Durchtrainierte SUV im Test

Jeep Grand Cherokee SRT8 VW Touareg R50

Durchtrainierte SUV im Test

— 07.05.2008

Massenstart

Ganz gleich, ob Diesel-Dampf, V8-Kult aus Amiland, Zuffenhauser Sporttradition oder Hochdrehzahl-Halleluja – jeder der vier Sumoringer will der beste seiner Zunft sein. AUTO BILD SPORTSCARS war mit den sportlichen Super-SUV auf der Rennstrecke.

Noch vor Blickkontakt funkt die körpereigene Richterskala Alarm. Nervös scannen die Pupillen den Rückspiegel, switchen hektisch zwischen Front- und Heckscheibe. Und zucken zusammen, als eine Xenon-Korona den Autobahnhorizont erhellt, als vierstufiges Soundgewitter vorüberfegt, um nur wenige Wimpernschläge später hinter der nächsten Kuppe abzutauchen. Zurück bleiben eine partiell entlaubte Mittelstreifenbotanik und flüchtige Bekanntschaften mit vier Power-Giganten im Vollgasgalopp. Rein in die Szenerie: Vorneweg feuert der Mercedes ML 63 AMG – 6,2-Liter-V8 und irrwitzige 510 PS zwingen ihn in die Favoritenrolle. Äußerlich wie ein Bodybuilder im viel zu kleinen Einteiler. Das Seriengewand bis zum Zerreißen gespannt, an Front und Heck gesprengt von wulstigen Schürzen und einem Endrohrquartett, das seinesgleichen sucht. Dahinter, im Akustik-Tornado des Stuttgarters, rackert der Zehnzylinder-Diesel des VW Touareg R50, hadert mit den Elementen, kämpft wie ein Berserker, um nicht den Anschluss zu verlieren. Von Zurückhaltung aber keine Spur. Mit einem Mix aus Schürzen, Radhausverbreiterungen und pointiert gesetztem Aluschmuck balanciert er optisch irgendwo zwischen VW-Szene-Treff am Wörthersee und Business Lounge am Nürburgring. R50 funkelt auf der Heckklappe, zeugt von 350 PS und weiht ihn zum sportlichen Stammesoberhaupt.

Der Chef der linken Fahrspur ist der Porsche Cayenne GTS

Zum Häuptling der Cayenne-Horde fehlen dem GTS die Aufladung und ganze 95 PS. Als Ersatzdroge muss das legendäre Kürzel herhalten, das schon Ende der Achtziger einen gelassenen 928 zum Sportler pushte und jetzt den Cayenne S zum Athleten trimmt. Gesichts-Make-up aus dem Schminkkoffer des Turbo, 21-Zöller samt Sportpneus und ein doppelstöckiger Dachspoiler versprechen, was 405 PS halten sollen. Mit maximal 263 km/h erweist er sich jedenfalls als Chef der linken Fahrspur, stampft auch dann noch voran, wenn den Diesel des R50 die Drehzahl, den AMG-V8 die elektronische Erlaubnis und den Jeep-Piloten schon mal der Mut verlässt. Doch trotz taumeligem Geradeauslauf und schiffsgleichen Wankbewegungen schon beim Ausparken, der Jeep Grand Cherokee SRT8 Krieger setzt einen sympathischen Kontrapunkt zur deutschen Perfektionsmaschinerie. Kompromissfrei, V8-betrieben, uramerikanisch. Schon das jüngst geliftete Gesicht erinnert an einen Barbecue-Grill, die nahezu optionsfreie Ausstattung an die Reichhaltigkeit eines Triple-Whoppers und der Spritverbrauch des Hemi-V8 an ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. Die Frontschürze samt Chromklinge schnüffelt sich bis knapp über die Grasnarbe, lässt sich von Gänseblümchen am Kinn kitzeln und kapituliert schon vor Bordsteinkanten. Hinten durchbohrt eine doppelflutige Endrohr-Bazooka die Heckschürze, exakt dort, wo normal gepolte SUV-Kunden gern mal eine Hängerkupplung montieren. Für Normalos taugt der US-Boy aber ohnehin nicht. Denn sobald bei Gaspedalstellung Bodenblech 426 PS und 569 Newtonmeter Drehmoment in der Stimmlage von Bruce Springsteen stark heckbetont auf die Antriebswellen einschmettern, bleibt selbst hartgesottenen V8-Routiniers die Spucke weg.

