DTM: Dreierinterview

DTM: Dreierinterview

— 14.10.2016

"Müssen den Fans mehr bieten"

Drei Mal Klartetxt: Timo Glock, Timo Scheider und Maximilian Götz im Interview über Pappnasen, den Vergleich zur Bundesliga und Verbesserungsvorschläge für die DTM.

Herr Götz, Herr Glock, Herr Scheider, Sie sind drei von acht deutschen Fahrern in der DTM. Muss die beliebteste deutsche Tourenwagenserie noch deutscher werden?

Timo Glock (35): Es kommt darauf an, wie die Ausrichtung ist. Man will ja eher internationaler sein.

Timo Scheider (37): Davon sind wir weit weg. Wenn wir zum Beispiel mal in Mugello waren, saßen sieben Zuschauer auf der Tribüne. Bis wir da mal den Erfolg haben, den wir bereits in Deutschland oft vermissen, bin ich sicher nicht mehr in der DTM.


Maximilian Götz (30): Das ist eine deutsche Serie mit einem deutschen Namen und deutschen Herstellern. Deshalb müsste man sie in Deutschland noch mehr vermarkten. Die Bundesliga kennt auch jeder. Die müsste für die DTM ein Vorbild sein.

Braucht die DTM mehr und größere Stars im Cockpit?

Glock: Du kannst auch Thomas Gottschalk ins Auto setzen. Das Drama ist, dass zu wenig daraus gemacht wird. Wir finden zu wenig statt.

Woran liegt das?

Götz: Wir haben neun Rennwochenenden, ansonsten sieht man uns nicht. Nach Oktober sind wir für ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwunden. Das liegt an uns, aber auch an den Herstellern und der ITR. Es gibt genug deutsche Fahrer, die man mehr pushen müsste.

Glock: Die Leute wissen drastisch ausgedrückt gar nicht, was die DTM ist. Man muss das Produkt DTM erst einmal so nach vorne bringen, dass die Leute es gut finden, verstehen und wissen, was es ist.

Scheider: Vor einigen Jahren hat mich ein Kind im Urlaub erkannt: „Das ist der Junge aus der Mario-Kart-Werbung.“ Daran sieht man, dass es Früchte tragen kann. Ich frage mich seit Jahren, warum die DTM z.B. in der Sportschau oder im Sportstudio nicht stattfindet.

Und sportlich, wo hakt es da?

Scheider: Beim Rallycross herrscht eine supergeile Atmosphäre. Da hast du einen LKW und daneben ein Zelt als Hospitality. „Zurück zu den Wurzeln“ würde ich mir für die DTM auch wünschen. Dann hätten die Fans auch was zu sehen.

Glock: Wir bieten dem Fan nichts müssen den Fans noch deutlich mehr bieten. Wie geil wäre es, wenn wir abends Taxifahrten anbieten und die Dinger quer um die Ecken hauen. Aber wir fahren Auto, sitzen in Meetings, schreiben zehn Minuten Autogramme und fahren wieder nach Hause.

Götz: Ich liebe diesen Job, aber ich finde, dass emotional mehr hängen bleiben muss.

Scheider: Ich muss da wieder die Rallycross-WM heranziehen. Da gibt es Sprechchöre, Gesänge. Bei der DTM musst du bei der Fahrerparade schon froh sein, wenn dir einer zurückwinkt. Die Emotionen fehlen. Die DTM ist zu sehr Premium.

Glock: Warum sitzen die Fans einfach nur da? Weil nichts passiert. Es muss mehr passieren. Wie geil ist es dagegen beim Rallycross, wenn die Autos in Fetzen hängen, die Mechaniker mit den Schlüsseln um sich werfen und der Fan steht daneben und schaut zu.

Götz: Das Problem ist: Wenn bei uns alles in Fetzen hängt, sind wir raus aus dem Rennen. Wir müssen die Autos so bauen, dass du trotz Feindkontakt noch fahren kannst.

2017 soll es neue Regeln geben in der DTM. Was erwarten Sie davon?

Götz:  Konstanz. Damit der Fan weiß, was abgeht.

Scheider: Wir dürfen die Augen vor der aktuellen Situation nicht verschließen, wir müssen was bewegen. Wir können alles schönreden, aber Fakt ist: Es geht in vielen Punkten in die falsche Richtung. Und da kann ich nur hoffen, dass die Hersteller ihr Ego hinten anstellen.

Glock: Die DTM bewegt sich seit Jahren seitwärts und nicht nach oben. Seit Wochen wird wieder über die Gewichte und den BMW-Heckflügel diskutiert. Das Ziel war doch, dass man die Meisterschaft spannender macht. Und das ist sie. Und Marco Wittmann ist vorne, weil er am konstantesten ist.

Sind BMW-Titel unter diesen Umständen anders zu bewerten?

Scheider: Wenn Marco am Ende ganz vorne stehen sollte, hat er einen konstant guten Job gemacht. Dass der BMW ohne diese Zugeständnisse vielleicht nicht um den Titel fahren würde, wird aber immer ein Thema bleiben.

