Ellen Lohr als Mercedes-DTM-Pilotin in der Saison 1991, ein Jahr vor ihrem Sieg

DTM 2014

— 24.05.2014

Die einzige DTM-Siegfahrerin im Interview

Im Interview spricht DTM-Rennsiegerin Ellen Lohr über ihren großen Triumph am Hockenheimring, die DTM in den 1990er-Jahren und über Frauen im Motorsport

24. Mai 1992, Hockenheim. Eine wahre Sternstunde für Ellen Lohr. Denn die deutsche Rennfahrerin vollbringt etwas, was vor und nach ihr keiner anderen Frau gelang: Sie gewinnt einen DTM-Lauf und sorgt damit für eine Sensation. Im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' erinnert sich die heute 49-Jährige an diesen Erfolg und spricht über die Nachwirkungen ihres Sieges, den nicht alle männlichen Kollegen gut verkraftet haben. Was Lohr darüber denkt, lesen Sie in diesem ausführlichen Interview!

Frage: "Ellen, der 24. Mai 1992 war ein großer Tag für dich. Was verbindest du mit diesem Datum, welche Erinnerungen kommen dabei hoch?"
Ellen Lohr: "An das Datum erinnere ich mich überhaupt nicht, null-komma-null. Ich hätte noch nicht mal sagen können, dass schon wieder ein Jubiläum ansteht (lacht; Anm. d. Red.). Aber an den Sieg erinnere ich mich natürlich sehr. Das ist sehr präsent. Und das bleibt auch präsent."

"Man wird ja immer wieder positiv daran erinnert. Manchmal wird man auch darauf reduziert, was auch nicht ganz korrekt ist. Immerhin erreiche ich im kommenden Jahr mein 30. Karrierejahr im Motorsport. Aber grundsätzlich hat der Sieg natürlich sehr geholfen. Viele Leute erinnern sich noch heute daran. Das ist natürlich positiv."

Frage: "Du hast es gerade schon angedeutet: Ist es nicht etwas schade, dass in der Wahrnehmung deiner Karriere fast nur der DTM-Laufsieg zu existieren scheint? Du hast schließlich nicht nur in der DTM Erfolge gefeiert..."
Lohr: "Nun, das finde ich fast schon wieder positiv, wenn man sich nur aufgrund dieses einen Sieges an mich erinnert. Fein - Hauptsache, man erinnert sich und man weiß, dass ich aus dem Motorsport komme."

"Manchmal ist das bei nicht sehr Motorsport-affinen Menschen tatsächlich etwas Hilfreiches, weil es offenbar etwas Herausragendes ist. Dieser Sieg ist anscheinend auch Leuten in Erinnerung geblieben, die nicht in erster Linie mit Motorsport zu tun haben. Auch das ist positiv. Ich denke manchmal durchaus: 'Mensch, Leute, ich habe viel mehr erreicht als nur das.' Auf der anderen Seite: Wenn das bei der Wahrnehmung hilft, dann ist das völlig in Ordnung."

Eine Frau setzt sich gegen die Männer durch

Frage: "Sprechen wir etwas über deinen Sieg damals. Du hast dich gegen Kaliber wie Bernd Schneider oder Keke Rosberg durchgesetzt. Und schon vor deinem Laufsieg in Hockenheim 1992 hast du einen Podestplatz erzielt, warst regelmäßig vorn dabei. Dennoch war der Sieg sicherlich der Höhepunkt für dich..."
Lohr: "Auf jeden Fall. Darauf bin ich auch sehr stolz. Ich bin Mercedes sehr dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe. Insgesamt stand ich, glaube ich, fünfmal in der DTM auf dem Podest. Insofern: coole Sache! Gar keine Frage. Die DTM, das war auf jeden Fall eine ganz wichtige Station in meiner Laufbahn."

Frage: "Wie wurde dein Erfolg damals bei den Fahrerkollegen im DTM-Feld wahrgenommen. Speziell Keke Rosberg sieht auf den Bildern von damals nicht besonders begeistert aus..."
Lohr: "Nun, ich war ja schon ein Jahr länger in der DTM als Keke. Ich war 1991 zur Mannschaft gestoßen und von Anfang an ordentlich dabei. 1991 gab es für mich bereits Gelegenheiten, auf das Podest zu fahren oder sogar zu gewinnen. Leider bin ich aber einmal auf einer Ölspur ausgerutscht."

"Insofern wusste die Konkurrenz also schon Bescheid. Keke hat sich vorher wohl nicht sehr intensiv mit der Meisterschaft beschäftigt. Für ihn kam das also etwas überraschend, glaube ich, als er 1992 dazukam (lacht; Anm. d. Red.). Alles in allem wurde es gut aufgenommen. Es war damals ein sehr starker Wettbewerb. Deshalb war es ein toller Sieg. Ich habe mich sehr gefreut."

"Und damals dachte ich: 'Da kommt noch was.' Ich hatte ja tollen Schwung, war im Rennen davor Zweite geworden. Zu einem weiteren Sieg hat es dann aber nicht gereicht. Insofern bin ich etwas traurig darüber. Denn damals habe ich mir natürlich gesagt: 'Na klar gewinne ich hier noch weitere Rennen!' So kam es dann aber leider nicht."

