DTM: Frentzens Audi-Ausstieg

Ende mit Scherben: Heinz-Harald Frentzens Audi-Ausstieg Ende mit Scherben: Heinz-Harald Frentzens Audi-Ausstieg

DTM: Frentzens Ausstieg

— 13.11.2006

Ende mit Scherben

Beim Finale der DTM in Hockenheim zerbrach die ehe Heinz-Harald Frentzen/Audi. Der Eklat auf und neben der Piste kam nicht von ungefährt. Weil die Beziehung auf Druck, nicht aus Liebe entstand.

Reden will Heinz-Harald Frentzen nicht. "Jetzt jedenfalls nicht", sagt der Ex-DTM-Fahrer von Audi. Die spürbare Anspannung in seiner Stimme will so gar nicht passen zum fröhlichen Geschnatter seiner drei kleinen Töchter im Hintergrund. "Ich will meine Ruhe", mit diesen leisen Worten beendet Frentzen unser Telefonat und legt auf.

Gut, Heinz-Harald Frentzen braucht die Ruhe nach dem Sturm. Gehen wir also bei dieser Vollgas-Beziehungskiste ohne Happy End zurück zum Anfang. Der schon nicht wirklich glücklich war. Eigentlich wollte Heinz-Harald Frentzen 2006 nämlich weiter mit einem Opel DTM fahren. Nach dem Rückzug der Rüsselsheimer Werksmannschaft Ende 2005 sollte es weitergehen als Privatteam –

Heinz-Harald Frentzen wäre gern weiter in einem DTM-Opel gefahren.

mit seinem Ex-Formel-1-Teamchef und Ex-F1-Weltmeister Alain Prost als Führungsspitze. Vom DTM-Veranstalter ITR (Interessengemeinschaft Tourenwagen-Rennen) hätte es sechs Millionen Euro Zuschuss gegeben. Doch der Opel-Vorstand sagte Mitte November 2005 Nein. Zu groß war bei der deutschen Marke aus dem General-Motors-Konzern die Angst vorm weiteren Image-Verlust. Hätte das Frentzen-Prost-Projekt funktioniert, hätte der seit 2000 sieglose DTM-Werkseinsatz Opels im Nachhinein noch peinlicher gewirkt. Wäre auch der private Frentzen-Vectra hinterhergefahren, wäre das nicht weniger als Blamage wahrgenommen worden.

Vor diesem Hintergrund beginnen Ende November 2005 Frentzens Verhandlungen mit Audi. Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich und Marketingleiter Hans-Joachim Radde sind von seinem Fahrkönnen und seinen Imagewerten angetan. Doch einer bei Audi hebt warnend den Finger: Jürgen Pippig. Der ist Leiter der Motorsport-Presseabteilung und ein Freund von Fahrern, die als sympathische Markenbotschafter rüberkommen. Beim vor Kameras und Mikrofonen oft zu lässig und teils sogar launisch wirkenden Heinz-Harald Frentzen hat Jürgen Pippig Bedenken. Die er nicht nur intern äußert. "Er muss richtig geführt werden,

Poleposition, dann Eklat: Frentzen und Audi-Sportchef Ullrich.

was die Arbeit abseits der Rennstrecke betrifft, dann sehe ich überhaupt keine Probleme", sagt Pippig im Januar dem Sport-Informations-Dienst (sid). Und lässt die Nachrichtenagentur auch wissen: Frentzen müsse im Vergleich zu seinem bisherigen Opel-Gehalt (750.000 Euro im Jahr) bei Audi Abstriche in Kauf nehmen.

Aus dieser Indiskretion, wohl eher gezielt als unbewusst in die Medienwelt gesetzt, sowie die von Rennleiter Dr. Ullrich verzögerten Vertragsverhandlungen schließt Frentzen: "Die wollen mich ja gar nicht!" Doch Audis Biersponsor Veltins will ihn und noch viel mehr die ARD. Der Exklusiv-TV-Partner der DTM braucht als Garant für hohe Einschaltquoten vor allem das Duell der alten Formel-1-Gegner Frentzen und Häkkinen. "Ob euer Ekström oder Kristensen gewinnt, ist uns völlig egal", lassen die ARD-Oberen Audi wissen.

Da hat er sich von Anfang an schwer getan: Frentzen im A4.

Die Druckunterlagen für eine den Dreikampf der F1-Oldies Frentzen, Häkkinen und Alesi anpreisende Anzeigen-Kampagne von DTM-Sponsor Aral sind schon fertig, da sagt Heinz-Harald Frentzen Audi ab. Eddie Jordan hat ihn 2001 mitten in der Saison unter fadenscheinigen Gründen aus seinem Formel-1-Team gekickt, um sich den Rest der Fahrergage zu sparen. Bei Opel gab es 2004 und 2005 unterm führungsschwachen Sportchef Volker Strycek jede Menge Intrigen gegen Frentzen, der die organisatorischen Schwächen gnadenlos und zum Schluss immer undiplomatischer anprangerte. Nein, Frentzen hat null Bock auf neues Hickhack.

Ohne Vertrauen ist's schlecht aufeinander bauen

Dann fährt er aber doch DTM für Audi. Trotz Einbußen beim Gehalt, bei den Testkilometern vor der Saison und trotz der nicht weniger gewordenen Vorbehalte auf beiden Seiten. Gleich am ersten Rennwochenende kracht's heftig: Audis siebenmaliger Le-Mans-Sieger und Team-Platzhirsch Tom Kristensen fühlt sich im Qualifying vom neuen Kollegen auf einer schnellen Runde behindert und rammt Frentzen. Audi und auch die Regelhüter werten dieses nur zu offensichtliche Foul von Hockenheim als "Unfall". Frentzen sieht sich bestätigt in seinem Argwohn. Dass ihm im Rennen von Startplatz acht ein Endrang drei gelingt, ist nur ein schwacher Trost. Audi-Rennleiter Dr. Ullrich, so Motorsport-Pressechef Pippig, hätte sich jedoch um "das Sensibelchen" dermaßen intensiv gekümmert, dass seine anderen Fahrer schon eifersüchtig geworden seien.

