DTM: Alle Meisterautos von 1984 bis heute

DTM: Timo Scheider

— 03.11.2016

"Der Tiefschlag war extrem"

Nach 15 Jahren ist für Timo Scheider Schluss in der DTM. ABMS hat noch einmal mit dem Doppel-Champion der Deutschen Tourenwagen Masters gesprochen.

Herr Scheider, wie tief sitzt der Stachel noch nach Ihrem DTM-Aus, das erst beim letzten Rennen offiziell wurde?

Ich bin noch nicht in ein Loch gefallen. Momentan ist es eine Mischung aus verdrängen und damit umgehen. Ich beschäftige mich momentan gar nicht so extrem mit der Situation. Ich fühle mich gut, denn die ganze Resonanz ist sehr positiv. Es ist noch nicht der Punkt gekommen, an dem ich mich in der Ecke vergraben möchte.

Was bedeuten Ihnen die zahlreichen positiven Reaktionen?

Ich bin überwältigt, sie haben eine unglaubliche Wirkung gehabt. Es war ein schöner Beweis dafür, was ich in den 16 Jahren in der DTM vermitteln konnte. Es waren ganz, ganz besondere Momente, die mich sehr bewegt haben.

Können Sie die reine sportliche Entscheidung nachvollziehen?

2008 und 2009 wurde Scheider DTM-Champion

Das ist schwer klar zu beantworten. Das pure Ergebnis war schlecht, da gibt es nichts schön zu reden. Darüber hätte man reden können und müssen. Ich hätte gerne intensiver darüber gesprochen und gerne das eine oder andere probiert und den Beweis erbracht, dass es noch geht, zum Beispiel in einem anderen Auto. In der DTM ist es schwierig, denn es gibt seit vielen Jahren bestehende Chassis und bestehende Geschichten zu den Autos. Damit sind gewisse Dinge nicht so einfach so zu erklären wie mit einem neuen Auto, was der eine oder hatte und der eine oder andere eben nicht. Vielleicht hat es mit dem Auto und der Konstellation in der DTM einfach nicht gepasst in den letzten Jahren. Das sind offene Fragen, die man so einfach nicht beantworten kann. Die Chance dazu hat man mir nicht gegeben. Stattdessen hat die Gegenseite ihre Entscheidung getroffen.

Stimmt es denn, dass Audi Ihnen vorher signalisiert hat, dass es eng werden könnte?

Das kann ich so nicht bestätigen. Wenn es ein Meeting gegeben hätte, bei dem man mich aufgeklärt hätte über die aktuelle Situation, dann hätte ich mich darauf vorbereiten können. Wir können über den Stil diskutieren und wer was richtig oder falsch gemacht hat: Es ist nicht gerechtfertigt gewesen, es so zu tun. Ich muss mich nicht an der Diskussion beteiligen, wie sich die Gegenseite versucht darzustellen. Ich habe das Telefonat bekommen und fertig.

Hat Sie das Telefonat also komplett überrascht?

Ich war überrascht, weil ich gehofft habe, dass irgendwann mal ein Lebenszeichen kommt. Ich bin auch sensibel genug um zu wissen, dass die Performance nicht gut war. Ich bin aber am Dienstag vor Hockenheim zum Phoenix-Team gefahren in dem Glauben, dass Audi genug Sensibilität und Respekt besitzt, ein Gespräch über die Zukunft nicht kurz vor dem Saisonfinale zu führen. Man hätte über alles diskutieren können, auch über Zukunftsoptionen. Aber in dem Telefonat wurde mir gesagt, dass ich gar keine Zukunft mehr im Audi-Konzern mehr habe.

Der Audi-Vorstand sieht das offenbar anders...

Auch Tomczyk (rechts) fährt 2017 nicht mehr DTM

Rupert Stadler und Dietmar Voggenreiter vom Audi-Vorstand haben mir noch am Rennsonntag in Hockenheim ein Angebot unterbreitet. Die Anerkennung macht mich stolz, es ist auch ein Beweis dafür, dass ich mir bei anderen Menschen im Konzern ein Standing erarbeitet habe und die es anders gesehen haben als die Motorsport-Verantwortlichen.

Können Sie sich denn eine weitere Zusammenarbeit nach den Geschehnissen vorstellen?

Der Tiefschlag war extrem und eine herbe menschliche Enttäuschung. In einem kurzen Statement wurden die Hoffnungen, Emotionen und die Leidenschaft zerstört. Ich bin fest davon ausgegangen, dass wenn ich keine goldenen Löffel klaue, eine Zukunft bei Audi habe. Nach meinen Meistertiteln habe ich Angebote von anderen Herstellern abgesagt, weil ich meine Zukunft bei Audi sehe. Deswegen tut all das bei der Aufarbeitung umso mehr weh.

