Zanardi meistert Ironman auf Hawaii

DTM: Gaststart für Zanardi

„Ohne Prothesen bin ich schneller“

Alex Zanardi spricht vor seinem DTM-Gaststart in Misano über seine Erwartungen, die technischen Anforderungen und seine Konkurrenten.
Herr Zanardi, warum bekommen Sie einfach nicht genug von neuen Herausforderungen?
Zanardi: Ich bin grundsätzlich ein neugieriger und optimistischer Mensch. Ein Bier mit einem guten Freund macht mich genauso glücklich wie das Lächeln meines Sohnes oder meiner Frau. Es geht mir nicht darum, dass ich jeden Tag etwas Neues erleben muss. Aber wenn ich es kann, warum sollte ich es nicht tun?
Sie fahren in Misano gegen die besten Tourenwagenfahrer der Welt in der DTM. Wird das die schwierigste Challenge, der Sie sich im Motorsport nach Ihrem Unfall gestellt haben?
Technisch ist es in der Tat eine schwierige Herausforderung. Deshalb muss man sich vernünftige Ziele stecken. Manchmal heißt das, dass du das Rennen gewinnen willst. Ein anderes Mal kann es aber auch darum gehen, das Auto heil ins Ziel zu bringen. Darum wird es in Misano gehen. Ganz sicher werde ich das Rennen dort nicht gewinnen. Das müssen auch die Fans verstehen, insbesondere die Italiener, die denken, dass alles, was ich anfasse, zu Gold wird (lacht). Ich darf meine Erwartungen nicht an den Träumen anderer ausrichten.
Was bedeutet es für Sie, ein DTM-Auto zu fahren?
Das ist ein zauberhaftes Rennauto! Und die Frage, ob ich Lust hätte, war in etwa so, als ob man eine Katze fragt, ob sie Mäuse mag. Aber es wird nicht leicht. Denn die DTM-Piloten sind alle unglaublich talentiert. Da gibt es keine Gentlemen- oder Bezahlfahrer mehr. Eigentlich ist da also gar kein Platz für einen alten Sack wie mich, trotzdem klaue ich mir welchen... (lacht).
Woran erinnert Sie so ein DTM-Auto?

Alex Zanardi fährt in Misano für BMW als Gaststarter

Es erinnert mich stark an die alten Zeiten in Monoposti mit viel Abtrieb, fetten Reifen und viel Grip. Das Auto ist Genuss pur, auch wenn es locker 100 PS mehr vertragen könnte. Aber in die Kurven kann man richtig schnell eintauchen. Das ist etwas ganz anderes als GT-Renner.
Schon mehrere Touren- und GT-Rennwagen wurden an Ihre Bedürfnisse angepasst. Wie fahren Sie das DTM-Auto?
Nach unserem vorzeitigen Ausfall bei den 24 Stunden von Spa wussten wir, dass es irgendwann ein neues Abenteuer geben würde. So entstand der Plan, Daytona 2019 zu fahren. Also stellte sich auch die Frage, wie man mich zu einem besseren Fahrer machen kann. Ich bin überzeugt, dass ich über die Distanz gesehen ohne meine künstlichen Beine schneller bin.
Warum haben Sie das denn nicht gleich so gemacht? Bislang bremsten Sie mit der rechten Prothese.
Damals in der Tourenwagen-WM hatte sich das mit der H-Schaltung nicht angeboten. Die halbautomatischen Getriebe in einem GT- oder DTM-Auto ermöglichen es aber, einen Bremshebel in der Mittelkonsole zu installieren. Wir haben das dann getestet und das Ergebnis war klar: Ich konnte locker 700 Kilometer fahren, obwohl ich lange nicht im Rennwagen gesessen hatte. Die BMW-Ingenieure haben einen tollen Job gemacht.
Warum sind Sie ohne Ihre Prothesen schneller?
Das liegt an der Art und Weise, wie sie an meinen Stümpfen angebracht sind. Das geschieht über einen Vakuum-Effekt und bedeutet auch, dass ich nicht schwitzen kann. Das tue ich aber natürlich trotzdem und je mehr ich schwitze, desto mehr lösen sich die Prothesen von den Stümpfen. Beim Rennen in Spa musste ich den Schweiß über ein Ventil also immer wieder ablassen, indem ich mit meinem Stumpf in den Schaft hineinpumpe. Das ist ziemlich kompliziert, wenn du gerade mit Tempo 300 ein Rennen fährst (lacht). Das ist ein Grund. Der zweite: Die Beine sind der Kühler des Körpers. Mein Kühler funktioniert schon nicht mehr perfekt wegen meiner Amputation. Und wenn das, was übrig ist, in Prothesen versteckt wird, funktioniert die Kühlung gar nicht mehr. Dass ich an meinem ersten Tag im DTM-Auto 137 Runden gefahren bin, ging nur ohne meine Beineprothesen. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Wie schwierig war es, sich an das neue System zu gewöhnen?
In der Tat recht kompliziert. Besonders in engen Linkskurven. Zur Veranschaulichung: Meine linke Hand ist die einzige, die permanent am Lenkrad bleibt, während die rechte Hand genug mit dem Bremsen zu tun hat. Allerdings muss ich ja auch schon wieder bereit sein Gas zu geben. Also ist meine linke Hand leicht geöffnet, damit ich am Gasring ziehen kann. Es gab Momente, da hätte ich das Lenkrad gerne noch weitergedreht, konnte es aber nicht, weil die Position meiner Hand am Lenkrad feststand und ich an meiner Brust hängengeblieben bin. Also musste ich schnell mit der rechten Hand zupacken und das Lenkrad durch meine linke Hand hindurchgleiten lassen, während meine Finger den Gasring mit gleichbleibendem Druck ziehen müssen. Das ist wirklich unglaublich schwierig. Aber: Jeder Behinderte muss sich Tag für Tag an neue Situationen anpassen. Mental bin ich deshalb viel flexibler als vor meinem Unfall.
War es da nicht leichter mit dem Bein zu bremsen?
Tatsächlich ist das ein kleiner Vorteil, weil meine Hände permanent am Lenkrad bleiben können. Aber das ist wie mit einer zu kurzen Decke: Entweder bedeckt man seine Füße oder den Nacken. Beides geht nicht.
Mattias Ekström hatte in Hockenheim ohne die entsprechenden Vorsaisontests nicht den Hauch einer Chance.
Das nimmt mir natürlich etwas den Druck (lacht). Und jeder, der diesen Sport kennt, sollte sagen: Ey, was soll man von diesem 51 Jahre alten Typen ohne Beine, der nie ein DTM-Auto gefahren ist und zuletzt nur im Handbike mit drei Rädern saß, schon erwarten? Ich versuche einfach nur zu genießen, was auch immer da auf mich zukommt.
Sie haben zuletzt Billy Monger getroffen. Ist Ihr DTM-Auftritt auch ein Zeichen an ihn?

