DTM EuroSpeedway

MaßgeSchneiderter Konter MaßgeSchneiderter Konter

DTM EuroSpeedway

— 23.07.2002

MaßgeSchneiderter Konter

Tolle Revanche. Bernd Schneider und Mercedes gewannen mit gefühlvollem Bleifuß und Formel-1-flinker Boxencrew.

Laurent Aiello fest im Visier

"Meine Motivation ist immer die gleiche. Egal ob ich um den Titel fahre oder nicht", beteuert Bernd Schneider nach dem Zeittraining der DTM am EuroSpeedway Lausitz. Doch sein verspannter Blick verrät: Die Dominanz des Audi-Stars Laurent Aiello kratzt gehörig am Selbstwertgefühl des Champions der letzten beiden Jahre. Fragen zur Tabellenlage beantwortet Schneider ungewohnt einsilbig, tippt nebenbei unterm Tisch eine SMS ins Handy. Seine Augen spiegeln die Enttäuschung wider.

Nur wenige Stunden zuvor hat ihm der vierfache Saisonsieger Laurent Aiello im Qualifying mal wieder die Show gestohlen, den Mercedes-Piloten mit zwei Zehntelsekunden Vorsprung auf Rang zwei verwiesen. Genau wie zwei Wochen zuvor beim Rennen am Norisring: Als Schneider ausgerechnet in der letzten Kurve einen Fehler machte und Aiello den Sieg einheimste. "Dieses Rennen hätte ich gewinnen müssen", räumt Schneider selbstkritisch ein. Doch keine 24 Stunden später scheint das alles vergessen am EuroSpeedway. Schneiders erster Saisonsieg lässt eine Mega-Last von seinen Schultern plumpsen. Blitz-Start, perfekt ausbalanciertes Auto, fehlerloses Rennen und sensationell schneller Boxenstopp (nach nur 4,8 Sekunden waren die vier neuen Räder festgeschraubt) – besser geht es nicht.

Und danach ist es wieder da, dieses warme Funkeln in den Augen des Perfektionisten. "Nach einer so langen Zeit ohne Sieg weiß man den Erfolg erst wieder richtig zu schätzen", gibt Schneider zu und redet nun auch wieder gern über den Titelkampf: "Aiellos Vorsprung ist sehr groß. Doch solange ich noch Chancen auf die Meisterschaft habe, werde ich nicht aufgeben." Muss er auch nicht. Zwar liegt Aiello mit satten 21 Punkten vorn, doch in den verbleibenden vier Rennen kann Schneider theoretisch noch maximal 52 Punkte schaffen. Praktisch werden die fünf Abt-Audi-Piloten das jedoch kaum zulassen. "Vor allem in Zandvoort werden wir kaum eine Chance haben. Die vielen mittelschnellen Kurven kommen dem TT-R sehr stark entgegen", dämpft Schneider allzu hohe Erwartungen.

Big-Bernds Ehrgeiz ist ungebrochen

Bei Mercedes hat trotz der langen Zeit ohne Siege ohnehin niemand am Können des 38-jährigen Familienvaters gezweifelt. Bei allen Rennen war Schneider bisher schnellster Mercedes-Pilot, in Donington hätte Alesi ohne Schneiders Stop-and-go-Strafe (zu schnell in der Boxengasse) kaum gewonnen. Selbst nach dem verschenkten Norisring-Sieg wurde in Stuttgart keine Kritik am eigenen Nummer-1-Piloten laut. "Beschwert hat sich bei mir keiner. Mein schärfster Kritiker bin ich selbst", bestätigt Schneider. Bis auf den Fahrfehler beim Stadtrennen in Nürnberg, den Schneider noch immer nicht ganz verdaut hat ("Ich sage nach wie vor, dass dort gelbe Flaggen waren und ich deswegen langsam gefahren bin"), war seine sportliche Leistung von Saisonbeginn an top. Video-Analysen beweisen: Kein anderer Fahrer fährt die Kurven so perfekt an, trifft die Ideallinie so genau wie der Wahl-Monegasse, der seit zehn Jahren für Mercedes von Erfolg zu Erfolg rast.

Doch wieso ließ sich Schneider dann ein ums andere Mal von Laurent Aiello vorführen? Die Antwort darauf ist so kurz wie simpel: Abt hatte gerade zu Anfang der Saison 2002 ganz einfach das bessere Auto. Hinzu kommt, dass ein Weltklassepilot wie Aiello diesen Vorteil gnadenlos auszuspielen versteht. Gerade auf welliger Fahrbahn und bei Richtungswechseln liegen die kleinen TT-R klar sichtbar noch immer am ruhigsten. Der neue CLK tendierte gerade zu Saisonbeginn zu notorischem Untersteuern. "Doch selbst wenn wir dieses Problem nicht erst jetzt, sondern von Anfang an in den Griff bekommen hätten – Aiello wäre in der Meisterschaft trotzdem vorn", glaubt Schneider.

Wurden die Audi beim DTM-internen Festlegen der Aerodynamik für 2002 etwa bevorteilt? "Jedenfalls rührt ihr Vorsprung nicht nur daher, dass sie die besseren Leute haben", antwortet Schneider vielsagend. Von einer Regeländerung mitten in der Saison hält er jedoch nichts: "Die richtige Einstufung eines Autos ist immer sehr schwer. Die Eckdaten des TT-R wurden nun einmal vor der Saison festgelegt, und dabei sollte es auch bleiben." Typisch Schneider – stets um größtmögliche Fairness bemüht. Und auch um Weitblick: Big-Bernd schaut immer übers eigene Cockpit hinaus. Weil er weiß: Funktioniert das DTM-Paket nicht auf Dauer, ist nicht nur sein Arbeitsplatz in Gefahr. Wenn er fundiert über Chancengleichheit, Renndramatik und TV-Quoten doziert, klingt er wie der Mercedes-Rennleiter in spe. Aber noch ist Bernd Schneiders Ehrgeiz als Rennfahrer ungebrochen. Er möchte aus eigener Kraft gewinnen. Am besten schon beim nächsten Rennen am Nürburgring. Laurent Aiello dort zu bezwingen, hätte einen Stellenwert, der mit Punkten nicht zu messen ist. Denn in der Eifel gilt der Franzose wie 2001 als unbezwingbar. Doch vielleicht gelingt dem deutschen DTM-Champ dort ja noch ein maßgeschneiderter Konter.

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