufgestellt. Da gehört natürlich Timo dazu als zweimaliger Champion. In der abgelaufenen Saison hatte er das Problem, dass wenn der Audi an einem Wochenende mal gut funktionierte, er es aus unterschiedlichen Gründen nicht auf den Punkt gebracht hat. Wenn bei ihm persönlich alles stimmte, dann lief es mit dem Auto wieder nicht. Aber Timo hat schon viele Höhen und Tiefen durchlebt. Er kann damit sehr gut umgehen und ist eine wichtige Stütze für Audi."

Frage: "Mercedes hat sein Aufgebot auf sechs Autos zurückgeschraubt. War das der richtige Schritt?"
Reuter: "Bei Mercedes hat sich sehr viel über den Winter getan. Es sind nicht nur die sechs Autos. Norbert Haug ist nicht mehr Sportchef, sondern Toto Wolff. Mercedes hat sich da komplett neu aufgestellt, hat damit einhergehend seine Struktur im Motorsport geändert. Dass Wolfgang Schattling an den Wochenenden da ist, wenn Toto Wolff unterwegs ist, bedeutet eine sehr, sehr gute Doppelspitze."

"Die Reduktion von acht auf sechs Einsatzfahrzeuge ist für Mercedes kein Nachteil, da die zwei Nicht-HWA-Autos nun die gleiche Unterstützung erhalten wie die HWA-Fahrzeuge selbst. Bisher war es immer so, dass der Fokus auf den vier HWA-Autos lag, die anderen waren eben schönes Beiwerk. Sie haben nie die Informationen gehabt, waren nie auf dem Stand der Topautos. Das hat sich wohl geändert und Mercedes ist in der Breite stärker geworden, obwohl sie zwei Autos weniger haben - was natürlich erstmal widersprüchlich klingt."

"Jetzt können wir alle bügeln!"

"Jetzt ziehen alle an einem Strang, alle teilen sich die Daten. Man hat im vergangenen Jahr gesehen: Hätte Gary Paffett mannschaftlich Unterstützung gehabt, hätten die anderen Mercedes-Fahrer den Konkurrenten Punkte weggenommen, dann wären sie vielleicht noch Meister geworden. Aber das ist natürlich alles rein hypothetisch. Trotzdem hat man gesehen: Du musst in der DTM breit aufgestellt sein. Da, wo dein Auto geht, musst du an den Wochenenden dann auch zuschlagen."

Frage: "Was wurde in der Vergangenheit bei den Kundenteams falsch gemacht und was wird jetzt bei Mercedes im Fall Mücke besser gemacht?"
Reuter: "In der Vergangenheit war es so, dass sie das Auto bekommen haben und damit leben mussten. Aber es gibt diese kleinen, feinen Verbesserungen. Es gibt Erfahrungswerte und Simulationen. Diese müssen den Teams zugänglich sein, sie müssen immer auf dem Laufenden sein und wissen, was Sache ist. Somit ist natürlich auch für die ganze Mannschaft die Motivation viel größer: 'Wenn wir einen guten Job machen, können wir sie alle bügeln.'"

Frage: "Pascal Wehrlein ist mit 18 Jahren der jüngste DTM-Pilot. Kommt der Einstieg zu früh? Bei Johannes Seidlitz ging es gründlich daneben."
Reuter: "Ich glaube nicht, dass ein Johannes Seidlitz über das Talent verfügt, das ein Pascal Wehrlein hat. Der ist ein sehr begabter junger Mann, der dieses Jahr komplett Formel 3 gefahren wäre, hätte es die Personalrochade mit Ralf Schumacher nicht gegeben. In Monza hatte er sogar einen hervorragenden Einstieg in die Saison und ist dreimal auf das Podium gefahren."

Glücksgriff Jens Marquardt

"Das zeigt nur, wie gut er ist. Wenn du ein Großer werden willst, musst du es auch mit 18 Jahren in der DTM schaffen. Ihm kann unter dem Strich nichts Besseres passieren, als gegen die Topleute zu fahren. In seinem Innersten wird er sich sagen: 'Ich werde den alten Männern mal zeigen, was ich kann.' Der brennt mit Sicherheit und wartet nur auf die Chance, zuzuschlagen. Wenn er so gut ist, wie wir alle glauben, dann wird er sich durchsetzen."

Frage: "Für BMW hat sich die Ausgangslage geändert, sie sind jetzt Titelverteidiger. Ist diese Situation schwieriger?"
Reuter: "Der Einstand für BMW war rückblickend sensationell. Niemand hatte geglaubt, dass sie alle drei Titel holen. Aber sie hatten schon immer eine sehr gute Basis und eine gute Motorsport-Struktur. Dann kam der Wechsel mit Jens Marquardt (der Mario Theissen ersetzte, Anm. d. Red.) und man wusste nicht so recht, wohin die Reise geht. Rückblickend muss man sagen: Die Personalie war goldrichtig. Er hat mittlerweile etwas geschaffen, was Maßstäbe in der DTM setzt."

"Auch, wie sie sich jetzt nochmal verstärkt haben: Wenn ich da nur an Chris Dyer (Ex-Ferrari-Chefingenieur, Anm. d. Red.), Timo Glock oder das neue Team MTEK denke. Sie sind diejenigen, die es zu schlagen gilt. Aber wenn du so eine Saison hattest, kannst du auch ganz schnell nur verlieren. Das weiß man bei BMW, auch Jens Marquardt weiß das genau. Motorsport ist nicht nur gewinnen, das ist auch Emotion. ."