Zanardis Auftritt erfolgt ausgerechnet bei Nacht

Nein. Wir beide versuchen nur unser Bestes zu geben. Bevor ich kam, hätte doch niemand gedacht, dass ein behinderter Mann wie ich jemals eine Chance im Motorsport haben würde. Meine Antwort war immer: Leute, ich bin noch derselbe wie früher. Wenn ich also technisch gesehen einen Weg finde, das Auto zu beherrschen, kann ich derselbe Fahrer sein wie früher. Ich war zwar nie der Beste der Welt, aber immer gut genug, um Rennen zu gewinnen. Und ich habe die Erwartungen der Leute an mich ja auch schon auf ein realistisches Level gehoben, weil ich eben auch ohne Beine Rennen gewonnen habe. Der Grund: Wenn du ignorant bist, hast Du Angst vor dem, was Du nicht verstehst.
Ich erinnere mich an meine ersten Rennen nach meinem Unfall. Jedes Mal, wenn ich einen Dreher hatte, haben sie gleich die gesamte Mannschaft rausgeschickt: Feuerwehrleute, Retter. Alle hatten Angst: Der wird sich selbst und andere verletzen! Warum lasst Ihr ihn das tun? Mittlerweile habe ich gezeigt, dass ich keine Gefahr bin. Das führte sogar dazu, dass mit Frederic Sausset ein Mann ohne Arme und Beine in Le Mans starten durfte. Und genau darin besteht auch die Verbindung zwischen Billy und mir. Jetzt fragen sich die Teammanager nicht mehr: Kann er’s? Sondern: Wie gut ist er? Und wenn er genauso gut ist, wie die anderen, wird er seine Gegner doch immer mit seiner Geschichte und der entsprechenden PR-Wirkung überstrahlen. Ich habe ihm also geholfen. Nicht, weil ich wollte, sondern weil meine Geschichte die Leute überzeugt hat, dass auch Amputierte schnell sein können.
Macht dieser Fakt Motorsport zu einem speziellen Sport?
Ja. Der technologische Aspekt ist groß im Motorsport. Und dank der Technik kann man Abkürzungen oder Umwege um ein Problem herum nehmen. Hier kann man für viele Dinge Lösungen finden, die es in anderen Sportarten nicht gibt.

Autor: Andreas Reiners

Fotos: Picture-Alliance

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