Ein Citroën Front taucht auf

Citroën Front Citroën Front

Ein Citroën Front taucht auf

— 17.10.2002

Mit großen Augen

Die wundersame Entdeckung eines Citroën Front nach 50 Jahren. Garagengerümpel als echte Fundsache.

Mehr als die Augen sah man nicht. Diese großen, runden Augen, die aus dem Gewirr einer voll gestellten Garage im Hamburger Stadtteil Klein Flottbeck hervorguckten. Insgesamt 50 Jahre lang blickten sie in Richtung Garagentor, umgeben von leeren Kartons, vollen Kisten und einer Menge "Plünkram". Gut versteckt und fast vergessen. Die großen Augen, das sind die Scheinwerfer einer Rarität, die im Garagengewirr vor sich hin dämmerte: ein Citroën Front von 1935, der deutsche Ableger des damaligen Wunderwerks Traction Avant.

Dornröschenschlaf hinter Garagengerümpel

Ein umgedrehter Stuhl über dem Kühler – davor, daneben, dahinter nur "Plünkram". So stand der Citroën 50 Jahre in der Garage.

1823 Exemplare wurden im Citroën-Werk Köln-Poll gebaut, nur drei soll es heute noch geben. Und einen davon befreite Malermeister Tomas Hantke (39), mit der Enkelin des ersten Besitzers verheiratet, jetzt aus dem Garagengerümpel. Aber mal der Reihe nach: Es war eine kleine technische Sensation, die sich dieser erste Besitzer, der Kaufmann Friedrich Sperber, 1935 für 3750 Reichsmark zulegte:

Frontantrieb, Einzelradaufhängung mit Torsionsstäben vorn und hinten, selbsttragende Ganzstahlkarosserie, Dreigang-Getriebeschaltung am Armaturenbrett, hydraulische Bremsen, freihängender Motor. In etwa so modern wie heute der 7er-BMW – und anfangs mit ähnlich vielen Kinderkrankheiten geschlagen.

Deutsches Blech, französische Technik

Vier Jahre fuhr Sperber den 36 PS starken 7 CV, dann kam der Krieg. Sperber musste an die Front, der Front musste in die Garage. Sperbers Sohn Ole, heute 65, holte ihn nach Kriegsende heraus, wagte Touren nach Frankreich und Holland. 1958 war sein Geld alle, der Citroën verschwand wieder in der Garage. Diesmal gleich für 44 Jahre.

Bis jetzt. Bis Hantke kam. Vor ein paar Wochen verkündete er seiner verdutzten Frau Birgit (37): "Der gehört jetzt uns!" "Na, prost Mahlzeit", antwortete sie. Schon ahnend, dass Hantke seine Freizeit künftig dem Front widmet: Der Motor wird grundüberholt, die Elektrik erneuert, die Vorderachse aufgearbeitet, die Karosserie glasgestrahlt, die hinteren Sitze neu bezogen. Zwischen 7500 und 10.000 Euro soll das alles kosten.

Und das Blech macht da noch die wenigste Arbeit: Bis auf drei münzengroße Stellen an den hinteren Türen keine Spur von Durchrostung. "Na ja, ähhh, das kam ja auch aus Deutschland", erklärt Oldtimer-Experte und Citroën-Sprecher Immo Mikloweit leicht verlegen. Wegen der hohen Schutzzölle bemühte man sich damals im Kölner Citroën-Werk, so wenig Teile wie möglich einzuführen – und das deutsche Blech hielt dem Rost offenbar besser stand. Dauern wird die Restauration trotzdem. Durch die Feierabend-Schrauberei wird der Front erst in gut zwei Jahren fertig sein, glaubt Hantke. Aber nach all den Jahrzehnten in der Garage kommt es auf ein paar Monate mehr oder weniger wohl auch nicht mehr an ...

Historie Citroën Traction Avant

Das Cockpit mit Dreispeichenlenkrad, "Zentralinstrument" und den damals üblichen zwei Handschufächern.

Das Ziel war klar: Den Wagen mit der sichersten Straßenlage der Welt wollte André Citroën bauen – und ging damit ein hohes unternehmerisches Risiko ein. Als er den Traction Avant am 3. März 1934 der Weltöffentlichkeit präsentierte, wusste kaum jemand, dass die Entwicklung Citroën an die Grenze seiner technischen und weit über die Grenze seiner finanziellen Möglichkeiten gebracht hatte.

Das Konzept aber setzte sich durch: 759.123 Exemplare des Traction Avant wurden in verschiedenen Ausführungen (7 CV, 11 CV, 15 CV) bis 1957 hergestellt. In Köln endete die Produktion des Front dagegen im November 1935: Der wirtschaftspolitische Druck auf das Werk war zu groß geworden. 1939 wurde das Betriebsgelände zum "Feindvermögen" erklärt und ein Rüstungsbetrieb in den Hallen einquartiert.

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