Götz: Marco macht einen konstant guten Job. Am Ende liegt es an der DTM, die Regeln so zu machen, dass alle drei Hersteller zufrieden sind und der Fahrer entscheiden kann und nicht der, der im besseren Auto sitzt.

Wer ist eigentlich die größere Pappnase in der DTM: Maximilian Götz oder Mattias Ekström?

Glock: Mattias hat in dieser Saison mit Sicherheit die eine oder andere Aktion gerissen, bei der er die Pappnase war. Er kann mega geniale Rennen fahren, aber teilweise will er mit dem Kopf durch die Wand. Und sich dann hinzustellen und sich gar keinen Fehler einzugestehen, ist nicht der richtige Weg.

Scheider: Er nimmt sein Gegenüber hart ran, lässt ihm aber auch die Luft zum Überleben. Mit manchen Fahrern in der DTM geht das, mit manchen weniger. Sein jetziger Style kommt vielleicht auch zum Teil aus dem Rallycross. Da wird jede Lücke schonungslos ausgenutzt, was mit unseren Autos nur bedingt geht.

Glock: Wenn wir hintereinander herfahren und du die erste Chance nicht nutzt, dann weißt du, dass du das halbe Rennen hinter dem Auto herfährst.

Götz: Man sieht eine Lücke und denkt, das geht schon. Und dann passt es doch nicht. Du musst solche Chancen nutzen, weil man sie nicht so oft bekommt.

Sind solche Aussagen verbunden mit dem Hinweis, dass der betreffende Fahrer überfordert ist, bereits unter der Gürtellinie oder gehört das dazu?

Glock: Dass jemand in der DTM überfordert ist, ist in meinen Augen völliger Blödsinn. Alle in der DTM können Auto fahren.

Scheider: Jeder weiß, was so eine Aussage bedeutet: Ein Spruch, und ich habe die Schlagzeile. Dass man das eine oder andere Niveau hinterfragen kann, ist keine Frage. Aber es führt dazu, dass PR generiert wird.

Götz: Mattias ist so lange dabei und zweimaliger Champion, zuletzt aber vor neun Jahren. In der Zwischenzeit haben viele andere mehr geleistet. Er ist ein alter Hase im Geschäft, meines Erachtens dreht sich ein bisschen zu viel um ihn. Er macht also im Endeffekt irgendetwas richtig.

Scheider: Er macht es clever. Er schafft es, dass man über ihn redet. Und die anderen machen vielleicht einfach etwas falsch. Vielleicht haben die auch einfach keine Lust dazu. Er ist der Typ dafür, er ist der schwedische Rabauke. Er schaut auf sich, und das ist in Ordnung.

Herr Götz, stört es Sie denn, dass er Sie dabei immer wieder ins Boot holt?

Götz: Wir haben nun mal auch immer wieder Aktionen. Es geht mir zwar auf die Nerven, aber inzwischen auch zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Ich muss mich für meine Aktionen nicht rechtfertigen. Vielleicht kann man es vom Niveau her ein wenig anders machen. In der DTM können alle Auto fahren, keiner hat das Cockpit im Lotto gewonnen.

Bernd Schneider hat zuletzt moniert, es würde zu viel geweint in der DTM, es würde geklagt, um die Rennleitung zu beeinflussen. Wie sehen Sie das?

Scheider: Es liegt auch daran, dass in der Vergangenheit relativ viele Aktionen nicht gesehen wurden. Man versucht als Fahrer zu sensibilisieren, damit auf den Vorfall geschaut wird. Es ist eine natürliche Entwicklung, weil sich niemand benachteiligt fühlen möchte.

Götz: Das Gejammere ist schon mehr geworden. Man muss aber nicht wegen jedem Schiss über den Funk petzen. Wenn wir im Auto sitzen, müssen wir Rennen fahren.

Scheider: Wir von der Fahrergewerkschaft sind sowieso dafür, dass wir einen permanenten Race Consultant haben. Stewards, die Situationen permanent sehen und beurteilen. Das Problem ist ja, dass wir zu oft Unterschiede in der Bewertung haben. Glock: Ich glaube, dass viel auch von dem neuen Qualifying-Format abhängt. In 20 Minuten 24 Autos auf der Strecke – da ist das Risiko groß, dass es mal zum Blockieren kommt. Das weitere Problem ist, dass wir kein ordentliches GPS-System haben, durch das man exakt sehen könnte, wo sich die Fahrer befinden. Deshalb ist es für die Ingenieure schwierig, dich auf der Strecke zu platzieren.

Gibt es heutzutage mehr versteckte Fouls, wird unfairer gespielt?

Glock: Die üblichen Strategie-Spielchen der Hersteller mit ihren acht Autos, die sie haben. Aber die gab es schon immer.

Scheider: Großartig geändert hat es sich nicht. Es gab schon immer Fahrer, die sich weniger gemocht haben. Die Luft wird zum Ende der Saison traditionell immer ein wenig dünner. Da habe ich manchmal das Gefühl, dass zurückgezahlt wird, wenn zuvor ausgeteilt wurde. Ich schließe mich da nicht aus. So positionierst du dich als Fahrer.

Autor: Andreas Reiners

Fotos: picture-alliance ; Alexander Trienitz ; Hersteller

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