Glock zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Frage: "Läutet Timo Glock eine neue Ära der Ex-Formel-1-Fahrer in der DTM ein? Kommen jetzt die, die noch voll im Saft stehen und siegen wollen?"
Reuter: "Mit Sicherheit ist es bei Timo eine andere Voraussetzung als es bei Ralf Schumacher war. Timo hatte in der Formel 1 nie den Erfolg, den er gerne gehabt hätte. Ihm fehlte dafür das entsprechende Auto. Er kommt mit viel Vorschusslorbeeren in die DTM und war bei den Tests sehr schnell. Man muss unterscheiden zwischen der Erwartungshaltung draußen und intern. Ich glaube, die Fans wollen jetzt einen großen Namen, der vorne fährt. Das ist auch sein eigener Anspruch."

"Er hat aber auch gesehen, dass die Trauben sehr hoch hängen und in den vergangenen Jahren etwas komplett anderes gemacht. Es ist nicht so einfach, wie man weitläufig meint, seinen Fahrstil umzustellen. Die Reflexe und die Abläufe sind auf etwas anderes gepolt. Das limitierte Testen und das eingeschränkte Wochenende machen es schwieriger. Ich glaube aber, dass Timo es schafft. Er hat ein erstklassiges Auto und eine Messlatte im Team. Aber es ist eben auch etwas anderes, wenn du sieben Teamkollegen hast, die alle das gleiche Material haben, die alle auf Augenhöhe sind und die alle die Technik beeinflussen."

Frage: "Mit DRS und dem Option-Reifen kommen zwei wichtige Neuerungen. Bist du als Rennfahrer der alten Schule ein Freund dieser Überholhilfen?"
Reuter: "Da hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. DRS sind wir mehr oder weniger schon in den neunziger Jahren gefahren, da konnten wir auch den Flügel klappen. Nur war das damals kein DRS, sondern hatte einen anderen Hintergrund. Wenn man sich die vergangenen zehn Jahre im Motorsport anschaut, haben die Professionalität und die Leistungsdichte extrem zugenommen. Es gibt viele Einheitsteile, die Hersteller wissen alle, wie man ein Rennauto baut. Die Themen Simulation, Windkanal und so weiter - das sind alles keine Geheimnisse mehr."

DRS und Option-Reifen als Kompliment an die Piloten

"Das bedeutet, die Autos sind heute mehr oder weniger auf einem Level. Und natürlich auch die Fahrer. Das sind die Top 20, die es in Europa gibt. Die machen kaum Fehler. Das heißt unter Strich: Autos auf dem gleichen Niveau und Piloten, die kaum noch patzen. Wenn ich dann zwei Tausendstelsekunden schneller bin, wie soll ich dann überholen können? Also brauche ich eine Hilfe und die sind zum Beispiel unterschiedliche Reifenmischungen. Oder eben, dass ich mit umgeklapptem Flügel auf der Geraden zwischen fünf und acht km/h schneller fahren kann - auch wenn der Effekt nicht so groß sein wird wie in der Formel 1. Aufgrund dieser Leistungsdichte muss man zu anderen Mittel greifen, um den Sport attraktiv und spannend zu halten."

Frage: "Die bessere Kartbahn in Brands Hatch ist vielen Fans und Beobachtern ein Dorn im Auge. Ist es auch Zeit für neue Strecken?"
Reuter: "Es ist Zeit für neue Strecken, das sehen wir an Moskau. Es sollte aber auch Ziel sein, zu versuchen, mehr in die Städte zu gehen. Dass wir da noch einen Kurs dazubekommen oder etwas Neues kreieren. Es ist nicht entscheidend, ob wir jetzt in Brands Hatch oder in Donington fahren. So ein Stadtkurs, wie es sie früher gab, zum Beispiel Singen, würde der DTM guttun."

Frage: "Moskau hat doch weniger einen sportlichen Hintergrund als einen wirtschaftlichen."
Reuter: "Sowohl als auch. Nur ist es in letzter Konsequenz nicht so einfach, zu sagen, wir gehen da oder dort hin. Wir müssen überlegen, was die Alternativen sind. Ist es unter Strich wirklich besser, in Donington oder in Silverstone zu fahren?"

Verpasste Chance Tempelhof

Frage: "Man könnte ein paar Pylonen wegstellen und über den Grand-Prix-Kurs fahren."
Reuter: "Da ist mit einem DTM-Auto zu wenig Platz. Wenn ich da fliegen gehe, dann habe ich einen richtig schweren Unfall. Wie schon eben gesagt, wir sollten versuchen, etwas Neues zu kreieren."

Frage: "Du denkst also an etwas wie das gescheiterte Rennen in Berlin-Tempelhof?"
Reuter: "Ja, genau."

Frage: "Fieberst du am Mikrofon noch richtig mit oder hast du eine professionelle Distanz entwickelt?"
Reuter: "Ich muss mich immer zurücknehmen, dass ich da nicht zu viele Geräusche von mir gebe und zu enthusiastisch werde. So, wie ich mir das Rennen vom Sofa zu Hause anschauen würde."

Frage: "Zum Schluss die Gretchenfrage: Wer wird Meister?"
Reuter: "Ich gehe davon aus, dass es die üblichen Verdächtigen sein werden. Aber einen Tipp abzugeben ist unmöglich. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass bei dem, was bis Hockenheim war, ein Audi-Fahrer kein Titelgewinner sein wird?! Ich glaube eher, dass er aus dem Mercedes- oder BMW-Lager kommt. Aber im vergangenen Jahr hat uns BMW auch überrascht und vielleicht hat Audi ja beim letzten Test in Hockenheim die entscheidenden Zehntelsekunden gefunden. Wir müssen zwei Rennen abwarten, um das klare Kräfteverhältnis zu sehen und zu erkennen, wie DRS und Option-Reifen das Bild verändern. Keiner von den Fahrern weiß genau, was auf ihn zukommt."

Fotoquelle: xpbimages.com

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