Im Touareg geht es etwas gemächlicher aber luxuriös zu

Auf der Zielgeraden liegt der VW Touareg R50 keinesfalls vorne – er überzeugt eher mit Gediegenheit als mit Performance.

Dagegen wirkt der Touareg zahm wie Knut zu Kindertagen. Obwohl hinter dem mattierten, doppelt gerippten Grill zehn Zylinder durch insgesamt fünf Liter große Kolben stampfen, erwacht der Zweiventiler ohne großes Getöse, outet sich als Diesel nur aufgrund des leicht rasseligen Untertons. Erst vehemente Gaskommandos verwandelt er in heftiges Fauchen. Um dann, sobald auch die zwei Laderturbinen nach einer ausgedehnten Gedenkpause zu rotieren beginnen, mit maximal 850 Newtonmeter Drehmoment der Besatzung die Luft aus den Lungen zu pressen. Beeindruckend, doch deutlich langsamer als die US-Gewalt, die mit 5,0 Sekunden auf 100 selbst dem statistisch überlegenen ML den kantigen Hintern zeigt. Etwas bequemlich hievt sich der R50 in 7,1 Sekunden auf Landstraßentempo. Lieber also lockerlassen, in die fürsorglich umarmenden Ledersessel sinken und das fein verarbeitete Ambiente genießen. Verglichen mit dem SRT8, dessen Einrichtung mit grob strukturiertem Hartplastik den Charme eines drittklassigen Highway-Motels versprüht, wirkt das Cockpitpanorama im VW wie das Waldorf-Astoria. So gleiten die Finger über guillochiertes Aluminium, tätscheln die großzügige Lederauslage oder kuscheln mit dem Alcantara-Dachhimmel. Da verblasst selbst der Mercedes. Zwar beherrschen seine vielfach einstellbaren Sportsitze alle Griffstärken von Schraubstock bis Wohnzimmercouch, raue Kunststoffe und Glattplastiktasten miefen allerdings arg nach unterer Mittelklasse.

Erst ein Dreh am Zündschlüssel ändert die Gefühlswelt, schwemmt Assoziationen mit automobilem Kleinvieh aus den Köpfen und flutet den Innenraum mit vollmundigem V8-Geboller. Nicht aufdringlich beim Ampel-Hopping, falls gewünscht jedoch markdurchdringend mit Gänsehautgarantie. Ähnlich wie das auch beim Touareg serienmäßige Luftfahrwerk, das im Komfortmodus selbst Kopfsteinpflaster sauber rausbügelt, sich auf Knopfdruck strafft, Wankbewegungen der Karosserie minimiert, dann aber jede Fuge unverblümt in die Wirbelsäulen der Insassen klopft. Beim Cayenne GTS braucht es hingegen weder eines Druckes auf die Sporttaste noch einer Serpentinenstrecke. Schon im Normalmodus, beim braven Flanieren durch die City, wirkt er deutlich drahtiger. Wie seine Rivalen kreuzt er lässig durch Tempo-30-Zonen, ohne etwa mit überhartem V8-Techno sensible Nachbarn aufzuscheuchen.

Sobald der Tourenzeiger allerdings die 4000er-Marke passiert hat, die modifizierte Auspuffanlage ihre Akustikklappen beiseite schnalzen lässt und der Achttöpfer seinem Drehzahlgipfel entgegensägt, giert jede Nervenzelle nach freiem Lauf. Da der jedoch auch jenseits der Ortstafel nach nur 6,1 Sekunden in die Illegalität abdriftet, heißt die Spielwiese einmal mehr Motopark Oschersleben. Also rauf auf die ebenso schmeichelnden wie zupa­ckenden Lederfauteuils, die großzügige Alcantarabespannung und zigfach individualisierbaren Intarsien bewundern und zünden – natürlich mit links.

Wie sich die vier Super-SUV auf der Rennstrecke schlagen, erfahren Sie in der Bildergalerie. Den kompletten Vergleichstest mit sämtlichen Tabellen gibt es im Heftarchiv als pdf.

Autor: Stefan Helmreich

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