Hat in der DTM seinen Spaß und eine Menge Erfolg: Christian Vietoris

DTM 2013

— 29.08.2013

Teamorder pro Vietoris? "Nicht abwegig"

Erst belächelt, dann beneidet: Ex-GP2-Kollegen hätten dem Mercedes-Youngster den Schritt in die DTM gerne nachgemacht: Jetzt ist er die Nummer eins in Stuttgart

Wenn ein Mercedes-Fahrer am Saisonanfang zu den Titelfavoriten in der DTM zählte, dann sicher Routinier und Ex-Champion Gary Paffett. Drei Rennen vor Schluss ist ein anderer Pilot die Nummer eins der Stuttgarter: Christian Vietoris. Im Exklusiv-Interview mit 'Motorsport-Total.com' berichtet der 24-jährige Gönnersdorfer, was ihn in seinem dritten Tourenwagen-Jahr stark macht, ob er sich die Hilfe seiner Teamkollegen erwartet und warum er seine Formel-1-Ambitionen zu den Akten gelegt hat.

Frage: "Christian, es sind noch drei Rennen zu fahren und du bist Zweiter in der Meisterschaft. Greifst du noch nach dem Titel?"
Christian Vietoris: "Keine einfache Frage. Der Rückstand, den wir haben, ist beträchtlich, aber noch aufzuholen. Wir haben im Laufe der Saison mit Sicherheit den einen oder anderen Punkt liegen lassen, aber unter dem Strich auch viele gesammelt. Wenn wir so weiterfahren und ein bisschen Glück haben - können wir sehr schnell wieder dran sein. Aufgeben ist keine Option! Wie auch immer es ausgeht, es ist eine positive Saison.

Frage: "Erwartest du, dass deine Markenkollegen jetzt für dich fahren? Ähnlich, wie es bei Audi in Moskau der Fall gewesen ist?"
Vietoris: "Die DTM ist letztendlich auch ein Mannschaftssport und dieser ist geprägt davon, dass man als Team unterwegs ist. Wir Piloten fahren ja nicht nur für uns selbst, sondern stehen im Dienst unserer Marke, Mercedes. Daher ist es nicht abwegig, wenn es um die Meisterschaft geht, eine gewisse Koordination zu besprechen. Es wäre unklug, nicht alle sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen, wenn man die Chance hat am Ende der Saison ganz vorne zu stehen. Natürlich immer nur im Rahmen des Erlaubten."

Vietoris und seine Ingenieure: ein starkes Team

Frage: "Du bist erstmals in der Situation, um die Meisterschaft zu kämpfen. Spürst du mehr Druck? Am Nürburgring ist dir im Qualifying ein Fehler unterlaufen."
Vietoris: "Ich schaue von Rennen zu Rennen - das ist nicht nur ein Spruch. Wenn ich in mein Auto steige, möchte natürlich gewinnen, deshalb bin ich Motorsportler geworden. Dass dies nicht immer gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Ich wollte unter die Top 5. Dass es deutlich besser läuft, verdanke ich auch ein Stück weit meinem gesamten Team, die einen hervorragenden Job machen und natürlich auch Mercedes. Im dritten Jahr in der DTM kommt selbstverständlich auch ein deutliches Mehr an Erfahrung dazu. Das Paket stimmt."

"Der 'Fehler' im Qualifying am Nürburgring war nicht dem Druck, sondern meiner zu hohen persönlichen Erwartungshaltung geschuldet. Ich wollte noch schneller sein, als ich in Q2 gewesen bin. Es ist wie beim Golfen - willst du den Ball 10 Meter weiterschlagen als möglich, verkrampfen die Muskeln und der Schwung wird unrhythmisch. Genau dieser Rhythmus fehlt mir momentan noch für das Q3. Es gibt also weitere Stellschrauben um spätestens im nächsten Jahr noch stärker zu sein."

Frage: "Was ist mit deinem Team? Auch auf den Jungs lastet mittlerweile eine Menge Druck."
Vietoris: "Mit Sicherheit. Die Jungs machen aber auch unter diesem Druck einen Wahnsinnsjob, speziell mein Renningenieur Fabien Jung und mein Dateningenieur Markus Overhage. Wir haben uns vom ersten Tag an mehr oder weniger blind verstanden. Das gesamte Team, das ich um mich herum habe inklusive meiner Mechaniker Sergej Dorn, Nader el Bayari und Michael Heberle helfen mir, so erfolgreich zu sein. Das spiegelt die Teamwertung wieder. Ein Team wächst von Rennen zu Rennen und von Saison zu Saison. Dementsprechend freue ich mich schon jetzt auf die Zukunft, unabhängig davon, was bis Ende des Jahres passieren wird."