Gibt es weitere Angebote?

Die ersten Angebote kommen bereits rein. Aus praktisch jeder Motorsport-Szene gibt es Kontaktaufnahmen. Außer Formel 1 und MotoGP ist alles dabei, Offroad wie Onroad, ob nun Formelautos, Langstreckenautos, GT-Autos oder Sprintautos. Ich habe mir momentan aber keine großen Prioritäten gesetzt. Ich möchte mir die Zeit geben um zu wissen, was für mich und meine Familie das Beste ist.

Was ist mit BMW oder Mercedes?

Ich habe mit Mercedes noch nie eine Verbindung gehabt, die mich gereizt hat. Wenn ich als Maßstab meinen Charakter nehme, wäre eigentlich BMW der Partner, mit dem ich in der DTM meine Person in Verbindung bringen würde. Und ich versuche grundsätzlich zu schauen, wo offene Türen sind und wo ich mich ins Spiel bringen kann. Da ist mit Sicherheit auch die DTM weiterhin ein Thema. Und wenn morgen ein DTM-Angebot von BMW auf dem Tisch liegen würde, hätte ich große Lust darüber zu diskutieren.

Können Sie sich vorstellen, nach der aktiven Karriere eine Funktion als Teamchef oder Funktionär in der DTM zu übernehmen?

Ich bin der Meinung, dass sich die DTM auf einem falschen Weg befindet, politisch und im Umgang miteinander, um Perspektiven und Reglements zu schaffen und Einigkeit zu finden. Die Art und Weise, wie die Hersteller das machen, finde ich extrem egoistisch. Am Ende wird immer das große Ganze vergessen – die DTM.

Glauben Sie, dass es die DTM langfristig noch geben wird?

Mein Bauchgefühl sagt mir: Wenn es so weitergeht, sehe ich keine so extrem lange Zukunft der DTM mehr. Alle Fahrer haben Angst, dass die Seriosität verloren geht.

Was muss sich ändern?

Wenn einer der Hersteller immer mit einem Ausstieg droht, ist das nicht richtig. Wenn man diesen Drohungen zu ängstlich begegnet und einlenkt, ist das für die DTM mittelfristig gefährlich. Es muss ein Reglement geben, und das muss vom DMSB kommen. Und danach müssen sich die Hersteller richten, ob es ihnen gefällt oder nicht. Wenn man sich intensiv mit der aktuellen Situation der DTM beschäftigt, dann muss man berechtigte Angst darum haben, was mit der Serie in zwei Jahren ist.

Trotz des neuen Reglements, das 2017 kommen soll?

Ich hoffe, dass das neue Reglement und die Herangehensweise für nächstes Jahr besser werden. Aber für 2017 wird diese Herangehensweise trotz der schwierigen Situation weiter angewandt. Und das macht mich stutzig. Keiner der 24 Fahrer versteht das. Wir schaffen es in der Regel, eine Meinung unter einen Hut zu bekommen. Aber am Ende entscheiden andere Menschen im Sinne der Politik, der Performance und der Technik für ihren Hersteller. Und da schaffen es drei Hersteller nicht, sich zu einigen. Das ist beängstigend. Was ist bei der Entwicklung in den vergangenen Jahren schiefgelaufen?

Der Wettbewerb ist immer härter und extremer geworden. Auch die finanzielle Situation ist schwieriger geworden, es muss immer mehr gespart werden. Es gab aber immer Gründe, warum bestimmte Entwicklungsstufen vorgenommen wurden, die man nicht hätte vornehmen dürfen. Dadurch wurden andere immer gezwungen, mitzuziehen. Mit diesen Entwicklungsstufen ist man etwas leichtfertig umgegangen. Was für uns Fahrer seit Jahren klar ist: Das Auto muss wieder schwieriger zu fahren sein. Wir brauchen mehr Leistung, einen Reifen mit Abbau, weniger Abtrieb und keine 75.000 Flügelchen am Auto. Der Fahrer muss wieder mehr Einfluss bekommen.

Warum verliert die Serie weiter Fans, vor allem vor dem TV?

Der Fan, der sich seit Jahren mit der DTM beschäftigt, versteht immer mehr, was hinter den Kulissen abgeht und dass das reine Racing leider zweitrangig geworden ist. Ich habe immer gesagt: „Verkauft die Fans nicht für dumm.“ Die verstehen nämlich ganz gut, was für Spielchen gespielt und für Entscheidungen getroffen werden. Dem Fan ist das Gefühl, das wir mit der Teamorder auf der Strecke transportieren, inzwischen vielleicht auch zu blöd.