Frage: "Wie hast du es damals empfunden als Frau in einer Männerwelt, wie es der Motorsport ist? Wie war damals das Verhältnis zwischen Fahrerinnen und Fahrern?"
Lohr: "Das Verhältnis war gut, aber es war sicher schwieriger als es heute ist. Inzwischen haben ja schon einige Frauen ihre Leistungen erbracht, Claudia Hürtgen oder Jutta Kleinschmidt. Wir haben ja für die Akzeptanz gesorgt."

"Aber das war damals tatsächlich noch ein bisschen anders. Es gab viele Ränkespielchen im Hintergrund. Da spielte das schon eine Rolle, dass man als Frau trotz allem nicht hundertprozentig akzeptiert wurde. Das war einfach so. Ich glaube, das hat sich aber geändert. Es ist ja nun schon 22 Jahre her. Die Zeiten allgemein haben sich geändert, also haben sie sich auch im Motorsport geändert."

Im Vergleich: die alte und die neue DTM

Frage: "Hast du es während deiner DTM-Zeit als fair empfunden, als Frau gegen so viele Männer anzutreten?"
Lohr: "Natürlich. Ich habe es als Chance empfunden. Es gibt ja nicht viele Sportarten, in denen Frauen direkt mit Männern konkurrieren dürfen. Das ist immer eine Chance für eine Frau. Denn wenn man die Situation im Sport mal ganz ehrlich betrachtet, sei es nun Volleyball oder Fußball oder was auch immer: Frauen-Ligen sind doch noch immer leider B-Ligen in Bezug auf Sponsoren und dergleichen mehr. Das ist unfair und total falsch, aber es ist noch so."

"Andererseits sind viele Frauen-Sportarten auch auf dem Vormarsch, siehe Frauen-Fußball in den USA. Im Motorsport musst du als Frau aber halt mit den Männern konkurrieren. Das hat aber auch viele Vorteile. Da hast du dir aber nie große Gedanken darum gemacht, denn du bist mit dieser Situation groß geworden. Als ich damals angefangen habe, gab es nicht viele Mädels im Motorsport."

Frage: "Wenn du einen Vergleich ziehst zwischen der originalen DTM und der modernen DTM: In der jetzigen Meisterschaft sind auch schon Frauen angetreten, aber die haben es maximal in die Punkte geschafft - wenn überhaupt. Müssen wir hier einfach von ganz unterschiedlichen Ären reden? Ist es heute einfach anders als früher?"
Lohr: "Das kann ich nicht beurteilen, denn ich bin nie ein solches Auto gefahren. Fakt ist: Die neue DTM ist ganz anders, überhaupt keine Frage."

"Es ist nun ein reiner Werkssport. Das war bei uns damals anders. Zu meiner Zeit konnten ambitionierte Privatteams DTM machen. Das hat dem ganzen Geschehen die richtige Würze verliehen. Das gibt es heute nicht mehr. Insofern ist man auch als Fahrer hundertprozentig abhängig von den Möglichkeiten, die dir dein Arbeitgeber bietet, sagen wir mal so."

"Und wenn diese Möglichkeiten nicht optimal sind, dann kann es in einer Meisterschaft, in der es so knapp ist, natürlich nicht funktionieren. Ich kann nicht beurteilen, was mit den Mädels war. Ich glaube, von außen betrachtet, dass sie nicht immer die Möglichkeiten bekommen haben, die sie verdient gehabt hätten. Sei es Testmöglichkeiten oder dergleichen. Richtig weiß man das natürlich trotzdem nicht."

Die früheren 1990er-Jahre: "Eine wundervolle Zeit"

Frage: "Ich habe kürzlich mit Rahel Frey gesprochen, der bis dato letzten Fahrerin, die in der DTM Punkte eingefahren hat. Sie meinte: Die DTM habe ihr fahrerisch enorm weitergeholfen. War das auch bei dir der Fall?"
Lohr: "Natürlich. Gar keine Frage. Schon vorher, in der Formel 3, war es sehr professionell zugegangen. Aber die Basis meines Wissens habe ich in der DTM erworben."

Frage: "Hättest du damals nach deinem Sieg oder nach deiner DTM-Zeit gedacht, dass selbst nach über 20 Jahren keine weitere Frau in der DTM gewonnen haben würde?"
Lohr: "Nein, das hätte ich nicht gedacht, natürlich nicht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so einzigartig bin (lacht; Anm. d. Red.)!"

Frage: "Vermisst du diese Zeit, die DTM-Zeit der frühen 1990er-Jahre?"
Lohr: "Ja, absolut. Das muss ich schon sagen. Der Kontakt mit den Zuschauern, die Offenheit und dergleichen mehr. Das war eine wundervolle Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich bestreite derzeit die Truck-EM. Das ist ein bisschen ähnlich. Und das ist auch eine wirklich tolle Geschichte. Aber die DTM zur damaligen Zeit war etwas Besonderes und wird es immer bleiben. Ohne Zweifel."

Frage: "Gibt es noch irgendetwas, das du gern hinzufügen möchtest?"
Lohr: "Ich hoffe, dass ich zu meinem 25-jährigen Siegjubiläum in der DTM noch immer professionell Motorsport mache. Das wäre ein Ziel."

Fotoquelle: Daimler

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