"Unfahrbar"? Provokantes Verhalten auf beiden Seiten.

Zu mehr Vertrauen führt selbst eine fürsorgliche Bewirtung des Ehepaars Frentzen im Hause Ullrich offenbar nicht. Statt den über mehrere Rennen krummen Unterboden, das aerodynamisch entscheidende Teil eines DTM-Autos, gleich beim Boss anzumahnen, nimmt Frentzen zunächst eine persönliche Kontrollmessung vor. Dann kommt das England-Rennen in Brands Hatch. Der Einzelkämpfer Frentzen, der bei Mängeln im Team dummerweise meist viel zu spät und dann viel zu hart aufmuckt, beweist Audi dort erstmals richtig sein längst stark angezweifeltes Spitzentempo. Der Zwischenbestzeit im Qualifying folgt aber kurz darauf ein böser Crash und 16 Stunden Schwerstarbeit für die Frentzen-Mechaniker.

Als ihr Kutscher seinen A4 im Rennen als "unfahrbar" abstellt, fallen hinter dessen Rücken bitterböse Worte. Dass er mit den Mercedes-Stars Häkkinen und Alesi aneinandergeknallt war, sagt er seiner Crew scheinbar nicht deutlich genug. Und die hat in der Hektik natürlich nicht die Zeit, die Audi-Pressemitteilung zu lesen, in der zumindest der Alesi-Rempler als Grund der Rennaufgabe genannt ist.

Am Scheitern der Zweckehe waren beide Parteien schuld

Kaum ist der England-Ärger mit den Jungs des fürs Frentzen-Auto zuständigen Abt-Team geklärt, gibt’s in Nürnberg wieder Knatsch: "Blödsinn, das braucht man nicht!" So weigert sich Frentzen, zu Trainingsbeginn am Freitagmorgen die laut Wetterlage bald nötigen Regenreifen auf trockener Bahn anzufahren. Seinen scheinbar lustlos erzielten schwachen Platz elf am Norisring

Sitzprobe im A4: Nicht nur im Auto zwackte es Frentzen hier und da.

("Mein Auto war von Anfang an krumm") wertet Audi als nächste Arbeitsverweigerung. Die folgenden Gerüchte zum Rauswurf und seines Fahrens auf Bewährung dementiert Audi nicht mal, sondern verlautbart vorm Nürburgring-Lauf: "Heinz-Harald Frentzen, der alles daran setzen wird, die zuletzt aufgekommene Kritik in den Medien durch ein gutes Ergebnis verstummen zu lassen."

Eine kaum getarnte Ohrfeige. Denn: Die Medien hatten ja nur über die in Audi-Kreisen weiter zunehmende Frentzen-Kritik berichtet. Der Kleinkrieg geht weiter bis zum Eklat in Hockenheim. Auch da macht auf den zweiten Blick nicht nur der am Ende vor der ARD-Fernsehkamera sichtlich frustrierte Frentzen eine schlechte Figur. Als der nämlich nach seinem ersten Stopp hinter Audi-Teamkollege Kristensen lag und auf frischen Reifen schneller war, durfte er laut gut unterrichteter Insider nicht überholen. Später sollte Frentzen auf Funkbefehl den Rapide aufholenden Markengefährten Ekström vorbeilassen. Dabei kam es zur Kollision. Ob Frentzen die durch absichtliches Bremsen provoziert hat, ist ungeklärt. Klar ist nur: Das Scheitern ihrer Zweckehe und den daraus entstandenen Imageschaden haben beide Parteien zu verantworten. Frentzen, weil er sich zu wenig einfügte und nicht durchboxte gegen die Widerstände. Audi, weil es durch die öffentlichen Kritteleien sein Misstrauen provozierte und damit seine immer öfteren Patzer.

Kurz gefasst: Heinz Harald Frentzen

Fährt er weiter? Hört er auf? Noch weiß man's nicht.

Geboren 18. Mai 1967 • Geburtsort Mönchengladbach • Wohnort Monte Carlo (Monaco) • Nationalität Deutscher • Familienstand verheiratet mit Tanja, drei Töchter: Lea (6), Sarah (3), Fenya (1/2) • Erlernter Beruf Bürokaufmann • Hobbys Modellflugzeuge, Digitalfotografie, Mountainbiking

1980, mit 13 Jahren, Start mit Rennfahren. Schon im zweiten Jahr der erste Kart-Titel. 1986 der Umstieg ins Auto: Formel Ford. Via Formel Opel Lotus (Meister) und Formel (Vize-Meister) bis in die Sportwagen-Weltmeisterschaft. Dort 1990 Teamkollege des späteren Formel-1-Superstars Michael Schumacher. Über Formel 3000 und Formel Nippon schafft es Frentzen zweieinhalb Jahre nach Schumi auch in die F1: 1994 Debüt bei Sauber. Als er im selben Jahr Ayrton Senna nach dessen tödlichem Unfall bei Williams ersetzen soll, lehnt er mit Rücksicht auf sein aktuelles Team ab. Erst 1997 Wechsel ins Weltmeisterteam. Wo er nur einmal gewinnt und 1997 doch Vize-Champion wird. Weitere F1-Teams: Jordan (1999–2001, zwei Siege), Prost (2001), Arrows (2002), Sauber (2002/03). 2004/05 DTM mit Opel, 2006 mit Audi (jeweils zweimal Dritter).

Autor: Leopold Wieland

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