Warum fällt es der DTM so schwer, Typen und Helden zu kreieren?

Nach 15 Jahren ist Schluss mit der DTM für Scheider

Die Hersteller lassen die Fahrer zwar mehr von der Leine. Aber wenn du keinen Erfolg hast, dann ist es extrem schwierig, deinen Charakter nach außen zu zeigen und mal deine Meinung zu sagen. Dann hält man lieber den Mund, bietet wenig Angriffsfläche und ist so unkompliziert wie möglich. Dann bleibt man zwangsläufig der langweilige, weichgespülte Typ. Es gibt in der DTM Typen, die mehr Typen sind, als sie zeigen können, weil sie in der Zwickmühle sind. Da passt der Erfolg nicht zum Typ, und dann muss ich mich anpassen. Mit jedem Sieg wird man aber selbstbewusster, macht auch mal den Mund auf und lässt nicht jeden Scheiß mit sich machen.

Es gibt von den aktuellen Fahrern aber auch welche, die erfolgreich sind...

Ich möchte Marco Wittmann nicht zu nahetreten. Er hat zweimal den Titel gewonnen und extrem abgeliefert, er ist aber nicht der extrovertierte Typ, der rausgeht und auf den Tisch haut.

Den braucht man aber?

Dieter Gass (Audis DTM-Leiter, Anm.d.Red.) hat kürzlich zu mir gesagt: „Wenn ich mir einen Fahrer aussuchen dürfte, würde ich Kimi Räikkönen nehmen. Den kann ich verkaufen, der provoziert.“ Da habe ich innerlich herzhaft gelacht. Natürlich ist das ein Typ, aber in unserem System würde das nicht funktionieren. Den entsorgt man schneller, als er gucken kann.

Warum ist das so?

Wir haben drei Premium-Hersteller, die wollen alle premium auftreten. Die wollen nicht, dass ein Fahrer wie Kimi Räikkönen betrunken von der Yacht fällt oder irgendwo pinkelnd in der Ecke steht. Das passt nicht zum Image eines Herstellers. Lewis Hamilton ist zum Beispiel auch ein extremer Typ im Moment. Er macht sein Ding, aber er performt auch. Lass ihn mal nicht mehr performen, dann lachen ihn alle aus. Dann passt das Verhalten nicht mehr zum Erfolg, auch wenn das eine mit dem anderen vielleicht nichts zu tun hat. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Solange das Gesamtpaket stimmt, finden das viele geil. Wie kann man denn mehr Hersteller in die DTM locken?

Als Neuling will man sich ungerne verprügeln lassen, weil die anderen einen zu großen Entwicklungsvorsprung haben. Grundsätzlich wäre es also erst möglich, wenn alle bei Null anfangen. Doch will ich mich überhaupt mit den drei deutschen Premium-Herstellern schlagen? Am Ende ist die DTM eine Marketingplattform, um Autos zu verkaufen. Und da gab es umgekehrt auch Stimmen, ob die deutschen Hersteller überhaupt eine Marke wollen, die nicht aus dem deutschen Markt kommt. Denn was passiert, wenn die plötzlich Audi, BMW und Mercedes um die Ohren fahren? Das wird denen kaum gefallen.

Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte im ABMS-Auto?

Ich bin dem Springer-Verlag unglaublich dankbar für die Treue, in den guten wie auch schlechten Momenten. Schon jetzt weiß ich, dass der Verlag mich nicht fallen lässt, was die Zukunft betrifft. Sportlich gesehen war der erste DTM-Sieg mit dem anschließenden Titelgewinn ein ganz besonderer Moment. 2008 habe ich bewiesen, dass ich es kann und kein ewiges Talent bin. Das hatte mich über die Jahre unglaublich fertig gemacht, ich habe es gehasst, das angeblich ewige Talent zu sein. Umso wertvoller war der Beweis, dass ich es nicht bin. 2009 hat das Ganze gekrönt und bestätigt, dass Timo Scheider seinen Stempel hinterlassen hat.

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Was waren Ihre Tiefpunkte?

Spielberg. Dass man mich in der Öffentlichkeit so niedergemacht hat, denn da waren Aussagen dabei, die unter der Gürtellinie waren. Als Rennfahrer hast du dann Handschellen an. Nach außen hin gibt es nur die Bilder, die der Fan sieht und dazu dein eingeschränktes Statement. Ich musste politisch korrekt sein und konnte nicht über das große Ganze reden. Das hat schon weh getan. Ich hätte meine Meinung gerne rausgeschrien. Und natürlich war das Telefonat vor Hockenheim unfassbar enttäuschend.

Autor: Andreas Reiners

Fotos: picture-alliance

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