Mentaltrainer drückt die Knöpchen

Frage: "Du greifst auf die Hilfe des Mentaltrainers Enzo Mucci zurück, mit dem du schon zu GP2-Zeiten gearbeitet hast. Inwiefern hat dir das weitergeholfen?"
Vietoris: "Sehr. Er kennt mich in- und auswendig. Enzo weiß, welche Knöpfe er bei mir drücken muss. Vielleicht hilft das nicht unbedingt, um sofort schneller zu sein. Dafür, um die Anspannung von meinen Schultern zu nehmen. Die Schritte, die ich eingeleitet habe, waren die richtigen. Das wird mir helfen, in Zukunft noch besser zu werden."

Frage: "Vor der Saison wurde viel über Mercedes' Schritt hin zu sechs Autos diskutiert. Hat sich das wirklich so stark ausgewirkt, wie es teilweise vermutet wurde?"
Vietoris: "Natürlich kann ich irgendwo nachvollziehen, dass das ein Gesprächsthema war. Wir waren mit Abstand das unerfahrenste Team. Aber wir haben uns alle zusammengesetzt und gesagt, dass wir erfolgreich sein können. Auch unsere Rookies Daniel und Pascal (Juncadella und Wehrlein, Anm. d. Red.) sind pfeilschnell. Da haben wir den richtigen Schritt gemacht, davon bin ich überzeugt. Mit mehr Erfahrung wird man in der DTM von Jahr zu Jahr schneller. Das gilt auch für mich."

Frage: "Es ist im Gespräch, dass Mercedes wieder acht Autos einsetzt. Könnte die Marke davon profitieren?"
Vietoris: "Ich weiß auch nur aus der Presse davon und habe keine offiziellen Informationen. Wahrscheinlich wäre das ein Vorteil, weil wir im Moment an einem Wochenende nicht so viele Daten sammeln können wie die Konkurrenz - gerade jetzt, wo man aufgrund des Zeitplans nicht so viel fahren kann."

Keine Formel-1-Ambitionen mehr

Frage: "Wie sieht deine persönliche Zukunft aus? Planst du weiter mit der DTM?"
Vietoris: "Meine volle Konzentration gilt der DTM. Ich fühle mich in der DTM pudelwohl. Man sieht, dass immer mehr Fahrer in die Serie drängen. Zu meinen GP2-Zeiten wurde ich von vielen Fahrerkollegen belächelt, dass ich den Schritt in die DTM zu früh mache und die Formel 1 damit ein Stück weit aufgebe. Im Nachhinein würden ihn mit Sicherheit viele der Piloten gerne selbst gehen. Es war die richtige Entscheidung, denn die Serie fängt an zu boomen. Es macht unheimlich Spaß, ich habe den richtigen Zeitpunkt erwischt. Alles andere lasse ich auf mich zukommen."

Frage: "Stichwort Paydriver: Siehst du in der GP2 einen Qualitätsverlust?"
Vietoris: "Ich habe die Rennen fast alle gesehen: Die Fahrer, die viel Geld mitbringen, kommen zum Zuge - und die richtigen Talente können sich dann nicht mehr durchsetzen. Das ist eine Entwicklung, die im Nachwuchsbereich bedenklich ist. Es wird schwierig, die richtige Serie zu finden um sich in Szene zu setzen."

"Das fing schon zu meinen Zeiten an: Die GP2 wurde teuerer und teurer, jetzt fahren sie sogar noch in Übersee. Und was kann man schon an Erfahrung sammeln? Es gibt 30 Minuten Freies Training, dann ein Qualifying und zwei Rennen - und das Wochenende ist vorbei. Da kann man als Fahrer nicht viel lernen. Wichtig ist, lange im Auto zu sitzen und viele Kilometer zu fahren. Das ist in der GP2 nur begrenzt der Fall."

Frage: "Du siehst die DTM also nicht als Formel-1-Sprungbrett, sondern als deine Zukunft?"
Vietoris: "Genau das ist mein Plan: Ich möchte mich dauerhaft ganz vorne etablieren, ständig an mir arbeiten, um noch besser zu werden."

Fotoquelle: DTM/ITR e.V.

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